„I want my youtube“: Geld für Nichts im Musikfernsehen

| 18.10.2010 | 11 Kommentare

Der Oktober 2010 war bislang kein guter Monat für die Popmusik: Bei RTL 2 diskutiert man offensichtlich, sich von allen Musikformaten zu trennen; die ARD-Intendanten schicken den Eurovison Song Contest in die Provinz und MTV verkündet sein Programm zukünftig nur noch als Bezahlfernsehen ausstrahlen zu wollen. Die Popkultur flieht ins Netz.

Als 1984 die Songzeile „I want my MTV“ entstand, war der Sender in den USA bereits die Zentralinstanz für Musik und Trends geworden. Eifersüchtig schauten wir Europäer nach Amerika. Hatte man selbst doch nur die Sendung „Formel Eins“, wenn man Videoclips sehen wollte. In England war die Auswahl auch nicht viel größer. Insofern kam es von Herzen, als der britische Sänger Sting im Studio die Zeile spontan zum Besten gab. Die Band Dire Straits, die er während ihrer Aufnahmen zum Album „Brothers in Arms“ auf der Karibikinsel Montserrat besucht hatte, bat ihn um diesen musikalischen Beitrag. Der Song, in dem Sting seine Forderung „I want my MTV“ sang, wurde der Dire Straits-Hit „Money For Nothing“.

Drei Jahre später, als MTV Europe seinen Betrieb aufnahm, war „Money For Nothing“ der erste Clip, der auf Sendung ging. Am 31.12. diesen Jahres könnte es der letzte sein. Von da an verschwindet MTV aus dem analogen Fernsehen und ist nur noch gegen Gebühren zu sehen. Den Schritt ins Bezahlfernsehen begründet Geschäftsführer Dan Ligtvoet mit der Behauptung: „in den kommenden fünf bis zehn Jahren wird die Pay-TV-Landschaft in Deutschland stark wachsen“. Wofür zahlen die MTV-Zuschauer aber dann? Für die Klingeltonwerbung oder die ungeliebten, aus Amerika übernommenen „Reality Soaps“? – Die Videoclips findet man fast alle auf Youtube und über die Freunde bei Facebook erfährt man, bei welchen sich das Ansehen lohnt. MTV verlangt zukünftig also Geld für Nichts: „Money for nothing“.

Wenn sich MTV von den Bildschirmen verabschiedet und sich der Krawall- und Skandalsender RTL 2 von Programmen wie der Popsendung „The Dome“ trennt, verschärft sich damit der Abwanderungstrend von Zuschauern ins Internet. Und wer sich popkulturell sozialisiert hat, ist schon längst dort. Ähnlich wie man früher Mixtapes zusammengestellt hat, baut man sich jetzt digital die Playlisten zusammen und wer in der Jugend aus Zeitungen und Zeitschriften seine „Fanzines“ gebastelt hat, hat heute längst ein eigenes Blog.

Die Kids verbringen bereits mehr Zeit vor dem Computer als dem Fernseher. Eine Musikcommunity wie MySpace aufzubauen, in denen man sich selbst präsentieren und seine Stars finden kann, wäre deshalb die Aufgabe für ein neues MTV gewesen. Der Sender hat die Chance verpasst, sich im Netz neu zu erfinden und bietet mit seiner Homepage stattdessen ein relativ biederes Online-Magazin.

Aber auch Angebote von MTV im Netz sollen laut Ligtvoet in Zukunft kostenpflichtig werden. Zumindest ist das eine stringente Ansage: „Money for nothing“.

Anders als MTV waren die Anstalten der ARD noch nie in der Welt der Popkultur angekommen. Wir alle bezahlen ihnen Gebühren in Milliardenhöhe, bedient wird, wenn es um Musik geht, in der Hauptsache aber ein Publikum, für das Schlager und Volksmusik die Höhepunkte moderner Unterhaltungskultur darstellen. Dokumentieren lässt sich die Hilflosigkeit der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Sachen Pop am Durchschnittsalter der Zuschauer.

Auch der Umgang mit dem Eurovision Song Contest ist ein Beleg dieser Überforderung: Weil man die Parameter der Popkultur nicht verstanden hatte, schickte man abgehalfterte Castingstars oder alternde Techno-DJs samt Stripperin ins Rennen. Die Ergebnisse waren katastrophal und es half nur noch die Übergabe der öffentlich-rechtlichen Programmhoheit beim Eurovision Songcontest an den Privatsender Pro 7 und die Produktionsfirma Brainpool. Wenn wir aber GEZ entrichten, damit die Privaten die Inhalte liefern, dann ist das Prinzip des Gebührenzahlens ein gigantisches „Money for nothing“.

Im Rahmen von Stefan Raabs Bundesvision Song Contest wurde am 1. Oktober durch Moderator Elton bereits die Entscheidung für Düsseldorf verkündet. Das war 11 Tage bevor die Intendanten den Austragungsort der Großveranstaltung überhaupt bekannt gaben. Entweder hatte also die Kölner Firma Brainpool die Entscheidung selbst getroffen, oder man hatte bereits mitbekommen, wie sehr die Diskussion der Intendanten in den Siebziger Jahren hängen geblieben war. Damals waren Ruhr- und Rheinland mit Grönemeyer, Westernhagen, Lindenberg, Nena, Kraftwerk und BAP die Geburtsstätten Deutscher Popkultur. Seitdem ist es dort sehr still geworden.

Mit Ich & Ich, Rammstein, Seeed, Peter Fox, Silbermond, Wir sind Helden oder Tokio Hotel kommen die wirklich erfolgreichen Interpreten fast geschlossen aus dem Osten. Epizentrum des Deutschen Pop ist dabei eindeutig Berlin. Im Flughafen Tempelhof kann man 8.500 Zuschauer unterbringen, in der Düsseldorfer Arena mehr als das dreifache. Man wolle Eintrittskarten verkaufen, so begründen die ARD Intendanten ihre Ortswahl. Aber wozu dann die GEZ Gebühren? „Money for nothing“!

Wiedervereinigung und Internet haben die Welt für uns alle maßgeblich verändert. Bei vielen Entscheidern in den Medien ist aber weder das neue Deutschland noch die digitale Wirklichkeit angekommen.

Man versteckt sich lieber hinter rheinischer Gemütlichkeit und Altbier-Buden, statt auf dem imposanten Flughafen Tempelhof ein vergnügtes, selbstbewusstes Deutschland Werbung für das Land machen zu lassen. Lieber zieht man sich aus dem normalen Fernsehen zurück, als im Internet wirklich neue Ideen zu wagen. Im Programm findet zunehmend entweder nur noch Hochkultur, Volksmusik oder echter Trash aus Castingshows statt.

Der Pop, der das Land kulturell geeint hat, flieht ins Netz.

Die TV-Sender fühlen sich für ihn nicht mehr verantwortlich. RTL 2 wird sich erledigt haben, wenn die letzten Tabus fallen und der Sender alles gezeigt hat, was niemand sehen wollte. Um MTV wird es einsam werden, sobald die Zuschauer für ihre Inhalte zahlen sollen. Der Grandprix in Düsseldorf wird im schlimmsten Fall ein spießiges Deutschland-Bild à la Derrick produzieren, für das man im Ausland auf uns herabblickt.

Und irgendwann wird dann ein Sänger „I want my youtube“ zum besten geben, wenn eine neue Version von „Money for nothing“ eingespielt wird.

Dieser Text von Tim Renner erscheint auch im Motorblog.