Julius Endert

Techniken der Macht: Warum das Netz bei uns keine Revolution macht

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Anders als den autoritären Regimen in Nordafrika gelingt es den westlichen Regierungen ihr System der Machtausübung auf das Internet zu übertragen – durch Maßnahmen, wie Vorratsdatenspeicherung und Netzsperren. Die Regelbarkeit von Handlungsräumen soll so symbolisch in den Kommunikationsprozess des Netzes eingeschrieben werden.

08.03.2011 | 

Das Wort von der Twitterrevolution wird seit den Aufständen im Iran immer wieder bemüht, wenn es darum geht, Gründe bzw. Anlässe oder auslösende Momente für das plötzliche Aufbegehren der Menschen gegen ihre Regierungen/Herrscher oder Diktatoren zu finden. So richtig gezündet haben diese Theorien bei mir noch nicht und auch die Netzgelehrten streiten darüber, welchen Anteil das Internet an diesen Ereignissen wirklich hat.

Top-Down-Revolution

Vielleicht muss man das Ganze umgekehrt denken. Top-Down, würde man heute ja sagen. Denn gräbt man etwas tiefer in der Soziologie, so finden sich (für mich) überraschende, andere Gedanken, die eine bessere Theorie liefern könnten. Sie besagt, dass die Formen der Machtausübung in den aktuell von Aufständen betroffenen Ländern in einem immer stärkeren Maße nicht mehr auf die (Kommunikations-) Struktur der Gesellschaften passen. Dass es quasi zu einer Inkompatibilität von vernetzten Gesellschaften und Herrschaftsformen kommt, sich aber im Augenblick der Revolution noch keine neue, passende Machtform herausgebildet hat.

Somit sind diese Ereignisse auf die mangelnde Anpassungsfähigkeit der Machthaber zurückzuführen – und nicht auf das Vorhandensein von Twitter und Facebook. Auch wenn bei uns im Westen keine Aufstände zu erwarten sind, trifft dieser Sachverhalt auch auf die politischen Verhältnisse in den USA und Europa zu. Die staatlichen Organe spüren, dass ihnen der Kommunikationsraum Internet entgleitet, dass die demokratischen Formen der traditionellen Machtausübung dort nicht hineinreichen. Insofern ist, wenn vom “rechtsfreien Raum Internet” gesprochen wird, den es nicht geben dürfe, in Wahrheit ein von staatlicher Macht befreiter Raum gemeint, welcher der Politik große Sorgen bereitet. Allerdings sind die politischen Systeme bei uns anpassungsfähiger, doch dazu später mehr.

Ein Pfund Theorie bitte

"In Wahrheit ist ein von staatlicher Macht befreiter Raum gemeint, welcher der Politik große Sorgen bereitet. Grafik: Steve Johnson (cc)

Zunächst kommt Theorie ins Spiel: Michel Foucault hat die Verfahren der Macht analysiert und festgestellt, dass sich als Reaktion auf eine Krise neue Formen von Macht herausbilden. Benjamin Seibel hat das in einem Vortrag (Jenseits des Panoptismus) hervorragend herausgearbeitet und zitiert dazu den französischen Philosophen Gilles Deleuze mit seinem “Postskriptum über die Kontrollgesellschaften” . Demnach würden “statische Formen der (staatlichen) Überwachung durch flexible Kontrollmechanismen, die unmittelbar in die Kommunikationsprozesse eingeschrieben sind, abgelöst“ (so Seibel).

Diese neue Machtform funktioniere im Wesentlichen über die Erfassung und Auswertung von Informationen. Gesellschaft wird definiert als “Ensemble aus Informationsgrößen, die über regulierende Eingriffe ausgesteuert werden können.“ Die Idee vom Überwachungsstaat ist also ein Auslaufmodell. Sie wird weiterentwickelt. „Strukturiert werden in Zukunft die Räume, in denen Individuen interagieren können.“ Wenn Handlungsmodelle vorher festgelegt werden, bedarf es keiner Überwachung mehr – wehe, wenn eines Tages die sogenannten Cognitive oder Smart-Cities Realität werden!

Neue Formen des Regierens

Es handelt sich demnach um eine neue Form des Regierens, die alles Regelbare regelt und alles nicht Regelbare regelbar macht, zitiert Benjamin Seibel diesmal Joseph Vogl.

