Spiegel Online – die wahre Krake im Netz

Gern hacken die Medien auf der Datenkrake Google herum. Wirklich beherrschend im Netz sind aber die ‚Altmedien’, allen voran „Spiegel Online“. Der Erfolg des Platzhirschs zeigt, dass die Blogosphäre ihre Eigenständigkeit und ihr Selbstbewusstsein weitgehend eingebüßt hat.

Keine Frage: Der Spiegel hat frühzeitig und intelligent auf die Möglichkeiten des Internet gesetzt. Er hat (seit 1994!) seine stärksten Waffen – das gedruckte Spiegel-Imperium und den Spiegel-TV-Konzern – eingesetzt, um seine Position im Netz kontinuierlich und aggressiv auszubauen – während andere Verlage den Schlaf der Gerechten schliefen, und es zum Teil heute noch tun.

Doch das (Leitmedien-)Monopol ist im Netz inzwischen noch dominanter als im Gedruckten, und das kann auf Dauer nicht gut sein für den Pluralismus. Die Krake Spiegel Online zwingt uns immer stärker ihre Sichtweise auf – viel stärker noch als BILD –, weil der Spiegel sich in allen wichtigen Netz-Kategorien als einsamer Marktführer etabliert hat. Insofern haben wir tatsächlich ein veritables Systemproblem (allerdings ein anderes als der Schweizer Soziologe Kurt Imhoff erkennen mag):

  • Mit bis zu 900 Millionen Page Impressions im Monat wird Spiegel Online derzeit in den Hitlisten der IVW-Kontrolle geführt. Nur bild.de schneidet unter den Medienangeboten noch besser ab (doch wenn man bedenkt, dass Spiegel und Bild zunehmend gemeinsame Sache machen, ist das Kampagnen-Monopol der beiden Netz-Riesen besorgniserregend).
  • Beim Blog- und News-Aggregator Rivva (der in grauer Vorzeit das Abbild einer gut vernetzten Bloglandschaft anzeigte) führt in der Kategorie „Leitmedien“ – „Wer lieferte in den letzten 100 Tagen die meisten Titel-Stories? – Spiegel Online mit weitem Abstand. Das früher im Netz so heftig kritisierte Modell „Ein Sender, viele Empfänger“ ist online stärker als je zuvor.
  • In den Twitter-Charts von Jens Schröder (dessen Deutsche Blogcharts dadurch weiter an Bedeutung verlieren) führt Spiegel Online so überragend, dass der Zweitplatzierte nicht einmal 50 Prozent der Spiegel-Reichweite erzielt. (Und generell fällt auf, dass unter den 20 meist verlinkten redaktionellen Websites nur drei nicht von ‚Altmedien’ stammen). Spiegel Online, der Platzhirsch, bietet fast zwei Dutzend Twitterkanäle an: Die Spiegel-Topmeldungen haben 28.000 Follower, die Eilmeldungen sogar schon 53.000  (wobei Spiegel Online selbst nur 21 Twitter-Accounts folgt: den eigenen Angeboten!).
  • Auch auf Facebook ist Spiegel Online mit einer ganzen Latte von Seiten und Debattenforen vertreten. SpOn hat bereits über 86.300 bekennende Fans, die den Button „Gefällt mir“ drückten und mit ihrem Konterfei für ihr Lieblingsmedium werben.
  • Und schließlich besteht der Suchmaschinen-Aggregator Google News an vielen Tagen – gefühlt –  zu einem Drittel aus Spiegel Online-Meldungen (und zu einem weiteren Drittel aus BILD-Nachrichten), egal, ob der Neuigkeitswert das nun rechtfertigt oder nicht. Denn Google News ist wie Rivva bloß ein Spiegel-Bild dessen, was im Netz am häufigsten zitiert, verlinkt oder empfohlen wird. Das zeigt, dass der Online-Leser noch lieber „auf den größten Haufen scheißt“ als der belächelte Papierleser.

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Wohlgemerkt: Dies ist keine Kritik am Dominanzverhalten des Spiegel. Das ist deren Geschäft. (Und was dazu gesagt werden muss, hat Stefan Niggemeier andernorts bereits getan). Meine Frage geht vielmehr an die Nutzer des Web, ob sie ihre sklavische Ausrichtung an nur einem Objekt nicht ein bisschen übertreiben?