Robin Meyer-Lucht

GuttenPlag: ‘Cognitive Surplus’ bei der Arbeit

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GuttenPlag ist innerhalb weniger Tage zur Quelle ‘of record’ in der Diskussion um die Guttenberg-Plagiate geworden. Hier zeigt sich, was der ‘cognitive surplus’ der Nutzer in Bewegung setzen kann – und wie sich gesellschaftliche Informationsverarbeitung in Zeiten der Vernetzung verändert.

20.02.2011 | 

Am Montag wird es zu einer kleinen Zäsur in der Mediengeschichte dieses Landes kommen: Eine Website, die es vor einer Woche noch nicht gab, wird unter breiter öffentlicher Aufmerksamkeit einen Zwischenbericht über mögliche Plagiate in der Guttenberg-Dissertation vorlegen. Und dieses Material wird – aller Voraussicht nach – vollständiger und präziser sein als das, was Der Spiegel am gleichen Tag am Kiosk präsentiert.

Tausende Journalisten und Politiker sowie zehntausende Nutzer werden nach der Veröffentlichung auf die Seite strömen: Die Quelle “of record” in der causa Guttenberg ist GuttenPlag – eine Website, deren Betreiber anonym bleiben möchten, und die sich dennoch ein erhebliches Maß an Glaubwürdigkeit erarbeitet hat.

Der Einfluss des Angebots auf die Meinungsbildung kann als erheblich gelten. Der morgige Montag wird wohl eher GuttenPlag-Tag sein, nicht Spiegel-Tag. Rund 60 Plagiats-Stellen vermag der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe zu benennen – die fleißigen GuttenPlag-Helfer im Web fanden kollektiv über 300.

Das Mit-Mach-Recherche-Netz hat hier die Recherche-Leitmassenmedien überflügelt. So sieht es zumindest derzeit aus. Die Nutzer-Massen waren zu mehr imstande als das einst so enigmatisch-allwissend erscheinende Spiegel-Archiv.

guttenplag_visualisierung

GuttenPlag: Kognitive Kapazitäten ins Netz zurückgespielt

GuttenPlag mag somit wohl als herausragendes Beispiel von “cognitive surplus” im Sinne von Clay Shirky gelten: Durch die dramatisch gesunkenen Kosten von Gruppenzusammenarbeit im Netz kann es in guten Momenten gelingen, so Shirky, die überschüssige Geistesenergie der Endnutzer (“cognitive surplus”) zu bündeln – um so gesellschaftliche Leistungen zu erbringen, die im 20. Jahrhundert unvorstellbar gewesen wären. Kognitive Kapazitäten, die früher beim passiven Medienkonsum ungenutzt blieben, so würde es Shirky interpretieren, können nun sinnvoll ins Netz zurückgespielt werden.

Dabei ersetzt GuttenPlag keinesfalls Recherche-Journalismus. Entsprechende Mechanismen verändern aber dessen Rolle und Funktion. GuttenPlag scheint mir für einige zentrale Prinzipien und Ansätze einer zukünftigen gesellschaftlichen Informationsverarbeitung im Zeichen der Digitalisierung zu stehen. Ich möchte hier einige kurz aufzählen:

1. Schnelle Bildung von Knotenpunkten

War GuttenPlag am Donnerstagmorgen noch kaum jemandem bekannt, so kam die Site bereits am Freitagabend in der Hauptausgabe der tageschau vor. Es geht inzwischen erstaunlich schnell, dass sich Knotenpunkte im Netz für bestimmte Informationen bilden und sie auch gefunden werden. Die Betreiber solcher Plattformen brauchen dabei ein hohes Talent für Koordination, Moderation und Repräsentation.

2. Recherche als Prozess

GuttenPlag stellt die Ergebnise der Plagiatsprüfungen im Netz zur Diskussion. Die Recherche ist damit ein dialogischer Prozess, in dem das Ringen um die richtige Interpretation transparent wird. Die Ergebnisse werden dadurch glaubwürdiger und besser.

3. Vollständige Verfügbarkeit der Quellen

Jeder Nutzer kann bei GuttenPlag mitrecherchieren, weil es möglich ist, ihn auf eine Downloadversion der Dissertation zu verweisen. Das Netz hat das Öffentlichkeitsprinzip von Dissertationen ubiquitär gemacht. Das Netz vergünstigt den Zugang zu Rohinformationen.

