Die Kolonialmächte der Datenwolke

Das Netz droht von digitalen Monopolisten kolonialisiert zu werden - auf Kosten von Freiheit und Innovation. Diese Giganten der Netze beginnen, dem Netz und seinen Nutzern die Bedingungen zu diktieren. Ein Appell für ein offenes und chaotisches Netz.

Das Internet der Zukunft wird überall sein. Auf den Rechnern, Schirmen, Pads oder wie auch immer man dann nennen wird, was die Menschen bei sich zu Hause oder am Arbeitsplatz nutzen. Und überall sonst, auf Geräten, die dann vermutlich nicht mehr Mobiltelefone genannt werden, weil das Telefonieren nur einen verschwindend geringen Anteil ihres Funktionsumfangs ausmacht.

Schon aktuelle Smartphones können sehr viel mehr als Sprechverbindungen zu anderen Telefonen herstellen: Fotos und Videofilme aufnehmen, Zeitschriften oder Bücher darstellen. Sie sind Kalender, Notizbuch und tragbare Spielkonsole, Taschenrechner, Wasserwaage und Multimediaplayer. Vor allem aber sind sie Internet-Geräte – ein Großteil der genannten Funktionen ist schon heute ohne eine Verbindung zum Datennetz kaum denkbar.

Die Mobiltelefone von heute sind also tragbare Computer. Ihre Bildschirme werden zu Fenstern in eine zusätzliche Schicht, eine allgegenwärtige Ergänzung der physischen Wirklichkeit. Der Begriff »virtuelle Realität« passt auf das, was da entsteht, schon lange nicht mehr. Es ist eher, als verschafften mobile Internetgeräte unseren Körpern ein zusätzliches Sinnesorgan, das permanent auf eine nie gekannte Vielfalt von Informationen, Antworten und Inhalten Zugriff hat – »augmented reality«, erweiterte Realität, nennt man das jetzt.

Die Frage, wer diese zusätzliche Ebene der Wirklichkeit kontrollieren wird, wer über ihre Inhalte und Funktionalität entscheidet, ist daher zentral. Derzeit sieht es so aus, als würde diese zusätzliche Ebene, das Internet, mit Macht und in hohem Tempo parzelliert, kolonisiert, kontrolliert.

Auch, aber nicht nur, von autokratischen Systemen wie der Volksrepublik China oder dem Iran, wo Inhalte zensiert, Zugriffs- und Kommunikationsmöglichkeiten staatlicherseits eingeschränkt werden. Vor allem aber bei uns in der westlichen Welt, von Unternehmen, mächtigen Konzernen, die dabei sind, das Netz unter sich aufzuteilen.

Plattform für Monopolisten

Das Internet hat sich, für viele überraschend, als eine Struktur entpuppt, die monopolistische Tendenzen hervorbringt. Obwohl es als freie, offene Plattform eigentlich den Wettbewerb befördern sollte, sieht die Realität anders aus. Bis heute hat das Netz einen dominanten Online-Händler hervorgebracht: Amazon. Ein dominantes Online-Auktionshaus: Ebay. Einen dominanten Online-Medienmarktplatz: Apples iTunes. Eine dominante Suchmaschine: Google. Eine dominante Seite für Online-Videos: Googles Tochter YouTube. Und ein dominantes Social Network: Facebook. Aus dem Rahmen fällt einzig das dominante Online-Nachschlagewerk – denn Wikipedia ist kein Produkt eines Konzerns, sondern das erstaunlich erfolgreiche Gemeinschaftsprojekt vieler freiwilliger Helfer.

Wünschenswert wäre es, dass auch das Überall-Internet von morgen noch ein freies und damit auch chaotisches Gebilde ist – und nicht zum lukrativen Spielplatz einiger weniger Monopolisten wird. (Foto: auro, cc by-nc-nd)

Die Tendenz zur Monopolbildung hängt mit einer zentralen Eigenschaft vieler Onlinedienste zusammen: Ihre Nützlichkeit wächst mit der Zahl ihrer Nutzer. Jedes neue Facebook-Mitglied ist ein Multiplikator, der womöglich den eigenen Freundeskreis auch noch für die Community rekrutiert und gleichzeitig das Netzwerk selbst mit den von ihm beigesteuerten Inhalten – Fotos, Videos, Kommentaren – weiter bereichert.

