Die Beobachtung der Beobachter: Journalismus braucht professionelle Qualitätsforschung

Auch hierzulande werden Studien gebraucht, die den „Qualitätszerfall der Informationsmedien“ transparent machen. In der Schweiz wurde damit nun angefangen.

Mitten im Sommerloch hat sich ein Wunder ereignet: Eine Zürcher Forschergruppe um den Mediensoziologen Kurt Imhof hat zum ersten Mal für die Schweiz ein Jahrbuch „Qualität der Medien“ vorgelegt. Auf 373 Seiten ist akribisch dokumentiert, wie sich Journalismus und Medien dort entwickeln. Den Autoren zufolge sind die Aussichten trübe. Sie wollen den „Qualitätszerfall der Informationsmedien“ transparent machen und dazu beitragen, dass der „Wettbewerb um Anzeigen wieder in einen publizistischen Qualitätswettbewerb mündet.“ Vor allem aber möchten sie endlich eine Plattform für eine „empirisch unterlegte Qualitätsdebatte“ schaffen.

Das ist ein wichtiger erster Schritt. Ohne solch eine jährliche Zustandsbeschreibung, die sich am Vorbild des amerikanischen „Project for Excellence in Journalism“ orientiert, stochern Journalisten und Medienmanager bei der Selbstbeobachtung im Nebel. Wir müssen kontinuierlich erfassen, wie sich die Medien ändern, welche Hypes sie erzeugen und welche Schäden und welchen Nutzen sie stiften. Jetzt gälte es, für den gesamten deutschsprachigen Raum solch eine unabhängige Analyse zu erarbeiten.

Vorbildlich ist auch, wie Imhof seine Arbeit aus einer Vielzahl „zivilgesellschaftlicher“ Quellen finanziert. Hellhörig macht indes, dass für solch ein lebenswichtiges Projekt die üblichen Fonds universitärer Forschungsförderung nicht anzapfbar sind. Es wäre an der Zeit, dass sich diese Förderinstitutionen (FwF in Österreich, SNF in der Schweiz, DFG in Deutschland), aber auch die wissenschaftlichen Akademien oder die Max Planck-Gesellschaft, um das Thema kümmern. Es ist bereits fünf nach zwölf. Letztlich geht es bei der Zukunft des Journalismus auch um die Zukunft unserer Demokratie und Gesellschaft.

Diese Kolumne hat Stephan Ruß-Mohl für die österreichische Wochenzeitung Die Furche und Carta geschrieben.

Hinweis: Das “Jahrbuch 2010 Qualität der Medien Schweiz” ist im Volltext abrufbar. Dominik Meier hat sie unter dem Titel “Eine geballte Medienkritik” bei medienheft zusammengefasst.

Auf Medienspiegel.ch beteiligt sich Kurt Imhof an der Diskussion zur Studie. Um einerseits den Qualitätsanspruch des Publikums und der Medienmacher und andererseits die Qualität der Medien zu erhalten bzw. zu erhöhen, schlägt er vier Maßnahmen vor:

a) Medienkompetenz als institutionalisiertes Fach in den Berufsschulen, Berufsmittelschulen und Gymnasien und zwar nicht in der Form des bildungspolitischen Gutmenschentums, das den Versuch unternimmt, die Jugendlichen politisch korrekt durch Pornoseiten und Gewaltdarstellungen surfen zu lassen, sondern als Bildung über die Unterschiede der Informationsmedien anhand von Berichterstattungsfolgen, die die Jugendlichen interessieren.

b) die Elimination der Gratiskultur auf Holz und Online, sonst lässt sich guter Journalismus aufgrund der Konditionierungseffekte beim Publikum nicht finanzieren.

c) die Zusammenarbeit öffentlicher und privater Redaktionen im Onlinesektor mit einem Qualitätsanspruch, der dem dreisprachigen Journalismus der Schweiz auch wieder über die Schweiz hinaus Reputation verschafft.

d) die ergänzende qualitätsorientierte Förderung von Informationsmedien über zivilgesellschaftliche und staatliche Mittel. [Hervorhebungen Carta]