4. Algorithmen recherchieren mit

Die herausragende Recherche-Leistung im Guttenberg-Fall ist nur möglich, weil verschiedene Anti-Plagiats-Tools und Suchmaschinen im Einsatz sind. Hier durchforsten die Rechercheure die Textmassen nicht mehr allein, sondern mit Unterstützung von Algorithmen. Gute Recherche ist daher inzwischen immer auch eine Funktion der algorithmischen Technik.

5. Visualisierung der Ergebnisse

Die Ergebnisse des GuttenPlag-Prozesses werden zwischenzeitlich immer wieder visualisiert. Die Visualisierung erscheint auch hier als ein ganz wichtiges Instrument zur Vermittlung der gewonnenen Ergebnisse.

6. Klarer Fokus auf überschaubare Aufgabe

Der GuttenPlag-Prozess kann nur deshalb funktionieren, weil er sich eine überschaubare Aufgabe gegeben hat, für die aufgrund der Relevanz eine hohe Beteilungsbereitschaft besteht. Zudem wird der Fokus durch einen internen Zeitplan gestärkt. Der faktische Charakter der Aufgabe erleichtert zudem Entscheidungsprozesse.

7. Professionelle Medienarbeit der neuen Online-Plattformen

Die GuttenPlag-Betreiber überlassen die Medienaufmerksamkeit nicht dem Zufall. Sie sind beispielsweise für Redakteure der dpa ansprechbar. Auf diese Art zeigen sie sich “verantwortlich” und schaffen Vertrauen bei klassischen Journalisten.

.

Diese Liste ist unvollständig und work in progress. Über weitere Vorschläge, kritische und wohlwollende Anmerkungen in den Kommentaren würde ich mich daher sehr freuen.

Weitere Texte, auf die ich im Zusammenhang mit der Guttenberg-Diskussion hinweisen möchte sind:

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36 Kommentare

  1. Feliks Dzerzhinsky |  20.02.2011 | 20:27 | permalink  

    Aber so, wie das Internet schnell eine Schmutzkampagne lostreten kann, ebenso schnell formiert sich Widerstand und Solidarität:
    Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!

  2. Mia |  20.02.2011 | 20:41 | permalink  

    Den Punkt, dass “Algorithmen mit recherchieren” , halte ich für stark überbewertet. Meinem Eindruck nach wurden die meisten Plagiatstellen mit Hilfe von Google nach einer analogen “Textanalyse” gefunden. Die Ergebnisse, die durch entsprechende Software gefunden wurde, sind woh deutlich in der Minderheit.

  3. Ulrike Langer |  20.02.2011 | 21:21 | permalink  

    Klasse Analyse. Ich bin gerade auf den letzten 20 Seiten von “Cognitive Surplus” und dachte beim GuttenPlag-Wiki auch an Clay Shirky. Drei Faktoren kommen hier meines Erachtens zusammen:

    1. Die kollektive und kollaborative Fleißarbeit (Wikipedia-Prinzip).
    2. Der Enthüllungscharakter, es geht nicht nur enzyklopädisches Wissen (Wikileaks-Prinzip).
    3. Der Zeitfaktor (Echtzeit-Prinzip). Über die Frage des Plagiats braucht eigentlich jetzt schon nicht mehr diskutiert zu werden. Die Universität Bayreuth wird wohl mehrere Wochen für ihre Entscheidung benötigen. Bis dahin interessiert dann nur noch Ja oder Nein, Aberkennung des Doktortitels oder nicht. Falls Guttenberg bis dahin nicht doch längst zurückgetreten ist.

  4. Medial Digital» Linktipps Neu » Linktipps zum Wochenstart |  20.02.2011 | 21:48 | permalink  

    [...] GuttenPlag: ‘Cognitive Surplus’ bei der Arbeit [...]

  5. Robin Meyer-Lucht |  20.02.2011 | 21:58 | permalink  

    @ Ulrike: Vielen Dank.

