Precht: „Die Gesellschaft braucht das Privatfernsehen nicht“

Richard David Precht sieht den "Gesundschrumpfungsprozess bei den privaten TV-Anbietern mit einem gewissen Vergnügen", bestimmte Zeitungen hält er jedoch für systemrelevant. Im Interview spricht er über moralische, wertvolle Medien, ihre pädagogische Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und die Medienkompetenz von 'Konsumkindern'.

Herr Precht, Medien wird derzeit eine Fülle an Aufgaben übertragen: Öffentlichkeit bieten, Demokratie schaffen, die Jugend schützen, gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und Qualität bieten. Ist das alles wirklich Aufgabe der Medien? Und können sie dies alles überhaupt erfüllen?

Richard David Precht: Die soziale Funktion von Medien ist es in erster Linie einmal, Öffentlichkeit herzustellen, so dass die Energien der Menschen gebündelt werden und sie sich über ähnliche Themen unterhalten können, damit überhaupt ein Austausch stattfindet. Natürlich sollen sie auch Pluralität und Vielfalt herstellen, aber in erster Linie sollen sie Schwerpunkte setzen und über diese die Menschen zusammenbringen. Das ist ihre gesellschaftliche Aufgabe seit den ersten Zeitungen in der Renaissance.

Das Lagerfeuer.

Das Forum der Römer, die Piazzen der Renaissance, die Agora der Griechen.

Haben Sie einen konkreten Vorschlag, wie genau die Medien diese gesellschaftliche Verantwortung wieder besser wahrnehmen können?

Ein dringlicher Wunsch von mir wäre es, das öffentlich-rechtliche Fernsehen wieder unabhängiger vom politischen Einfluss zu machen. Der hat in Deutschland massiv zugenommen. Mit dem Ergebnis: Wenn die Demokratie nachlässt, verstärken sich die Seilschaften zwischen Medien, Politik und Wirtschaft. Hier müssen wir Korrekturen machen.

Sie vertreten die Meinung, dass Medien mit Wirtschaftsinteressen verseucht sind. Können denn privatwirtschaftlich finanzierte Medien so überhaupt gesellschaftliche Verantwortung übernehmen?

Precht: "Man hätte das Duale System als Konkurrenz zum öffentlich-rechtlichen ja nie einführen müssen." (Foto © Raimond Spekking / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 & GFDL)

Das Privat-TV hat überhaupt keine gesellschaftliche Verantwortung. Man könnte sagen, ihre Aufgabe bestünde darin, Regeln zu schaffen, die das schlimmste verhindern, aber nicht, sie zu einer moralischer erzieherischen Bildungsanstalt zu machen. Das ist völlig ausgeschlossen. Das private Fernsehen wurde nicht gegründet, weil Deutschland ein Moraldefizit hat, sondern um Geld zu verdienen. Und daran sollten und könnten wir auch gar nichts ändern.

Und Zeitungen?

Grundsätzlich haben sie auch keine gesellschaftliche Verpflichtung. Wenn ich morgen eine Zeitung gründe, kann ich damit machen, was ich will. Das ist auch immer die Argumentation des Privat-Fernsehens, die gleiche Freiheit zu genießen, die die Printmedien auch haben. Das ist auch richtig so, von den Schmerzgrenzen gegen die guten Sitten oder demokratisches Recht mal abgesehen.

Deshalb sind ja die Öffentlich-Rechtlichen so wichtig, weil man bei ihnen mit juristischem Recht auch einfordern kann, was man bei den privaten Medien nicht kann. Ich kann von einer Frauenzeitung nicht verlangen, dass sie einen gesellschaftlich wertvollen Beitrag bringen muss. Von öffentlich-rechtlichen Medien hingegen schon.

Jetzt sind gerade viele privatwirtschaftlich finanzierte Medien Reichweitenmedien, die die Massen erreichen. Besteht hier wirklich keine inhaltliche Verantwortung?

Man hätte das Duale System als Konkurrenz zum öffentlich-rechtlichen ja nie einführen müssen. Eigentlich merkwürdig, warum man das je gemacht hat. Im Endeffekt bestand keine Not, nur Wirtschaftsinteressen. Aber die Wirtschaft wurde dadurch nicht wirklich voran gebracht, sondern nur in andere Bereiche verlagert. Wie im Leben: man baut nichts auf, solange man die Steine nur woanders herholt. So gesehen ist der Satz von Helmut Schmidt, der gesagt hat, das Privatfernsehen ist so gefährlich wie Kernenergie, nicht falsch. Deshalb sehe ich den Gesundschrumpfungsprozess bei den privaten TV-Anbietern mit einem gewissen Vergnügen.