Mit anderen Worten: Während die autoritären Regime in Nordafrika und Asien keine Antwort auf ein System wie das Internet gefunden haben und daher mit Gewalt, Unterdrückung und Zensur – im schlimmsten Fall mit der Abschaltung des Netzes reagieren (müssen), passen unsere westlichen Regierungen ihr System der Machtausübung (landläufig als Demokratie bezeichnet) über Maßnahmen wie Vorratsdatenspeicherung und Netzsperren an die neuen Gegebenheiten an.

So betrachtet handelt es sich bei Netzsperren und Vorratsdatenspeicherung nicht nur um die vordergründige Kontrolle, sondern vor allem um die Herstellung von Handlungsräumen, von Regelbarkeit. Netzsperren und Vorratsdatenspeicherung sind Machttechniken, die das Netz symbolisch domestizieren sollen. Es geht also im Kern gar nicht um Kindesmissbrauch oder Terrorismus. Es geht ums Prinzip. Mit Sperren und Vorratsdaten soll die Regelbarkeit in den Kommunikationsprozess des Netzes eingeschrieben werden. Und genau um dieses Prinzip geht es den Konservativen dabei auch.

Dabei könnten sich jedoch im Netz die „Ensembles der Informationsverarbeitung“ dauerhaft verschieben. Wenn sich Macht in der „Erfassung und Auswertung von Informationen“ manifestiert, dann wird die vernetzte Meinungsbildung Auswirkungen auf die Techniken der Macht haben. „Soziale Medien“ erschließen auch neue Handlungsmodelle. Genau deshalb sind derzeit die Kräfte so stark, die versuchen, die Asymmetrie Bürger – Staat auch für das Informationszeitalter zu zementieren – durch Überwachung, Sperren oder eine Abschwächung der Netzneutralität. Zugleich werden neue Modelle der Bürgerbeteiligung nur zögerlich erprobt und eingeführt.

Das Netz wird also – wenn es schlecht läuft – geregelt, ohne dass die Bürger es selbst regeln können. Damit fällt die Netzrevolution bei uns bis auf weiteres aus.

(Robin Meyer-Lucht hat einige Gedanken zu diesem Text beigetragen)

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18 Kommentare

  1. Jaquento |  08.03.2011 | 05:22 | permalink  

    Vllt. sollten wir anfangen den umgekehrten weg zu nehmen, den Staat zu zwingen soviele daten wie möglich zusammen und diese auch noch zuadministtieren und auszuwerten.
    Über kurz oder lang wäre das System dermaßen marode, das es ineffektiv wird.

  2. Machtfrage: Wie Regierungen das Internet kontrollieren » Von Richard Schnabl » Beitrag » Redaktionsblog |  08.03.2011 | 08:50 | permalink  

    [...] Konservative Politiker betonen immer wieder, dass es einen “rechtsfreien Raum Internet” nicht geben darf. Julius Endert beschäftigt sich in einem Beitrag auf Carta.info mit den “Techniken der Macht”. “Während die autoritären Regime in Nordafrika und Asien keine Antwort auf ein System wie das Internet gefunden haben und daher mit Gewalt, Unterdrückung und Zensur – im schlimmsten Fall mit der Abschaltung des Netzes reagieren (müssen), passen unsere westlichen Regierungen ihr System der Machtausübung (landläufig als Demokratie bezeichnet) über Maßnahmen wie Vorratsdatenspeicherung und Netzsperren an die neuen Gegebenheiten an. So betrachtet handelt es sich bei Netzsperren und Vorratsdatenspeicherung nicht nur um die vordergründige Kontrolle, sondern vor allem um die Herstellung von Handlungsräumen, von Regelbarkeit. Netzsperren und Vorratsdatenspeicherung sind Machttechniken, die das Netz symbolisch domestizieren sollen. Es geht also im Kern gar nicht um Kindesmissbrauch oder Terrorismus. Es geht ums Prinzip. Mit Sperren und Vorratsdaten soll die Regelbarkeit in den Kommunikationsprozess des Netzes eingeschrieben werden. Und genau um dieses Prinzip geht es den Konservativen dabei auch.” (Carta.info) [...]