    Im konkreten Fall kommt wohl auch erleichternd hinzu, dass es um faktische Informationen geht, die gesammelt werden sollen. Das objektiviert und erleichtert Entscheidungsprozesse. (Hab’s oben bei Punkt 6 noch mit einem Satz eingefügt)

    @ Mia: wg. “stark überbewertet”: Für mich geht es bei dem Punkt nicht so sehr darum, ob neben Google noch andere Suchmaschinen genutzt werden, sondern um den prinzipiellen Aspekt: Die algorithmische Unterstützung ist Kernbestandteil des Rechercheansatzes – mehr wollte ich eigentlich nicht sagen.

    Etwas banalisierend könnte man natürlich auch sagen: Okay, da googeln ein paar Leute wild Passagen einer Disseration durch – wo ist die Magie?

  6. Christian Benduhn |  21.02.2011 | 00:00 | permalink  

    @Robin Meyer-Lucht:
    Wie lautet das Thema Ihrer Doktor-Arbeit? Wo oder wie kann man sie lesen?

  7. Wolfgang Michal |  21.02.2011 | 00:05 | permalink  

    #guttenberg papers: Das Aberwitzige an dieser Geschichte ist doch, dass hier digitale gegen analoge Schwarmintelligenz recherchiert.

  8. Klaus Graf |  21.02.2011 | 00:34 | permalink  

    Über 90 Treffer zum Thema Guttenberg in Archivalia, wo die Causa aus wissenschaftlicher Sicht umfangreich dokumentiert und erwogen wird (und teilweise ausführlichere und bessere Hintergrundinfos bietet als Guttenplag Wiki) – natürlich ohne dass irgendein A-Blog darauf verweist

    http://archiv.twoday.net/search?q=guttenberg

  9. GuttenplagWiki - “Zäsur in der Mediengeschichte” » Von Richard Schnabl » Beitrag » Redaktionsblog |  21.02.2011 | 00:53 | permalink  

    [...] auf Übereinstimmungen mit anderen Veröffentlichungen zu scannen. Robin Meyer-Lucht nennt dies auf Carta.info eine “kleine Zäsur in der Mediengeschichte dieses Landes <…> Eine Website, die [...]

  10. DocPlag |  21.02.2011 | 02:21 | permalink  

    Danke für die freundliche Beschreibung. Die Liste der Prinzipien ist sehr treffend. Ich habe vor – wenn wieder etwas mehr Zeit ist – eine ausführliche Zusammenfassung unserer Erfahrungen zu machen.
    GuttenPlag ist für mich auch ein interessantes Fallbeispiel, wie solches Crowd-Sourcing funktionieren kann.

  11. fk |  21.02.2011 | 08:05 | permalink  

    Gute Zusammenfassung und überfällige Akzentuierung der Cognitive Surplus Komponente des Diskurses.

    Aufmerksamkeitsökonomisch hat zu Guttenberg wirklich Diebstahl begangen: http://alrightokee.de/verlierer/summa-cum-luge-fur-zu-guttenberg/

  12. peter |  21.02.2011 | 08:42 | permalink  

    Guter Artikel! Die technischen Möglichkeiten sind soweit gediehen, den Gedanken der Volkssouveränität in die Tat umzusetzen. Das Konzept existierte bisher nur auf dem Papier, mediale Meinungsmache, Obrigkeitshörigkeit und ein an ökonomischen Interessen ausgerichtetes Bildungsideal verhinderte bisher die Umsetzung in die Praxis. Die Aufklärung im Kantschen Sinne findet erst mit dem neuen Medium Internet ein Instrument zu ihrer Verwirklichung. Überwacht werden müssen diejenigen, denen die Macht zum Regieren übertragen wurde – Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Die zunehmende Transparenz des gesamten Politikbetriebs macht die Jahrhunderte alte Klüngelei von Wirtschaft und Politik langfristig unmöglich. Es müssen also neue Anreize für die Vertreter des Volkswillens geschaffen werden, sonst macht keiner mehr den Job.

  13. Sascha Stoltenow |  21.02.2011 | 08:53 | permalink  

    Angewandte Systemtheorie. Während Shirky beschreibt, wie das Netz reagiert, können wir bei Dirk Baecker nachlesen, warum: wir verarbeiten den Sinnüberschuss im Netzwerk.

