Christoph Kappes

Sixt – Ein Unternehmen missbraucht die Demonstrationsfreiheit

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Wer Sixt für ihr Guerillamarketing-Kalkül kritisiert, muss ein spaßbefreiter Spielverderber sein, denn was ist schon passiert? Nun: Es ist das Missverhältnis von durchschaubarem Kommerz, wichtigem politischen Thema und billigem Klamauk, das Unwohlsein macht.

09.11.2010 | 

Was hat sich der Autovermieter Sixt dabei gedacht, als sich seine Mitarbeiter oder die seiner Werbeagentur Jung von Matt unter die Castor-Aktivisten mischten und ein Spruchband „Stoppt teure Transporte! Mietet Van & Truck von Sixt!” aufrollten? Man kann es sich denken: Guerillamarketing mit einer „geilen Idee“, die logische Fortsetzung der bisherigen Kampagnen mit Politiker-Konterfeis und dies dank der Kampagnenverlängerung ins Internet praktisch kostenlos. Und der Erfolg gibt Sixt recht, fast 200 Tweets, neun Blogartikel und schon am nächsten Tag Schlagzeilen in der Presse: Bild meldet „Sixt veralbert Castor-Demo mit Werbe-Plakat“, die SZ schreibt über die „Die Provokateure vom Dienst“ und der Freitag „Sixt adelt den Protest“.

Man sollte nicht von Spaßaktionen auf den Mangel an Ernsthaftigkeit auf der Managementetage schließen: Die Provokation war Kalkül, musste Kalkül sein, wenn die Kampagne erfolgreich sein sollte. Erst einige hundert verärgerte Internetnutzer konnten der Kampagne zu Aufmerksamkeit verhelfen, indem sie ihren Protest durchs Internet trugen und sich so versehentlich zu nützlichen Multiplikations-Idioten machten, bis die Kampagne in Massenmedien durchschlug. Der Nutzen einer deutlich sechsstelligen kostenlosen Reichweite lässt Sixt den Schwund einiger tatsächlicher oder potentieller Kunden verkraften. So sagt denn auch ein Unternehmenssprecher in der SZ „Sixt würde das ganze wiederholen.“

Die Sixt-Aktion provoziert ironische Reaktionen. (Foto: Peter Breuer)

Wer Sixt dafür kritisiert, muss ein spaßbefreiter Spielverderber sein, denn was ist schon passiert? Ein paar Billigkräfte haben für die Dauer eines sehr kurzen Videos ein Spruchband hochgehalten und zeigten sich in T-Shirts, und zwar genauso lange, wie es brauchte, um Material für den Zusammenschnitt eines Youtube-Videos zu haben. Menschen kamen nicht zu Schaden, Streitereien gab es nicht und weder Polizei noch Demonstranten wurden in ihrer Tätigkeit behindert. Also kein Problem, alles easy?

Gründe, die Nase zu rümpfen, gibt es dennoch mehrere: Zum ersten handelt es sich um einen Übergriff der Werbung in das System der freien Meinungsbildung. Demonstrationen – egal wofür oder wogegen – sind ein elementares Instrument der Meinungsartikulation und sollten von kommerziellen Auftritten verschont bleiben, um ihre Authentizität zu wahren.

Wer demonstriert, sagt damit „Hier stehe ich und kann nicht anders“, von Krawall- und Spass-Kids einmal abgesehen. Man stelle sich einmal vor, dass das Sixt-Beispiel Schule macht: Sponsoring durch Bandenwerbung, Bustransfers , firmengesponsorte Demonstrantenblöcke (wohlmöglich mit unterschiedlichen Pro- und Contra-Sponsoren) – was kommt noch? Nicht ohne Grund ist es Bestandteil der politischen Kultur in Deutschland, dass sich Unternehmen mit direkten, politischen Äußerungen in Massenmedien sehr zurückhalten und sich anderer Mittel wie dem des Lobbyismus bedienen.

Zweitens nutzt die Kampagne Aufmerksamkeit, die Bürger unter Einsatz ihrer Freizeit für eine Sache gewonnen haben und münzt diese Aufmerksamkeit in eigenen wirtschaftlichen Vorteil um. Dabei gibt sie nichts zurück, sondern sie nimmt sogar in Kauf, dass die Aufmerksamkeit auf Kosten der Versammlungsteilnehmer gewonnen wird. Das ist – solange es ohne Zustimmung der Demonstranten geschieht – zutiefst parasitär.

