Flatrate für Journalismus – oder uns geht es wie der Musikindustrie

An der Entwicklung der Musikindustrie können Journalisten studieren, was ihnen blüht. Im Musikgeschäft führte die Digitalisierung zu völlig neuen Produktions-, Vertriebs- und Erlösstrukturen. Der Übergang von den „alten“ Trägermedien CD und DVD zu online abrufbaren Musikstücken veränderte die Rahmenbedingungen für Musiker, Studios und Plattenfirmen dramatisch.

Da heute im Prinzip jeder mit geringen Mitteln Musikstücke produzieren und über das Internet verteilen kann, haben wir es mit einer gewaltigen De-Professionalisierung – aber auch mit einer gewaltigen Befreiung zu tun: Die hervorragend ausgestatteten, mit Fachkräften besetzten Musikstudios und die Plattenfirmen werden ersetzt (bzw. unterwandert) durch kleine Wohnzimmerklitschen, in denen Amateure ihre Stücke selbst produzieren und per Netz-Communiy bekannt machen und vertreiben.

Diese Befreiung von der Bevormundung durch Musikstudios und Plattenfirmen führt zu einem anarchischen und qualitätsfernen Angebot. Aber das wird nicht so bleiben. Sobald die Honorare, die Provisionen, die Gewinne und die Umsätze im Netz die heutigen Cent-Beträge übersteigen, werden sich auch Qualitätsstrukturen im Netz herausbilden.

Und damit sind wir beim Journalismus: Setzen wir Musiker und Journalisten gleich, Redaktionen und Studios, Printmedienverlage und Plattenfirmen, so sehen wir eine ähnliche Ausgangslage: Auch im Journalismus revolutioniert das neue Trägermedium die Branche.

Mit welchem Ergebnis? Die großen Verlage subventionieren ihre Internetauftritte mit dem Geld, das sie im Printbereich (noch?) verdienen. Der große Rest der freien journalistischen Netzproduzenten treibt sein anarchisches Unwesen als brotlose Liebhaberei, als Lust am Neuen, als gesellschaftliche Alternative, als Wette auf die Zukunft. Die freien Netzproduzenten setzen ihre Hoffnung (vergeblich?) auf reiche Onkel, zivilgesellschaftliche Stiftungen, Wagniskapitalgeber und philanthropische Erben.

Diese Zwei-Klassen-Gesellschaft aus großzügig alimentiertem Netzjournalismus und brotloser Kunst gerät nun unter Druck. Die Verlage sparen und die kleinen Netzproduzenten schlittern – wenn sich ihre prekäre Situation weiter verschärft – in eine Schaffenskrise. Ohne Moos nix los. Das Ergebnis wäre ein technisches, journalistisches und demokratisches Entwicklungsdefizit, das sich eine auf Erneuerung abonnierte Gesellschaft eigentlich nicht leisten kann.

Immer drängender wird deshalb die Frage: Wie sollen gute Einkommen und gute Qualität im Netz erzielt werden, wenn a) die Anzeigenkunden nichts für das Umfeld und b) die Leser – wie schon die Musikliebhaber – nichts für die Nutzung der Inhalte bezahlen wollen?

Da die herrschende Gratis-Mentalität wohl kaum zu ändern ist (und aus Bildungsgründen auch nicht geändert werden sollte), spricht alles für eine demokratische Lösung: Die Anbieter von Breitbandanschlüssen (die ja aus einem öffentlich-rechtlichen Grundversorgungsbetrieb – der Post – hervorgegangen sind) müssten auf politischem Wege davon „überzeugt“ werden, einen Teil ihrer Flatrate-Einnahmen – sagen wir: 25 Prozent – für künftige Internet-Programme abzuzweigen. Die aus dem „Gebührenanteil“ der Flatrate finanzierten (öffentlich-rechtlichen) Internetanstalten könnten dann sowohl die Technik (die Studios) für die Programmanbieter bereitstellen als auch die Honorierung der Musikgruppen, Netzeitungen, Blogger etc. übernehmen.

Bei fast 20 Millionen DSL-Anschlüssen mit einer durchschnittlichen monatlichen Flatrate von 25 Euro stünden jährlich rund 1,5 Milliarden Euro für Internet-Programme zur Verfügung. Zusätzlich könnten die Netz-Angebote (nach US-Vorbild) durch eine Autoren-Abgabe der Suchmaschinenbetreiber finanziert werden. Beides zusammengenommen entspräche in etwa dem Jahresetat des ZDF.

Fließt erst richtiges Geld, kommt auch die Qualität.