  14. noName |  21.02.2011 | 08:55 | permalink  

    Eine gut strukturierte, nachvollziehbare Analyse.
    Mich würde interessieren, inwieweit die Darstellungen unter GuttenPlag von den Zuständigen der Universität Bayreuth für die Prüfungen relevant sein werden. Oder: Werden Netzergebnisse von staatlichen Universitäten bei Entscheidungen nicht zu ignorieren sein? Neuartig ist das ja alles.

  15. Anja Pasquay |  21.02.2011 | 09:29 | permalink  

    Alles richtig, man muss aber nicht so theorielastig Shirky bemühen, es reicht vollkommen das praktische Vorbild Alan Rusbridger (CR Guardian) mit seiner Aufforderung zum “crowdsourcing”. Im Übrigen wird es vermutlich doch der analoge “Spiegel “sein, der den entscheidenden Punkt macht – nämlich mit dem Hinweis auf die Übernahme einer zehnseitigen und womöglich eigens angefertigten Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags. Sprich: Da geht es nicht nur um, ist die Sache erst einmal losgetreten, simple Textvergleiche am PC, sondern um gute Recherche.

  16. Robin Meyer-Lucht |  21.02.2011 | 10:20 | permalink  

    @ 5. Christian Benduhn: Titel: “Nachrichtensites im Wettbewerb: Analyse der Wettbewerbsstrategien von vier deutschen Online-Nachrichtenangeboten”; Ist bei Amazon zu bestellen. Die Arbeit ist selbstverständlich frei von Plagiaten und von mir selbst erstellt worden.

    @ 11. Sascha Stoltenow: “Wir verarbeiten den Sinnüberschuss im Netzwerk.” –> Sehr schön. Vielleicht könnte man auch sagen: Der Sinnüberschuss sucht sich im Netzwerk seinen Sinn?

    @ 13. Anja Pasquay: Derartige Zuspitzungen klassischer Massenmedien sind in der Tat weiterhin sehr wichtig. Und der Recherchebeitrag der klassischen Medien soll hier auch nicht kleingeredet werden.

  17. Sascha Stoltenow |  21.02.2011 | 10:32 | permalink  

    @Robin Meyer-Lucht: Nicht ganz, denn uns fehlt die requisite variety, wir haben also nicht genug Möglichkeiten, alle Zustände abzubilden. Hat, wenn man Dirk Baecker folgt, schon mit der Sprache angefangen, bzw. müsste auch schon vorher beim gegenseitigen Angrunzen dagewesen sein ;-)

  18. cwc |  21.02.2011 | 11:35 | permalink  

    Man darf den Mann jetzt nicht in den Selbstmord treiben. Seine Frau muss ihm jetzt eine ordentliche Backpfeife geben, dass er vom Koks-Rausch runterkommt und endlich seinen Mann steht.
    Jetzt ist zugeben immer noch einfacher als morgen. Und er soll sich endlich nicht mehr hinter den toten Soldaten verstecken.
    Da gab es doch etwas: Da hat einer von der linken Seite gesagt, dass Guttenberg die Soldaten durch seine Besuche gefährdet und was geschah dann: einen Tag später waren drei Soldaten getötet worden und 7 verletzt – genau in dem Camp, wo Guttenberg übernachtet hatte.
    Ihm muss jetzt ganz schnell aus der Situation geholfen werden, ansonsten wird er in den Selbstmord getrieben.

  19. Robin Meyer-Lucht |  21.02.2011 | 11:41 | permalink  

    @ cwc: Die Aufklärung sollten in der Tat mit Rücksicht auf den Menschen zu Guttenberg erfolgen, also möglichst faktenbetont in der Sache und im richtigen Ton. In diesem Text hier geht es aber gar nicht um die Person zu Guttenberg, sondern allein um das Phänomen einer kollaborativen Plattform wie GuttenPlag.

    Hier noch ein Texthinweis:

    http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~EC186BC876DFF4B39A2647E07E290F339~ATpl~Ecommon~Scontent.html

  20. xub |  21.02.2011 | 12:58 | permalink  

    Die Wahrheit wissen wohl im Moment nur wenige. Was ich generell bei der Diskussion vermisse, ist die Verhältnismäßigkeit. Wer sich im Detail damit beschäftigt, der sieht auch bei dem GutenPlag-Wiki zwei Probleme auf den ersten Blick:

    1. Als vermeindlich objektives Kriterium wird die pure Seitenanzahl der Plagiate ermitteln. Dabei gibt es jedoch keinen Bezug zum tatsächlichen Verhältnis zu der Wortzahl oder ähnliches. Viele vermeindlichen Plagiate sind in Absätzen mitten im Seitenwechsel enthalten und dadurch sind gleich zwei Seiten gebrandmarkt. Auch mit der qualitativen Bewertung ist das so eine Sache. Die findet derzeit schlichtweg nicht statt. Es ist gefährlich, die pure Seitenzahl nun als Wertung Pro/Contra Guttenberg zu nehmen, ohne mal inhaltlich reinzuschauen.

