Spiegel: „Bild“ ist eine Art rechtspopulistische Partei

Der Spiegel knöpft die Bild vor: Springers Boulevardblatt sei mehr als ein Leitmedium - es spiele zunehmend "die Rolle einer rechtspopulistischen Partei". Wirklich überzeugen kann die Titelgeschichte nicht.

Medienkritik auf dem Spiegel-Titel: Das Nachrichtenmagazin setzt sich in der kommenden Woche höchst prominent mit der Rolle von Bild in der zu Guttenberg-Affäre auseinander.

Das Titelbild zeigt das Bild-Logo aufgebaut aus aufrecht stehenden Streichhölzern – darunter der Titel „Die Brandstifter“. Die Brandstifter-Metapher spielt darauf an, dass sich Bild nach Einschätzung des Spiegel zunehmend wie eine Art rechtspopulistische Partei geriere. Im Lead-Absatz zur Titelgeschichte „Im Namen des Volkes“ heißt es:

Die Bild-Zeitung, Springers Boulevardblatt, eilte in der vergangenen Woche täglich dem wankenden Verteidigungsminister zu Hilfe, in dieser Form beispiellos. Die Zeitung teilt sich die Rolle eines deutschen Leitmediums zu, tatsächlich übernimmt sie die Rolle einer rechtspopulistischen Partei, die im deutschen Politikbetrieb fehlt.

Die Kernthese des Textes lautet: Die Macher von Bild seien neuerdings der Meinung, „ihr Blatt markiere die gesellschaftliche Mitte„. Tatsächlich aber spiele die Zeitung „die Rolle einer rechtspopulistischen Partei, die es in Deutschland noch nicht gibt.“ Genau auf diese Art wird der Text in der Hausmitteilung des Spiegel vorgestellt.

Der Artikel besteht leider aus einer enttäuschenden Spiegel-Melange aus Geschichtchen, Befindlichkeiten, Analyse-Fragmenten und irgendwelchem Füllstoff:

Wie genau passt die zu Guttenberg-Protektion durch Bild mit dem Rechtspopulismus-Vorwurf zusammen? Wie genau lief die diskursive Inszenierung der zu Guttenberg-Verteidigung in Bild? Wie lautet die rechtspopulistische Agenda von Bild? Wie hat sich die Medienlandschaft um Bild verändert, so dass Bild derart hervorsticht?

All diese Fragen bleiben in der Spiegel-Geschichte im Ungefähren. Der Text wirkt wie eine hastig mit Bordmitteln zusammengeklaubte Ansammlung von längst Bekanntem. Auch ein Interview mit Bild-Chefredakteur Kai Diekmann vermag wenig Bemerkenswertes zu produzieren.

Der eigentliche Angelpunkt der Spiegel-Geschichte scheint dabei der hohe Einfluss von Bild auf das Politik-Geschehen zu sein, genauer gesagt: auf Angela Merkel. Die Kanzlerin lasse sich von Bild beeindrucken, pflege ausgezeichnete Beziehungen zur Redaktions- und Verlagsführung. Bild spiele sich in der Merkel-Republik selbst zu jenem Volkstribun auf, den die Kanzlerin zu geben nicht gewillt ist.

Die gemeinsame Klammer von Rechtspopulismus und Guttenberg-Protektion besteht augenscheinlich darin, dass Bild schamlos Mehrheiten für populistische, chauvinistische und anti-elitäre Ziele mobilisiert: Die Popularität eines Ministers wird zum selbstragenden Argument. Dabei nimmt sich Bild heraus, im „Namen des Volkes“ zu sprechen und zugleich – in einer Art Zirkelschlusslogik – die Meinung des Volkes zu formen. Hierzu hätte man im Spiegel gerne mehr und mehr analytisch Verdichteteres gelesen.

Für das Nachrichtenmagazin entfaltet sich der Einfluss von Bild in einer Art Dreischritt:

1. Bild wolle neuerdings die „gediegene Mitte“ Deutschlands markieren. Bild wolle „nicht Außenseiter, sondern Mainstream“ sein. (Anmerkung des Autors: Seit wann wollte Bild jemals Außenseiter sein?)

2. Bundeskanzlerin Merkel habe „Angst hat vor Stimmungen, weil sie nicht der Typ des Volkstribun ist, der Stimmungen steuern kann.“ Daher glaube Merkel „den medialen Rückenwind des Boulevard zu brauchen.“

3. Bild habe ein Sendungsbewußtsein, dass in Teilen offen chauvinistisch und rechtspopulistisch sei. In Kampagnen werde „publizistisch der Teppich ausgerollt für eine Partei, die noch nicht gegründet ist, geführt von einem deutschen Jörg Haider“, wie Michael Spreng zitiert wird.

Das Zentrum des Bild-Meinungsphänomens wähnt der Spiegel bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann („kann zwischen populistischer Verkürzung und sachlicher Argumentation nicht sauber unterscheiden“) und Springer-Chef Mathias Döpfner (wird von Merkel „bei Laune“ gehalten).

Im Spiegel-Interview antwortet Kai Diekmann auf die Frage nach der politischen Verortung seines Blattes: „Zwischen allen Stühlen“. Und sagt:

Bild fordert Blätter wie den Spiegel klar heraus. Heute sind wir nicht mehr nur Leitmedium in Sachen Sport und Unterhaltung, sondern auch im Bereich Politik und Wirtschaft. Wer gehört werden will, der kommt an Bild nicht mehr vorbei – von Petraeus bis Bush, von Ackermann bis Google-Chef Eric Schmidt.“

Wahrscheinlich ist man damit ins Zentrum der Spiegel-Empörung über Bild vorgestoßen: Eine Boulevard-Zeitung mit rechtsproletarischen Instinkten ist zum Leitmedium mit echtem Einfluss auf die Regierungspolitik geworden. Diese Zeitung allein kann einen Minister über Tage (Wochen?) im Amt halten – während der SpiegelAufhören!“ intonieren kann – und nichts passiert.

Auch diese Spiegel-Titelgeschichte passt dabei ins Muster: Von analytischer Deutungshoheit, von Recherche-Brillanz und subtilem Platzieren von Interpretationsrahmen ist wenig zu spüren. Schwer vorstellbar, dass Bild diese Geschichte schaden könnte.

Update: Hier eine Sammlung der Blog-Reaktionen auf den Spiegel-Titel:

— JakBlog: Neu bei Bildblog: Der Spiegel
„Man liest Dinge, die jeden Tag bei “Bildblog” hinreichend dokumentiert sind und man wundert sich, wo eigentlich die eigene Rechercheleistung einer Truppe von Titel-Autoren bleibt. Der gesamte Titel liest sich wie eine Zusammenfassung der besten Bildblog-Geschichten der letzten zwei Jahre … Journalisten sind keine Alternative zu (Bild-)Blogs-“

— Pottblog: Enttäuschender DER SPIEGEL-Titel 09/2011: BILD – Die Brandstifter

„Viel Lärm um nichts wäre übertrieben. Aber irgendwo in der Nähe dieser Beurteilung bewegt sich meiner Meinung nach das Titelthema des aktuellen Spiegels. … Es zeugt schon von einer gewissen Chuzpe, dass man diese Titelgeschichte bringt ohne auch nur ein einziges Mal das BILDblog zu erwähnen oder gar zu verlinken.“

— Mehr habe ich leider noch nicht gefunden. Hinweise gerne in den Kommentaren.