Drittens eröffnet diese Kampagne ein neues Gebiet im Spannungsfeld von Kommerz, Politik und Spaß. Waren bisher bekannte Politiker die Zielscheiben der Kampagnen, die sich wehren konnten, so sind es nun einfache Bürger, die sich gegen den parasitären Mitdemonstranten nicht wehren können, ohne selbst das Grundrecht der Versammlungsfreiheit zu verletzen. In dieser misslichen Lage bleibt ihnen nur die Duldung, während Personen des öffentlichen Lebens sich zur Abwehr einer Armada von Fachanwälten bedienen können – dort findet die Auseinandersetzung auf Augenhöhe statt, hier nicht.

Auch mag es sein, dass Humor und Politik nicht unverträglich sind, selbst elementaren politischen „Schwerstgewichten“ wie der Judenverfolgung kann man mit Humor beikommen. Dies erfordert aber eine kunstvollere Form der Auseinandersetzung als das Aufrollen eines flotten Spruches. Es ist das Missverhältnis von durchschaubarem Kommerz, wichtigem politischen Thema und billigem Klamauk, das Unwohlsein macht.

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48 Kommentare

  1. Ejal |  09.11.2010 | 09:54 | permalink  

    “Nicht ohne Grund ist es Bestandteil der politischen Kultur in Deutschland, dass sich Unternehmen mit direkten, politischen Äußerungen in Massenmedien sehr zurückhalten und sich anderer Mittel wie dem des Lobbyismus bedienen.”

    Was ist denn bitte der Grund? Was wäre denn dagegen einzuwenden? Und warum ist intransparenter Lobbyismus besser, als offene Partizipation? Unternehmen agieren nun mal nicht im luftleeren Raum.

  2. Norbert Diedrich |  09.11.2010 | 10:30 | permalink  

    Da ich mich durch meine wertende Äußerung auf Twitter in den “versehentlich nützlichen Multiplikations-Idioten” wiederfinde, darf ich sagen: Ein solche Klassifizierung finde ich schon etwas waghalsig. Was wäre denn das Gegenteil? Das Gegenteil wäre, zu schweigen, etwa um die “Früchte” der eigenen Eitelkeit nicht zu beschädigen.

    Ganz vortrefflich und geradezu entlarvend finde ich allerdings Ihre Schlussbemerkung “… selbst elementaren politischen „Schwerstgewichten“ wie der Judenverfolgung kann man mit Humor beikommen.” In der Tat! Wer etwa den Film “Das Leben ist schön” gesehen hat, der vermag zu unterscheiden zwischen hochintelligenter Reflexion und Verarbeitung auf der einen Seite und sinnentleerter Trittbrettfahrerei auf Ballermann-Niveau, wie es Sixt bzw. Jung von Matt schon des Öfteren zusammen versucht haben.

    Allerdings begrüße ich solche Aktionen wie etwa von Sixt – oder noch übler den PR Spezialisten – auch. Sie erleichtern Branchenangehörigen wie mir, sich allein auf der persönlichen Basis einer guten Erziehung und tragfähigen Allgemeinbildung von “Schwarzen PR-Schafen” abzugrenzen.
    Abgesehen davon erscheinen mir politisch aktive Populisten und Agitatoren von gleicher Qualität viel gefährlicher, denn denen geht es um Macht – Unternehmen wie Sixt oder deren Agenturen geht es “nur” um Kohle – es sind bezahlte Zuträger. Die wollen… nein, die KÖNNEN nur spielen! Und diese Freiheit sei ihnen gewährt. ;-)

  3. Fritz Effenberger |  09.11.2010 | 10:55 | permalink  

    Och nö: Die Werbeheinis haben hier unbeabsichtigt etwas Grossartiges geleistet (ausser einer Darstellung ihrer eigenen Geschmacksbefreitheit): Sie haben die Castor-Proteste ganz richtig als “Mitte unserer Gesellschaft” beschrieben, und damit erfolgreich der Neocon-Presse widersprochen: http://11k2.wordpress.com/2010/11/08/leit-mem-castor-protest/

  4. Mirko Lange |  09.11.2010 | 11:04 | permalink  

    Ich muss sagen, dass ich grundsätzlich überhaupt nichts dagegen einzuwenden habe, dass Unternehmen politisch “laut” sind. Im Gegenteil. Ich rate es ihnen (als PR-Berater) sogar vielfach Stellung zu beziehen. DAS ist nicht das Problem.

    Es ist aber eine Frage des Respekts. Menschen und Bewegungen zu missbrauchen finde ich definitiv verwerflich. Die Atomkraft-Gegner haben tiefe Ängste. Viele engagieren sich seit Jahren. Man kann dazu stehen, wie man will, aber diese Menschen verdienen zumindest Respekt. Auch (und grade dann), wenn man weiß, dass da andere applaudieren, wenn ich das durch den Kakao ziehe.