    2. Ich habe mir die Mühe gemacht in den letzten 4 Stunden mal inhaltlich durch die Fundstellen zu schauen. Der erste Anblick war erschreckend. Der zweite jedoch nicht weniger spannend. Was mir auffiel ist, dass viele vermeindliche Plagiatstellen sich darauf reduzieren lassen, dass Guttenberg die gleichen Sätze zitiert hat, wie ein vermeindliches Original. Oftmals sind darum nur 5 Worte gebaut, gepaart mit einer Jahreszahl o.ä. Meine Meinung: Sowas ist kein Plagiat. Wenn ich heute die Rede der Kanzlerin wörtlich zitiere und darunter schreibe “So sagte es die Kanzlerin zur Neujahrsansprache 2011″. Jemand anderes schreibt “sagte die Kanzlerin zur Neujahrsansprache 2011″. Ist das ein Plagiat?
    Ja, leider sind im GutenPlag-Wiki auch solche Stellen zu finden.
    Oder aber Verweise auf Quellen, die andere sind als das Original, wo sich mir die Frage stellt: Wenn doch eine Quellenangabe enthalten ist, jedoch eine andere: Wer schrieb da von wem ab? Wenn die Vorlage des Guttenberg, die korrekt auf der Fußnote verwiesen wird, bereits das Plagiat ist, ist der Guttenberg-Text dann ebenfalls ein Plagiat?
    Ist es jedem Doktorant zuzumuten, seine Quellen einzeln einer Plagiats-Prüfung zu unterziehen?

    Ich weiss nicht, wieviel Prozent der GutenPlag-Fundstellen sich als falsch herausstellen werden. Sicherlich wird ein hoher Prozentsatz übrig bleiben, der sich als Plagiat herausstellt. Es gibt aus gutem Grund bei solchen Arbeiten eine Unschärfe, die akzeptiert wird ohne dass der Doktortitel in Gefahr ist oder dass man als Schummler in Verruf geraten muss. Wer in 7 Jahren Arbeit, mal mehr oder weniger mit dem Text beschäftigt, nicht mal versehentlich eine Fußnote löscht, der erhebe den ersten Stein.

    Lustig finde ich vor allem die Tatsache, dass viele der nun vorverurteilenden Journalisten jene sind, die ohne Quellenangaben abschreiben oder Argenturmeldungen einfach umformulieren. Klar, ein so hohes Amt setzt eine gewisse Ehrlichkeit voraus. Was ich vermisse ist die Verhältnismäßigkeit. Das deutsche Volk akzeptiert seit Jahrzehnten, wenn es dem Großteil der Politiker ausschließlich um Machterhalt und Machtausbau geht, dass sie Ehrlichkeit und Fairness absolut nicht interessiert. “Das ist halt Politik und kein Schönheitswettbewerb” sagt man dann.
    Zum Glück urteilen Fachleute nun über das Werk. Die Arbeit des GutenPlag ist sicherlich sehr wichtig. Jedoch sollte man zuerst selbst oder durch Fachleute eine inhaltliche Wertung abwarten, bevor man nun Guttenberg aburteilt. Soweit meine Meinung als Laie.

  21. Lesenswerte Artikel 21. Februar 2011 |  21.02.2011 | 14:23 | permalink  

    [...] GuttenPlag: ‘Cognitive Surplus’ bei der Arbeit “Das Mit-Mach-Recherche-Netz hat hier die Recherche-Leitmassenmedien überflügelt. So sieht es zumindest derzeit aus. Die Nutzer-Massen waren zu mehr imstande als das einst so enigmatisch-allwissend erscheinende Spiegel-Archiv.” [...]

