Danke, Karl-Theodor!

Das Netz hat zu Guttenberg viel zu verdanken. Es genießt endlich den fälligen Respekt bei seinen journalistischen Verächtern. Alle sind voll des Lobes über die gemeinsam getane Arbeit. Ist das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?

Fast jeder kennt die Schluss-Szene aus dem Film Casablanca: Humphrey Bogart als Barbesitzer Rick, und sein alter Gegner, der Polizeipräfekt des französischen Vichy-Regimes, Louis Renault, entdecken beim Schlendern über das verlassene nächtliche Rollfeld ihre gemeinsamen Interessen. Rick, der soeben seine große Liebe Elsa verabschiedet hat, schlägt den Kragen seines Trenchcoats hoch und sagt: „Louis, ich denke, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“

Verkörperte Louis den Journalismus und Rick das Internet, so könnte man sagen: Der Sturz Guttenbergs war der Beginn einer solch wunderbaren Freundschaft. Denn der Abgang des Ministers (Karl-Theodor in der Rolle Elsas?) führte analoge und digitale Öffentlichkeit erstmals zusammen. Zum ersten Mal bekundeten die beiden öffentlich Respekt voreinander und Sympathie füreinander. Der Journalismus realisiert, dass die digitale Seite der Vierten Gewalt keine existentielle Bedrohung darstellt, sondern eine hervorragende Ergänzung ist; und „das Netz“ entdeckt, dass der Journalismus gar nicht so hundsmiserabel agiert wie gedacht.

Beide Seiten haben im Fall Guttenberg (Seit’ an Seit’) ihr Bestes gegeben – nun registrieren sie stolz, wie gut sie sich doch ergänzen. Es ist die Ironie des Guttenberg-Falls, dass der „Betrüger“ im Schlussakkord als großer Versöhner wirkt. Die alten wie die neuen Medien erkennen, dass der Gegner auch im eigenen Lager stehen kann (hier Spiegel gegen Bild, da Facebook gegen GuttenPlag), und dass die neuen Werkzeuge und Techniken des Internets die Möglichkeiten der alten Aufklärung nicht schmälern, sondern potenzieren (wenn man sie zu nutzen weiß).

Allerdings darf man im Überschwang nicht vergessen, dass die neue „Freundschaft“ nicht ganz unvorbereitet kommt. Louis & Rick hatten schon vor ihrer großartigen Flugplatz-Szene ein pragmatisches Stillhalte-Abkommen geschlossen, ein Gentlemen’s Agreement. Denn ohne die Aufsehen erregenden WikiLeaks-Veröffentlichungen des vergangenen Jahres (in Kombination mit New York Times, Spiegel und Guardian), ohne die welt(bild)erschütternden, von Facebook, Twitter & Al Jazeera gemeinsam begleiteten und forcierten Umbrüche in den arabischen Staaten, wäre die neue Teamarbeit nicht so reibungslos verlaufen. Die alten Medien haben die Zuschauerränge verlassen, sie spüren den nahenden Umbruch, der sie erfasst; und die Netzwerker ahnen zum ersten Mal, dass es nun ernst werden könnte mit der Übernahme von „Verantwortung“. Rick & Louis brauchen die gegenseitige Abgrenzung nicht mehr. Sie verschmelzen.

Einen besseren Katalysator (einen besseren MacGuffin) als Karl-Theodor zu Guttenberg hätte es dafür nicht geben können.

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Bei dRadio Wissen (in der Sendung „Netzreporter“ von Markus Heidmeier) kann man eine gekürzte Fassung des Beitrags auch hören.