BILD erliegt dem Boulevard-Gen: “Man wird ja wohl noch sagen dürfen”-Kampagne für Sarrazin

BILD hat mit Sarrazin die ganz große Kampagnen-Maschinerie angeworfen: Klartext-Thilo muss gegen die "Sprechverbote" der "dummen" Parteipolitiker verteidigt werden. Die Kanzlerin pariert sofort. Den weniger kampagnenfähigen Gen-Sarrazin hat BILD schnell wieder eingemottet.

Thilo Sarrazin ist auch jetzt noch nicht um drastische politische Metaphern verlegen. Im Focus-Interview sagte Sarrazin über die Bundeskanzlerin:

Na, was glauben Sie, wie viele tausend Briefe und E-Mails von CDU-Anhängern in ihre Parteizentrale geschickt worden sind. Da spürt sie: Hier bricht was auf, was schwer zu beherrschen ist. Deshalb kommt es zum Kesseltreiben.

Beim Kesseltreiben geht es bekanntlich darum, das Wild zu umstellen und mit Hilfe von Treibern den Jägern vor die Flinten zu scheuchen. Wen Sarrazin hier für das Wild hält, daran besteht kein Zweifel. Dass sich Jäger und Treiber finden werden – auch da schien sich Sarrazin Ende letzter Woche sicher.

Kaum einen Tag später, am Samstag, tat ihm Bild bereits den Gefallen und engagierte sich massiv als Treiber:

BILD-Titel vom 04.09.2010: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen"

Bild bietet Sätze auf, wie „Ich will mich nicht dafür entschuldigen müssen, ein Deutscher zu sein“, und nennt solche Formulierungen „hart“ und „unbequem“. Wer derartiges in Deutschland sage, werde „niedergemacht, ausgebuht, abgesägt!“. Deswegen kämpfe Bild nun für die „Meinungsfreiheit“. Es dürfe auch bei solchen Sätzen „keine Sprechverbote“ geben.

Dass Migranten „fickrig, faul und fromm“ seien, müsste diskutiert werden dürfen, erklärt Bild und hält der Parteipolitik von CDU bis Grünen ihre „dummen Sätze“ vor, die „Wir nicht mehr hören können!“.

Zu einer Äußerung des Bundesinnenministers schreibt Bild beispielsweise:

Thomas de Maizière (CDU): „Das, was er gemacht hat, verstößt mindestens gegen den Grundsatz: ,Das tut man nicht.’ Wir brauchen keine Belehrung. Wir wissen um höhere Gewaltneigung bestimmter Ausländer. Wir wissen um Integrationsprobleme. Die Fragen, die Sarrazin stellt, stellt sich die Politik längst.“
BILD meint: Warum hat dann niemand was getan, wenn alle Probleme soooo bekannt sind?

So so, es hat also „niemand was getan“ – bis Sarrazin endlich mit seinen unbequemen Wahrheiten Sätzen kam.

Thilo Sarrazin: "niedergemacht, ausgebuht, abgesägt!" (Ausriss von Seite 3 der Bild-Ausgabe vom om 04.09.2010)

Auf der nächsten Seite fordert Bild-Autorin Armgard Seegers „Wir wollen keine Sprechverbote“. In ihrem Text heißt es (Passage nicht online, Hervorhebungen Carta):

„Zu den Fragen, die Thilo Sarrazin Buch „Deuschland schafft sich ab“ aufgeworfen hat, zählt auch jene, ob die moralischen, politischen oder sozialen Überzeugungen, die öffentlich werden, nicht ein weichgespültes, intellektualisiertes und relativiertes Bild der Gesellschaft zeichnen und kaum je das zutreffende, was mit der Alltagserfahrung der Menschen übereinstimmt.“

Nikolaus Blome ergänzt im Kommentar noch, die Politik solle „das Volk“ nicht für „blöd“ halten. Die Bürger seien wütend über die „Bevormundung“ durch eine Politik, die die Sarrazin-Debatte abwürgen wolle.

Auf drei Seiten ausgebreitet, stellt die Bild-Geschichte über „Meinungsfreiheit“ und „Sprechverbote“ die wohl größte und schärfste politische Kampagne der Bild seit einiger Zeit dar. So wie Bild vom großen Presseinteresse für das Sarrazin-Buch schwärmt, so groß ist nun auch die eigene Kampagne im Blatt.

Nachdem sich Bild am Donnerstag bereits teilweise von Sarrazin distanziert hatte („scheiße, beschämend, widerlich„-Wagner), fiel sie nun am Samstag in die zuletzt von Guido Westerwelle popularisierte „Man muss doch noch sagen dürfen„-Rhetorik zurück.

Sarrazins krude biologistischen Gen-Thesen sind plötzlich vergessen – und Bild konzentriert sich auf den kampagnenfähigen Teil des Sarrazin-Buches:

Dafür verengt Bild Sarrazins Rolle auf die eines Volkstribuns, der die „Alltagserfahrung“ der Leute ausspreche – und so die „intellektualisierte“ Parteipolitik unter Druck setze. Diesem Sarrazin müsse volle „Meinungsfreiheit“ gewährt werden.