    Und was ich noch schlimmer finde: Ich glaube, dass Sixt nicht mal eine politische Aussage getroffen hat. Das Kalkül war, dass sie die johlende Masse der Anti-Atomkraft-Gegner für sich gewinnen. Und dann feiert sich Sixt auf dem Blog noch selbst, was sie für einen Coup gelandet haben. Mir fehlen eigentlich die Worte, wie man sowas bezeichnen soll. Ich empfinde dabei einfach nur Ekel. Da wird die Geilheit nach Aufmerksamkeit einfach jedem Anstandsgefühl geopfert. Und ohne weiteren Sinn und Zweck. Benetton hatte jedenfalls mit ihrer Schockkampagne auch noch inhaltliche Bezüge gehabt. Die Sixt-Kampagne ist einfach nur kommerziell.

    Ich kann nur immer wiederholen: Das ist ein Verhalten, für das ich kein anderes Wort finde als “Arschloch”. Aber unter dem Strich ist das alles ziemlich egal. Ich persönlich werde einfach nie wieder in ein Sixt Auto steigen. Soviel Luxus muss sein :-)

  5. Mirko Lange |  09.11.2010 | 11:09 | permalink  

    Ach ja, dieser Beitrag hierzu ist wirklich herrlich: http://11k2.wordpress.com/2010/11/08/leit-mem-castor-protest/

    Zitat: “Die Wahnsinnigen von der Viral-Marketing-Front haben eindrucksvoll gezeigt, was in Deutschland 2010 Leitkultur ist und was nicht.”

    Wenn es Leitkultur ist, über solche Gags zu johlen und dafür Anerkennung zu zollen – na dann gute Nacht. Und ich wiederhole: Mir persönlich ist die Sixt-Aktion eigentlich ziemlich egal. Genauso, wie mir auch das Sarrazin-Buch egal war. Ekelhaft finde ich, dass solche Aktionen so viel postives Resonanzpotenzial haben.

  6. Christoph Kappes |  09.11.2010 | 11:21 | permalink  

    @Ejal: Selbstverständlich dürfen und sollen sich Unternehmen äussern, wenn sie als Unternehmen betroffen sind (dh. als wirtschaftlich handelndes Rechtssubjekt). Sobald sie aber inhaltlich die eigene thematische Sphäre verlassen (Beispiel: sixt äussert sich zu Gorleben, Deutsche Bank zu Ausländerpolitik – jeweils ohne Sinnzusammenhang zu eigenem Geschäftszweck), verschieben sie durch ihren Einfluss das öffentliche Meinungsbild ohne innere Rechtfertigung.

    Ich bin mir darüber im Klaren, dass mein Standpunkt ein Idealbild ist, das der politischen Wirklichkeit nicht entspricht und vielfach unterlaufen wird. Der Halbsatz zum Lobbyismus war nur eine beispielhafte Äusserungsform (neben PR etc.) und nicht glücklich gewählt. Ich halte Lobbyismus für eine Einflussnahme in das politische System, die nicht “an sich” verwerflich ist – solange er transparent ist und Politiker nicht manipuliert oder bestochen werden.

    @Norbert: Den “nützlichen Idioten” bitte nicht persönlich nehmen. Ich habe das selbst retweetet und fühlte mich am Ende als ein solcher.

    @Fritz: Dissens. Sie messen am Ergebnis und sind zufrieden. Ich kritisiere die Methode.

    @Mirko und @all: Unternehmen gerne “laut”, kein Problem. Grenze ist aber Themenzusammenhang zum Geschäftszweck. Und in diesem Fall kommt noch dazu, dass das Versammlungsrecht betroffen ist. Unternehmen auf Demos? Gegen beides sträube ich mich.

  7. noName |  09.11.2010 | 11:59 | permalink  

    Die Aufmerksamkeitsökonomie wird immer geschmackloser, um zu funzen. :(
    Geschmacklosigkeit als Erfolgsfaktor – alles andere als spaßig.

  8. Frank |  09.11.2010 | 12:41 | permalink  

    Wie schon im Original kommentiert: Berufsdemonstranten trafen auf Berufsdemonstranten. Ich sehe da kein moralisches Problem, höchstens ein logisches oder technisches. Atommüll transportiert man nicht mit Leihwagen von Sixt. ;)

    Und ja: Ich würde das auch bei anderen Demos mit Berufsdemonstranten für richtig halten.

    Auch richtig: Nein, nicht alle Demonstranten in Gorleben sind Berufsdemonstranten.

  9. tantetrudeausbuxtehude |  09.11.2010 | 12:55 | permalink  

    Wichtige und richtige Aufklärung.
    Nur, bist du damit nicht auch nur ein nützlicher Idiot?

    - trude -

  10. Sixt kapert Castor |  09.11.2010 | 13:02 | permalink  

    [...] “Man stelle sich einmal vor, dass das Sixt-Beispiel Schule macht: Sponsoring durch Bandenwerbung, Bustransfers , firmengesponsorte Demonstrantenblöcke (wohlmöglich mit unterschiedlichen Pro- und Contra-Sponsoren) – was kommt noch?” (Quelle: Carta) [...]

