Die Jugend surft an den klassischen Kathedralen der Meinungsbildung vorbei

Nur noch noch 14 Prozent der 14- bis 29-Jährigen halten Fernsehen für „informativ“. Eine kurze Zwischenbilanz des Wandels der Meinungsbildungsprozesse in der Mediendemokratie.

Susanne Fengler hat am vergangenen Donnerstag einen Vortrag auf der Jahreskonferenz der Landesmedienanstalten gehalten – mit dem Titel “Meinungsbildung in der Mediendemokratie: Die Relevanz des Fernsehens im Vergleich zu Print- und Onlinemedien“. Carta präsentiert ihre Folien mit einem kurzen Erläuterungstext:

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“Fernsehen galt über Jahrzehnte als Leitmedium der politischen Kommunikation – die große Mehrheit der Mediennutzer informiert sich bis heute im Fernsehen über das aktuelle Tagesgeschehen. Aus diesem Grund wird dem Fernsehen eine zentrale Stellung für Prozesse der Meinungsbildung in modernen Gesellschaften zugeschrieben.

Blickt man genauer auf die Ergebnisse der Mediennutzungsforschung, zeichnet sich ab, dass die Ausdifferenzierung des Medienangebots – immer mehr, oft „unterhaltende“ Medienangebote konkurrieren um die knappe Aufmerksamkeit der Mediennutzer – und die Individualisierung der Mediennutzung zu deutlichen Strukturveränderungen von Meinungsbildungsprozes-sen führt.

ARD und ZDF mit ihrem noch immer vergleichsweise umfassenden Informationsangebot erreichen heute nur noch 23 Prozent der 30- bis 49-Jährigen – und nur noch 12 Prozent der 14- bis 29jährigen (verglichen mit 56 Prozent bei den Über-50-Jährigen) . Die privaten TV-Sender erbringen jedoch nur eine sehr geringe Informationsleistung – was das „Fernsehbild“ der jungen Mediennutzer entsprechend prägt: Nur 14 Prozent der 14- bis 29-Jährigen halten Fernsehen für „informativ“.

Statt dessen hat sich das Internet zum „wichtigsten Informationsmedium“ der jungen Nutzer entwickelt. Viele Digital Natives surfen jedoch an den bisherigen Kathedralen der Meinungsbildung vorbei: Ihr mit Abstand populärstes „Informationsmedium“  ist Wikipedia, Portale und soziale Netzwerke dominieren ihre Internetnutzung.

Zugleich steht die klassische Zeitung auch bei jungen Mediennutzern weiter in dem Ruf einer besonders hohen journalistischen Qualität – vielleicht in Abgrenzung zu den Meinungsbildungsprozessen in sozialen Netzwerken.

Für die Medienpolitik, die sich am Leitbild des – für das Funktionieren demokratischer Gesellschaften unverzichtbaren – informierten Bürgers orientiert, bedeutet der gegenwärtige Wandel von Mediennutzungsmustern und damit von Meinungsbildungsprozessen eine große Herausforderung:

Wie lässt sich sicherstellen, dass nicht neue Wissensklüfte entstehen – mit möglicherweise verheerenden Folgen für die Bereitschaft zu politischem Engagement und gesellschaftlicher Teilhabe der jungen Generation? Gerade dem Fernsehen als noch immer reichweitenstärkstem Medium kommt hier eine besondere Verantwortung zu.”