Obama Unplugged? Ernüchterung nach den Midterms

Die jüngsten Zwischenwahlen in den USA haben die Demokraten klar verloren. Dazu beigetragen hat auch das seit den Präsidentenwahlen nur halbherzig fortgeführte Social-Media-Engagement Barack Obamas. Was 2008 als Bewegung neuen Typs begann, vermochte seither die politischen Strukturen und Prozesse noch nicht nachhaltig beeinflussen.

Er schaut ein bisschen seltsam ins Leere, Barack Obama, auf einem Foto seiner Webseite, das neben die Danksagung an Wahlhelfer und Wähler der Wahlen des Jahres 2010 platziert wurde. Zwei Jahre früher sah das noch ganz anders aus. Als Obama die Wahl ins Präsidentenamt gewonnen hatte, glaubten nicht wenige, dieser Siegertyp würde seinen Wahlspruch „Change, we can believe in“ wahr machen und damit die Politik Amerikas verändern.

Diese Hoffnungen waren nicht ganz unberechtigt, hatte er doch damals gerade einen Wahlkampf mit teilweise neuen Methoden geführt. Ein Schwerpunkt lag dabei auf der konsequenten Mobilisierung von Anhängern, Helfern und Geldspenden mittels Social Media. Nach der Wahl dachten dann auch viele Beobachter, Obama würde diese Infrastruktur bzw. das dicht geknüpfte Netz an Sympathisanten und Aktivisten weiter nutzen und für künftige politische Projekte einsetzen:

„As a result, when he arrives at the White House, Obama will have not just a political base, but a database, millions of names of supporters who can be engaged almost instantly. And there’s every reason to believe that he will use the network not just to campaign, but to govern. His e-mail to supporters on Tuesday night included the line, „We have a lot of work to do to get our country back on track, and I’ll be in touch soon about what comes next.“

Doch dazu kam es kaum. Obama ging zunächst völlig in den Strukturen des Washingtoner Politik-Betriebes auf und erinnerte sich erst anlässlich seiner schleppend verlaufenden Gesundheitsreform wieder der Anhänger und Fans aus dem Wahlkampf. Deren erneute Mobilisierung gelang aber nur teilweise, nicht zuletzt weil eine komplexe und langwierige Gesundheitsreform, anders als ein typischer Wahlkampf, nicht auf ein festes Datum zusteuert.

„I have never used Twitter…“

Für Ernüchterung sorgte schließlich 2009 die ehrlich gemeinte Aussage Obamas, er selbst würde Twitter überhaupt nicht nutzen. Der Twitter-Kanal unter seinem Namen wurde damit als reines Marketing-Instrument enttarnt. Was für Obama nur ein kleines Eingeständnis war, das ihn menschlich und damit sympathisch wirken lassen sollte, ging als Schuss nach hinten los. Denn die User fanden es gar nicht lustig, dass der vermeintliche Dialog auf Twitter in Wahrheit gar keiner war.

Auch wenn völlig klar ist, dass der amerikanische Präsident niemals allen seinen über 5 Millionen Followern auf Twitter zuhören und mit ihnen echte Dialoge führen kann, etwas mehr Sensibilität und Verständnis für das Medium hätte er schon zeigen können.

Dass es auch anders geht, beweist etwa der Apple-Gründer Steve Jobs, der von Zeit zu Zeit an ihn gerichtete E-Mails persönlich beantwortet. Mögen seine Antworten auch noch so knapp und kryptisch ausfallen, für einen Apple-Fan ist selbst ein „maybe“ oder auch ein klares „no“ dennoch wie ein Ritterschlag, der stolz herumerzählt wird und nicht selten den Weg in Tech-Blogs findet.

In dieser Hinsicht muss Obama bis zu seiner möglichen Wiederwahl also erst wieder neu Vertrauen schaffen und seinen Fans beweisen, dass für ihn Social Media mehr ist, als nur ein cooles Wahlkampf-Tool, das man nach Belieben aktivieren oder auch weglegen kann.

Was den Einsatz von Social Media während der normalen Legislaturperioden betrifft, ist inzwischen deutlich geworden, dass hier die Dinge nicht so einfach liegen. Einerseits sind die Themenstellungen heutiger Politik komplex, andererseits auch die konkreten Verfahren einer Gesetzgebung. Mit einer Seite auf Facebook oder einem YouTube-Kanal ist es da nicht getan, will man die Bürger mehr als nur meinungspolitisch involvieren.

An diesem Punkt aber hat die Obama-Administration bislang wenig Innovations-Geschick gezeigt. Zwar werden Blogs eingesetzt und die „Weekly Adress“ des Präsidenten kommt im Format moderner Webvideos daher, am Ende aber werden damit überwiegend nur lange und trockene Texte online gestellt. Versuche, Daten besser zu visualisieren oder verständlicher zu machen, sind kaum darunter.

Auch der Online-Dialog mit den Bürgern hat noch nicht die richtigen Formen gefunden, weil entweder Kommentarfunktionen deaktiviert sind, oder aber echte Diskussionen in der Flut an Meldungen (wie etwa auf der Facebook-Seite von Obama zu beobachten) gar keine Chance haben.

„…but I’m an advocate of technology and not restricting internet access.“

Vor Obama liegen damit noch beträchtliche Herausforderungen, will er tatsächlich einen Wandel in der politischen Kultur einleiten und eine zweite Amtszeit gewinnen. Denn es kann durchaus als fraglich angesehen werden, ob sich der Online-Wahlkampf aus dem Jahr 2008 in ähnlich erfolgreicher Form wird wiederholen lassen. Den Anhängern von damals mag das Gefühl nachhängen, weniger Mitglied einer neuartigen Bewegung gewesen zu sein, als vielmehr nur Teil einer gigantischen Marketing-Maschinerie, die zwar den Wahlkampf unterstützt, den laufenden Politik-Betrieb aber kaum beeinflusst oder verändert hat.

Eine solche Desillusionierung könnte den Republikanern nutzen, deren Kampagne im Jahr 2008 noch weitgehend frei blieb von größeren Social Media-Aktivitäten. 2012 können sie deshalb gefahrlos Teile der Methodik Obamas übernehmen, frei vom Anspruch der Change-Metapher und unbeschwert von nicht eingelösten Versprechungen.

Barack Obama sollte deshalb auf der Hut sein. Zudem wäre es an der Zeit, den BlackBerry zu erneuern und darüber den einen oder anderen Tweet persönlich zu posten. Denn der „Change“, an den zu glauben sich lohnt, beginnt bekanntlich mit der Achtsamkeit bei scheinbaren Kleinigkeiten.