Universalcode

Der Leser der Zukunft ist ein Alleskönner: Ideengeber, Mitautor, Korrektor, Verleger und Werber. Davon sind die Autoren des neuen Journalismus-Lehrbuchs „Universalcode“ überzeugt.

Christian Jakubetz, Ulrike Langer und Ralf Hohlfeld planen ein Buch „über den Journalismus im digitalen Zeitalter“. Ein Lehrbuch, das auch Eingang finden soll in die Lehrpläne von Akademien und Journalistenschulen. Ein Handbuch, das die ewigen Stil-Ikonen Walther von La Roche und Wolf Schneider (zumindest ein bisschen) alt aussehen lässt. Sein Arbeitstitel heißt „Universalcode“, und das klingt schon mal schwer nach Zukunft, Kompetenz und Grundlagenwissen für Netzjournalisten und solche, die es werden wollen.

Die ersten Leseproben stehen bereits online, und die Leser dieser Leseproben werden freundlich gebeten, ihren Senf dazu zu geben. Prozess-Journalismus ist ja nie fertig. Und weil der Prozessjournalismus der Zukunft nicht nur von dem einen vorläufigen Ende her gedacht wird (nämlich vom Journalisten her), sondern auch vom anderen vorläufigen Ende (dem Leser), muss man sich das Projekt wie ein Wiki vorstellen: Dieses Lehrbuch ist ein Lehrbeispiel für das, was es lehren wird.

Zum Beispiel wird die Neugierde auf das Buch schon seit Monaten angeheizt, etwa dadurch, dass man in einer fortlaufenden Serie von Blogeinträgen minutiös verfolgen kann, wie es Gestalt annimmt. Wir erfahren, wer so alles mitschreibt, wie toll sich das neue Leser-Verlagsprojekt Euryclia um alles kümmert, und welche großartigen Reaktionen es bereits gibt. Wir erfahren sogar, welche Medien auf das Buchprojekt bereits aufmerksam machen und wer den Kaffee bei den Arbeitstreffen der Autoren ausgeschenkt hat. Transparenz ist die Mutter der modernen Eigenwerbung Glaubwürdigkeit, und nach diesem Motto können wir den Autoren beim Verfertigen ihrer Gedanken zusehen.

Das ist eine großartige Sache. Und ein Reflex auf die zugeknöpfte, in der Vergangenheit oft hochnäsige Arbeitsweise etablierter Medien. Ein Pendelausschlag in die andere Richtung. Und wohl auch eine Kinderkrankheit, die Mediensoziologen eines Tages als „Transparenzfetischismus der frühen Jahre des digitalen Zeitalters“ bezeichnen werden. Dieser Fetischismus ist – entwicklungsbedingt – unbedingt notwendig. Und möglicherweise wird das Buch sogar live lektoriert werden, und die ersten 100 Besteller können per Livestream auf YouTube verfolgen, wie ihre persönlichen 16er-Bögen von der Druckerei zusammengefaltet und gebunden werden.

Auch die Vorbestellungen für das Buch laufen bereits parallel zu den Kapiteln, die gerade noch in die Tastaturen gehämmert werden. Ein Werbe-Widget zum Einbauen in Webseiten gibt es ebenfalls. Und PayPal, flattr & Co. gehören sowieso dazu.

Das Buch soll im Handel 27,90 € kosten, was auf den ersten Blick eine kleine Hemmschwelle für die Zielgruppe bilden könnte, aber selbst die Autoren des Buches arbeiten (zunächst) – aus Begeisterung – für lau. Die Herausgeber vergessen deshalb nie den freundlich gemeinten Hinweis, dass die Zahl der Vorbestellungen darüber entscheiden wird, ob das Buch überhaupt das Licht einer Druckerei erblicken kann. So viel Hoffen und Bangen um das eigene „Baby“ darf dem potentiellen Leser heute abverlangt werden. Dafür gibt es – im Gegenzug – keinerlei Schwellen zwischen Autor und Leser. Keine Statusschwellen, keine arrogante Besserwisser-Haltung. Der Eintritt in die Zukunft ist ebenerdig und flach. Wir erleben die Wiedergeburt des Journalismus von unten.

Früher hätte man ein Buch vermutlich erst gekauft, wenn es auf dem Markt ist. Heute trägt man als potentieller Leser Mitverantwortung für das, was man vielleicht gelesen haben möchte, aber leider durch eigene Schusseligkeit oder mangelnde Anteilnahme versemmelt hat. Der Leser spendiert einen großen Vertrauensvorschuss, und der Autor spendiert seinen (vermutlich eher kleinen) Honorarvorschuss – und wenn beides in idealer Weise zusammenfällt, läuten vor dem Druckaltar die Hochzeitsglocken.

Jeder Vorbesteller erhält das Buch übrigens einen Tacken billiger, und wer sein edles Engagement außerdem dokumentiert haben möchte, wird als Risikokapitalgeber in der Danksagung der Herausgeber namentlich erwähnt.

Wo die Leser alter Schule noch ehrfürchtig um Autogramme betteln mussten, dürfen moderne Leser ihren Verfassern den eigenen Namen künftig ins Stammbuch schreiben. Denn der Leser („Du entscheidest, was zum Buch wird!“), ist heute Mit-Verleger.

Also wenn Sie mich fragen: Dieses Buch ist überfällig. Ich werde es vorbestellen. ICH WERDE ES VERLEGEN.

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Lesen Sie zum Thema Online-Journalismus auch den Beitrag: „Das Pantelouris-Experiment“