Verstehe ich Sie richtig, Sie sagen, Privat-TV bräuchte man nicht, solange es einen funktionierenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt?

Unbedingt. Es gibt keinen Grund, warum die Gesellschaft das Privatfernsehen braucht, ihr würde es ohne an nichts fehlen. Schon gleich nicht, seit es im Internet unglaublich viele elektronische Informationsmöglichkeiten gibt.

Und wie sieht es mit Printmedien aus?

Die gesellschaftliche Verantwortung, die von bestimmten Zeitungen übernommen worden ist, obwohl man sie nicht dazu zwingen kann, bereichern unsere Demokratie. Spiegel, FAZ, TAZ, Falter, SZ, sie halte ich für systemrelevant, weil sie einen Beitrag zur öffentlichen Debatte liefern. Und somit eine gewisse soziale Funktion erfüllen.

Übernimmt ein Qualitätsmedium auch gleichzeitig automatisch soziale Verantwortung? Oder anders: Wenn ein Medium soziale Verantwortung übernimmt, ist es dann ein Qualitätsmedium?

Das ist ein Streit um den Begriff Qualität. Wahrscheinlich würde ein islamistischer Fundamentalist in der Lage sein, ein hochqualitatives intellektuelles Fundamentalisten-Magazin herauszubringen, wo wir nicht sagen würde, das ist moralisch wertvoll, sondern moralisch gefährlich. Niveau allein garantiert noch keine Moral.

Sie sagen, es sei die Aufgabe eines Mediums, Öffentlichkeit zu schaffen und Informationen zu bewerten und einzuordnen. Im Internet tauscht sich eine Heerschar von Menschen untereinander mit einem Maximum an möglicher Öffentlichkeit aus und tut ihre Meinungen kund. Ein Qualitätsmedium per definitione?

Ich habe ja nicht gesagt, das Internet sei kein Qualitätsmedium. Eigentlich ist es überhaupt kein Medium im klassischen Sinn, sondern eine Plattform für Medien. Das ist per se noch nichts unmoralisches. Aber nur weil etwas moralisch ist, ist es nicht hochwertig. Und nur weil etwas qualitativ hochwertig ist, macht es nicht moralisch.

Die Boulevardmedien sind sehr moralisch auf ihre Art und Weise, das heißt sie machen im Namen der Moral Propaganda für oder gegen etwas, ohne dass ich deswegen sagen würde, das hat Qualität.

Es ist also eine ziemlich schwierige Balance, zwischen etwas moralisch wertvollem, das im Guten die Funktion Öffentlichkeit herzustellen erfüllt oder eben nicht erfüllt. Ich kann natürlich Öffentlichkeit herstellen, indem ich über Paris Hilton berichte, und alle reden über Paris Hilton. Die Frage ist nur, wie groß ist der gesellschaftliche Zugewinn, wenn alle nur noch über Paris Hilton reden. Vielleicht sollten sie auch von etwas anderem reden. Das heißt, wir haben hier eine Mehrkomponenten-Definition, von dem was wir wirklich brauchen.

Das Internet ermöglicht aber einen unglaublichen Nachfragedruck, die Menschen haben die Macht, zu bekommen, was sie wollen.

Hier finde ich eine Studie aus Amerika interessant: sie stellt fest, dass Menschen immer auf diejenigen Foren gehen, wo die Meinung vertreten wird, die sie sowieso schon haben. Das Internet ist also eher eine Maschine zur Verstärkung von Vorurteilen als zur umfassenden Weiterbildung. Das liegt an der Art und Weise, wie der User sich die Informationen raussucht. Man darf das Internet also nicht nach seinen Möglichkeiten messen, die es bereitstellt, sondern man muss den gesellschaftlichen Erfolg des Internets an der Art und Weise messen, wie es gebraucht wird.

VPRT-Chef Jürgen Doetz sagte einmal sinngemäß: Regt Euch doch nicht über die Qualität des Privat-Fernsehens auf, die Medien geben den Menschen nur das, was sie sehen wollen. Ein Spiegel der Gesellschaft.