  3. my-tag » Techniken der Macht: Warum das Netz bei uns keine Revolution macht … |  08.03.2011 | 12:04 | permalink  

    [...] den Originalbeitrag weiterlesen: Techniken der Macht: Warum das Netz bei uns keine Revolution macht … Teile und hab Spaß Mit Klick auf diese Icons kann man diese Webseite mit anderen Social [...]

  4. noName |  08.03.2011 | 12:08 | permalink  

    „Wenn sich Macht in der „Erfassung und Auswertung von Informationen“ manifestiert, …“

    Da ist sie wieder, die Informations- und Deutungshoheit. Ich denke, dass der obige Teilsatz zutreffend ist. Wie sich das Ganze entwickeln wird, ist unklar. Je stärker der Staat reguliert und eingreift, desto weniger können „Wahrheiten“ die öffentliche Meinungsbildung prägen. Umgekehrt würde die uneingeschränkte Netzneutralität die vernetzte Meinungsbildung stärken.

    Was ist Staat? In einem CARTA-Posting wurde als Ziel der Dienstleistungsstaat genannt. Davon scheinen wir weit entfernt zu sein. Die ist noch aktuell: http://de.wikipedia.org/wiki/Subordinationstheorie .

    Der Bürger wird für Behörden immer durchsichtiger (Steueridentifikationsnummer, elektronische Bilanz, Internetveröffentlichungen, Kontenabfragemöglichkeiten von Behörden, bei dem jetzigen Innenminister wohl die Vorratsdatenspeicherung).

    Ich bin skeptisch, ob wir Bürger uns die Möglichkeit der freien, auch der anonymen Meinungsäußerung dauerhaft erhalten können. Wer sich bei epost.de beispielsweise ein Postfach einrichten lassen will, muss sich per Ausweis identifizieren lassen (Postident). Irgendwann haben wir womöglich nur noch identifizierbare E-Mails – und nur diese können am Austausch im Netz teilnehmen, möglich wär‘s…

  5. Christoph Kappes |  08.03.2011 | 12:58 | permalink  

    Der Text enthält mehrfach Prognosen:

    “Strukturiert werden in Zukunft die Räume, in denen Individuen interagieren können.“
    “Die Idee vom Überwachungsstaat ist also ein Auslaufmodell. Sie wird weiterentwickelt.”
    “… passen unsere westlichen Regierungen ihr System der Machtausübung (landläufig als Demokratie bezeichnet) über Maßnahmen wie Vorratsdatenspeicherung und Netzsperren an die neuen Gegebenheiten an.”

    Das ist sachlich nicht richtig. Netzsperren sind ausgesetzt. Vorratsdatenspeicherung ist gestoppt und innerhalb der CDU/CSU umstritten, von der FDP wird sie abgelehnt. Innerhalb der EU kommen die Themen nur sehr langsam voran.

    Was ist denn, wenn das alles so bleibt, wie es ist? Der Text ist doch sehr spekulativ.

  6. Paul Ney |  08.03.2011 | 14:09 | permalink  

    [OTPOR] Der Weltspiegel [[www daserste.de/weltspiegel]] — SWR-Sendung, ARD 06.03.2011 19:20-20:00 — berichtete über die “Denkfabrik für Revolutionsexport” OTPOR in Belgrad, Serbien, und das Buch von Srdja Popovic “Gewaltloser Kampf in 50 Schritten”. Angeblich war es Quelle der Lehre für die Ereignisse in Nord-Afrika (bzw. Maghreb). Da der Download von Anleitungen zum Bau von Bomben usw. eine strafbare Handlung darstellt (Ausnahmen sind mir nicht bekannt), stünde die Frage, ob der Download o.g. Buches strafbar ist, sehr vorsichtig an. Weiß jemand was?
    (nicht-klickbare Links in [[+]]-Klammern, wg. Carta-spam-Schutz)

  7. Makron |  08.03.2011 | 22:03 | permalink  

    Hervorragend, endlich sagt mal einer worum es wirklich geht und kommt zum Kern der Sache.

    Konservative können von ihnen nicht kontrollierte Freiräume nicht ertragen, das ist die alleinige Motivation an der ganzen Sache.

    Gebookmarkt und Dank an den Autor.