  22. Sascha Stoltenow |  21.02.2011 | 16:18 | permalink  

    @xub:
    - Ja, eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Arbeit zu Guttenbergs steht noch aus.
    - Ja, die Visualisierung der Fundstellen hat eine propagandistische Wirkung (und vermutlich auch Absicht – wie das Statement zu Guttenbergs im Übrigen auch).
    - Ja, seine Verfehlungen aus einer Zeit als Abgeordneter haben nur mittelbar mit der Frage zu tun, ob er als Bundesminister geeignet ist.

    Ein großes NEIN, aber zu der Frage, ob er einfach nur geschludert hat. Das widerspricht jeder Lebenserfahrung. Ich habe zwei Studiengänge mit Abschlußarbeiten erfolgreich beendet und kann mich noch sehr genau an jede einzelne Hausarbeit erinnern (wie im Übrigen auch die meisten Menschen in meinem Umfeld, die ich befragt habe). Die eigentliche Lüge ist das Statement, das zu Guttenberg dazu abgegeben hat.

  23. Sascha Stoltenow |  21.02.2011 | 16:25 | permalink  

  24. Sabrina |  21.02.2011 | 16:56 | permalink  

  25. xub |  21.02.2011 | 17:01 | permalink  

    @Sascha. Es geht ja nicht darum, was GutenPlag leisten kann oder was nicht. Das wurde hier bereits dargestellt. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit jeder FUndstelle ist aufgrund der schieren Masse bereits schwierig. Mir persönlich fehlt der Hintergrund/ das Fachwissen oder schlichtweg auch die Zeit, jede Fussnote, die Guttenberg in den vermeindlichen Plagiaten gesetzt hat, zu prüfen um zu schauen ob er nicht ein Plagiat als Grundlage hatte und nur der arme am Ende der Kette ist. Wie gesagt wird dabei aber bei weitem nicht jede Fundstelle erklärbar sein. Vielleicht auch nur ein verschwindend geringer Teil.
    Ich warne davor, die im Moment noch wenig inhaltlich arbeitende Schwarmintelligenz, die hier exzellent arbeitet, für eine Vorverurteilung zu nutzen. Das Intelligente an Wikileaks ist ebend, dass nicht nur plastisch etwas unbearbeitet im Netz steht, sondern dass VOR Veröffentlichung mit Journalismus eine Wertung herbeigeführt wird, so dass eben Wikileaks auf der einen Seite Hand in Hand mit einer bereits inhaltlichen Aufarbeitung geht.

    Ob er nur geschludert hat, wage ich auch zu bezweifeln. Ob diese ominösen 10% Unschärfe, die im Raum stehen als akzeptables Maß einer wissenschaftlichen Arbeit, ok sind, will ich nicht beurteilen. Und dennoch ist das Bild eben nicht so schwarz/weiß wie es rüberkommt.

    Leider tendieren die Medien dazu, die Vorverurteilung zuerst zu betreiben. Getrieben durch den Boulevard, der nicht zurückhalten abwartet sondern ohne Kenntnis der Fakten, sich sofort auf eine Seite stellt, ziehen nahezu alle Medien nach. Es wird sofort nach Rücktritt gefragt oder sofort der Rücken gestärkt (Bild). Dabei sind weder der Umfang noch der Inhalt irgendwie ansatzweise geklärt.

    Im Grunde muss man festhalten: Auch wenn GutenPlag hier fast in Echtzeit agiert, kommt es bereits zu spät. Die Vorverurteilung der Medien ist bereits passiert… Schade…

  26. Tomchen |  21.02.2011 | 17:28 | permalink  

    Naja, der Vergleich zum Spiegel ist nicht ganz fair. Erstens hat der Spiegel wohl bedeutend weniger Manpower um die ganze Dissertation innerhalb kürzester Zeit zu überprüfen und zweitens erscheint der Spiegel in einigen Großstädten schon sonntags, weswegen er wahrscheinlich irgendwann samstags in Druck geht. Insofern blieb dem Guttenplag-Wiki ja wesentlich mehr zusätzliche Zeit.

