Lebenszeitraub als Tatbestand: Die Zeit gibt dir niemand wieder

| 26.09.2010 | 9 Kommentare

Längst haben wir zu viel von vormals besonderen Genüssen: Überinformation ist der Smog des 21. Jahrhunderts. Neue Dienste schenken uns Nutzern daher Lebenszeit, indem sie hochverdichtete Resümee-Perlen aus den Medienozeanen aggregieren.

Nicht nur Informationsmassen fluten auf uns zu, auch die Werbung nimmt immer megalomanischere Ausmaße an. Eine Chinesin hat nun den Stopp-Knopf gedrückt.

In der chinesischen Stadt Xian hat die Anwältin Chen Xiaomei ein Kino und einen Filmverleih wegen Zeitdiebstahls verklagt: Vor dem Hauptfilm waren 20 Minuten Werbung gezeigt worden. Da sie nicht darauf hingewiesen worden sei, dass ein solch extrem ausladendes Reklamepräludium zu erwarten wäre, forderte sie nun ihr Eintrittsgeld zurück: 35 Yuan, etwa 4 Euro.

Darüber hinaus will Xiaomei 35 Yuan als Kompensation für den erlittenen seelischen Schaden sowie eine schriftliche Entschuldigung haben. Bei dem Film, den die Anwältin sehen wollte, handelte es sich um den chinesischen Kino-Sommerhit “Nachbeben”, ein Familiendrama über eine durch ein Erdbeben zerrissene Familie. Und das Beste: Das Gericht in Xian hat die Klage akzeptiert.

Als Kind war ich mit meinem Großvater oft in einem Nonstop-Kino, es gab dort eine gewisse Dramaturgie, deren Ablauf sich immer wiederholte: erst ein sogenannter Kulturfilm, etwa über den Hochspannungsleitungsbau in Jugoslawien, danach Fox’ Tönende Wochenschau und dann der Hauptfilm. Es gab keine Klimaanlage und ab und zu lief jemand mit einer Sprühspritze herum und vernebelte etwas, von dem mein Großvater sagte, es sei Flit, also ein Insektizid. Vielleicht war es aber auch einfach nur ein süßlicher Duft, der der silbern flimmernden Kinoluft einen angenehmen Hauch verleihen sollte.

Die Kulturfilme stahlen mir auch meine Zeit, aber ich ließ es geschehen, denn Kino war ein besonderer Genuss, dem sich auch rätselhafte oder bizarre Vorfilme unterzuordnen hatten.

Aber die Zeiten sind vorbei, längst haben wir zu viel von den vormals besonderen Genüssen. Heute ist die zentrale Frage: Wie komme ich an Qualität? Zum Beispiel, indem ich für Medieninhalte bezahle, etwa eine Kinokarte. Mit dem durch Digitalisierung und Vernetzung ausgelösten Medien-Tsunami hat sich das Filterproblem in einem Maß verschärft, das in den 60er und 70er Jahren nicht abzusehen war.

Die Informationsgesellschaft hat in jenem Moment begonnen, in dem klar war, dass zu viele Informationen vorhanden waren. Aus der Zivilisation wird nun eine Zuvielisation – Überinformation ist der Smog des 21. Jahrhunderts. Je kompakter und intelligenter jemand heute seine Ideen oder sein Wissen aufbereitet, desto wertvoller wird sein Beitrag. Es ist mit Informationen wie mit Uhren: Wer eine Uhr hat, weiß immer, wie spät es ist. Wer viele Uhren hat, ist sich nie sicher.

Den juristischen Ansatz von Frau Xiaomei sollten wir Mediennutzer auf jeden Fall als Schritt in die richtige Richtung ansehen. Es kann nicht angehen, dass Kulturgut – sogar in bezahlter Form – zu einem Anhängsel metastasierender Werbeformen verkommt. Lebenszeitraub sollte in einer Wissensgesellschaft durchaus als neuer Tatbestand diskutiert werden.

Lösungsansätze, Qualität aus den Medienozeanen zu fischen, gibt es, von den Perlentauchern bis Google News über die Empfehlungsökonomie von Twitter und Facebook bis hin zu “vorausschauenden” Algorithmen, wie sie etwa in der famosen iPad-Applikation Flipboard arbeiten.

Diese Dienste und Anwendungen versuchen, den Nutzern Lebenszeit zu schenken. Anstatt, wie früher im Kaffeehaus, erst einmal eine Stunde lang die Feuilletons der Tages- und Wochenzeitungen durchzublättern, haben die guten Menschen vom Perlentaucher das schon mal für einen erledigt. Und bieten statt langer Artikel erst einmal hochverdichtete Resümees an: Aggregation at its best. Das gibt uns ein paar Augenblicke lang googlefrei, wir müssen nicht herumsuchen.

Das aber ist erst ein zarter Anfang. Ich warte schon auf den Videorekorder mit integrierter Feuilleton-Fähigkeit, der Filme nicht nur aufzeichnen, sondern auch angucken kann und mir bei Bedarf sagt: Spar dir die anderthalb Stunden. Der Film ist mies und die Zeit gibt dir niemand wieder.

Peter Glaser bloggt auf Glaserei. Crosspost mit freundlicher Genehmigung.