  8. Jonas |  09.03.2011 | 00:46 | permalink  

    Daß es um Kindesmißbrauch und Kinderpornografie gehen soll ist eh von Anfang an gelogen gewesen. In den 15 Jahren die ich mich jetzt schon regelmäßig im Netz bewege, habe ich nicht ein einziges Mal Kinderpornografie gesehen. Und man kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, daß sie vor 10 Jahren im Netz nicht annähernd so stark geahndet und verfolgt wurde wie heute.

    Nein, hier geht es darum, auf dem Rücken mißbrauchter Kinder Zensur und Überwachung einzuführen. Und natürlich nebenbei noch was fürs eigene Image zu tun. Das fing an mit der gescheiterten Selbstdarstellerin Ursula von der Leyen, die glaubte mit dem Thema im 2009er Wahlkampf einen absoluten Selbstläufer gefunden zu haben um ihre Popularität aufzustocken (sie ist am Ende trotzdem kläglich in ihrem Wahlkreis in Hannover gescheitert und nur ein ausgekungelter vorderer Landeslisten-Platz hat ihren Sitz im Bundestag gerettet), bis hin zu den Guttenbergs, die vorher mit einem von “Innocence in Danger” geschriebenen und besonders in der ursprünglichen Version brachial verfassungswidrigen Gesetzesentwurf zu den Internetsperren, sowie mit der Netzsperren- und Vorratsdatenspeicherung-Dauerwerbesendung “Tatort Internet” nebenbei noch das adelige Glamour-Profil aufpolieren wollten.

    Und daß es bei der Sperrung von Kinderpornografie bleiben würde, glaubt doch eh keiner. Was ist denn mit der Vorratsdatenspeicherung passiert? Ursprünglich sollte ihr Einsatz ganz eng begrenzt bleiben auf Terrorismus. Dann gab es einen immer stärkeren Trickle Down-Effekt, und nicht wenige konservativ-reaktionäre Phantasten die sie nun nachdem das BVerfG ein Machtwort gesprochen hat wiederhaben wollen, nehmen das “V-Wort” schon jedesmal in den Mund wenn wieder einer Rentnerin die Handtasche auf offener Straße geklaut wird (obwohl das Verfassungsgericht ausdrücklich die Verwendung als Allzweckwaffe gegen Kleinkriminelle untersagt hat).

    Ich glaube trotzdem, daß es auch hierzulande “Revolutionen” geben kann. Der Kampf europäischer Regierungen gegen das Internet mag subtiler verlaufen als in der arabischen Welt, und es wird hier bei uns auch keine blutigen Straßenkämpfe geben. Und noch weit weniger werden Regierungen achtkantig aus dem Amt geworfen und ganze Staatssysteme aufgelöst werden. Trotzdem gilt, Menschen haben gemeinhin nur eine endliche Leidensfähigkeit, und wenn die Einschnitte in das eigene Leben gefühlt zu groß werden, dann gehen sie auch bei uns auf die Straße. Ob irgendwann mal einzelne Protestbewegungs-Strömungen zu einer großen Masse zusammenwachsen die wirklich das politische System umzuwälzen vermag, ich denke das hängt vor allem davon ab wie tiefgreifend eine kritische Masse von Bürgern die Einschnitte empfindet.

  9. vera |  09.03.2011 | 10:48 | permalink  

    @Christoph
    Muß dir leider widersprechen: Die Strukturierung der Räume ist von EU und Bundesregierung gewollt, die Kinder heissen nur anders. Netzsperren sind gerade im EU-Parlament, in RLP und im BMI wird heftig an an der VDS geschraubt. StICHWORTE: JMStV, Jugendmedienschutz, Kinderpornographie, Censilia. Julius hat da ein ziemlich genaues Bild entworfen.