  27. Sascha Stoltenow |  21.02.2011 | 17:56 | permalink  

    @xub: So einfach ist das mit dem Medien-Bashing nicht, denn zu jeder (Vor)Verurteilung suchen sie sich einen Kronzeugen, bspw. bei der Opposition, außer dort, wo sie selbst kommentieren. Das mag bedauerlich sein, aber erst so entsteht die Dynamik, die die Enthüllung braucht. Oder anders gewendet: Wissen wir eigentlich, dass Mubarak und Ben Ali so böse Buben sind, bzw. wussten wir das, als die Proteste begannen? Eher nicht. Also: Medien sind nicht das Ende der Erkenntnis, sondern ihr Beginn.

  28. xub |  21.02.2011 | 18:30 | permalink  

    @Sascha: Es gibt zwei Arten von Vorverurteilungen: Die Reflexe und die geschilderten anhand von Kronzeugen/Faktenlagen. Bei Mubarak ist es nicht nur offensichtlich, sondern im Grunde seit Langem bekannt, dass sich sein Clan beispielsweise sehr deutlich am Volk bereichert hat, dass er wohl aber auch seine guten Seiten hatte. Der Vergleich mit Libyen ist sicherlich spannend, dort laufen die Uhren anders als in Ägypten unter Mubarak.
    Bei Guttenberg entstand eine Vorverurteilung als Reflex. Und der ohne Reflektion des Inhalts. Es mag so sein: Je präsenter eine Person im Boulevard ist (Super-Gutti aus der Bild meinetwegen), desto reflexartiger wird er vorverurteilt. Ähnliches ist beim Kachelmann, der auch reflexartig vorverurteilt wurde noch bevor irgendwer öffentlich irgendein Detail der Faktenlage kannte.

    Das sei so. Dieses Spiel treibt der Boulevard seit vielen Jahrzehnten erfolgreich immer wieder. Ich wundere mich, wie schnell alle auf diesen Zug springen. Selbst vermeindlich seriöse Medien (zumindest der weit verbreiteten Teile der Landschaft) halten sich seit gut einem Jahrzehnt immer seltener zurück, sondern stellen sich sofort zuerst auf eine Seite, prügeln los (Pro oder Contra, Schwarz oder Weiß) und alle prügeln mit. Erst Wochen später beginnt man sich langsam auf Journalismus zu besinnen und betreibt nach und nach Aufklärung. Da ist aber meist bereits der Vorverurteilte einmal als Sau durchs Dorf getrieben worden.

    GutenPlag sollte sich in meinen Augen Aufklärung auf die Fahnen schreiben und eine inhaltliche Stellungnahme nicht verfrüht abgeben. Ich lese bereits: “Wer 60% seiner Arbeit verfälscht, der ist doch bereits als Lügner überführt. Rauswerfen, der soll nie wieder einen Job kriegen” in diversen Foren. Die Frage, die ich aufwerfe: Kann die Schwarmintelligenz nicht doch lieber ihre arbeit in mehreren Stufen abwickeln? Hier hat GutenPlag versagt.
    Richtig wäre gewesen: Schritt 1: Inhaltssammlung. Schritt 2: Inhaltsanalyse. Schritt 3: Wertung und Ergebnispräsentation.
    Oben steht, dass GutenPlag nciht den Journalismus ersetzt. Trotzdem wird genau das versucht… Ich halte es für fragwürdig.
    GutenPlag nimmt die fragwürdige inhaltliche Aufbereitung in Form einer lustigen bunten Grafik bereits vorweg. Das ist teilweise nicht tragbar. Schaut euch Seite 162 an. Die ganze Seite wird wegen 15 Wörtern als Plagiat gekennzeichnet. Gehts noch? Ohne inhaltlich zu werten wird 60% der Arbeit als Plagiat gekennzeichnet. Das wird von Medien und Kleingeistern übernommen. Ich bin keinesfalls der Ansicht, dass hier kein Plagiat vorliegt, ich weiss es im Moment nicht. Und wenn eines auch von der Uni festgestellt wird, wird zu Recht auch nach politischen Konsequenzen gefragt werden. Aber ich habe ein Problem mit GutenPlag aufgrund der Selbstpräsentation und aufgrund des Versuchs, Echtzeit-Journalismus über eine Schwarmintelligenz abzubilden. Das wirft die Frage auf: Sind die Wiki-Betreiber dort einfach grenzenlos naiv? Sind sie überfordert? Haben sie eine politische Motivation, diese Prozentzahlen einer inhaltlich weitesgehend ungewerteten Sammlung ins Netz zu stellen?
    Dass die Medien dies aufgreifen oder auch die Politik selbst und dies in eine politische Botschaft verswurschteln, muss doch auch den Machern von GutenPlag klar sein. Ich hätte diese Prozentzahlen einfach komplett rausgelassen. Schritt 3 nicht vor Schritt 1 gemacht.

