Angeekelt kann man nur noch sagen: „Halt die Fresse Freifrau“

| 20.09.2010 | 71 Kommentare

Stephanie Freifrau zu Guttenberg engagiert sich in der "Bild" gegen Kindesmissbrauch - und bringt für populistische Belege das verdammt ernste Thema mit Rock'n'Roll und "Porno Chic" in Verbindung. Diese Ökonomisierung der Sexualität für Bücherverkäufe ist ärgerlich.

Noch jede Gattin eines Bundespräsidenten oder Bundeskanzlers hat ihr soziales Thema. Von Pflanzenschutz (Loki Schmidt) bis Mukoviszidose (Christina Herzog) war schon alles da. Nun kommt Stephanie Freifrau zu Guttenberg mit Kindesmissbrauch ums Eck. Das Problem dabei ist nur, dass ihr dauergutgelaunter Gatte das entsprechende Amt noch gar nicht inne hat und sie das verdammt ernste Thema mit Pop und einem von ihr attestierten „Porno Chic“ in ihrem Buch „Schaut nicht weg“ in Verbindung bringt.

Stephanie Freifrau von und zu Guttenberg, Präsidentin des "Innocence in Danger e.V. "

Abdrucken ließ sie das alles zuerst in der Bild. Diese garnierte das Thema mit halbnackten Fotos von Britney Spears und Lady Gaga. Kolumnist Wagner lobte auf Seite zwei den unermüdlichen Einsatz der Freifrau für eine behütete Kindheit, ohne den Einsatz effekthaschender Sexualität. Auf Seite Eins saß nackt Melanie aus Magdeburg, die Sex ohne Liebe aufregend findet und Männern laut Bild-Fragebogen zuerst auf den Hintern schaut.

Natürlich nervt ein plumper Umgang mit Sexualität, egal ob im Pop, Boulevard oder in der Werbung. In der Regel ist nacktes Fleisch leider Ausdruck von absoluter Ideenlosigkeit. Zu Recht singt Peter Licht: „Bitte nie mehr Sexualität zeigen, bitte nie mehr und Nirgendwo, im Zusammenhang mit Euren Produkten, bitte nie mehr Haut und nie mehr Po!“ (Stilberatung). Die Ökonomisierung der Sexualität ist ärgerlich, egal ob bei Springer-Zeitungen, Universal-CDs oder bei Freifrau zu Guttenberg, die Bücher verkaufen will.

Stephanie befürchtet eine Verrohung durch den frühen und omnipräsenten Sex. Sie lobt die bis zum Hals zugeknöpfte Whitney Houston und die junge Nena im Schlabber T-Shirt, welche in ihrer Kindheit sangen. – Bei mir kam „Voulez vous coucher avec moi ce soir“ aus dem Äther als ich klein war und meine Mutter wusste nicht, wie sie mir das übersetzen sollte. Im Fernsehen schwangen die Tänzerinnen des Musikladen Eurotops zu aktuellen Hits ihre blanken Brüste und meine Deutschlehrerin in der Grundschule kam ohne BH, aber mit halbtransparenter Bluse in den Unterricht. So hatte ich vorher schon Uschi Glas auf CDU-Wahlplakaten gesehen.

Zugegeben, die Freifrau und mich trennen 12 Jahre, aber auch als die kleine Stephanie mit Pop in Berührung kam, gab es bereits Madonna. Die stand nackt trampend im Video zu „Erotica“ an der Strasse und hatte auch sonst bei der Interpretation ihrer Gassenhauer recht wenig an. Die Texte hatten es schon damals bei allen Bands in sich. In „All Night Long“ sangen zum Beispiel AC/DC davon, dass das Mädchen, mit dem man Sex hat, fragt ob man ejakulieren würde, obwohl man schon längst ejakuliert habe und nimmt das zum Anlass einen die ganze Nacht hindurch zu penetrieren. „You Shook Me All Night Long“ heißt es im Refrain des Hits der rockenden Australier.

Die kleine kleine Stephanie scheint das damals sogar begeistert zu haben. AC/DC zählen sie und ihr Mann noch immer zu ihren Lieblingsbands. Geben sie ein Konzert setzt sich Stefanie blinkende Teufelshörnchen auf, zieht sich der Freiherr eine Lederjacke an und sind die Fotografen im Schlepptau. Diese dokumentieren dann wie cool das Pärchen ist, wenn sie sich eine Band angucken, deren Lead-Gitarrist Angus Young in Schuluniform mit 55 Jahren einen züngelnden Buben mimt und deren früherer Sänger Bon Scott in Folge von Alkoholmissbrauch an seinem Erbrochenen erstickte.

Hip: Die Guttenbergs auf einem ACDC-Konzert.

Nichts gegen konservative Politikergattinnen wie Tipper Gore, die aus tiefer Überzeugung dem Rock’n’Roll den Krieg erklärten. Das ist nicht mein Ding (und auf Dauer wohl auch nicht von Al Gore, der sie verlassen hat) aber ihr gutes Recht. Nichts gegen Politikergattinnen wie die des Bundespräsidenten, die aller Welt ihr Tatoo zeigen oder Politikerinnen wie Franziska Drohse, die man im Watergate oder Claudia Roth, die man bei Rainer von Vielen im Lido beim Feiern trifft. Als braver, wählender Bürger bin ich für vieles offen.

Völlig inakzeptabel ist aber, sich einerseits des Rock’n’Rolls zu bedienen, wenn es darum geht sich und den Gatten in der Öffentlichkeit als lustige CSU-Rebellen zu positionieren und ihn dann zu missbrauchen, um einen populistischen Beleg für Thesen rings um ein so schreckliches Phänomen wie Kindesmissbrauch zu haben. Angeekelt kann man da nur noch sagen: „Halt die Fresse Freifrau“. Oder diplomatischer wie Peter Licht: „Es gibt keinen wahren Po im Falschen“.

Dieser Text von Tim Renner erschien auch im Motorblog.