Journal21.ch: Heiners Renterband

Vor einer Woche ist "Journal21" gestartet: ein Newsportal, das ergänzend zu klassischen Medien, "journalistischen Mehrwert" bieten möchte. Mit vertieften Analysen, Kommentaren und Hintergrundberichten könnte es ein veritables Orchester mit herausragenden Solisten werden - und das alles "gratis".

80 Journalisten hat der ehemalige Chef der Schweizer Tagesschau, Heiner Hug, um sich geschart. Gemeinsam haben sie soeben das Newsportal www.journal21.ch gestartet. Die Sache wäre kaum der Rede wert, fühlten sich nicht alle jünger, als sie sind. In Anspielung an Udo Lindenberg nennen sie sich „Rentnerband“, aber wenn wirklich alle mitmachen, handelt es sich eher um ein veritables Orchester mit herausragenden Solisten.

Seit ein paar Tagen spielen die Pensionäre nun – und versuchen das zu leisten, was viele andere Medien nicht mehr vermögen: Sie wollen „journalistischen Mehrwert“ bieten, soll heißen: den News und Kurznachrichten, die uns täglich überfluten, vertiefte Analysen, Kommentare und Hintergrundberichte entgegensetzen. Alle Beteiligten arbeiten aus Lust und Freude mit – also ohne Honorar.

Betont ruhig: journal21.ch (Screenshot).

Da sich das Team erst einspielen muss, wäre es voreilig, schon jetzt seine Leistungskraft zu beurteilen. Die Website kommt betont ruhig daher – und hebt sich damit wohltuend von vielen bunteren Online-Angeboten ab. Womöglich kommt die Nachdenkofferte allerdings zu früh, weil es noch eine Weile dauern wird, bis wir alle entspannt im Sessel oder am Frühstückstisch „elektronisch“ Zeitung lesen, also mit einem Kindle oder einem iPad, statt mit Papier zu rascheln. Vor einem herkömmlichen Bildschirm sitzend, mag erfahrungsgemäß nicht jeder längere Texte lesen.

Auch in Österreich und Deutschland stellt sich die Frage, ob solch professionelle Gratis-Konkurrenz den etablierten Medien schadet. In Amerika gibt es ja inzwischen bereits viele Websites von entlassenen oder frühpensionierten Journalisten. Oft werden sie in direkter Konkurrenz zu den vormaligen Arbeitgebern betrieben. Womöglich rächt es sich so, dass viele Medienhäuser es verschlafen, dieses Potential selbst einzubinden. Die meisten sind noch immer viel zu sehr damit beschäftigt, ihre Printprodukte zu optimieren – statt sich im Web so zu positionieren, dass sie dort eine Überlebenschance haben.

Vielleicht ist Hugs „Rentnerband“ allerdings auch die letzte Journalisten-Generation, die so üppig mit Alterseinkünften und Pensionsansprüchen ausgestattet ist, dass sie sich diesen Luxus leisten kann, in hoher publizistischer Qualität „alles gratis“ anzubieten.

Diese Kolumne hat Stephan Ruß-Mohl für die österreichische Wochenzeitung Die Furche und Carta geschrieben.