Das Libroid ist ein Weblog, das man um 90 Grad drehen kann

Worin besteht eigentlich die „Erfindung“ des in der vergangenen Woche von Jürgen Neffe vorgestellten Libroids? Es ist eine E-Book-App im Blogformat für das iPad. Der Clou ist sein Doppelcharakter: Es will das Bildungsbürgertum mit der Surfgeneration versöhnen.

Das Libroid heißt Libroid, weil es „buchähnlich“ ist. Es nimmt Abschied von der alten Welt des Buches, indem es die alte Welt aufhebt (das heißt: ablöst und gleichzeitig aufbewahrt). Und es passt in die neue Welt, deren Begrifflichkeit noch immer so unsicher ist, dass es lieber an den Bezeichnungen der bekannten Welt festhält – siehe Android.

Aber was ist nun das Erstaunliche an dieser „Erfindung“, die laut ihrem Erfinder „eine neue Ära des multimedialen Lesens und Schreibens” eröffnet? Das Libroid funktioniert eigentlich wie ein ganz normales Blog – mit einer breiten Lesespalte in der Mitte und zwei Randspalten links und rechts, die dem Leser allerlei zusätzliche Informationen anbieten.

Jürgen Neffe bei der Libroid-Präsentation: "Vor Dir liegen noch 63 Prozent."

Texte auf dem Libroid können gescrollt werden (Wow! Wie aufregend!). Sie haben keine Seitenzahlen wie ein Buch, sondern Prozentzahlen: Du hast jetzt 37 Prozent des vorliegenden Textes gelesen. Vor Dir liegen noch 63 Prozent.

Die Verweise und Ergänzungen in den Randspalten des Libroids liefern die internetüblichen Vertiefungen (mit und ohne Verlinkung), belegen oder erschließen die vom Autor des Buches verwendeten Quellen, führen den Leser in angrenzende Sachgebiete und ermöglichen ihm Kommentare (Wow! Auch das kannten wir noch nicht ;-).

All diese Blognormalitäten „erfindet“ das Libroid nun noch einmal für das Buch. Willkommen im digitalen Zeitalter!

Andererseits: Der hybride Mix aus Buch und Blog hat auch etwas Vielversprechendes. Denn der Charme des Libroids resultiert aus seinem Doppelcharakter. Es versöhnt das strenge Bildungsbürgertum mit der ablenkungsbereiten Surfgeneration. Es integriert und desintegriert – je nach Bedarf und persönlicher Neigung.

So integriert es die Vorteile der modernen Lesegeräte und die Vorteile des Blogaufbaus (also Navigation und CMS): Durch einfaches Drehen des Geräts verändert sich das Leseformat, so dass jedes Detail aus den Randspalten herangezoomt, und das Wissen vertieft und verbreitert werden kann. Das Libroid ist eine Multimedia-App, die (wie bei Amazons Kindle) mund- und augengerecht serviert, was aktivere Internet-User lieber nach eigenem Gutdünken aus dem Netz fischen würden.

Die wirklich interessante Funktion ist jedoch die Möglichkeit zur Desintegration von Buch und Vernetzung. Das Libroid hält dem Leser den Multimedia-Schnickschnack vom Leib: Durch einfaches Drehen des Geräts verschwinden die Randspalten, und der Leser kann sich auf den puren Text konzentrieren. Es fehlen sogar die Verlinkungen im Text. Beim Libroid laufen sie in den Randspalten mit und verschandeln nicht das Schriftbild.

Das Überraschende an der Libroid-App ist also die Möglichkeit, Text und Verknüpfung mittels einfacher Veränderung des Bildschirmformats optisch zu entkoppeln. Eine Drehung vom Quer- ins Hochformat – schon erscheint das dreispaltige Weblog wieder als unbeflecktes Buch.

Das ist eine hübsche Idee. Eine Übergangsidee, die – wie viele Ideen in dieser Zeit – von einem neugierigen und mutigen Autor umgesetzt wird, nicht von einem Verlag. Vermutlich wird sie aber weder den harten Kern des Bildungsbürgertums noch die digital natives überzeugen.