  29. Paul Ney |  21.02.2011 | 23:55 | permalink  

    [guttenplag 2.0] Nach einem Steinwurf ins Wasser bilden und bewegen sich kreisförmige Wellen… Die nächste Stufe ist zu vermuten, da wird gefragt: Wer sind die Doktor-Väter, wer hat bei der Disputation teilgenommen, wer hat das Werk wo rezensiert bzw. (als Literatur) zitiert? Wer ist mit der Materie so vertraut, daß ihm/ihr irgendwas hätte auffallen müssen?
    ++ Irgendwo zwischen 1.0 und 2.0 stellt sich auch die Frage: Hat das Werk ein einheitliches Erscheinungsbild, wie sehen die Nahtstellen zwischen den inkriminierten Passagen aus? Es gibt auch eine historische Text- bzw. Quellen-Forschung, bei manchen fast-archaischen Texten wurden z.B. mehrere Autoren bzw. Entstehungsstufen “erkannt”.
    ++ Irgendwann (?) wird man sich mit dem real existierenden “Akademischen Betrieb” inniger auseinander setzen… Besonders in den “Humanities” — englischer Ausdruck für so ziemlich alles, was mit Mensch bzw. Gesellschaft zu tun hat — herrschen eigenartige Machstrukturen mit starkem Erhaltungstrieb…

  30. Armin Linder |  22.02.2011 | 00:35 | permalink  

    “Das Mit-Mach-Recherche-Netz hat hier die Recherche-Leitmassenmedien überflügelt. So sieht es zumindest derzeit aus.”

    autsch. das ist bereits seit über 10 jahren realität.
    frage mich also wie der autor auf so einen stuss kommt.

    “das einst so enigmatisch-allwissend erscheinende Spiegel-Archiv.”


    alles klar, die frage hat sich erledigt.

  31. GuttenPlag: 'Cognitive Surplus' bei der Arbeit — CARTA | My Wikileaks Game, Browsergame, Rollenspiel |  22.02.2011 | 00:44 | permalink  

    [...] den Originalbeitrag weiterlesen: 15 – GuttenPlag: 'Cognitive Surplus' bei der Arbeit — CARTA Content Ende Zitat/ Auszug Diesen Beitrag in sozialen Netzwerken posten, Danke! [...]

  32. Wolfgang Michal |  22.02.2011 | 14:48 | permalink  

  33. Medien und der Fall Guttenberg: Ohne Internet geht’s nicht mehr |  01.03.2011 | 16:51 | permalink  

    [...] Umfang, mit dem die “Mängel” aufgedeckt wurden. Die Qualität der Recherche, möglich durch den Cognitive Surplus der Vielen, wäre in dieser umfassenden Qualität von keiner Redaktion geleistet worden; zu [...]

  34. Karl-Theodor zu Guttenberg tritt zurück |  01.03.2011 | 17:35 | permalink  

    [...] der vom Internet gestürzt wurde und einen sicheren Beleg für den wachsenden Einfluss kollektiver Informationsverarbeitung.  Markus Beckedahl von netzpolitik hält das Internet für einen wichtigen Bestandteil aber findet [...]

  35. Zum Rücktritt von zu Guttenberg: Nach Tunesien und Ägypten übte auch in Deutschland das Netz die politische Einflussnahme ( + Presseschau und Blogreaktionen) « Blick Log |  02.03.2011 | 08:18 | permalink  

    [...] zu Guttenberg ist eine Schlappe für die Bild-Zeitung und ein Beleg für den wachsenden Einfluss kollektiver Informationsverarbeitung im [...]

  36. Beliebteste Suchbegriffe » GuttenPlag: 'Cognitive Surplus' bei der Arbeit |  08.03.2011 | 15:58 | permalink  

    [...] den Beitrag weiterlesen: GuttenPlag: 'Cognitive Surplus' bei der Arbeit Medien zum Thema   Medien by [...]

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