Apple und seine Richtlinien: Der ewige Stachel im Fleisch des mobilen Internet

Exegese ist nicht nur ein Tätigkeitsfeld für Bibelforscher, sondern betrifft auch Apples Richtlinien für iOS-Geräte. Gerade gibt es hier wieder eine kleine, aber vermutlich weitreichende Neuinterpretation, die Drittanbietern digitaler Inhalte das Leben in der Welt der iPhones und iPads schwer machen könnte.

Man glaubt es kaum, aber auch die New York Times produziert hin und wieder einen Fehler. Als solcher entpuppte sich ein Artikel vom 01. Februar über Apples App-Store und die Gründe dafür, warum eine App, die Sony eingereicht hatte, zurückgewiesen worden war. Die NYT machte daraus eine große Sache, weil ihrem Verständnis nach Apple künftig alle Arten des Erwerbs von Content („In-App-Verkäufe“) unterbinden wolle, sofern diese nicht über Apples eigenen Shop, iTunes, abgewickelt würden.

Das wäre in der Tat ein extrem weitreichender Schritt gewesen, der einer ganzen Reihe von Anbietern, die mit Apps auf den iOS-Geräten von Apple vertreten sind, unmittelbar die Geschäftsgrundlage entzogen hätte. Tatsächlich beruhte die Zurückweisung der Sony-App darauf, dass man bei Sony die Richtlinien für den App Store wohl in einem entscheidenden Punkt missachtet hatte: Apple erlaubt Drittanbietern den Verkauf digitaler Inhalte auf seinen iOS-Geräten, allerdings nicht direkt in der jeweiligen App, sondern nur über den Umweg eines Browsers. Sony hatte offenbar vor, den Verkauf direkt in der App zu realisieren, was Apple nicht erlaubt.

Ein demgegenüber korrektes Beispiel lieferte Amazon mit seiner Kindle-App. Sie entsprach (zumindest bis Anfang Februar) den Richtlinien von Apple, weil die Kunden hier ihre E-Books nicht direkt in der App, sondern auf einer Website von Amazon kaufen, die in ihrer Optik und Benutzerführung so gut an das App-Design angepasst ist, dass viele User diese Art der Umleitung gar nicht bewusst wahrnehmen.

Während einige Medien, darunter ausgerechnet MG Siegler von TechCrunch, sich schnell auf die leicht falsche Fährte der NYT locken ließen,  warnten andere vor einem möglichen Missverständnis, bis von Apple die Klarstellung kam: Demnach dürfen Drittanbieter künftig weiterhin Inhalte außerhalb der App verkaufen, allerdings nur, wenn sie künftig auch einen Erwerb innerhalb der App ermöglichen, der zwingend über iTunes laufen muss.

Folglich müsste Amazon sich künftig als Anbieter bei Apples iTunes registrieren und jedes E-Book, das man auf der Kindle-App verkaufen möchte, auch in iBooks anbieten. Dort aber wird Apple unerbittlich seine 30%-Marge als Händler einfordern und damit die Kalkulation empfindlich beeinflussen. Davon betroffen ist nicht nur Amazon, sondern aus Deutschland beispielsweise Anbieter wie Hugendubel und textunes. Offen ist dabei auch, ob man als User künftig ein und dasselbe Objekt in iTunes von unterschiedlichen Anbietern wird kaufen können und ob es dabei unterschiedliche Preise geben wird. Apple selbst wäre dann wohl teils selbst Händler, teils Anbieter einer Handelsplattform, was den Charakter von iTunes stark verändern könnte.

Die Folgen der neuen „Auslegung“ der Apple Richtlinien sind also noch gar nicht absehbar. Auf der Ebene der User könnte dieser Schritt jedoch bedeuten, dass man auf längere Sicht einheitliche Bibliotheken haben wird. Denn bislang ist es so, dass man seine E-Books in den jeweiligen Applikationen sammelt und mit der Zeit den Überblick darüber verliert, was man wo gekauft und abgelegt hat. Wirklich praktisch ist das nicht.

Auf der Ebene des Handels jedoch stört Apple das Geschäft seiner Wettbewerber mit diesem Schritt empfindlich, so weit hat die NYT vollkommen recht. Am Ende ist dieses Hin und Her nur Wasser auf die Mühlen der Fortschrittsskeptiker, die mit Recht einwenden werden, dass früher alles besser war, weil man seine Schallplatten egal wo kaufen und sie auf einem beliebigen Plattenspieler laufen lassen konnte, während man heute von einem Walled-Garden in den anderen stolpert und die Zäune zwischen ihnen oft erst im Nachhinein als solche erkennt. Erst recht bei den E-Books, wo man vor lauter unterschiedlichen Readern, Betriebssystemen und Stores den Blick auf das Wesentliche völlig verliert: Die Bücher.

Gewiss, Apples harte Linie zielt aktuell in Richtung der Medienhäuser, die ihre digitalen Ausgaben von Zeitungen und Zeitschriften auf das iPad bringen möchten und dabei Apples Umsatzbeteiligung von 30 % liebend gern umgehen würden. Mit Rupert Murdochs „The Daily“ wird in Kürze die erste digitale Zeitung an den Start gehen, die vollkommen konform mit der aktuell verbindlichen Exegese von Apples Richtlinien sein wird. Der Rest der Branche darf danach dann gerne diesem Beispiel folgen, so jedenfalls stellt sich Steve Jobs das wohl vor.

Wer das gut heisst und eher verächtlich auf die Verlage blickt, wie das aktuell Matthew Ingram tut, macht es sich zu einfach: Denn die schönen Geräte von Apple sind letztlich eben auch nur Computer, die ihren Eigentümern gehören und diesen nach freiem Ermessen den Erwerb digitaler Güter bzw. Rechte über das Internet ermöglichen sollten. Aber wie schon bei der blossen Darstellung von Content Apple erfolgreich ein Veto gegenüber Adobes Flash-Software praktiziert, so versucht man es jetzt auch beim Handel mit Inhalten, wohl wissend, dass dieser Markt im Prinzip noch in seinen Anfängen steckt und es daher für iTunes viel zu gewinnen oder zu verlieren gibt.

Zu hoffen bleibt, dass der aktuelle Schritt von Apple die Kartell- und Wettbewerbshüter auf den Plan rufen wird, um die Monopolisierung der iOS-Welt zu verhindern. Denn zu Ende gedacht, würde die neue Logik beispielsweise auch bedeuteten, dass die (vielgeliebte) Deutsche Bahn, die in und um ihre Apps gerne auch Tickets verkauft, diese künftig auch in iTunes anbieten müsste. Ein absurder Gedanke? Keineswegs. Denn aus welchem Grund sollten sich nur Bücher einer Regel unterwerfen, die für Fahrkarten nicht gilt, obwohl das zugrunde liegende Procedere im Kern exakt das Gleiche ist?

Am Ende bleiben viele Fragen offen und dazu das ungute Gefühl, dass Apple hier in Zukunft noch sehr viel weiter gehen könnte. Denn den App Store gibt es mittlerweile auch auf jedem Mac-Rechner, so dass sich auch hier, in Verbindung mit iTunes, ungeahnte Geschäftsmöglichkeiten auftun, wenn man nur dreist genug ist und die Kunden sich an der Nase herumführen lassen. Aber noch ist es nicht soweit. Denn dieser Tage wurde Google Android zum Betriebssystem für mobile Geräte mit dem inzwischen größten Marktanteil erklärt. Was bei den Smartphones gelang, könnte sich bei den Tablets wiederholen. Diesem Wettbewerb muss sich Apple stellen, da helfen weder Richtlinien noch ihre Interpretation.