Sind wir reif für Streetview, wenn wir den Wunsch nach Verhüllung nicht akzeptieren?

| 18.11.2010 | 174 Kommentare

Aus welchen Gründen auch immer Menschen ihre Häuser bei Google Streetview verpixeln lassen - dies ist zunächst einmal zu respektieren. Der souverän filternde Netzübermensch scheint jedenfalls noch immer in weiter Ferne.

Also nun ist Streetview endlich online. Mein Haus ist nicht verpixelt, trotz der Kita im Erdgeschoss – das Haus, das ich demnächst besichtigen werde, hingegen schon. Die Verpixelung ist wirklich hässlich. Seit Tagen, nein mittlerweile Wochen quäle ich mich zu einer Meinung. Ich verstehe das Kopfschütteln eines Jeff Jarvis sehr gut, ich verstehe den Zorn von Michael Seemann und die Aktion von Jens Best, die verschollenen Häuser nachträglich zu fotografieren, was im übrigen legal ist. Trotzdem kann ich sie nicht gutheißen und werde mich ihnen nicht anschließen.

Don Alphonso hat nämlich mit einer These durchaus recht: Googles Ansatz, alles und jeden durchsuchbar zu machen und der Gedanke, Streetview-Verweigerer zu ihrem Glück zwingen zu wollen, sind totalitär. Bei Streetview meldet man sich nicht freiwillig an wie bei Facebook. Privatsphäre bedeutet unter anderem das Recht des einzelnen, in Ruhe gelassen zu werden – ein Aspekt, der in der Kontrollverlust-Debatte kaum erwähnt bzw. in sein Gegenteil verkehrt wird. Streetview-Bilder sind eben keine Touristen-Schnappschüsse. Ich persönlich habe zwar kein Problem mit Streetview – ich finde den Dienst toll und die Verpixelung von fünfgeschossigen Berliner Altbauten ziemlich albern. Außerdem bin ich nebenher ein wenig auf Wohnungssuche und fände es praktisch, mir Adressen mit Streetview vorab anzuschauen.

Trotzdem: Die Streetview-Verteidiger behaupten, Streetview sei eine Form von Öffentlichkeit. Ist es nicht. Streetview ist Google, nicht mehr und nicht weniger. Google kann jederzeit den Dienst manipulieren, kostenpflichtig machen, abschalten. Natürlich ist die Hausfassade öffentlich und von jedem einsehbar, was aber nichts daran ändern, dass man aufgrund dieser Bilder wahre oder falsche Rückschlüsse auf meine Person machen kann – besonders in aus 3 Metern Höhe fotografierten Kleinstädten und Einfamilienhaussiedlungen. Es sollte letztlich dem Einzelnen überlassen bleiben, ob er seine Fassade in Streetview abgebildet sehen möchte oder nicht – so wie er die Entscheidung hat, ob er im Telefonbuch stehen möchte. Der öffentliche Raum bleibt vollkommen unangetastet – niemand sperrt Straßen und Plätze und verweigert uns den Zutritt.

Den berühmten Einbrecher müssen wir für die Streetview-Ablehnung gar nicht bemühen, es geht um viel mehr. Erst das massenhafte Sammeln von Daten, die Möglichkeiten des Datamining und die allgegenwärtigen Versuche von Staat und Konzernen, uns aufgrund aller möglichen und unmöglichen Daten zu scoren geben an sich völlig harmlosen Daten eine neue Qualität. Streetview-Bilder können potenziell zu diesen Daten gehören. Es sollte dem Einzelnen überlassen bleiben, wieviel Information er zur Verfügung stellen möchte.

Wir erleben gerade an allen Ecken und Enden im Netz, wie die Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit verwischen und benötigen ein Konzept der abgestuften Öffentlichkeiten. Ja, das betrifft auch Hausfassaden. Ich halte Streetview für relativ unproblematisch, habe aber Verständnis dafür, dass andere Menschen das anders sehen und fordere genau dieses Verständnis von denjenigen, die jetzt losziehen und Häuser fotografieren. Meiner Auffassung nach müssen nicht die Bewohner begründen, warum sie ihr Haus verhüllen möchten, sondern Google oder wir “Netizens” müssen begründen, warum sie es nicht dürfen sollten. Ästhetische Befindlichkeiten dürfen dabei keine Rolle spielen.

Es ist vollkommen egal, welche Gründe die Verweigerer für ihren Antrag auf Verpixelung haben und dass es keine Gesetze gegen Streetview gibt – die Weigerung, bei Streetview abgebildet zu sein, ist zunächst einmal ohne Angabe von Gründen zu respektieren. Die Form, in der sich die Verpixelungsgegner über den Willen der Verpixelten hinwegsetzen, trägt Züge kultureller Unterwerfung. Sie ist arrogant und ja: totalitär. Google hat das einzig richtige getan und von sich aus und aus freien Stücken als Kompromiss die Unkenntlichmachung angeboten.

Jetzt stehen die Verhüllten unter Generalverdacht, etwas zu verbergen und werden zur Stunde auf Twitter bereits als Spinner, Spießer, Gestrige und gar noch Faschisten diffamiert. Am Umgang der “Netizens” mit solchen Streetview-Verweigerern zeigt sich jedoch, welcher Art unsere Netzkultur eigentlich ist. Eine von Michael Seemann entworfene Ethik des Kontrollverlustes fordert ja den souverän filternden Netzübermenschen. Der aber ist weit und breit nicht in Sicht. Wenn wir Netzbürger mit den Streetview-”Abweichlern” nicht klarkommen, dann sind wir es, die noch nicht reif für Streetview sind.

Dies ist eine überarbeitete und erweiterteVersion des Textes, der bereits bei ennomane.de erschien.