Borrow, recycle, reinvent: Open Data und Johnsons Naturgeschichte der Innovation

Verschläft man hierzulande gerade einen wichtigen Trend auf dem Weg zur offenen, digitalen Verwaltung? Ist im Pixelsturm der Entrüstung um Google Streetview die spannende Diskussion um die Entwicklung hin zum „Open Government“ untergegangen? Die Thesen aus Steven Johnsons neuem Buch "Where Good Ideas Come From" lassen auch in Deutschland für die Zukunft hoffen.

Die Amerikaner haben es vorgemacht, die Briten intelligent kopiert und die Deutschen – nun ja, die hinken hinterher: die Freigabe öffentlicher Daten über Plattformen wie data.gov oder data.uk.gov wird jenseits von Ärmelkanal und Atlantik als wichtiger Schritt zur Verwaltungsmodernisierung angesehen. Bei den einstigen Erfindern der modernen Amtsstube spielt die massenhafte Freigabe von Datensätzen durch Regierungen und nachgeordneten Behörden bislang noch keine Rolle.

Allenfalls ein paar randständige Akteure wie das Open Data Network e.V. und die Mitglieder des Government 2.0 Netzwerk e.V. setzen sich intensiv mit den Möglichkeiten der dezentralen Bearbeitung öffentlicher Daten auseinander (vgl. den Beitrag von Julius Endert). Deren Projekte wie „Der transparente Bundeshaushalt“ muten im Vergleich zu den internationalen Vorbildern eher amateurhaft an, sind aber dennoch im nationalen Vergleich als innovativ zu bewerten. Verschläft man hierzulande gerade einen wichtigen Trend auf dem Weg zur offenen, digitalen Verwaltung? Ist im Pixelsturm der Entrüstung um Google Streetview die spannende Diskussion um die Entwicklung hin zum „Open Government“ (Tim O’Reilly) untergegangen?

Ja, genau so scheint es.

Aber sind diese Öffnungsbemühungen der Behörden tatsächlich ein viel versprechender Innovationsansatz? Was können „offene Daten“ für ein Gemeinwesen leisten? Wer außer den fast schon sprichwörtlichen „Nerds“ kann mit diesen Daten etwas anfangen? Und wer will das überhaupt? Ist die nahezu schrankenlose Publikation von Statistiken, Verbrauchs- und Haushaltsdaten wirklich eine so gute Idee?

Fragt man den hierzulande viel zu selten gelesenen US-Autor Steven Johnson, dann lautet dessen Antwort: Ja – und zwar mit einem deutlichen Ausrufezeichen dahinter.

Johnson hat in seinem Buch Where Good Ideas Come From. The Natural History of Innovation den sich wandelnden Charakter von Innovationen beschrieben. Er räumt dabei mit dem Mythos des „genialen Erfinders“ auf und schildert immer wieder relativ lange Vorlauf-Phasen, die dem tatsächlichen Durchbruch einer Innovation vorausgehen. Er verwendet dafür den Begriff des slow hunch, der „langsamen (Vor-)Ahnung“, die lediglich einen unvollständigen Ansatz oder eine Teillösung für eine später erfolgende Innovation darstellt.

Most hunches that turn into important innovations unfold over much longer time frames. They start with a vague, hard-to-describe sense that there´s an interesting solution to a problem that hasn´t yet been proposed, and they linger in the shadows of the mind, sometimes for decades, assembling new connections and gaining strength. (77)

Gesellschaftlich relevante Innovationen sind Johnson zufolge nur in Ausnahmefällen das Resultat individueller Kreativität und Schöpfungsleistung, sondern entstehen sehr viel häufiger in einem langsamen, von Rückschlägen und Irrwegen geprägten Hindernislauf mit mehreren Teilnehmern.

Dabei gewinnen in den letzten Jahrzehnten vor allem solche Innovationsansätze an Bedeutung, die von mehreren Akteuren vorangetrieben werden und dabei innerhalb eines nicht-kommerziell geprägten Umfeldes agieren. Der öffentliche Sektor scheint demnach als Umfeld für künftige Innovationen durchaus gut geeignet:

Government bureaucracies have a long and richly deserved reputation for squelching innovation, but they possess four key elements that may allow them to benefit from the innovation engine of an emerging platform. (196)

Als diese vier wichtigen Grundbedingungen bezeichnet Johnson den Daten-Reichtum der Bürokratie, ein breit vorhandenes Interesse an öffentlichen Datenbeständen, den grundsätzlichen Willen der Bürger, sich in öffentliche Prozesse einzubringen und die Tatsache, dass Regierungen sich nicht dem kommerziellen Wettbewerb stellen müssen.

