Tom Sawyers Geschäftsmodell

Haben wir eine neue Internet-Blase? Stephan Russ-Mohl meint ja, mit dem Blick auf die jüngsten Bewertungen von Twitter, Facebook und The Huffington Post.

Der Online-Kurznachrichtendienst Twitter soll inzwischen zehn Milliarden Dollar wert sein. Die astronomische Summe wäre, so hat die Financial Times Deutschland ausgerechnet, das 222-fache des Umsatzes. Noch im Dezember wurde das Unternehmen von Investoren mit 3,7 Milliarden bewertet. Noch kometenhafter ist der Aufstieg von Facebook am Investoren-Himmel, während andere soziale Netzwerke wie StudiVZ oder Myspace bereits dramatisch an Wert eingebüsst haben.

Die Schätzwerte für Twitter und Facebook deuten neuerlich auf Blasenbildung hin – auf Phantasiepreise, die nicht mehr durch reales Wirtschaften gedeckt sind. Auch die „nur” 315 Millionen Dollar, die der schwächelnde einstige Internet-Gigant AOL soeben für die Huffington Post bezahlt hat, ist solch ein Phantasiepreis – selbst wenn sich AOL damit die erfolgreichste amerikanische Online-Zeitung einverleibt. Erst 2005 ist dieser Start up ins Netz gegangen. Das Bemerkenswerte ist sein „Geschäftsmodell“. Im Kern beruht es darauf, andere für sich arbeiten zu lassen, ohne sie dafür zu bezahlen – so wie dereinst Tom Sawyer, der von seiner Tante dazu verdonnert worden war, ihren Zaun zu streichen. Der smarte kleine Tom spannte seine Freunde für sich ein. Er erzählte ihnen, wieviel Spass das Pinseln mache – und liess sie‘s dann ausprobieren…

Heute sind Hunderte von Bloggern gratis für die Website der geschäftstüchtigen Ariana Huffington im Einsatz, darunter viele ihrer prominenten persönlichen Freunde. Was sie nicht an Inhalten beisteuern, „erzeugt“ ein kleines Redaktionsteam, dessen Arbeit zum Grossteil darin besteht, die Plattform HuffPo mit dem Content anderer Websites zu verlinken.

Trittbrettfahren nennen das Ökonomen. Leonard Downie jr., der frühere Chefredakteur der Washington Post wird deutlicher und spricht von parasitärem Verhalten. Dass man damit reich werden kann, ist allerdings keine Errungenschaft des Internets – es soll auch in den guten alten, vor-virtuellen Zeiten schon dem ein oder anderen Glücksritter gelungen sein.