  11. Ejal |  09.11.2010 | 13:51 | permalink  

    Sobald sie aber inhaltlich die eigene thematische Sphäre verlassen (Beispiel: sixt äussert sich zu Gorleben, Deutsche Bank zu Ausländerpolitik – jeweils ohne Sinnzusammenhang zu eigenem Geschäftszweck), verschieben sie durch ihren Einfluss das öffentliche Meinungsbild ohne innere Rechtfertigung.

    “verschieben sie … das öffentliche Meinungsbild” – Die Formulierung ergibt keinen Sinn. Das Meinungsbild wird – in einer pluralistischen Demokratie – nicht dadurch verschoben, dass jemand seine Meinung kundtut. Und was soll eine “innere Rechtfertigung” sein?

    Warum soll sich die Deutsche Bank nicht zur Ausländerpolitik äußern dürfen? Glauben Sie jemand würde der Deutschen Bank eine besondere Kompetenz auf diesem Feld zumessen?

  12. JoachimGraf |  09.11.2010 | 13:54 | permalink  

    Sixt macht Spam im realen Raum.

    Das ist damit genau so komisch wie
    der Viagra-Verkäufer im EMail-Verkehr,
    der Lebensversicherungs-Vertreter auf der Hochzeitsfeier oder
    der Sekten-Werber in der Fussgängerzone.
    Unangenehme Reklame eben.

    Gerade demokratische Prozesse wie Demonstrationen brauchen dringend einen Spam-Filter.

  13. Gefragt |  09.11.2010 | 14:14 | permalink  

    @Trude: Die Frage lag mir auch auf der Zunge.

    Aber das Dilemma zwischen aufgreifen und Kleinschweigen gibt es ja häufiger.

  14. Norbert Diedrich |  09.11.2010 | 14:29 | permalink  

    @Gefragt, @trude – Ja, aber da hat er auch schon drauf geantwortet:
    “Den “nützlichen Idioten” bitte nicht persönlich nehmen. Ich habe das selbst retweetet und fühlte mich am Ende als ein solcher.” (Kommentar 6)

  15. Mike Rakete |  09.11.2010 | 16:55 | permalink  

    Was ich schwierig finde ist vielmehr, dass JvM & Sixt sich mit dieser Aktion nicht nur einen Spaß erlauben, sondern sich (und das im Gegensatz zu den bekannten, provokativ-lustigen Anzeigen zuvor) ganz bewusst auf die Seite dieses Konflikts stellen, die nicht unbedingt die sympathischere ist. Ob das fruchtet, wage ich zu bezweifeln; ich halte das für einen schweren konzeptionellen Fehler. (Wobei es sicher für ADC-Ehren reichen wird, weil: In der Jury sitzen massenhaft (Ex-)JvMler, und man schiebt sich bi der Veranstaltung ja schon aus Tradition die Preise immer wieder gegenseitig zu.)

  16. Christoph Kappes |  09.11.2010 | 17:44 | permalink  

    @trude: Mein gestriges Erlebnis als “nützlicher Idiot” kann ich hier auf Carta umkehren. Mit einer Reichweite von durchaus mal 20.000 Lesern bin ich jedenfalls sicher, dass Sixt diesen Beitrag hier wahrnimmt. (In Buxtehude war ich auch schon mal, aber eine Tante Trude ist mir da nicht begegnet ;-))

    @Frank: “Berufsdemonstrant” kann ja nur zynisch gemeint sein, da mit Demonstrationen kein Broterwerb möglich ist. Ich finde die Unterscheidung zwischen “Berufsdemonstrant” und “ständig engagierter Bürger bei Dauerthema” etwas schwierig, und zwar selbst dann, wenn er keiner geregelten Arbeit nachgeht. Die Kommentierungen zu Art. 8 GG kennen den Begriff jedenfalls auch nicht.

    @JoachimGraf: Yup. Den Vergleich finde ich sehr passend. Aus Sicht der Demonstranten handelt es sich um unverlangt eingeworfene Werbung.

    @Mike: Hat sich Sixt inhaltlich auf eine Seite gestellt? Ich finde das schwierig zu interpretieren, sieht (Entschuldigung an Sixt) ein bisschen Borderline aus, weil Form (Persiflage) und Inhalt (Stoppt Castor”) nicht kongruent sind.