Stellen Sie sich diesen Satz einmal ins Allgemeine hochgerechnet vor. Dann würde Kindererziehung darin bestehen, dass wir den Kindern immer sofort das geben, was sie von uns verlangen. Diese Kinder würden nicht erzogen sondern verzogen. Wenn man einen moralischen Auftrag hat, dann hat man auch einen pädagogischen Auftrag. Auch erwachsene Menschen müssen erzogen werden. Ob sie wollen oder nicht. Eine Gesellschaft, die darauf komplett verzichtet, ruiniert sich.

Jetzt fordert man aber gerade von Medien, nicht zu moralisieren und mit dem erhobenen Zeigefinger herumzulaufen.

Wir wollen möglichst umfassend informiert werden und wir wollen aber auch durch vorgeprägte Meinungen, die wir entweder unterstützen oder die uns zum Widerspruch reizen, gedanklich vorangebracht werden. Meinungsjournalismus heißt ja nicht, dass ich andere auf meine Meinung einschwören muss, vor allem dann nicht, wenn ich unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen lasse. Die helfen mir, mein Urteil zu schulen. So gesehen haben sie eine pädagogische Funktion.

Ein reines Informationsmedium ist pädagogisch nicht sehr wertvoll. Das ist wie Schule ohne Lehrer, wo man mir nur Mathebücher zum Mathelernen hinlegt. Ich brauche aber jemanden, der mir Mathe vermittelt.

Wo sollte denn Medienkompetenz vermittelt werden?

Am besten schon im Kindergarten. Ich stelle mir hier ein Fach vor wie Konzentration, Lebenskunst, Meditation – etwas, das Kinder sehr frühzeitig vor den Aufmerksamkeitsräubern schützt, damit sie ihr wertvollstes Gut, was sie haben, die Neugier, nicht auf Dinge lenken, die ihnen langfristig nichts bringen, sondern nur der Werbewirtschaft nutzen. Sie müssen lernen, Filter und Sortiersysteme zu bilden. Da kann man nicht als Lehrer schimpfen über die Elternhäuser, wo die Kinder vor dem Fernseher oder Computer sitzen, da muss man dagegen arbeiten. Und das wäre das wichtigste Schulfach, wichtiger als alle anderen

ADS bei Kindern wird vielfach auch der schnellen Taktung in den Medien zugeschoben… Es gibt aber Stimmen, die sagen, Kinder haben ADS wegen der Patchworkfamilien, in denen niemand mehr Zeit hat für sie – deshalb sitzen sie vor dem Computer oder Fernseher mit der schnellen Taktung. Solche Kinder bekommen dann in der Schule Medienkompetenz vermittelt, um damit umzugehen, was ja nur Symptom ihrer Vernachlässigung ist.

Das ist natürlich ein Teufelskreis. Es  gibt aber eine pädagogische Funktion, die Menschen vor sich selber zu schützen. Eine Gesellschaft, die darauf verzichtet, leistet einen Offenbarungseid. Ich will keine Gesinnungsdiktatur, aber ich will auch nicht auf diesen grundlegenden Schutz verzichten.

Sie sagen, Kinder hätten keine Faktentiefe sondern nur noch Empathie. Ist das nicht auch eine Chance für diese pädagogische Funktion, dieses Spüren, was richtig ist für den anderen und was nicht?

Die Empathie unserer heutigen Jugendlichen ist eine enorme Qualität, wenn es denn gelänge, sie auf langfristige Ziele zu setzen. Die Zahl der engagierten Jugendlichen hat sich jedoch seit den 70er Jahren nicht erhöht. Dafür hat sich die Zahl der ehrenamtlich engagierten Rentner verdreifacht. Trotz ihrer Orga- und Empahthiefähigkeiten, die Jugendliche im Web lernen, geben sie die ganze Energie eigentlich nur aus für Freundschaft, Liebe, Facebook und Selbstdarstellung. Und nicht für Dinge, die dazu beitragen, das Leben der anderen langfristig besser zu machen.

Haben wir das gemacht als wir jung waren? Ich nicht.

Ich schon. Ich komme aus einer Familie, in der soziales Engagement einen enorm hohen Wert hat. Meine Eltern haben zwei Kriegswaisen aus Vietnam adoptiert, als ich klein war. Und wir hatten Pflegekinder aus dem Kinderheim, die immer am Wochenende bei uns waren.

…grober Unterschied zu Konsumkindern.

Klar. Aber ich denke, dass mir diese Haltung nicht geschadet hat. Und deshalb möchte ich sie gerne weitergeben.

Doris Raßhofer ist stellvertretende Chefredakteurin des Monatsmagazins “Bestseller” vom österreichischen Horizont. Dieses Interview ist auch auf horizont.at erschienen.