  10. Jan Moenikes |  09.03.2011 | 11:21 | permalink  

    In der Tat: Das Netz ist nicht automatisch ein Raum der Freiheit, sondern kann eben auch zum Raum der totalen Kontrolle werden. Das zu verhindern, ist Aufgabe emanzipatorischer Politik. Es freut mich, dass das hier thematisiert wird. Umso mehr ärgert mich an dem Artikel ein Argument und ein anderes halte ich für schlicht falsch:

    Ärgern tut mich die wieder einmal gefährlich überdehnende Verwendung des Begriffes der “Netzneutralität”. Er ist untauglich, die eigentlich viel tiefer gründende, grundsätzliche Debatte nach Staat, Recht und Internet zu beschreiben und er ist gefährlich, da das Internet eben technisch nicht auf einem “Internetz” basiert. Letzteres existiert nicht, auch wenn das hier immer wieder in Folge dieser Begriffsverwirrung als gegeben vorausgesetzt wird. Ob z.B. die Priorisierung von IP-Paketen mit bestimmten Inhalten auf technischer Ebene erlaubt bleibt oder verboten wird, hat nämlich mit den eigentlichen, politischen Thema “Freiheit” nichts zu tun. Warum es aber m.E. ganz gefährlich ist, die Begriffe “Freiheit” und “Netzneutralität” begrifflich zu verwischen, kann man hier nachlesen: http://www.moenikes.de/ITC/2010/05/15/gedanken-zur-netzneutralitatsdebatte-zuruck-zur-sache-bitte/

    Schlicht anders sehe ich, dass die Frage nach der “Technik der Macht” eine Frage wäre, die man politisch “rechts” verorten könnte oder die zu stellen undemokratisch wäre. Im Gegenteil: Der Rechtsstaat und die Durchsetzung seiner (basis-, demokratisch oder sozialistisch oder nach welcher Form von Willensbildung auch immer) legitimierten Beschlüsse ist genauso eine “linke” oder “liberale” Idee. Denn rechtsstaatliches Recht erfordert – im Kontrast zum autoritären Zwangs-Regime – nun einmal Herrschaft im Recht, Herrschaft des Rechts über die Macht und damit verbunden Sicherheit der Rechtserkenntnis und der Rechtsdurchsetzung. Wer Rechtsdurchsetzung im Internet per se ablehnt – und nicht nur untaugliche und gefährliche Mittel wie das Zugangserschwerungsgesetz – lehnt nicht rechte oder linke Politik ab, sondern den Rechtsstaat als Ganzes. Das aber ist es doch gerade, wonach sich die Twitter-Revolutionäre sehnen! So lange es keine Weltregierung gibt, werden wir uns also Gedanken machen müssen, wie man verträgliche Formen der Rechtsdurchsetzung auch nationalen Rechts im Internet findet – ohne dass eben gleich die Freiheit gefährdet wird. Wenn man also der “konservativen Hilflosigkeit” etwas vernünftiges entgegensetzen will, müssen wir über verträgliche Alternativen diskutieren. Meine wenigen Gedanken dazu kann man hier nachlesen: http://www.moenikes.de/ITC/2010/05/11/das-internet-als-neuer-raum-des-rechts-herausforderung-fur-den-demokratischen-rechtsstaat/

    Ich fände es wichtig, wenn wir endlich darüber hinaus kämen nur eine Abwehrdebatte zu führen und anfangen würden, uns ernsthafte Gedanken darüber zu machen, wie denn Rechtsdurchsetzung gelingen kann, eben ohne solche Kollateralschäden für die Freiheit, wie sie die Vorschläge der “Rechten” verursachen würden.

  11. Lesenswerte Artikel 9. März 2011 |  09.03.2011 | 12:06 | permalink  

    [...] Techniken der Macht: Warum das Netz bei uns keine Revolution macht "Mit anderen Worten: Während die autoritären Regime in Nordafrika und Asien keine Antwort auf ein System wie das Internet gefunden haben und daher mit Gewalt, Unterdrückung und Zensur – im schlimmsten Fall mit der Abschaltung des Netzes reagieren (müssen), passen unsere westlichen Regierungen ihr System der Machtausübung (landläufig als Demokratie bezeichnet) über Maßnahmen wie Vorratsdatenspeicherung und Netzsperren an die neuen Gegebenheiten an." [...]

  12. Christian Benduhn |  09.03.2011 | 17:09 | permalink  

    Es gibt in keinem Staat der EU eine revolutionäre Situation. Mit und ohne Internet nicht.