  17. Christoph Kappes |  09.11.2010 | 18:15 | permalink  

    @Ejal: Vielleicht missverstehen wir uns. Natürlich “darf” die Deutsche Bank sich äussern, wie ihre Organe wollen. Die Frage ist, aber, ob sie es “soll”. 1. Vielleicht habe ich jüngst zu viel Luhmann konsumiert, aber für mich gehört sie zum Wirtschaftssystem und nicht zum politischen System, was schon daran zu erkennen ist, dass sie im politischen Prozess formell (!) keine Rolle spielt, dh. – vereinfacht – weder darf sie wählen noch darf sie gewählt werden etc. 2. In der Unternehmensverfassung und in den Auswahlprozessen geht es idealerweise nicht um politische Merkmale, sondern um Leistung, bezogen auf den Unternehmenszweck. So dürfte zwar ein FDP-dominierter Bankvorstand 3:2 beschliessen, allen Kunden einen FDP-Flyer mit dem nächsten Kontoauszug mitzuschicken. Aber legitimiert ist er dazu m.E. nicht. Auch Unternehmensorgane üben nur eine Funktion aus. Herrn Ackermann fehlte also neben der Glaubwürdigkeit auch die Legitimation, sich z.B. zur Genpolitik zu äussern, daher tut er es nicht. Inhabergeführte Unternehmen unterscheiden da nicht so sehr, und das ist vielleicht auch ein Thema von Sixt. (Man kann das locker sehen, auch Schlagersänger äussern sich ja bewusst zu politischen Themen. Ich bin da aber heute nicht ganz so locker und schlafe nochmal drüber :-))

  18. daniel koening |  09.11.2010 | 18:30 | permalink  

    Noch ein ““versehentlich nützlichen Multiplikations-Idioten” meldet sich hier gerne zu Wort.

    SIXT “Billigarbeiter” sollen dankbar sein, nicht einfach richtig eins aufs Maul bekommen zu haben. Irgendwann ist halt Schluss mit Toleranz, Fake-Ironie und akademische Metadiskussion.

    Nächste Guerilla-Aktion: Gelbe Farbbeutel auf SIXT Leihwagen und Kunde? Weil strahlt schön!

  19. Konstantin Bekker |  09.11.2010 | 20:57 | permalink  

    Eine große Demonstration lockt auch Trittbrettfahrer an: Gabriel, Trittin, Gysi,Sixt.

  20. Irene |  09.11.2010 | 21:31 | permalink  

    Mirko Lange schrieb:

    Die Atomkraft-Gegner haben tiefe Ängste. Viele engagieren sich seit Jahren. Man kann dazu stehen, wie man will, aber diese Menschen verdienen zumindest Respekt.

    Das hört sich ja fast so an, als ob Sie “Atomkraft-Gegner” für eine Geisteskrankheit halten.

  21. Fritz |  09.11.2010 | 22:07 | permalink  

    Ich würde @ Mike Recht geben, dass sich die Agentur hier konzeptionell ihrer eigenen Kampagne nicht mehr sicher ist. Dabei weiß auch Sixt nicht so recht, auf welch brüchigem Eis sie sich bewegen – aber die Agentur müsste es ihnen sagen. Von Erich Sixt weiß man, dass er seit jeher erst mit seiner Werbung glücklich ist, wenn es eine Abmahnung gibt. Werben an der Schmerzgrenze ist sozusagen Programm.
    Ob hier die Schmerzgrenze überschritten ist oder nicht, muss jeder für sich selbst fühlen. Es ist reine Geschmackssache und also mit Vernunftsgründen nicht zu debattieren. Ich persönlich empfinde hier keine Sympathie mehr für Frechheit und Humor, sondern spüre eine gewisse Antipathie gegen Sixt. Das Vorgehen ist nicht mehr lustig, sondern unfair und von einer kommerziellen Gier getrieben, während dort Menschen demonstrieren, die exakt konträr motiviert sind.
    Nur zur Erinnerung: Es gab schon einmal eine Kampagne, die ganz genauso so funktionierte wie Sixt, dann aber dem Unternehmen schließlich fast ein Grab geschaufelt hat, weil der Werber (in dem Fall war’s ein wichtigtuerischer Fotograf) nicht verstand, was er da eigentlich machte und der Auftraggeber eben auch nicht. Ich meine Benetton. Auch da wurden die Reize von Motiv zu Motiv erhöht. Das nächste Motiv sollte immer noch ein wenig provokanter und gewagter und polarisierender sein. Bis die Leute merkten, was da eigentlich wirklich gespielt wird. Die Läden wurden regelrecht boykottiert. Und da war sie hin, diese Kampagne “United Colours of Benetton”, die mit einem schönen, leichten und durchaus provokanten Utopismus begonnen hatte. Wenn Sixt nicht kapiert, was eigentlich der Kern seiner Kampagne ist und was nicht, dann könnten sie eines Tages auch in der Ecke der totalen Unsympathen landen. Mit dieser Aktion sind sie da eigentlich schon. Nicht für alle, aber für mich schon.

