Hamburg-Wahl: Die Benachteiligten haben resigniert

Olaf Scholz war am Wahlabend ungewöhnlich ernst und hanseatisch unterkühlt. Das hat seinen Grund. Die Stadtgesellschaft zerfällt. Eine Kurz-Analyse der Hamburg-Wahl in 10 Schritten.

1. Gemessen an der Zahl der 1.254.638 Hamburger Wahlberechtigten erzielten die Parteien in Hamburg folgende Ergebnisse: Nichtwähler: 43,0 %, SPD 27,5 %, CDU 12,5 %, Grüne 6,4 %, FDP 3,8 %, Linke 3,6 %, Piraten 1,2 %, NPD 0,5 %. Das heißt, es haben mehr Menschen nicht gewählt, als SPD und CDU zusammen an Wählern auf sich vereinigen konnten.

2. Die Wahlbeteiligung schwankte zwischen mageren 44,9 Prozent im südlichen Wahlkreis Wilhelmsburg und sehr beachtlichen 70,5 Prozent im gutbürgerlichen und nördlichsten Wahlkreis Alstertal/Walddörfer (wo Hamburg nicht nur die niedrigste Arbeitslosenrate und die niedrigste Quote an Hartz-IV-Empfängern aufweist, sondern auch die niedrigste Kriminalitätsrate hat). Wie schon bei der Volksabstimmung zur umstrittenen Schulreform gingen die gutbetuchten Hamburger Bürger eher zur Wahl als die ärmeren im Süden der Stadt. Man könnte dies auch als Misstrauensvotum gegen den so genannten „Sprung über die Elbe“ deuten: Die Anbindung der südlichen Stadtteile an die Hansestadt ist dem schwarz-grünen Senat gründlich misslungen.

3. Ihr schlechtestes Ergebnis erzielten die Grünen (und zwar nicht nur wegen des Kohlekraftwerks Moorburg und der geplanten Stadtautobahn) im südlichen Wahlkreis Wilhelmsburg (6,7 Prozent) und in Rahlstedt (6,8 Prozent), ihre besten Ergebnisse erreichten sie in den bürgerlichen oder studentisch-alternativen Milieus in Rotherbaum, Harvestehude, Eimsbüttel (18,5 Prozent) und Altona (17,6 Prozent).

4. Die CDU erreichte nur noch in den Wahlkreisen der „Reichen“,  Alstertal/Walddörfer (29,6 Prozent), Blankenese (26,6 Prozent) und Süderelbe (26,9 Prozent) ein halbwegs anständiges Ergebnis. In Mitte (15,8 Prozent) und Altona (13,7 Prozent) hat sie den Status der Volkspartei eingebüßt. Ole von Beust ist der eigentliche Verlierer der Wahl.

5. Auch die Hochburgen der FDP liegen – wenig überraschend – in den „besseren“ Wahlkreisen Blankenese (10,6 Prozent), Alstertal/Walddörfer (10,3 Prozent) und Eppendorf/Winterhude (8,5 Prozent). In Wilhelmsburg (4 Prozent), Harburg (4 Prozent) und Mitte (4,4 Prozent) kriegt sie dagegen keine Schnitte.

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Das Tor zum Süden (hier die Alte Elbbrücke) muss die Regierung erst noch finden.

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6. Die SPD, die überall enorm zulegte, erreichte ihre besten Ergebnisse in den kleinbürgerlich geprägten Stadtgebieten Bramfeld/Farmsen (54,2 Prozent), Fuhlsbüttel-Alsterdorf (51,2 Prozent) und Rahlstedt (51 Prozent), wo man bei früheren Wahlen eher der CDU zuneigte, aber auch im angenehm weitläufigen Bergedorf (50,2 Prozent). Überdurchschnittliche Ergebnisse erzielte die Scholz-SPD des weiteren in den südlichen Stadtvierteln Harburg (51,2 Prozent) und Wilhelmsburg (54,3 Prozent), wo man sich von der Politik seit langem vernachlässigt fühlt. Die großsprecherische „Leuchtturmpolitik“ der CDU (Elbphilharmonie) ist in diesen bodenständigen (und zum Teil von sozialem Abstieg bedrohten) Bezirken wohl als Veralberung empfunden worden.

7. Die Linken erreichten ihre besten Ergebnisse in Altona (11,2 Prozent) sowie in den von Hafenbetrieben geprägten Vierteln des Wahlkreises Mitte (10,3 Prozent). Eine Ausdehnung ihrer Milieus nach Norden ist den Linken nicht gelungen.

8. Die Piraten erzielten – genau wie die Linken – vor allem in dem von Migranten und Subkulturen geprägten Wahlkreis Altona (3,1 Prozent) und im Wahlkreis Mitte (3,8 Prozent) ihre Rekord-Ergebnisse. Insgesamt konnten die Piraten ihren Stimmenanteil gegenüber der letzten Wahl fast verzehnfachen, in absoluten Zahlen nimmt sich ihr Erfolg aber noch immer bescheiden aus.

9. Die Rechte ist offenbar nicht zur Wahl gegangen. Die sehr flachen „Hochburgen“ der NPD finden sich traditionell in den südlichen Wahlkreisen Wilhelmsburg (1,8 Prozent) und Harburg (1,6 Prozent).

10. Fazit: Die Stadtgesellschaft fällt immer stärker auseinander. Das Ziel des wortkargen Wahlsiegers Olaf Scholz wird es sein müssen, die Einwohner der südlichen Bezirke in die Gesamtpolitik der künftigen „Metropolregion Hamburg“ zu integrieren. Die Rathaus-Politik muss transparenter werden, und die Bürger müssen künftig mehr mitentscheiden können, ansonsten wird die Reorganisation des gesellschaftlichen Zusammenhalts nicht gelingen.

(Quelle für die Wahlergebnisse: Statistikamt Nord, Landesliste Gesamtstimmen, Wahlkreise)

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