Anhörung im Kulturausschuss: „Es ist ein Mythos, dass sich mit Online-Journalismus kein Geld verdienen lässt“

Live-Blog zur heutigen Anhörung im Kulturausschuss des Bundestags zur "Zukunft des Qualitätsjournalismus" - mit Fazit.

Am Mittwochnachmittag hat der Bundestagsausschuss „Kultur und Medien“ die Experten Wolfgang Blau (Zeit Online), Katharina Borchert (Spiegel Online), Ulrike Kaiser (DJV), Hans Leyendecker (Süddeutsche Zeitung), Volker Lilienthal (Uni Hamburg), Matthias Spielkamp (iRights.info) und Wolfgang Storz (ex-FR) zur „Zukunft des Qualitätsjournalismus“ angehört.

Das Video:

Mein Fazit nach der Sitzung: Auf den ersten Blick boten die Expertenausführungen wenig Neues – auf den zweiten Blick aber gab es in diplomatisch bemessenen Nuancen doch interessante Tonalitäten:

1. Das Establishment gab sich erfreulich blog-und netzfreundlich. Hans Leyendecker lobte ausdrücklich die Rechercheleistung von GuttenPlag (siehe auch Carta). Volker  Lilienthal nannte die Netzöffentlichkeit eine „neue Qualität der Demokratie“. Das Netz wurde stärker als Bereicherung denn als Bedrohung für die aufgeklärte Öffentlichkeit aufgefasst.

2. Die Behauptung einer umfassenden Umsatzkrise im Online-Journalismus wurde als Mythos entlarvt. Spiegel Online erklärte, man „finanziere sich sehr erfolgreich“. Zeit Online berichtete von 50 Prozent Umsatz- und Leserwachstum gegenüber dem Vorjahr.

3. Direkte Subventionen wurden nicht gefordert – stattdessen gab es gute Policy-Ansätze – etwa die Forderung nach mehr Rechtssicherheit für Verlage und Nutzer beim Datenschutz oder eine Stärkung von ‚Open Data‚-Ansätzen. Die Forderung nach einem Leistungsschutzrecht mochte keine der Experten so recht unterstützen.

4. Es wurde deutlich, dass zentrale Probleme des Journalismus nicht extern, sondern intern verursacht sind – etwa durch mangelnde Entdeckungs- und Innovationsbereitschaft im neuen Medienumfeld.

5. Drei Sätze zum Merken: „Qualitätsjournalismus ist keine Frage des Trägermediums“ (Katharina Borchert) und „Qualitätsjournalismus ist ein ideologischer Tarnbegriff“ (Volker Lilienthal) und „Es gibt eine zermürbende Permanenz der Krise im Journalismus“ (Wolfgang Storz).

Weniger erfreulich:

1. Es wurde noch immer zuviel der alte Gaul vom Journalismus als „Leuchtturm“ der Orientierung geritten.

2. Es wurden etwas zu viele Guttenberg-Dissertationswitze gerissen.

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Ende des Fazits – hier das Live-Blog-Protokoll:

17.25h Antwort Volker Lilienthal: Journalisten werden auch in Zukunft eher an ‚Leuchttürme‘ angebunden sein. Aufgrund des Mangels an lokalen Online-Geschäftsmodellen wird es insbesondere zu einer ‚Verarmung unserer Informationsökologie‘ in der Region kommen.

17.24h Antwort Ulrike Kaiser: Wir fordern einen Ausbau von Freiheitsrechten und einen Abbau des Mißbrauchs von Leiharbeit.

17.22h Nachfrage von Tabea Rößner (Grüne): Die Diskussion war wichtig, aber brachte wenig Neues. Was fordern die Berufsverbände konkret zur Verbesserung der Situation von Journalisten? Könnten Journalisten zukünftig selbständig arbeiten und auf eigenen Plattformen Inhalte per Klick verkaufen?

17.15h Matthias Spielkamp: Mit den niedrigen, derzeit häufig üblichen Zeilensätzen kann keine Qualität entstehen. Das Leistungschutzrecht ist eine absurde und bürokratische Lösung, die Journalisten Verwertungsrechte entzieht. Suchmaschinen-Snippets würden abgabenpflichtig und Sprache monopolitisiert.

17.12h Antwort Wolfgang Storz: Die wirtschaftliche Situation von Journalisten verschlechtert sich deutlich…

17.10h Nachfrage von Lukrezia Jochimsen (Linke): Brauchen wir einen Mindestlohn für Journalismus? Wie ist das Leistungsschutzrecht zu bewerten?

17.08h Katharina Borchert mit Zusatzbemerkung: Qualitätsjournalismus braucht mehr „staatliche Datentransparenz“. Journalisten sollten mehr Auskunftsrechte erhalten. Beispielsweise britische Journalisten haben ganz andere Einblicke in staatliches Wirken.

