Rafael Horzon: “Helene Hegemann hat mein Buch geschrieben”

Gestern auf der Torstraße: Rafael Horzon erklärt, in Wirklichkeit habe Helene Hegemann sein Buch geschrieben: "Sie ist meine Ghostwriterin - so langsam sollte ich das wohl mal sagen."

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich halte Rafael Horzon für einen begnadeten, faszinierenden Menschen. Ich vermag nur zu erahnen, was ihn treibt. Aber er hat aus seinem Leben einen bedeutungsvollen Text gemacht, der mir ebenso treffend wie letztlich unentschlüsselbar erscheint.

Bei Rafael Horzon geht es stets um Autonomie und Ästhetik. Er hat es auf sich genommen, sein ganzes Leben zu einer Parabel zu machen. Und wird als Möbelverkäufer dafür zurecht trefflich entlohnt.

Horzons biografisches Werk „Das weiße Buch“ ist grandios, humorvoll, größenwahnsinnig und uneingeschränkt zu empfehlen.

Gestern nun begegnete ich Horzon zufällig auf der Torstraße (natürlich, Torstraße). Wir redeten ein bisschen, was wir gerade so machen. Ich sagte, ich käme gerade aus Zürich. Horzon erzählte, er fahre einen Tag später nach Zürich, um dort sein Buch vorzustellen.

Irgendwie scheint diese zufällige Zürich-Connection auf der Torstraße etwas ausgelöst zu haben. Jedenfalls erzählte Horzon, er lasse in Zürich aus seinem Buch lesen, weil er das selbst gar nicht besonders gut könne. Und er fügte hinzu:

Die ganze Sache mit meinem Buch ist ja ein großer Fake. Helene Hegemann hat mein Buch geschrieben. Sie ist meine Ghostwriterin – so langsam sollte ich das wohl mal sagen.“

Ich war verblüfft – und zugleich auch nicht. Horzon liebt es, sich mit fragilen, berühmten Persönlichkeiten zu umgeben. Das sind geradezu symbiotische Beziehungen. Der Plan, mit Hegemann zusammenzuarbeiten, passt genau in dieses Schema.

Hegemann und Horzon: "Sie ist meine Ghostwriterin".

Als Beweis für die heimliche Freude an der Zusammenarbeit zückte Horzon einen Zeitungsausschnitt aus der B.Z.: „Die Plagiatorin und der Münchhausen“ stand dort sinngemäß als Titel über einem Klatsch-Bericht zu seiner Buchvorstellung Ende September. Dazu ein großes Bild von Hegemann und ihm.

Tatsächlich sei dies nicht, wie von der B.Z. nahegelegt, ein Foto vom Autor und einer berühmten Partybesucherin, sondern tatsächlich das Foto von vermeintlichem Autor und seiner Gostwriterin, so Horzon mit einiger Freude über die gelungene Inszenierung.

„Natürlich habe ich die Sachen erlebt, aber Helene Hegemann hat sie für mich aufgeschrieben.“

Horzon sagte, ich könne das ruhig auf Carta schreiben und zeigte die Zeitungsseite gleich noch einmal in die Kamera. Ob dies ein Moment von Klarheit, Übermut, Selbstvermarktung oder allem drei zusammen war – ich weiß es nicht. Das weiß man nie so ganz bei Horzon.

Zumindest ist auffällig, dass Horzon Hegemann im Rahmen seiner Buchpromotion immer schon auf sonderbare Weise eingebunden hat. Manchmal erklärte Horzon, Hegemann arbeite derzeit als Praktikantin oder Auszubildende in seinem Buchladen. Später bezeichnete er sie gegenüber Zeit Online als sein „Au-pair-Mädchen“:

„Helene Hegemann braucht dringend eine neue Aufgabe. Sie ist ideal als Au-pair-Mädchen. Sehr nett. Sehr klug. Sehr verständig. Ich habe ihr Buch nicht gelesen. Ich lese keine Bücher. Aber ich glaube, Helene wird schöne Dinge mit den Kindern basteln.“

Praktikantin Hegemann: Sonderbare Hinweise (Quelle: RBB Stilbruch)

Offenbar hat keiner der Journalisten die subtilen Hinweise auf Hegemann so entschlüsselt, wie Horzon es sich erhofft hatte. Jedenfalls entschied er sich gestern, diesem Blog eine neue Variante des Hegemann-Zusammenhangs zu präsentieren: Hegemann als Ghostwriterin.

Diese Konstellation hätte einiges für sich: Nach dem Stress der letzten Autorschaft könnte Hegemann entspannt ein Buch im Hintergrund schreiben – und dabei sogar noch stärker die Erfahrungen anderer verarbeiten als in ihrem vorherigen Werk. Ein ideales Kooperationsmodell, wie es scheint.

Auch für das Buch könnte die Enthüllung absatz- und aufmerksamkeitsfördernd wirken: So würden zwei große Namen hinter dem Werk stehen – und Horzon in seiner Rolle als Inszenierer sogar noch gestärkt.Wer nun letztendlich das Buch geschrieben hat, erscheint dabei fast schon egal. Die Offenheit der Autorschaft und Horzons Verfügung darüber, scheint vielmehr Teil des gelebten Prinzips.

In der RBB-Kultursendung „Stilbruch“ sagte Horzon etwas kryptisch, es gehe ihm ohnehin vor allem darum Wirklichkeit zu konstruieren:

„Die neue Wirklichkeit, ist eine Wirklichkeit, in der alles besonders, speziell, interessant und schön ist – im Gegensatz zu der Wirklichkeit, die wir heute so kennen, der alles ein bisschen gewöhnlich ist. Eigentlich sind alles, was ich die letzten 15 Jahre gemacht habe, Bausteine zu diesem großen Gebäude der neuen Wirklichkeit.“

Literaturhinweis: Horzon – Das weisse Buch (Verlagswebsite).