Plakative Profile – Wahlkampf in Hamburg
Die erste Entscheidung des Superwahljahrs 2011 steht an. Deshalb hat sich die Profilagentin Kixka Nebraska die Wahlplakate in ihrem Hamburger Wohnbezirk etwas genauer angesehen.
Am 20. Februar werden in Hamburg die Bürgerschaft und die Bezirksversammlungen neu gewählt. Deshalb ist die Stadt derzeit komplett mit Wahlplakaten vollgestellt und zugepflastert. Als radfahrende Bürgerin sind mir in meinem Bezirk immer dieselben Motive und Gesichter aufgefallen, als Profilagentin bin ich immer wieder an denselben optisch irritierenden Punkten hängengeblieben.
Ein kurzer Blick auf die Plakate auf meinem Weg:
Das neue Wahlrecht mit 20 Stimmen erscheint auf den ersten Blick kompliziert genug, dazu wird neben der Bürgerschaft eben auch die Bezirksversammlung gewählt, so dass Plakate, die für eine Partei stehen, neben denen stehen, auf denen einzelne Abgeordnete zu sehen sind. Mutig, sich dann für ein Großplakat zu entscheiden, bei dem der Name des Abgebildeten fehlt.
Aus der Binnenperspektive der CDU ist klar, wer dieser Mann ist. Er ist aber weder von der Bekanntheit noch von der Ausstrahlung her mit Ole von Beust zu vergleichen, der sich das in guten Zeiten in Hamburg hätte erlauben können. Davon auszugehen, die Wähler wüssten schon, wer hier zu sehen ist, halte ich bei der hohen Zahl von politisch Nicht- und Halbinteressierten mindestens für fahrlässig.
Über den bemerkenswerten Text speziell dieses Plakates wurde an anderer Stelle bereits diskutiert. Nicht nur an diesem Beispiel wird deutlich, dass die CDU ihre Kampagne parteiintern entwickelte, anstatt Profis zu beauftragen.
Doch machen die anderen es besser? Die Plakate von Olaf Scholz sind auf meiner Strecke sehr viel dichter gestellt. Vom Auftritt her sind sie sehr viel unaufgeregter. Vernunft – Verantwortung – Klarheit. Alles wünschenswerte Eigenschaften für einen Hamburger Bürgermeister. Doch ausgerechnet nach rechts oben aus dem Bild zu sehen, wenn Vernunft daneben steht, ist keine gute Idee.
Es gibt die psychologische Hypothese, dass Menschen, die nach rechts blicken, lügen. Nicht besonders wissenschaftlich belegt, aber sie funktioniert gut genug, um in den Köpfen der Menschen hängen zu bleiben. Selbst wenn Olaf Scholz Linkshänder sein sollte, käme diese Information fürs Unbewusste zu spät.
Der ganze Auftritt von Olaf Scholz erinnert an Gerhard Schröder, SPIEGELonline titelte dann auch sehr schön Scholz schrödert sich durch den Wahlkampf. Digital ist das Team um Olaf Scholz gut aufgestellt, zumindest bereits sehr viel länger, transparenter und glaubhafter als andere Politiker.
So viel zu den Spitzenkandidaten. Nun die anderen Politiker auf meinem Weg:
Katharina Wolff versucht für die CDU “Junge Ideen, vertraute Werte” zu vermitteln. Nice Try. Die Symbole für Twitter und Facebook sollen vermutlich ihre Netzkompetenz unterstreichen, was in etwa so glaubhaft funktioniert wie der Netzkongress der CSU.
Vorab noch eine Anmerkung zur Grafik: So kleine Symbole verschwinden optisch noch schneller, wenn sie auf Flächen montiert werden, die im selben Farbspektrum angesiedelt sind. Ein Stück unterhalb des grünen Kupferdaches wäre das türkise Twittersymbol deutlicher zu erkennen gewesen.
Aber vielleicht ist das auch Absicht. Der am 6. Januar eingerichtete, noch sehr junge Account weist ganze vier Tweets und 13 Follower auf. Ob es sinnvoll ist, aus taktischen Gründen so vorzugehen? In dem Moment, in dem offensichtlich wird, dass der Account nur eingerichtet wurde, damit das Twitter-Symbol auf dem Wahlplakat auftauchen kann, möchte ich das bezweifeln.
Bündnis 90/Die Grünen scheinen eine Wahlkampf-Plakatmaske zu haben, in welche die Teams der Kandidaten das entsprechende Foto einfügen konnten. An diesem Plakatmotiv mit Till Steffen halte ich zwei Dinge für optimierbar:
1. Der grüne Pfeil, der auf “Bürgerrechte stärken” weist, erinnert mich an das Logo des Business-Networks XING:
Es ist nicht exakt das Grün und nicht exakt die Form, aber von der Anmutung her liegt der Vergleich nicht so fern. Kann man machen – die Gestaltenden sollten sich dann aber klar darüber sein, dass auch hier die falschen Assoziationen ausgelöst werden könnten.