17.02h Antwort Wolfgang Blau: Wir haben im letzten Jahr unsere Leserschaft und unsere Umsätze um jeweils rund 50 Prozent gesteigert. Wir wollen aber nicht Spiegel Online einholen.

Anhörung Qualitätsjournalismus: Die Experten in alphabetischer Runde von Wolfgang Blau (oben rechts ) bis Wolfgang Storz (unten links) - Foto von Jens Best

Mit nutzergenerierten Inhalten war bei vielen Verlagen die Hoffnung nach günstigen Inhalten verbunden – nutzergenerierte Inhalte sind aber häufig sehr teuer, weil sie überprüft werden müssen. Sie bieten uns wichtige Hinweise auf Themen.

17.00h Nachfrage von Sebastian Blumenthal (FDP): Herr Blau, haben Sie häufig an ihrer Qualitätsstrategie für Zeit Online gezweifelt? Gab es ein Schlüsselerlebnis? Wie gehen Sie mit nutzergenerierten Inhalten um?

16.57h: Leyendecker: Die jungen Journalisten sind besser ausgebildet als früher, aber sie sind auch angepasster. „Ich bin froh, dass es die Netzgemeinde gibt – die hat die Debatte um den Freiherr maßgeblich beflügelt.“ Die Bewegung im Netz hat dazu geführt, dass das Thema anders und intensiver diskutiert wurde.

16.55h: Ulrike Kaiser: Wir vermissen den gesellschaftlichen Diskurs über den Wert von Journalismus

16.50h: Nachfrage von Martin Dörmann (SPD): Wie kann man Journalismus im öffentlichen Auftrag von anderen Arten abgrenzen? Wo kann die Politik die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern?

16.49h Antwort Wolfgang Storz: Journalisten in Festanstellung werden in vielen Fällen selbstbewusster auftreten.

16.46h Antwort Volker Lilienthal: Zum journalistischen Ethos kann auch gehören, zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beizutragen. Das wäre eine wichtige Qualitätsdimension.

16.41h Nachfrage von Wolfgang Börnsen (CDU): Was ist für Sie persönlich „guter Journalismus“ – wie kann er gestärkt werden? Macht die schlechte wirtschaftliche Situation von freien Journalisten diese nicht auch abhängig?

16.31h Wolfgang Storz (Publizist, ehemals FR) in Stichworten: Das bisherige Geschäftsmodell der Tageszeitung ist gestorben – das Ende ist absehbar; es gibt eine zermürbende Permanenz der Krise im Journalismus; nicht die Medien sind in der Krise, sondern die Gattung des politischen Qualitätsjournalismus ist in der Krise; der Einfluss von Public Relations ist gestiegen; die Berichterstattung von Qualitätsjournalismus im Fernsehen („tagesschau„) ist häufig unverständlich.

16.21h Matthias Spielkamp (irights.info, liest vom Laptop – „habe meine Notizen im Drucker liegen lassen“): Es gibt eine Revolution in der wirtschaftlichen Struktur von Journalismus. Journalismus wird entbündelt, dadurch entsteht eine forcierte Konkurrenzsituation. Die Werbekunden sind nicht mehr auf einige wenige Publikationen angewiesen.

Die klassischen Massenmedien haben das Informationsmonopol verloren. Ob der Journalismus in einer „Leuchtturmfunktion“ zu einer neuen Rolle finden wird, ist zunächst einmal unklar – weil im Netz die Nutzer stark selbst auswählen. Der Verlust des Monopols der Redaktionen wird dazu führen, dass die Definition von Qualität im Journalismus in Frage steht.

Wenn gefordert wird, dass freie Journalisten keine PR machen dürfen, dann sei das unredlich, weil die PR-Branche mit ihren Aufträgen vielen freien Journalisten überhaupt erst ermögliche, auch zu den niedrigen Honorarsätzen von „Qualitätsmedien“ zu arbeiten.

16.15h Prof. Dr. Volker Lilienthal: Blogs sind „zweifelsohne“ eine neue Qualität in unserer Demokratie. Die neue Publizität hat uns Journalisten in eine „Identitätskrise“ gestürzt. Dieser partizipative Mediengebrauch bedeutet für mich einen Zuwachs an Demokratie. Aber professionelle Medien werden deshalb nicht überflüssig: Sie ordnen das Wichtige und Unwichtige – nicht jeder kann mit jedem über alles reden. Es braucht „Sortierung mit Verstand“. Bloggern fehlt das „universelle Weltinteresse“, das Journalisten zu eigen ist. Der Blogger interessiert sich nur für sein Spezialthema. Auch Blogs leiden unter Aufmerksamkeitsdefiziten. Qualitätsjournalismus ist ein „ideologischer Tarnbegriff“, ein „Pleonasmus“, der vieles verschleiern soll.

