PR-Kaderschmiede Leipzig?

Der Kahlschlag in der Leipziger Journalistenausbildung bestätigt einen Trend: Weg vom Journalismus, hin zur PR.

Vor gut 20 Jahren hat die Prognose bei vielen Medienexperten noch Kopfschütteln ausgelöst. Ich hatte eine „Aufrüstungsspirale“ in der Öffentlichkeitsarbeit vorhergesagt, die ihrerseits eine „Abrüstungsspirale“ in den Redaktionen bewirken würde. Inzwischen hat sich dies unstrittig bewahrheitet: die Kommunikationsdisziplin Public Relations gedeiht und professionalisiert sich; derweil werden Redaktionen ausgedünnt, der Journalismus gerät immer mehr in Bedrängnis – auch weil Journalisten immer mehr PR-Meldungen ungefiltert verwenden und so die Glaubwürdigkeit der Medien sinkt.

Merkwürdigerweise kräht deswegen kaum ein Hahn. Dabei geht es um die Frage, wie wir alle informiert werden: Ob von journalistischen „Treuhändern“, die sich redlich bemühen, ihre Leser, Hörer, Zuschauer ausgewogen mit Nachrichten zu versorgen. Oder von PR-Leuten, deren Job es nun einmal ist, uns im Interesse ihrer Auftraggeber ein geschöntes, einseitiges Bild der Welt zu vermitteln.

In Leipzig ist ein neues Stadium der Eskalation erreicht. Dort schlägt die Doppel-Spirale jetzt erstmals direkt auf die Ausbildungs-Angebote durch. Ein renommierter Kollege, Michael Haller, ist in den Ruhestand getreten. Er hat der Journalistenausbildung nicht nur an seiner Universität zu neuem Ansehen verholfen. Über Jahre hinweg war er als Dozent, Forscher und Herausgeber der angesehenen Fachzeitschrift Message omnipräsent. Jetzt haben seine Fachkollegen aus der PR nichts Besseres zu tun, als seine verwaiste Professur für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit umzuwidmen.

Dabei steht in Leipzig die Wiege der akademischen Journalisten-Ausbildung: Karl Bücher hat sich dort im deutschsprachigen Raum bleibende Verdienste um sie erworben, lange bevor sein Fachkollege Emil Dovifat in Berlin die Zeitungswissenschaft begründete. Haller hatte dann Jahrzehnte später das Metier zu neuer Blüte geführt – nach dem wenig ruhmreichen Intermezzo, als zu Zeiten des SED-Staates im „Roten Kloster“ sogenannte „Journalisten“ ausgebildet wurden, die in Wahrheit nur Propagandisten waren. Es ist alarmierend, dass sich die Schraube jetzt – womöglich nicht nur in Leipzig – zurück zu drehen beginnt.

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Crosspost. Stephan RussMohl ist Kolumnist der österreichischen Wochenzeitung Die Furche.