  22. ejal |  09.11.2010 | 22:29 | permalink  

    Die meisten Ideologien erkennt man an ihrer völligen Humorfreiheit. Und obwohl ich absolut gegen Atomkraft bin, muss ich doch sagen, dass sich auf der “Aktivisten”-Seite doch offensichtlich viele Betonköpfe bewegen.

  23. Christoph Kappes |  09.11.2010 | 23:04 | permalink  

    @fritz: Das allerorten die Frage diskutiert wird, was JvM getan hat, hätte tun dürfen etc. finde nun wiederum ich verstörend. Für mich ist klar, dass der Auftraggeber Sixt die Kampagne beauftragt, abgenommen, durchgeführt und somit zu verantworten hat. Ob JvM hier einen Bock geschossen hat oder nicht, kann man sicherlich auch diskutieren (muss man in Fachkreisen wohl auch), nur wende ich mich an Sixt als die primär verantwortliche Stelle, wenn ich die Kampagne kritisiere.

  24. Fritz |  09.11.2010 | 23:18 | permalink  

    @Christoph Ja, ist sicherlich besser so.
    Der typische Agenturkreative spiegelt sich ja vor allem in der Tatsache, dass seine Werbung öffentlich “erscheint” und wahrgenommen wird. Der Narzissmus raubt ihm den Verstand und er hat ja auch nichts zu verlieren als schlimmstenfalls einen Kunden. Erich Sixt hat andere Ziele als nur berühmt und sexy zu sein. Da sollte er sich einfach mal am Kinn kratzen und sich fragen: Finden das die Leute noch lustig, wenn er den Altruismus der Demonstranten für nichts weiter als seine eigenen Geschäftszwecke auszunutzen? Wenn Sixt persönlich bei der Demo mitgemacht hätte, dann wäre es paradoxerweise gute Werbung gewesen. Aber so eben nicht …

  25. Jens Best |  10.11.2010 | 01:21 | permalink  

    Topidee aus den Reaktionen drüben im Sixt-Blog:

    Bei der nächsten Beerdigung aus dem Sixt-Clan werden ein paar Anti-Atomplakate entfaltet. Das wird eine Gaudi, shalalala.

    Nein, im Ernst, der Spaß ging voll nach hinten los.

  26. Jack Bristow |  10.11.2010 | 10:35 | permalink  

    So sieht Polarisation aus. Macht mir Sixt gleich nochmal sympathischer. Meinungsfreiheit für ALLE. Kein Humor mehr, die Leute von heute. Ideologisch nicht gefestigt genug, um den Glauben durch solch ein kleines Späßchen entjungfern zu lassen? Na dann geifert mal weiter …

  27. theo |  10.11.2010 | 11:36 | permalink  

    Es ist die Freiheit der Werbefuzzis, so etwas als “gelungen” anzusehen.

    Es ist die Freiheit von Sixt, solche Kampagnen zu bezahlen.

    Es ist die Freiheit der Kunden, sich künftig woanders ein Auto zu mieten.

    Manchmal muss man mit den Füßen abstimmen, bis sie es endlich kapieren.

  28. Frank |  10.11.2010 | 11:54 | permalink  

    Übergriffe der Werbung in das System der freien Meinungsbildung finden überall statt, wo kommuniziert wird.
    Ich versteh die Aufregung nicht.

  29. Jens Best |  10.11.2010 | 12:21 | permalink  

    @Frank

    Nur weil sich üblicherweise nicht mehr über die alltägliche Beeinflussung der Meinungsbildung durch den kommerz aufgeregt wird, heisst es nicht, dass man die krassen Fälle auch noch unkommentiert und konsequenzlos durchgehen lassen muss. Mit den Spasskapitalisten ist es wie mit pubertierenden Kindern – wenn du ihnen keine Grenzen aufzeigst, tanzen sie dir irgendwann auf dem Kopf rum.

    Ab und an regt sich auch mal jemand über den verkommenen Alltag auf:
    http://carta.info/11923/betrug-am-leser-boulevard-pressefreiheit/

  30. Christoph Kappes |  10.11.2010 | 12:21 | permalink  

    @Frank: Die “Aufregung” entsteht, weil hier die Ausübung eines elementaren Grundrechtes betroffen ist und Sixt die Aufmerksamkeit, welche die Ausübenden für ihre Sache gewonnen haben, in eigene wirtschaftliche Zwecke ummünzt. So nehme ich das jedenfalls mit meinen Denkstrukturen wahr.

    Wer derArgumentation mit Grundrechten und Meinungsbildung etc nicht folgen kann, weil im Grunde nichts passiert ist (s.o. Absatz 2), kann aber einfach mal versuchen, die Sozialadäquanz auszuprobieren, indem er auf einer privaten Geburtstagsfeier Bestellanträge für Herbalife, WeightWatchers oder Tupperware verteilt und die Reaktion des Gastgebers beobachtet.