Im Falle der US-amerikanischen Open Data-Bewegung sind die „slow hunches“ gut zu erkennen: viele Ideen, die inzwischen ihren Platz auf Websites wie data.gov, usaspending.gov oder recovery.gov gefunden haben, wurden zuvor in kleinerem Rahmen erprobt. Der für die Datenoffensive im Weißen Haus verantwortliche Chief Information Officer Vivek Kundra hatte mit ähnlichen Formaten bereits vor 2008 im Washingtoner Bundesdistrikt experimentiert. In diesem Umfeld ist auch der Wettbewerb „Apps for Democracy“ entstanden, bei dem Software-Entwickler Anwendungen einreichen konnten, die in einer beliebigen Form auf öffentlichen Daten basieren.

Johnson verweist genüsslich auf den letztlich doch verworfenen Arbeitstitel Hack the Disctrict und zählt die Erfolge dieser Initiative auf, die er scharf von bisherigen, nach innen zielenden Modernisierungsprogrammen abgrenzt:

When Al Gore set about to „reinvent government“ during the Clinton aministration, one of that project ambitious goals was to make the bureaucracy more innovative. (…) What Apps for Democracy suggests is a more open-ended idea: some of the best ideas for government are likely to come from outside the government. (196)

Die britischen Bemühungen um offene Daten setzen ihrerseits schon an den US-amerikanischen Überlegungen an – das Resultat ist ein verbessertes Daten-Handling für interessierte Entwickler und vor allem die Möglichkeit zur Einreichung von Ideen zur Nutzbarmachung von Datensätzen. Auf diese Weise öffnet sich die Plattform data.gov.uk auch für ein weniger technik-affines Publikum.

Auch dieser Lernprozess ist ein typisches Muster erfolgreicher Innovationen. Neues entsteht häufig durch die Re-Kombination bereits vorhandener Einzelteile, Johnson belegt dies anhand zahlreicher Beispiele. In seiner „Naturgeschichte der Innovation“ reihen sich dabei unter anderem Johannes Gutenberg, Klimaanlagen, Miles Davis, Ada Lovelace, Korallenriffe und Tim Berners-Lee aneinander.

Wo aber stehen nun die deutschen Open Data-Ansätze? Wohlwollend betrachtet, könnte man sagen, dass sie sich bislang noch in der „Vorahnungsphase“ befinden, verteilt über mehrere slow hunches. In Nordrhein-Westfalen haben Open Data-Ideen zwar den Weg in den Koalitionsvertrag gefunden, die von der SPD geforderte Etablierung eines „Landes-CIO“ in der Staatskanzlei ist dagegen gescheitert. Als potenzielle Innovationsträger firmieren hierzulande die eingangs genannten Vereine und Initiativen – und gerade das lässt für die Zukunft hoffen.

Denn im Schlusskapitel seines Buchs ordnet Steven Johnson Innovationen aus sechs Jahrhunderten in einem Koordinatensystem, dabei hat sich im Zeitverlauf der „vierte Quadrant“ zur treibenden Kraft entwickelt. Dort versammeln sich keine genialen Erfinderfiguren mit dem nächsten Patentantrag im Kopf, sondern Akteurs-Netzwerke, die nicht in erster Linie durch kommerzielle Interessen angetrieben werden.

No, these non-market, decentralized environments do not have immense paydays to motivate their participants. But their openness creates other, powerful opportunities for good ideas to flourish. (232)

Der in jedem Fall vorhandene Entwicklungsrückstand im deutschen Datenland muss also noch keine übermäßige Sorgen auslösen. Allerdings sind der Kontakt und der Austausch mit klassischen Verwaltungsakteuren eine wichtige Grundbedingung für einen Erfolg des Open Data-Modells in der Fläche – die in der Debatte um Google-Streetview bei einigen Regierungsakteuren grassierende Pixelpanik ist dabei allerdings wenig hilfreich. Doch es gibt ja auch das Modell Oberstaufen.

Gerade im föderalen System können die allmählich voran schreitenden Experimente mit offenen Daten produktive Konkurrenzen auslösen – wenn sich die Beteiligten nicht als Gegner, sondern als Ko-Produzenten begreifen, die jeweils wertvolle Beiträge zu einer gemeinsamen, offenen Innovation leisten. Der Preis des Nichtwissens um den Ausgang solcher Prozesse ist dabei in Kauf zu nehmen. Nicht von ungefähr schließt Johnson sein Buch mit den Worten: „borrow, recycle, reinvent“.

Steven Johnson: Where Good Ideas Come From: The Natural History of Innovation. New York: Riverhead Books, 2010, 326 Seiten (Amazon-Partnerlink).

Außerdem gibt es ein gutes Werbevideo von zum Buch: