Stephan Ruß-Mohl

Tom Sawyers Geschäftsmodell

 | 7 Kommentar(e)


Haben wir eine neue Internet-Blase? Stephan Russ-Mohl meint ja, mit dem Blick auf die jüngsten Bewertungen von Twitter, Facebook und The Huffington Post.

17.02.2011 | 

Der Online-Kurznachrichtendienst Twitter soll inzwischen zehn Milliarden Dollar wert sein. Die astronomische Summe wäre, so hat die Financial Times Deutschland ausgerechnet, das 222-fache des Umsatzes. Noch im Dezember wurde das Unternehmen von Investoren mit 3,7 Milliarden bewertet. Noch kometenhafter ist der Aufstieg von Facebook am Investoren-Himmel, während andere soziale Netzwerke wie StudiVZ oder Myspace bereits dramatisch an Wert eingebüsst haben.

Die Schätzwerte für Twitter und Facebook deuten neuerlich auf Blasenbildung hin – auf Phantasiepreise, die nicht mehr durch reales Wirtschaften gedeckt sind. Auch die „nur” 315 Millionen Dollar, die der schwächelnde einstige Internet-Gigant AOL soeben für die Huffington Post bezahlt hat, ist solch ein Phantasiepreis – selbst wenn sich AOL damit die erfolgreichste amerikanische Online-Zeitung einverleibt. Erst 2005 ist dieser Start up ins Netz gegangen. Das Bemerkenswerte ist sein „Geschäftsmodell“. Im Kern beruht es darauf, andere für sich arbeiten zu lassen, ohne sie dafür zu bezahlen – so wie dereinst Tom Sawyer, der von seiner Tante dazu verdonnert worden war, ihren Zaun zu streichen. Der smarte kleine Tom spannte seine Freunde für sich ein. Er erzählte ihnen, wieviel Spass das Pinseln mache – und liess sie‘s dann ausprobieren…

Heute sind Hunderte von Bloggern gratis für die Website der geschäftstüchtigen Ariana Huffington im Einsatz, darunter viele ihrer prominenten persönlichen Freunde. Was sie nicht an Inhalten beisteuern, „erzeugt“ ein kleines Redaktionsteam, dessen Arbeit zum Grossteil darin besteht, die Plattform HuffPo mit dem Content anderer Websites zu verlinken.

Trittbrettfahren nennen das Ökonomen. Leonard Downie jr., der frühere Chefredakteur der Washington Post wird deutlicher und spricht von parasitärem Verhalten. Dass man damit reich werden kann, ist allerdings keine Errungenschaft des Internets – es soll auch in den guten alten, vor-virtuellen Zeiten schon dem ein oder anderen Glücksritter gelungen sein.

Mehr zu : | | |

CARTA Kaffeekasse

7 Kommentare

  1. noName |  17.02.2011 | 08:28 | permalink  

    Mit dem kleinen Tom hatte ich mal am 02.01.2011 | 17:34 | einen Einzelunternehmer namens Robin verglichen. :) Vielleicht gibt’s irgendwann auch ein fettes Angebot mit vielen Nullen. Glücksritter soll’s ja auch in Deutschland geben. ;)

  2. Robin Meyer-Lucht |  17.02.2011 | 13:07 | permalink  

    @ noName: So sehr ich die Aufregung der Huffington Post-Blogger verstehe, so sehr muss ich mich über ihre Naivität wundern – die HuffPo wurde mit Milliarden von VC-Kapital aufgepumpt. Haben sie ernsthaft geglaubt, dass das Kapital nicht irgendwann eine Rendite fordert? Warum haben sie Vereinbarungen akzeptiert, die ihnen keine Veräußerungswinne zubilligt?

  3. noName |  17.02.2011 | 13:13 | permalink  

    War nicht ganz ernst gemeint, @Robin Meyer-Lucht. ;)

  4. noName |  17.02.2011 | 13:17 | permalink  

    Ach, “ihre Naivität” habe ich als meine verstanden. Jetzt verstehe ich #2, gemeint waren die Blogger. Da bin ich aber froh. ;)

  5. lm |  17.02.2011 | 14:59 | permalink  

    Lieber Herr Professor,

    man kann nur hoffen, dass Sie Ihre Studenten differenzierter ausbilden als mit solchen Schlicht-Einschätzungen. Wer Besseres erfahren will, klügere Kritik und ein paar Einsichten, warum die HuffPo beinahe die NYT eingeholt hat, hier ein paar Vorschläge:

    http://fivethirtyeight.blogs.nytimes.com/2011/02/12/the-economics-of-blogging-and-the-huffington-post/

    http://mediamemo.allthingsd.com/20110207/aol-huffington-post-wont-go-to-11-but-it-does-make-sense/

    http://www.huffingtonpost.com/2011/02/10/huffington-post-bloggers_n_821446.html

    http://blogs.reuters.com/felix-salmon/2011/02/08/why-the-nyt-will-lose-to-huffpo/

  6. Die Politik » Tom Sawyers Geschäftsmodell |  18.02.2011 | 06:01 | permalink  

    [...] Tom Sawyers Geschäftsmodell [...]

  7. Stephan Russ-Mohl |  18.02.2011 | 21:22 | permalink  

    @Im: Danke für die interessanten Links. Ich fürchte, die Carta-Redaktion hat diesmal vergessen, anzufügen, dass sie diese Kolumne nur zweitverwertet. Sie erscheint zunächst in der österreichischen Wochenzeitung “Die Furche” – und wendet sich somit an ein gebildetes, aber nicht unbedingt netz-affines Publikum. Versuchen Sie doch einfach mal, mit 1800 Zeichen das, was an dem HuffPo-AOL-Deal spannend ist, “rüberzukriegen” – dann bin ich wahnsinnig gespannt aur Ihre Differenzierungen….

Sie können Ihren Kommentar mit HTML-Befehlen formatieren.