Gestatten, Monika Piel, erste öffentlich-rechtliche Verlegerin

Die neue ARD-Vorsitzende hat zu Jahresanfang eine erstaunliche Interview-Serie hingelegt. Und Julius Endert fragt sich, ob das, was Monika Piel sagte, ernst gemeint war oder nur eine ganz ausgekochte Strategie darstellt.

Gestern ereignete sich etwas medial Ungewöhnliches: Monika Piel, die neue ARD-Vorsitzende, holte aus zum Interview-Rundumschlag: in der Süddeutschen Zeitung, im Handelsblatt und im Tagesspiegel. Zeitungen hassen es, wenn Gesprächspartner mit ihren Botschaften hausieren gehen, umso wichtiger muss die Nachricht sein, wenn man sie als Chefredakteur trotzdem bringt.

Aber klar, Frau Piel ist seit Jahresanfang die neue ARD-Vorsitzende und muss ihre Botschaft unter das Gebührenvolk bringen und gleichzeitig politisch Position beziehen, besonders im andauernden Streit mit den Verlegern. Das hat sie versucht, indem sie sich einfach die Positionen ihrer Gegner zueigen gemacht hat und als eine Art öffentlich-rechtliche Verlegerin argumentierte. Die Spitzfindigkeit dabei versteht man nicht sofort.

Denn damit schlägt Piel den Zeitungsmachern im Lande die Waffen aus der Hand. Wenn Google eine Bedrohung für die ARD und im Übrigen für alle (wie auch immer definierten) Qualitätsmedien ist, so die Logik, sitzt man im gleichen Boot und zieht gegen einen gemeinsamen Feind zu Felde.

Und als sei das nicht schon genug der Gemeinsamkeit, bietet sie gleich noch Kooperationen mit den Zeitungshäusern an und ist bereit, zukünftig ihre Apps kostenpflichtig anzubieten, wenn die Verleger mitziehen..

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Öffentliche Aufforderung zur Kartellbildung

So weit so schlecht, denn anderswo nennt man das die öffentliche Aufforderung zur Kartellbildung. Und ein Satz wie „Er (Döpfner) will eine Allianz der Qualitätsanbieter im Wettbewerb, unter anderem gegen Google, Apple und Vodafone. Die ARD steht dafür bereit“, müsste zum sofortigen Rücktritt nach drei Tagen im Amt führen.

Frau Piel redet wirr und will sich offenbar mit Gewalt mit den Verlegern arrangieren, um an dieser Front Ruhe zu haben und ist bereit, dafür die eigene – vom Gesetzgeber gewollte und vorgeschriebene – Unabhängigkeit aufzugeben. Und so reiht sich im Handelsblatt-Interview eine medienpolitische Ungereimtheit an die nächste. Leider hat der von mir sehr geschätzte Kollege Siebenhaar nicht nachgefragt (oder es wurde nicht gedruckt), wo genau denn ausgerechnet Google eine Bedrohung für die ARD sein soll und was Frau Piel meint, wenn sie sagt, „wir sollten das Online-Geschäft nicht nur den multinationalen Konzernen überlassen“.

Spätestens an dieser Stelle hätte er fragen müssen, wie sie denn den Auftrag der öffentlich-rechtlichen Medien interpretiert. Haben sie nun einen (unabhängigen) Informationsauftrag, über dessen optimale Verwirklichung (zum Beispiel im Netz) sich gerade die ARD-Vorsitzende mit den Verlegern zanken muss, oder haben sie irgend einen anderen Auftrag, den wir als Gebührenzahler aber noch nicht kennen.

Offenbar sieht Piel sich in einer Gewinnerzielungsverpflichtung: „Den Geburtsfehler des Internet – kostenlose Inhalte – zu beseitigen, ist aber schwierig und langwierig.“ Schöner hätte es Hubert Burda nicht formulieren können, doch jeder andere vernunftbegabte Mensch in der Position der ARD-Vorsitzenden müsste doch diese Art der Informationsfreiheit im Netz begrüßen und verteidigen. Und dankbar sein, über diesen Kanal mehr Menschen als jemals zuvor mit den eigenen (Qualitäts-)Inhalten zu erreichen.

Stattdessen führt Monika Piel auch noch den letzten Verleger-Kampfbegriff in das Gespräch ein, indem sie von den Qualitätsmedien spricht, die von Google („natürlich“) bedroht werden.

Ich mag das alles nicht glauben und hoffe, dass es sich bei ihrem Auftritt als erste öffentlich-rechtliche Verlegerin in diesem Interview wirklich nur um eine geniale politische Finte handelt, deren tieferen Sinn wir erst später begreifen werden. Und wir – vielleicht demnächst im Netz – erfahren, dass alles nicht so gemeint war.

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