  13. Gunnar Sohn |  09.03.2011 | 19:47 | permalink  

    Sehr schöner Beitrag. Man sollte das aber nicht auf das Kontrollbedürfnis von konservativen Etatisten reduzieren. Insgesamt nerven die immer häufiger auftretenden Initiativen von Politikern und Behörden, im Internet den starken Super-Nanny-Staat zu etablieren. Egal, um welche Frage es geht.

    Immer mehr versuchen politische Meinungsführer den Staat als treusorgenden Hirten (Norbert Bolz-Formulierung in seinem Buch „Die ungeliebte Freiheit“) zu verkaufen. Wie der absolute Vater einmal die Menschen von der Bürde der Freiheit entlastete und damit das Urmodell paternalistischer Sicherheit bot. Die Adepten des Schnüffelstaates, des Schutzes und der totalen Fürsorge bedienen sich aus der semantischen Trickkiste von Thomas Hobbes: Der Mensch ist per se böse und gefährlich. Und Gefährlichkeit impliziert Herrschaftsbedürftigkeit. Freiheit kann es nicht ohne Risiko geben, stellte Max Weber treffend fest. Wer Freiheit vom Risiko verspricht, betreibt einen Kult der Sicherheit. Doch wer frei von Risiko leben will, gewinnt keine Sicherheit, sondern opfert seine Freiheit.

    Der Ort der Freiheit liegt dort, wo uns der Leviathan nicht findet: im Chaos, in der Unübersichtlichkeit. Das wird der Hauptgrund sein, warum die fröhliche Web-Anarchie die Sicherheitsfetischisten auf den Plan ruft. Kontrollverlust. Herrliche Zeiten für Freigeister. „Ein intelligenter Mensch überlegt sich die Sache selber und läuft nicht wie ein herrenloser Hund hinter Autoritäten her“, so Paul Feyerabend.

  14. ntj |  10.03.2011 | 21:20 | permalink  

    Danke für diesen Artikel, der entscheidende Fragen zur Entwicklung einer zukünftigen Staatsphilosophie stellt.

    “Es gibt übertriebene Formen des Wissensschutzes seitens der reichen Länder…”

    ( siehe http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/encyclicals/documents/hf_ben-xvi_enc_20090629_caritas-in-veritate_ge.html )

    Wenn schon Oberhäupter ‘traditioneller Machttechniker’ anfangen, aus dem Nähkästchen zu plaudern, wird es wohl Zeit, den noch aktuellen Machiavellismus 2.0 zur öffentlichen Diskussion zu stellen. In der Geistesgeschichte wurde noch nie so deutlich wie heute, welche Bedeutung ‘Wissen ist Macht’ für herrschende Regime hat; wurde noch nie so deutlich, welche Rolle Informationsverteilung für das Wohlergehen der breiten Bevölkerung spielt – angefangen bei Bildungssystemen, die offenbar immer weniger kritische Geister, dafür aber systemtreue ‘Sheeple’ hervorbringen, bis hin zu den Massenmedien, die im aktuellen Kampf um Deutungshoheiten der herrschenden Kaste noch immer einen Bärendienst erweisen.

    Ließ sich die Verteilung von Wissen (um Manipulation, Individual- und Massenpsychologie, aufklärerische Schriften etc.) zu Zeiten der Buchdruck-Revolution noch im Sinne des Machterhalts kontrollieren, ist mit dem Internet ein globaler Informationsverteilungsmechanismus entstanden, der der ‘dunklen Seite der Macht’ ihre Basis nimmt. Dunkel, weil sie weder be- noch erleuchtet ist, weil ihre Grundvoraussetzungen Unwissenheit der Vielen, Geheimhaltung und Inszenierungen sind und weil sie die seelischen Ursachen ihres Handelns lieber im Dunkeln lässt.

    Die Evolution des Netzes kann als ein biologischer Entwicklungsprozess gesehen werden, der zur Bewusstwerdung der Spezies Mensch über ihre Möglichkeiten und Grenzen dient. Die Technologien zum Teilen von Gedanken (seinerzeit Buchdruck, heute digitale Medien) initiieren eine unaufhaltsame natürliche Strömung, die aufzeigen, dass die Menschheit auch ‘nur’ ein Zellverband kommunizierender Individuen ist wie jeder lebende Organismus. Der Gesamtorganismus folgt Gesetzmäßigkeiten, die eine Äquilibration individueller ‘Macht’ – also Zugang zu Ressourcen – vorsehen, die noch gegebene Bevorzugung kleinerer Interessengruppen beruht nur auf vorübergehendem Wissensvorsprung vor der Allgemeinheit.