Der zweite Punkt, den ich anders gelöst hätte, ist die Positionierung von Till Steffen. Sein Kopf wirkt fast etwas verloren und befindet sich weder richtig in der Mitte noch im Goldenen Schnitt. Um der Kollision mit dem Pfeil und dem grünen Balken oben rechts aus dem Weg zu gehen, hätte ich ihn weiter nach links verschoben – und ein wenig vergrößert, damit er auf dem Plakat nicht so verloren wirkt.
Das Plakat von Katja Suding, FDP, wurde vor allem wegen ihrer Kleidung, einem dem Hamburger Schietwetter angemessenen Friesennerz, diskutiert.
Ich habe da noch andere Bedenken: Bei einem Plakat, das sich direkt auf eine Person bezieht, halte ich es für falsch, die URL der Partei anstelle der persönlichen Internet-Seite der Kandidatin anzugeben: Auf ihrem Plakat ist nur www.fdp-hh.de und nicht ihre persönliche Seite http://www.katjasuding.de/ zu finden. Der wiederum fehlt noch ein passendes Favicon, ist aber im ganzen vergleichsweise recht gut gemacht.
Mein Problem mit dem Plakat ist ein grundsätzliches mit der FDP – zumal dann, wenn eine so aufgeräumte, fröhliche und für eine Politikerin unkonventionell gekleidete Frau zu sehen ist:
Ich sehe da nicht FDP, ich nehme viel eher IKEA wahr. Katja Suding passt mit ihrem Auftritt viel zu gut in die lockere, heile IKEA-Welt.
Genau der gegenteilige Effekt tritt bei der Piratenpartei ein: Ein Auftritt, wie er authentischer nicht sein könnte. Claudius Holler gibt überzeugend den Hoodie-tragenden Hauptkandidaten der Piraten. Ganz spannend: Neben dem Verweis auf die Seite www.piratenpartei-hamburg.de ist im unteren Bereich, vor seinem Namenszug, ein QR-Code abgedruckt. Kein Facebook-Button, kein Twitter-Account (beides ebenfalls existent).
Diese “Pixelhaufen” sind inzwischen tatsächlich relativ verbreitet – aber wie oft werden sie genutzt? Im Supermarkt ist mir bisher noch nie jemand begegnet, der die richtige App auf dem Smartphone aktiviert und die Codes eingescannt hat, um Preise zu vergleichen. Ich bin vom Rad gestiegen und habe es probiert, es klappt hervorragend.
Claudius Hollers Profilseite auf Abgeordnetenwatch.de ist sehr gut gepflegt, es finden sich ausgezeichnete Antworten, aus denen seine Kompetenz und Sicherheit im Umgang mit ganz unterschiedlichen Fragestellungen sichtbar wird – und auch sein Vermögen, über den Piraten-Tellerrand hinauszublicken.
Das Plakat bleibt mir dagegen auf der Seite “Bürgernähe” zu sehr den Nerds verpflichtet. Die Kernzielgruppe wird mit dem Plakat sicher erreicht, ob die Neugier von potentiellen Wechselwählern erreicht wird, bleibt die offene Frage.
Fazit: Es ist noch nicht ganz so schlimm, wie Christoph Kappes twittert:
Aber tendenziell leider auch nicht gänzlich abwegig.












14 Kommentare
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[…] Nebraska Teilnehmerin der re:publica und anderer Veranstaltungen und habe z.B. bei Carta unter dem Namen Beiträge […]
[…] liefern. Ein völlig neuer Ansatz, nachdem insbesondere die Piraten schon verschiedentlich mit QR-Codes auf Wahlplakaten gearbeitet […]
[…] der Bürgerschaftswahl in Hamburg. Über den Hamburger Wahlkampf wurde u.a. schon hier, hier , hier, hier und hier […]
[…] Die aktuellen Plakate im Hamburger Wahlkampf bespricht die Profilagentin Kixka Nebraska. Was ist da nur aus der rumpeligen Beta 0.37 Version von Scholz geworden? So ein Alpha Vers. 0.98 […]
@Paul Ney Vielen Dank für Ihre Anmerkungen. Meine Eindrücke habe ich in den letzten Wochen auf meinem täglichen Arbeitsweg gewonnen – und der führt nun einmal nicht entlang administrativ-definierter Stadtgebiete, sondern beginnt im Ausläufer des einen Viertels und endet im nächsten. Insgesamt keine drei Kilometer.
Ich selbst bedaure am meisten, dass sich auf dieser Strecke kein Plakat des „Die Partei“ Spitzenkandidatens Heinz Strunk befand.
In dieser wie in einiger anderer Hinsicht bestand für meinen Text aber auch kein Anspruch auf Vollständigkeit oder letzte Wahrheit.
@ #8, comment-23684, Christoph Kappes am 10.02.2011 10:51
„80% Ihrer Meinung (Ausnahme: K. Wolff wg. Twitter“ — =20%? ;-)
„Impressionen einer “Flaneurin”“ — Wahrscheinlich hätte ich den Artiekl gar nicht angesprochen, wäre die Protrait-Sache in getrenntem Absatz untergebracht gewesen, aber geguckt hätte ich und zwar wegen der sich langsam etablierenden „Promenadologie“ (Siehe [[de.wikipedia.org/wiki/Promenadologie]]) bzw. „Spaziergangswissenschaft“. Im Leben muß nicht alles streng nach wiss. Grundsätzen organisiert werden, man kann aber — im Geiste der *logie — Wahlkampf-Impressionen in administrativ-definierten Stadtgebieten sammeln.
