Junge Hühner, alte Gockel und der Untergang des Abendlands

Die Bestseller der letzten Jahre entwickeln eine gewisse Monotonie: Junge dekadente Frauen und alte autoritäre Spießer lösen sich auf den vorderen Plätzen ab. Ihr gemeinsames Lieblingsthema: das total versaute Abendland.

Die eloquentesten Vertreter des Bürgertums waren schon immer der Meinung, dass ihre ganz speziellen Sorgen alle Menschen betreffen. Denn wenn es den europäischen und nordamerikanischen Bildungsbürgern unbehaglich wird, geht meist das ganze Abendland unter, mindestens aber der Westen, die Kultur, eine Epoche, eine Ära, die Gene – oder das eigene Land.

Das Bürgertum, das muss man zu seiner Ehrenrettung allerdings sagen, ist ein empfindlicher und verlässlicher Seismograph für tektonische Bewegungen in der Gesellschaft. Mehr noch: In seinem Innern schlummern auch jene Kräfte, deren Eruptionen so einfühlsam vorhergesagt werden. Das Bürgertum ist sozusagen doppelt involviert: Es bereitet exakt jene Trends vor, die es anschließend alarmistisch anzeigt. Dieser Doppelcharakter lässt es lebendig und interessant erscheinen – macht es aber auch unberechenbar und anfällig.

Seit geraumer Zeit fühlt sich das Bürgertum wieder bedroht: von der Unterschicht, vom Islam, vom Osten, vom Internet, von der Zügellosigkeit der Frauen und der Jugend.

Am deutlichsten zeigt sich das auf den Bestsellerlisten. Dort gibt es seit einigen Jahren eine auffallende Doppel-Herrschaft junger wilder Frauen und alter spießiger Männer. Sie bilden die Pole der öffentlichen Erregung. Mal schildert eine Jung-Frau ihr zügelloses Leben, dann wieder schreibt ein Alt-Mann über die Notwendigkeit des Zügel-Anlegens. In diesem Wechselbad der Medien-Hypes (einer Art geistigem Waterboarding) schnappen wir nach Luft.

Einerseits präsentieren die Verlage mit viel Getöse Helene Hegemanns nihilistische Provokation „Axolotl Roadkill“ oder Charlotte Roches unverschämt offene „Feuchtgebiete“, andererseits servieren sie mit dem gleichen Radau die fast schon hysterischen Ordnungsrufe eines Bernhard Bueb („Lob der Disziplin“), Michael Winterhoff („Warum unsere Kinder Tyrannen werden“) oder Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“).

Wie dieses Wechselspiel bürgerlicher Radikalisierung weiter geht (und wo es eines Tages enden wird), wissen wir nicht. Vermutlich ist das Spiel noch eine ganze Weile steigerbar. (Ich habe es hier und hier ein bisschen auf die Schippe genommen.)

Zur Zeit erleben wir wieder Plot 2, das heißt: Alter autoritärer Mann fordert Disziplin und Rückkehr zu Zucht und Ordnung. Er ist zutiefst verstört von den Dingen, die um ihn herum vorgehen und sucht nach möglichst einfachen Erklärungen: Also überträgt er den Zerfall seines Weltbilds auf die reale Welt und schreibt ein zorniges Abrechnungs-Buch (= Entlastungsangriff). Es geht ihm wie den alten Haudegen im Film „The Expendables“. Aber schon morgen sind wieder die jungen wilden Frauen am Zug.

Und die (bürgerlichen) Leitmedien? Sie leisten über weite Strecken keine Aufklärung mehr – oder viel zu spät. Sie sind vor allem Resonanzböden, also genau das, was sie dem Internet so gerne vorwerfen. Sie besorgen die PR-Arbeit, während das Netz die filternde Kritik übernimmt.