  31. Simone Janson |  10.11.2010 | 18:54 | permalink  

    Vorneweg: Ich fand die Aktion auch geschmacklos und verstehe nicht, wie man das irgendwie gut oder witzig finden kann.
    Allerdings scheint mir die Sache einen positiven Nebeneffekt zu haben: Plötzlich wird das Thema Castor, wenn auch indirekt, auch von Leuten diskutiert, die sich, zumindest im Netz, sonst kaum zu politischen Themen äußern und rückt damit noch stärker ins Blickfeld.
    Wobei ich das jetzt nichts als Verdienst von Sixt sehen möchte ;-)

  32. Tim |  11.11.2010 | 08:40 | permalink  

    @ Irene / 19

    Das hört sich ja fast so an, als ob Sie “Atomkraft-Gegner” für eine Geisteskrankheit halten.

    In Gorleben wird schon seit langem nicht mehr gegen Atomkraft demonstriert, sondern gegen, äh, tja – was eigentlich? Man ist jedenfalls dagegen, daß der Atommüll in Gorleben erst zwischen- und später endgelagert wird. Aber auch dagegen, daß er in andere Gegenden abgeschoben wird. Andererseits ist der ganz genauso giftige Chemiemüll in den existierenden Endlagern kein Problem, das diese Leute interessiert. Kapiert diese Logik jemand? Finde gar nicht schlecht, daß Sixt die ganze Sache ein wenig trivialisiert.

  33. Fritz |  11.11.2010 | 10:32 | permalink  

    @ Tim “Finde gar nicht schlecht, daß Sixt die ganze Sache ein wenig trivialisiert.”

    Kann ja sein.
    Kann aber wahrscheinlich nicht sein, dass Sixt das wollte.
    Jetzt ERSCHEINT es aber offenkundig so, als würde Sixt den Protest “trivialisieren”. Dir zum Beispiel.
    Und auch wenn du das gar nicht schlecht findest, hat Sixt jetzt eine Delle im Image.
    Denn egal, ob Sixt sich nur mal wieder ein Späßchen erlauben wollte oder womöglich eine inhaltliche Intention verfolgte, muss man einfach konstatieren, dass nicht alle darüber schmunzeln können.

    P.S. Wenn du wirklich nicht kapieren solltest, worum es in Gorleben geht, würde ich vorschlagen, dich etwas mit dem Problem der Lagerung, Zwischenlagerung und Endlagerung von Atommüll zu befassen. Und melde doch mal, wenn du irgendwo auf der Welt eine Lösung für das Problem gefunden hast…

  34. Tim |  11.11.2010 | 10:40 | permalink  

    @ Fritz

    Ganz einfach: Es gibt keine perfekte Lösung, weder für Atommüll noch für Chemiemüll. Beide sind gleich giftig, beide können uns in Zukunft riesige Probleme bereiten, beide müssen aber nun mal irgendwo endgelagert werden. Bei Chemiemüll stört sich komischerweise niemand daran, bei Atommüll regt sich die halbe Republik darüber auf. Absurd und nicht förderlich für die Glaubwürdigkeit besagter Atomgegner. Man löst das Problem nicht, indem man eine perfekte Lösung verlangt.

  35. Harald |  11.11.2010 | 19:57 | permalink  

    Mich wundert, dass hier nicht die Aktion von O² an der Uni Köln erwähnt wird. http://www.heise.de/newsticker/meldung/Sensation-Marketing-von-O2-stoert-Unibetrieb-1132148.html

    Vermutlich gibt es noch mehr solche rücksichtslosen Kampagnen, die nur eins bedeuten können: das schon seit langem praktizierte moralfreie Handeln einiger Konzerne dringt jetzt nach außen.

    Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken.

  36. Christoph Kappes |  12.11.2010 | 00:13 | permalink  

  37. HuckleberryFin |  12.11.2010 | 12:00 | permalink  

    Ich finde diese Aktion von Sixt sehr gelungen. Die meisten Menschen in Deutschland sind keine Sympathisanten der Anti-Atomkraft-Demonstranten. Die Zielgruppe von Sixt sind Geschäftsleute und Menschen mit finanziellen Mitteln, was man bei vielen Demonstranten nicht behaupten kann. Jedenfalls musste ich schmunzeln als ich von dieser Aktion gehört habe. Sixt kriegt von mir volle Punktzahl. Und wenn irgendwelche Aktivisten meinen, Sie müssen nun meinen Mietwagen von Sixt mit gelber Farbe bekleckern. Dann müssen Sie es halt tun. Ich lasse mir weder Mietwagen von Sixt, noch Fleisch, noch Pelz & Co von irgendwelchen Weltverbesserern verbieten.