16.08h Hans Leyendecker: Wir haben in den letzten Tagen eine sehr spannende Zusammenarbeit von Printmedien und Internet erlebt. Die Süddeutsche Zeitung hat vorgelegt und dann hat die Community im Netz übernommen. Am Ende der Woche stand dann im Netz eine vollständigere Zusammenfassung der Plagiatsstellen des „Doktors der Reserve“ als im Spiegel. Hier zeigt sich, dass es neben den alten Kräfte neue gibt.

16.00h Ulrike Kaiser (DJV): Die strukturelle Krise des Printjournalismus begann schon vor dem Internet. Die Situation des Qualitätsjournalismus ist in letzten Jahren nicht leichter geworden. Die Ausbildungssituation für Journalisten ist unübersichtlich. Sparmaßnahmen in Medienunternehmen produzieren die Absenkung sozialer Standards und führen zu vermehrten Routinehandeln.

Die Qualitätssicherung im Journalismus muss durch Best-Practise-Beispiele, Investitionen, Transparenz und den gesellschaftlichen Diskus gesteigert werden. Journalismus dient der Allgemeinheit und ist öffentliche eine Aufgabe. Journalisten müssen von ihrer Arbeit leben können. Das unterscheidet Journalisten von Bloggern und Twitterern.

15.50h Katharina Borchert (Spiegel Online): Ich kann den eben genannten Thesen von Wolfgang Blau nur zustimmen. Wir sollten nicht mehr entlang von Mediengrenzen diskutieren. Qualitätsjournalismus ist keine Frage des Trägermediums. Wir sehen neue Kriterien von Qualitätsjournalismus im Netz: Verlinkung, multimediales Storytelling, Interaktion mit den Nutzern. Dies verändert auch das Berufsbild von Journalisten. Wir sollen die Ausbildung von jungen Journalisten verbessern.

Die Belastung von Online-Journalisten ist sehr hoch. Wir als Verlagsseite müssen versuchen, den Journalisten den Rücken frei zu halten. Spiegel Online finanziert sich sehr erfolgreich auf Basis von Werbung. Aber wir müssen zusätzliche Finanzierungsquellen erschließen. Für die Verlage gibt es große Probleme beim Datenschutz – etwa bei der Frage, ob die IVW-Pixel noch datenschutzrechtlich zulässig sind.

15.45h: Einführungsstatements der Experten. Wolfgang Blau (Zeit Online) in Stichworten: „Blogs sind eine wichtige Ergänzung des Journalismus, wir bei Zeit Online würden uns wünschen, dass es mehr Blogs in Deutschland gibt; Google ist nicht an allem schuld; Zeitungen sind Produkte des Industriezeitalters; Online-Journalismus spielt seinen kommerziellen Erfolg herunter – Zeit Online wird profitabel sein; Online-Journalismus jenseits des Boulevard ist gut möglich; Die öffentlich-rechtlichen Online-Angebote stellen keinen großen Schaden für die privaten Angebote dar – weil sie keine Konkurrenz im Werbemarkt sind;

15.42h: Hinweis von Google-Sprecher Kay Oberbeck über Twitter: Ich hoffe, die Diskutanten haben gestern Abend einen Blick auf BBC Newsnight mit eben diesem Thema geworfen http://goo.gl/Xt89h

15.41h: Die Experten werden erstmal vorgestellt.

15.40h: Monika Grütters kündigt an, dass die heutige Anhörung der Auftakt zu  einer „Reihe“ von drei oder vier Expertenanhörungen zum Thema Qualitätsjournalismus in diesem Jahr sein soll.

15.37h: Es geht los.

15.32h: Die Vorsitzende Prof. Monika Grütters (CDU) ist da.

15.27h: Der Raum füllt sich so langsam.

Carta bloggt heute vom Expertengespräch zur Kulturausschuss-Anhörung „Zukunft des Qualitätsjournalismus“ – Die Experten:

  • Wolfgang Blau, Chefredakteur von „Zeit online“
  • Katharina Borchert, Geschäftsführerin von „Spiegel online“
  • Ulrike Kaiser, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Initiative „Qualität im Journalismus“
  • Hans Leyendecker, zweiter Vorsitzender des Vereins „netzwerk recherche“
  • Prof. Dr. Volker Lilienthal, Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft derUniversität Hamburg
  • Matthias Spielkamp, Projektleiter des Urheberrechtsportals „iRights.info“
  • Dr. Wolfgang Storz, Publizist