Das Gefasel von der Ökonomisierung

Wenn sich auf einem Medienkongress derzeit mehr als zwei Kommunikationsforscher begegnen, bestimmt meist ein Schlagwort die Diskussion: die Ökonomisierung der Medien. Vordergründig sind damit Sparzwänge gemeint. Der Begriff enthält indes auch eine Trendaussage: In bester Tradition der Frankfurter Schule wird unterstellt, das („kapitalistische“) System unterwerfe immer mehr Lebensbereiche und somit auch die Redaktionen dem Diktat des Ökonomischen und damit (überhöhten) Renditeerwartungen. So komme Journalismus als „Kulturgut“ unter die Räder: er könne seinen publizistischen Auftrag immer schlechter erfüllen, die Bürger mit hinreichend geprüften Nachrichten zu versorgen, der Demokratie zu dienen und die Mächtigen zu kontrollieren. „Ökonomisierung“ ist allerdings eine Beschreibung aus der Sicht der Journalisten, also der Nachrichtenproduzenten – und nicht der Kunden. Aus dem Blickwinkel der Leser, Hörer, Zuschauer wäre zutreffender von einer Ent-Ökonomisierung des Mediensektors zu sprechen. Bis auf die Zwangsgebühr für den Rundfunk sind wir den Utopien der 68-er vom Nulltarif für lebensessentielle Güter und Dienstleistungen so nahe gekommen wie nie zuvor: „Alles gratis“ gilt ja nicht nur für Gratistageszeitungen wie es inzwischen fast überall in Europa gibt (nur eben nicht in Deutschland), sondern im Internet längst auch für viele hochwertige Inhalte aus Publikationen, wie Süddeutsche über NZZ bis hin zur New York Times. Paradiesische Zustände herrschen auch für die Werbetreibenden: Sie können online ihre Zielgruppen ohne Streuverluste erreichen – anders als Henry Ford, der sich sorgte, die Hälfte seines Werbebudgets sei zum Fenster hinaus geworfen, aber eben nicht wusste, welche Hälfte. „Ökonomisierung“ – das Schlagwort vernebelt somit eher zwei elementare Veränderungen: Erstens bedeutet mehr Wettbewerb vor allem auch, dass zunehmend die Kunden (Leser) entscheiden, was produziert wird – und nicht mehr Ressortleiter. Dank Internet ist der Konkurrent, der auf dieselben Publika und Anzeigenkunden hofft, nur einen Mouseclick entfernt. Zuvor haben dagegen Monopole und Oligopole vielen Medienunternehmen über Jahrzehnte hinweg Traumrenditen beschert, wie sie sonst nur Spielcasinos erzielten. Dank steigender Werbeumsätze ließen sich auch großzügig Redaktionen finanzieren, die ihrerseits wie die Maden im Speck lebten. Ökonomisierung scheint anzudeuten, dass der abstrakte Mammon an Einfluss gewinnt – in Wirklichkeit sind es ganz konkret die Nutzer von Journalismus. Zweitens hat sich die nachwachsende Generation bereits daran gewöhnt, dass Nachrichten „nichts kosten“. Null Zahlungsbereitschaft, auch dies deutet eher auf Ent-Ökonomisierung hin. Die Nutzer verabschieden sich aus jedwedem konkret-monetären Austauschverhältnis mit der Redaktion. Dieser Trend ist allerdings verhängnisvoll – journalistische Qualität und Unabhängigkeit sind nun einmal nicht umsonst zu haben. Stephan Ruß-Mohl schreibt diese Kolumne für die österreichischen Wochenzeitung Die Furche. Sie erscheint in einer speziellen Version mit freundlicher Genehmigung des Autors auch auf Carta. Ruß-Mohl hat ein Buch über Journalismus und Ökonomisierung geschrieben.

Wenn sich auf einem Medienkongress derzeit mehr als zwei Kommunikationsforscher begegnen, bestimmt meist ein Schlagwort die Diskussion: die Ökonomisierung der Medien. Vordergründig sind damit Sparzwänge gemeint. Der Begriff enthält indes auch eine Trendaussage: In bester Tradition der Frankfurter Schule wird unterstellt, das („kapitalistische“) System unterwerfe immer mehr Lebensbereiche und somit auch die Redaktionen dem Diktat des Ökonomischen und damit (überhöhten) Renditeerwartungen. So komme Journalismus als „Kulturgut“ unter die Räder: er könne seinen publizistischen Auftrag immer schlechter erfüllen, die Bürger mit hinreichend geprüften Nachrichten zu versorgen, der Demokratie zu dienen und die Mächtigen zu kontrollieren.

Ökonomisierung“ ist allerdings eine Beschreibung aus der Sicht der Journalisten, also der Nachrichtenproduzenten – und nicht der Kunden. Aus dem Blickwinkel der Leser, Hörer, Zuschauer wäre zutreffender von einer Ent-Ökonomisierung des Mediensektors zu sprechen. Bis auf die Zwangsgebühr für den Rundfunk sind wir den Utopien der 68-er vom Nulltarif für lebensessentielle Güter und Dienstleistungen so nahe gekommen wie nie zuvor: „Alles gratis“ gilt ja nicht nur für Gratistageszeitungen wie es inzwischen fast überall in Europa gibt (nur eben nicht in Deutschland), sondern im Internet längst auch für viele hochwertige Inhalte aus Publikationen, wie Süddeutsche über NZZ bis hin zur New York Times. Paradiesische Zustände herrschen auch für die Werbetreibenden: Sie können online ihre Zielgruppen ohne Streuverluste erreichen – anders als Henry Ford, der sich sorgte, die Hälfte seines Werbebudgets sei zum Fenster hinaus geworfen, aber eben nicht wusste, welche Hälfte.

Ökonomisierung“ – das Schlagwort vernebelt somit eher zwei elementare Veränderungen:

Erstens bedeutet mehr Wettbewerb vor allem auch, dass zunehmend die Kunden (Leser) entscheiden, was produziert wird – und nicht mehr Ressortleiter. Dank Internet ist der Konkurrent, der auf dieselben Publika und Anzeigenkunden hofft, nur einen Mouseclick entfernt. Zuvor haben dagegen Monopole und Oligopole vielen Medienunternehmen über Jahrzehnte hinweg Traumrenditen beschert, wie sie sonst nur Spielcasinos erzielten. Dank steigender Werbeumsätze ließen sich auch großzügig Redaktionen finanzieren, die ihrerseits wie die Maden im Speck lebten. Ökonomisierung scheint anzudeuten, dass der abstrakte Mammon an Einfluss gewinnt – in Wirklichkeit sind es ganz konkret die Nutzer von Journalismus.

Zweitens hat sich die nachwachsende Generation bereits daran gewöhnt, dass Nachrichten „nichts kosten“. Null Zahlungsbereitschaft, auch dies deutet eher auf Ent-Ökonomisierung hin. Die Nutzer verabschieden sich aus jedwedem konkret-monetären Austauschverhältnis mit der Redaktion. Dieser Trend ist allerdings verhängnisvoll – journalistische Qualität und Unabhängigkeit sind nun einmal nicht umsonst zu haben.

Stephan Ruß-Mohl schreibt diese Kolumne für die österreichischen Wochenzeitung Die Furche. Sie erscheint in einer speziellen Version mit freundlicher Genehmigung des Autors auch auf Carta. Ruß-Mohl hat ein Buch über Journalismus und Ökonomisierung geschrieben.