    Im Laufe seiner geistigen Entwicklung ist der Mensch der einfältigen Idee der Selbstherrlichkeit aufgesessen. Wie wenig ein Mensch ‘Herr seiner selbst’ ist, wusste schon Freud, aber die Psychologie ist eine noch zu junge Wissenschaft, um schon ins Allgemeinwissen vorgedrungen zu sein. Als der Buchdruck erfunden wurde, konnten auch noch nicht viele Menschen lesen..

    Für die zunehmenden Möglichkeiten der Einflussnahme der Vielen auf das Weltgeschehen ist es sicher förderlich, die Ursachen von Machtstreben zu beleuchten:

    http://www.youtube.com/watch?v=DkqSnwAKPB4

    wissenschaftlicher:

    http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychohygiene/macht.html

  15. Glanzlichter 56 « … Kaffee bei mir? |  11.03.2011 | 01:59 | permalink  

    [...] Endert Techniken der Macht: Warum das Netz bei uns keine Revolution macht Die Mechanismen hinter der allfälligen [...]

  16. Linsenspaeller |  12.03.2011 | 01:40 | permalink  

    In einem Staat, in dem sogar die Beamten nach Herzenslust streiken dürfen, kann es keine Revolution geben. Der Streik ist im oben von verschieden Kommentatoren erläuterten Sinne an die Stelle der Unzufriedenheitsrevolte getreten. Inklusive der gewalttätigen Regelüberschreitungen. Vielleicht kommen ja künftig junge Leute auf die Idee, daß Streik als Protest gegen steigende Renten- und Krankenumlagen nicht mehr ausreicht.

    Ich halte es aber für kurzsichtig “das Netz” so vermeintlich konsequent aus der Sicht der Funktionalität eines Werkzeugs zu betrachten. Was wir beobachten, ist doch die Innervierung von Technik. Auch, wenn wir die Hände dabei im Spiel haben, durchaus im Sinne von Selbstorganisation. In dieser Richtung weiter gedacht, wird es für künftige Revolutionen immer wichtiger werden, in wieweit der Techniksektor von einer Revolution profitiert. Und für uns gilt es darüber nachzudenken, inwieweit Technik Macht über uns hat, und welche Möglichkeiten und Freiheiten bleiben, damit umzugehen. Es ist die Technisierung, die unsere Handlungsspielräume regelbar und überwachbar macht, nicht die Regierung.

  17. graf |  12.03.2011 | 17:56 | permalink  

    was man auch mitnehmen sollte: es geht um netzwerke. schröder war der erste medienkanzler, der das aushandlungs- und konsensprinzip der demokratie gegen die öffentlichkeitswelt der massenmedien (bild, bams, glotze) getauscht hat. bei uns ist macht über netzwerke organisiert. es kommt darauf an, wer wen zu wort kommen lässt. diese netzwerke können durchaus ins internet übertragen werden. wir müssen aufpassen, dass diese verflüssigung der demokratie, nicht doch wieder bestimmten eliten in die hände spielt. ich denke da z.B. an die meinungsmacher im journalismus. diese gefahr ist besonders in der wirtschafts- und sozialpolitik gegeben.

  18. Paul Ney |  13.03.2011 | 17:28 | permalink  

    [revolvere /Lat.] Bei dieser Gelegenheit, anläßlich dieses Artikels, möchte ich doch die Definitionsfrage ansprechen, denn die diversen Stichworte werden oft unzutreffend verwendet. Revolution versteht sich als eine (mehr oder weniger gewaltsame) grundsätzliche Umwälzung des Gesellschaftsystems, die Revolte bzw. der Aufstand zielt jedoch auf die partielle Änderung des Systems ab. Eine Revolte kann auch einen (Regierungs-)Umsturz bewirken, die neue Regierung ändert dann so manches und die Welt dreht sich weiter. “Twitterrevolution” klingt originell, ist oft nicht mal eine “Twitterrevolte”… Übrigens, bei dem Revolver dreht sich nur die Trommel…

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