Echo-Verleihung: 20 Jahre Bullshit Bingo

| 24.03.2011 | 32 Kommentare

Es wird heute Abend von Spannung, Rührung und Talenten die Rede sein, aber in Wirklichkeit präsentiert man seit 20 Jahren beim "Echo" lediglich die News von gestern. Die Musikindustrie leidet noch immer unter dem Trauma des "Preises der deutschen Schallplattenkritik" - und kommt von der anachronistischen Mechanik des "Echo" nicht los.

Wenn heute Abend in den Berliner Messehallen ein Künstler so tut als würde ihn der Preis den er verliehen bekommt überraschen, dokumentiert er damit eine aktive Lese- und Rechenschwäche. Anders als im Rest der Welt werden in Deutschland beim Echo nämlich nicht die Besten sondern die vermeintlich erfolgreichsten Produktionen prämiert. Entscheiden tut in fast allen Kategorien keine Jury sondern die Charts. Die Gewinner lassen sich also schon vorher ablesen oder errechnen. Seit langem dokumentiert diese anachronistische Mechanik das Dilemma einer Branche, die sich an digitale Zeiten noch immer nicht gewöhnen mag.

Echo: Weltweit leuchtet das ein, nur in Deutschland eben nicht.

Jedes Jahr erhalte ich eine Mail aus England. Zusammen mit 1499 anderen werde ich aufgefordert mich online einzuloggen und in von den Labels nominierte Produktionen der britischen Musikwirtschaft reinzuhören. Alles steht nach Bedarf als Stream bereit. Immer lassen sich unter den Vorgeschlagenen Interpreten und Veröffentlichungen welche finden, die man wirklich herausragend findet und deshalb in einer Shortlist der besten fünf platziert. Das Ergebnis aller Juroren zusammen sind dann die Brit Awards.

Nur durch solch eine Form der Ergebnisfindung bleiben Preise spannend und an Qualität orientiert. Weder die Grammys, noch die Brits und auch nicht der Oscar küren das, was gestern und kommerziell erfolgreich war, sondern das, was für die Zukunft am meisten zu versprechen scheint. Extrem erfolgreiche Veröffentlichungen bekommen eh Anerkennung über hohe Chartpositionen und Gold sowie Platin Schallplatten – wieso dann noch einen Musikpreis?

Weltweit leuchtet das ein, nur in Deutschland eben nicht. Man ist so gar stolz darauf. Der ehemalige Vorsitzende des Verbandes der deutschen Musikindustrie sprach anlässlich der Echo-Verleihung immer von einzigen Preis den das ganze Publikum durch seine Kaufentscheidung vergeben würde.

Der Grund dass man sich nicht traut dem Votum einer subjektiven Jury zu unterwerfen liegt in einem Trauma, dessen Ursache die meisten der deutschen Musikmanager, die heute den 20. Geburtstag des Echo feiern, noch nicht einmal kennen. Über Jahrzehnte verlieh hierzulande nur der Preis der deutschen Schallplattenkritik den Produkten der Schallplattenindustrie Anerkennung. Fast 30 Jahre ohne Konkurrenz vergaben bis zu 140 Kritiker ihren Preis an „technisch und künstlerisch hochwertige Tonträger“ wie es in den Statuten des PdSK (Preis der deutschen Schallplattenkritik e.V.) heißt. Unter den heute 29 Kategorien, beschäftigen sich gerade mal vier mit Pop und Rockmusik.

Nicht nur die extreme E-Musik Lastigkeit trieb die Musikmanager in den Wahnsinn und zur Gründung ihres Echos. Es war auch die Auswahl welche die Kritiker trafen. Da gewinnt dann eben mal ein Owen Pallett oder eine Joanna Newsom statt Lena Meyer-Landruth oder Unheilig. Bis heute haben sich die Mitglieder des PdSK die Neigung bewahrt, auf jeden Fall lieber für kommerziell gesehen ziemlich abwegige Produktionen zu stimmen. Fast ein bisschen als wollten sie beweisen, dass sie etwas kennen was man selbst kaum kennt. Im Umkehrschluss entzog sich die genervte, deutsche Musikindustrie dem Einfluss ihrer Musikkritiker und setzte ab 1992 lieber auf platten Mainstream und die Rückbetrachtung auf Basis der Charts.

Ein fataler Fehler, auch im kommerziellen Sinn. In den Jahrescharts sind immer die besonders erfolgreich, die früh im Jahr veröffentlicht haben. Das sind aber Platten die im Moment der Preisverleihung garantiert schon durch sind. Kein Mensch kauft auf Basis eines gewonnenen Echos eine CD. Anders wäre das, wenn der Preis noch überraschen kann. Die Jazz Künstlerin Nora Jones wurde überhaupt erst durch die Grammys einer breiten Öffentlichkeit bekannt und konnte dadurch sich und ihrem Label Millionenumsätze bescheren. Ebenso waren Arcade Fire als Abräumer bei den Grammys und Brits das diesjährige Highlight beider Musikpreise.

„Who the fuck are Arcade Fire“ fragten sich einige im Saal und tausende im Internet. Es entstand sogar ein Song aus der Frage, der sofort bei YouTube millionenfach geklickt wurde. Profitiert haben davon beide, die Band und eine Musikindustrie die wieder einmal bewiesen hat, dass sie noch für Überraschungen sorgen kann. Bei uns gibt es dagegen wieder Buzzword oder Bullshit Bingo. Es wird heute Abend von Spannung, Rührung und Talenten die Rede sein, aber in Wirklichkeit präsentiert man seit 20 Jahren beim Echo lediglich die News von gestern.

crosspost aus dem Motorblog (text steht dort noch nicht).