Übrigens, eine längere interessante Debatte zu Pedestrianismus usw. hat in der deutschen Usenet-Newsgroup [de.etc.sprache.deutsch] stattgefunden, ab Karl-Ludwig Diehl, „Endlich ein „neues“ deutsches Wort: Pedestrianismus“ am 29.12.2009 21:22.
@Paul Ney:
thx we R fine ;-)
Ich bin nach Lesen Ihres Kommentars zu 80% Ihrer Meinung (Ausnahme: K. Wolff wg. Twitter: Der Eindruck auf dem Plakat, Twitter sei ihr vertraut, entsteht bei Ihnen nicht?).
Trotzdem stehe ich zu diesem Cross-Posting, weil ich seinen Inhalt eher als Impressionen einer „Flaneurin“ sehe, die ihre Subjektivität ja offenbart. Und weil ich mich bei ersten Lesen gewundert habe, dass ich so etwas kritisches in der hamburger Presse bisher nicht gesehen habe. Obwohl genau dieses, nämlich die Beobachtung der Politik, welche von den Parteien mehr als geprägt wird, die Aufgabe der Presse wäre.
Wir holen hier also etwas nach, was Hamburg braucht. Kostenlos und mit kargen Mitteln ;-)
Hallo Carta, haudujudu?! ;-) Dieser Crosspost-Artikel hat mich doch etwas enttäuscht. Hat die Redaktion die kurze Einleitung geschrieben? Denn ich habe [[www hamburg.de]] aufgesucht und mich „über Hamburgs 105 Stadtteile in den 7 Bezirken“ informiert, die Freie- und Hanse-Stadt soll auch 17 (?) Wahlkreise haben. „in ihrem Hamburger Wohnbezirk“ — „Wohngegend“ würde man in diesem Zusammenhang nicht mißverstehen.
Die Eindrücke der Autorin werden m.E. z.T. in einer etwas überstrapazierten Form dargestellt. Einige Beispiele:
++ Olaf Scholz. „Menschen, die nach rechts blicken, lügen. […] um in den Köpfen der Menschen hängen zu bleiben“ — deshalb wurde sowas in den Text eingebunden?! ;-) Weiter unten auf der Seite guckt er ja nach links, was dann? Was ist mit all denen ab&zu nach rechts blickenden Fahrradfahrer/inne/n?! Was sagen dazu die Protraitisten vom Fotografenverband?
++ Katharina Wolff. Sie hat sich also kürzlich ggf. wg. der Wahl bei Twitter angemeldet. Und?
++ Till Steffen. Nette Verbesserungsvorschläge.
++ Katja Suding. Nur ihr Name wird kleingeschrieben im Uploads-Ordner von [[www profilagentin.com]]: „katja-suding-fdp-300×224.jpg“… Sie würde sich vielleicht für die Veröffentlichung ihrer persönlichen Website bedanken; den anderen Kandidaten hat aber die Autorin nicht geholfen…
++ Ikea. Trägt die FDP Ikea-Farbe oder umgekehrt?! ;-)
++ Claudius Holler. Das mit dem QR-Code ist wirklich originell, das muß man sich merken. Hat aber die Piraten-Website eine passende App zum Download?
(nicht-klickbare Links in [[+]]-Klammern, wg. Carta-spam-Schutz)
[…] Plakative Profile – Wahlkampf in Hamburg […]
Als ich das Klarheit-Plakat der SPD sah, musste ich als Schlagwort zu erst an „Konzeptlosigkeit“ denken. Das passt doch viel besser.
Die Sache mit dem Code bei der Piratenpartei find‘ ich hingegen ja mal richtig geil; das ist mal ‚ne dynamische Innovation, die dem Plakat einen Mehrwert verleiht.
[…] Carta.info hat diesen Text als Crosspost veröffentlicht! […]
Könnte es nicht auch sein, dass die Parteien in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht haben, dass konkrete Aussagen von den Wählern grundsätzlich betraft werden? Dies war natürlich nur rein hypothetisch gemeint. Jetzt darf wieder auf den (Parteien-)Staat eingeschlagen werden, für dessen Zustand der sog. „mündige Bürger“ selbstverständlich keinerlei Verantwortung trägt.
Die angenehme Leichtigkeit des Opferbewusstseins, schuldig sind ja immer nur die anderen…
[…] vielleicht auch indirekt ein schlechtes Licht auf die Wähler. Immerhin investieren die Parteien in Plakate mit kurzen Botschaften oder einzelnen Gesichtern und verteilen auf Wahlkampfständen nicht selten […]
Auf gar keinen Fall vorenthalten möchte ich euch diesen progressiv-dynamischen, peppigen und wirklich gelungenen Wahlwerbespot der CDU Hamburg: http://www.cduhamburg.de/deutsch/4029/725/725/27002/design1.html Nein. Das ist keine Satire.