Die Bild-Kampagne verortet den Sarrazin-Konflikt in den Bezugsrahmen „Meinungsfreiheit vs. Sprechverbote“ und „intellektualisierter öffentlicher Diskurs vs. Alltag der einfachen Menschen“. Ein typischer Boulevard-Frame: „Wir kleinen Leute“ gegen die „abgehobene Politik“.

So wird Politik gemacht. Denn Bild braucht Sarrazin als Vehikel für eine eigene Kesseljagd auf die etablierte Politik. Sarrazin – das zeigt die Schärfe der Kampagne – ist nur der vorzüglichste Anlass, eine Regierung und eine Kanzlerin zu bedrängen, der es aus Sicht der Bild-Truppe an fast allem mangelt: an konservativem Instinkt, an Strahlkraft, an Mobilisierungsfähigkeit.

Die offene gezeigte Sympathie des Hauses Springer für den Nicht-Merkel-Kandidaten Gauck war das Vorspiel: Sarrazin ist nun der erste Hauptakt.

Die Kanzlerin hat dies selbstredend sofort verstanden – und sich per Bild am Sonntag-Interview zum Teil der Kampagne gemacht, deren Ziel sie war. Auch sie sei für eine „offene Integrationsdebatte ohne Tabus„, erklärt Merkel laut Vorab-Meldung. Die statistisch höhere Gewaltbereitschaft strenggläubiger muslimischer Jugendlicher dürfte nicht tabuisiert werden: „Das ist ein großes Problem und wir können offen darüber sprechen, ohne dass der Verdacht der Fremdenfeindlichkeit aufkommt.“

Ein Etappenziel ist damit erreicht: Die Migrationsdebatte wird auf der Ebene vermeintlicher Tabus geführt – Bild hyperventilierte „Sprechverbote“ und die Kanzlerin sah sich  innerhalb weniger Stunden zum Dementi gezwungen.

So wird Politik gemacht.

Auch Thilo Sarrazin ist damit für Bild-Leser wieder voll rehabilitiert. „Widerlich“ war gestern.

Dabei enthält Sarrazins Buch von der drohenden „Abschaffung“ der Deutschen auch zahlreiche Sätze, die man als Vorstand der Bundesbank lieber nicht sagen sollte. Entsprechende Zitate aber hat Bild lieber nicht auf seine Titelseite gehoben – sie hätten nicht in die einfache Boulevard-Logik von Meinungsfreiheit, dröger Parteipolitik und Sprechverboten gepasst.

So schreibt Sarrazin etwa:

  • „Das System [der Sozialhilfe für Ausländer] ist pervers.“ (S.323)
  • Die Haltung des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zur kulturellen Identität der Türken in Deutschland sei „chauvinistisch“. (311)
  • „Die Übergänge vom Kopftuch über den Schleier zur Burka sind gleitend.“ (Seite 313)
  • „Mehr Kinder von Klugen, bevor es zu spät ist.“ (Seite 331)
  • „Hätte die deutsche Bevölkerung seit dem 8. Mai 1945 dieselbe Geburtenrate gehabt wie die damalige Bevölkerung von Palästina, so gäbe es heute in Mitteleuropa 600 Mio. Deutsche.“ (Seite 317)
  • Über die „dysgenische Wirkung“ der „Geburtenarmut in gebildeten Schichten“: „Das Muster des generativen Verhaltens in Deutschland seit Mitte der sechziger Jahre ist nicht nur keine Darwinsche natürliche Zuchtwahl im Sinne von „survival of the fittest“, sondern eine kulturell bedingte, von Menschen selbst gesteuerte negative Selektion, die den einzigen nachwachsenden Rohstoff, den Deutschland hat, nämlich Intelligenz, relativ und absolut in hohem Tempo vermindert.“ (Seite 353)

Angesichts solcher Formulierungen wird man ja wohl noch meinen dürfen:

Ein Bundesbankvorstand, der das Sozialhilfesystem des eigenen Landes „pervers“ nennt, der das Staatsoberhaupt eines Partnerlandes „chauvinistisch“ nennt und der über die „dysgenische Wirkung“ fehlender „Zuchtwahl“ und mangelnder „Selektion“ fabuliert, der hat die Repräsentationspflichten seines Amtes grob verletzt.

Wenn sich Sarrazin zum Volkshelden (Ohje, Spiegel) stilisieren lassen möchte, dann kann er dies ja leistungsbewusst auf eigene Rechnung machen – und muss sich nicht vom Steuerzahler aufgabenfremd alimentieren lassen.

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Weitere Links:

Update: Merkel nimmt zur Bild-Kampagne vom Samstag explizit Stellung: „Ein Problem der Meinungsfreiheit. Sicher nicht.