Netzkommentar: Der erste Verlag des 21. Jahrhunderts

Mein Netzkommentar für DRadio Wissen: Warum man das aggressive Publishing-Modell von AOL nicht unterschätzen sollte.

Der Internetkonzern AOL wird die Huffington Post für 315 Millionen Dollar kaufen. Auf Häme diesbezüglich musste man hierzulande nicht lange warten:

„Verzweiflung trifft auf Geldgier“ titelte „Meedia“. Die „Zeit“ tadelte die AOL-Pläne als „waghalsig“ und „unsicher“.

Was für kleingeistige Haltungen.

Glaubt ernsthaft jemand, dass die Neuerfindung des Verlagswesens im Internet ohne hohes Risiko zu haben sei? Glaubt ernsthaft jemand, dass es dabei ohne Geschäftssinn und Geld zugehen würde?

AOL erfindet sich derzeit neu – und es erscheint durchaus möglich, dass dabei ein Publishing-Konzern der nächsten Generation entstehen könnte: stark Technologie orientiert, stark vernetzt, stark dezentral, kompromisslos im Controlling.

Mehr als 90 Internetseiten betreibt AOL inzwischen, darunter die robusten Internetmarken Engadget, Techcrunch und nun auch die Huffington Post. Hinzu kommen das lokale Blognetzwerk Patch und die Freelancer-Plattorm Seed.

Die Huffington Post auf der anderen Seite hat schneller begriffen und schneller umgesetzt als andere, was erfolgreiche Publikationen im Netz ausmacht: Die schnelle und urteilssichere Kuratierung der Nachrichtenlage, eine starke Verlinkung, eine sehr lebendige Community, um einige Punkte zu nennen.

Arianna Huffington und AOL-Chef Tim Amstrong stehen für eine aggressive, radikal ergebnis- und nutzergetriebene Innovationskultur im Publishing-Geschäft.

Im Netzwerk Huffington Post, Engadget und Co. entstehen derzeit viele Dinge, die typisch für den Publishing-Konzern des 21. Jahrhunderts sein könnten. Vieles davon ist für klassische Journalisten und klassische Verlage ein Schreckgespenst.

Doch nur weil einem Dinge nicht sympathisch sind, sollte man hier nicht den Fehler begehen, sie deshalb zugleich zu unterschätzen. Das AOL-Modell hat mehr Zukunft als uns viele deutsche Journalisten glauben machen wollen.

Kommtar hier anhören.

Nachtrag: Natürlich habe ich dieses AOL-Papier gelesen – und finde es auch nicht sonderlich sympathisch.