  38. Christoph Kappes |  12.11.2010 | 13:29 | permalink  

    Was soll ich sagen? Ganz ehrlich?

    Der Verlauf am Ende dieser Diskussion zeigt doch, was Sixt anrichtet. Jeder, ob Pro oder Contra Atomkraft, ob Pro oder Contra Demo, ob Pro oder Contra Demonstranten versucht, die Aktion in seinem Lichte auszulegen. Die Anzahl der möglichen Deutungen ist doch sehr verblüffend.

    Solcher Klamauk führt zu Polarisierung und fördert Vorurteile, für die politische Kultur ist er schädlich.

  39. Christian Benduhn |  12.11.2010 | 19:10 | permalink  

    Ich finde es gut, wenn der Autor eines Artikels im Kommentarteil auf die Argumente seiner Kommentatoren eingeht. Wenn er dabei jedesmal einen Link auf seine Firma (Fructus GmbH) setzt, frage ich ihn: Warum muss ich dabei an das fragwürdige Vorgehen der Firma Sixt denken?
    Carta ist die FAZ/SZ (oder der Deutschlandfunk) unter den Blogs. Ist das Schleichwerbung? Oder weichgespültes Guerillamarketing? Ist das für die publizistische Kultur schädlich?

  40. Christoph Kappes |  12.11.2010 | 22:25 | permalink  

    @Christian Benduhn: Das mache ich nicht “jedes mal”, sondern die URL ist seit einen Jahr mit meinem Account verbunden. Fand das damals transparenter.
    Ich lege keinen Wert auf die URL, weil öffentliche politische Statements von meinen Kunden nicht immer gern gesehen werden.
    Werde diesbezüglich die Herausgeber hier fragen.

  41. Irene |  13.11.2010 | 03:17 | permalink  

    Für die Politik-Anfänger aus der Reklame-Branche: Gorleben wurde nicht nach geologischen Kriterien als Endlager-Ort ausgewählt, sondern völlig willkürlich. Gute Nacht, ihr Hasen.

  42. Christian Benduhn |  13.11.2010 | 12:22 | permalink  

    @Christoph Kappes: Ja, es ist transparenter. Ich habe das nur angemerkt, weil Sie bei der Firma Sixt so streng sind.

  43. uniquolol |  20.11.2010 | 11:16 | permalink  

    „…Sixt – Ein Unternehmen missbraucht die Demonstrationsfreiheit…“

    Der wirkliche Missbrauch der Demonstrationsfreiheit ging immer noch von den sog. „Aktionisten“ aus. Sixt ist da nur ein kleiner Fisch, sozusagen ein Trittbrettfahrer…

  44. Christoph Kappes |  20.11.2010 | 11:23 | permalink  

    @uniquolol: Das mag sein, das kann ich nicht beurteilen. Daher trifft der Beitrag auch keine Aussage zu “Aktionisten”. Wenn es so wäre, wodurch ändert sich dann die Bewertung des Verhaltens von Sixt?

  45. uniquolol |  20.11.2010 | 15:06 | permalink  

    @kappes:
    „…Zum ersten handelt es sich um einen Übergriff der Werbung in das System der freien Meinungsbildung…“

    Das Verhalten als „…Übergriff…“ zu bewerten ist äußerst übertrieben, die Übergriffe beim Castortransport kamen eindeutig von den „Aktionisten“. Aber prinzipiell stimme ich Ihnen natürlich zu, die Werbung von Sixt ist insgesamt mehr als grenzwertig…

  46. SozioPod #003: Protestkultur 2.0 – Aufklärung, Kritik oder Selbstjustiz? | SozioPod |  01.11.2011 | 22:25 | permalink  

    [...] Sixt – Ein Unternehmen missbraucht die Demonstrationsfreiheit [...]

  47. Protest und Werbung?! - Brainblogger – Herr Breitenbach bloggt über Kultur, Werbung, Marken, Intenet und Gedöns |  04.11.2011 | 11:30 | permalink  

    [...] In der aktuellen Ausgabe unseres Podcasts “Soziopod” beschäftigen wir uns mit der aktuellen Protestkultur und dem Einfluss durch die neuen Medien. Unter anderem sprachen wir auch über die kommerzielle Verwertung von Protest und ich erzählte von der damaligen Sixt Guerilla Kampagne, die Christoph Kappes auf Carta bereits ausführlich auseinande… [...]

  48. Sixt – Ein Unternehmen missbraucht die Demonstrationsfreiheit (Carta) | Christoph Kappes |  10.01.2012 | 00:26 | permalink  

    [...] zu schrei­ben, war ein gro­ßes Ver­gnü­gen — umso schö­ner, das Ergeb­nis auf Carta zu sehen. Kommentar schreiben Tweet !function(d,s,id){var [...]

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