Jede Google-Suche liefert nicht nur dem Nutzer ein Ergebnis, sondern auch den Betreibern der Suchmaschine Informationen, die wiederum zur Verbesserung der Suche genutzt werden können. Jeder Einkauf bei Amazon verbessert die Möglichkeiten des Online-Händlers, seine automatisch generierten Produktempfehlungen weiter zu verbessern.

Die Anziehungskraft der Giganten des Netzes wächst mit jedem neuen Nutzer, gewissermaßen im Schneeballsystem.

Diese Entwicklung hin zu digitalen Monopolisten ist problematisch. Nicht nur deshalb, weil Monopole nie gut für einen Markt sind, sondern auch, weil die Giganten des Netzes ihre wachsende Macht derzeit nicht zuletzt nutzen, um ihre Position noch unangreifbarer zu machen, auf Kosten von Freiheit und Innovation. Sie beginnen, dem Netz und seinen Nutzern die Bedingungen zu diktieren.

In Wahrheit sind beispielsweise die populärsten Mobiltelefone von heute etwas anderes als die Computer der Frühzeit des Internets. Sie werden von mächtigen Torwächtern kontrolliert: den Hardware- und Softwareherstellern sowie, zum Teil, den Netzbetreibern.

Der Jurist Jonathan Zittrain, Professor in Harvard und Oxford, nennt solche Geräte »tethered appliances«, angebundene Geräte: Sie hängen an langen, unsichtbaren Datenleinen, die sie mit ihren Schöpfern verbinden. Und diese Schöpfer maßen sich auch an, zu entscheiden, was man mit ihren Geschöpfen tun darf und was nicht.

Neu ist das Modell nicht, bei Spielkonsolen etwa ist es schon immer so: Auch sie sind eigentlich, von ihrem Bauplan her, Computer. Man kann darauf aber nicht nach Gutdünken Software installieren oder gar über standardisierte Schnittstellen irgendwelche Hardware anschließen.

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Diktat der Markt-Macht

Die von Unternehmen kontrollierten Datenwolken und Endgeräte schaffen eine völlig neue Infrastruktur. Sie verschafft den Konzernen ungeahnte Kontrolle über Inhalte, bislang unbekannte Möglichkeiten zur Beobachtung der Nutzer und eine für viele schmerzhafte Marktmacht.

Der Musikbranche diktiert Apple mit seinem weltweit erfolgreichen Musik-Downloaddienst iTunes schon seit vielen Jahren die Bedingungen – nun sind die Anbieter anderer Inhalte dran, also auch die internationale Presse. Ähnliche Entwicklungen geschehen auch in anderen Bereichen. Für Amazons Kindle soll es auch bald Apps geben – natürlich nur mit dem Segen des Internet-Buchhändlers und auch wieder für eine Verkaufsprovision von 30 Prozent.

Google bemüht sich unterdessen, mit einem eigenen Handy-Betriebssystem und immer neuen Diensten, Nutzer noch stärker an sich zu binden, um ihnen noch passgenauer Werbung servieren zu können. Zuletzt wurde der Social-Networking-Dienst Buzz gestartet und mit heftiger Kritik von Datenschützern und Bürgerrechtlern bedacht, weil er allzu sorglos mit den privaten Daten der zwangsrekrutierten Nutzer von Googles E-Mail-Dienst umging.

Und auch Facebook geht nur mäßig subtil dabei vor, seinen Nutzern immer weitergehende Freigaben zu entlocken, um die von ihnen eingegebenen und hochgeladenen Daten weiterzugeben, sprich: monetarisierbar zu machen.

Natürlich, das bleibt bei all dem festzuhalten, hat der Nutzer noch immer die Wahl: Niemand wird gezwungen, die Dienste oder die Geräte der Monopolisten zu benutzen, noch gibt es Alternativen und damit Wettbewerb. Wünschenswert wäre es, dass auch das Überall-Internet von morgen noch ein freies und damit auch chaotisches Gebilde ist – und nicht zum lukrativen Spielplatz einiger weniger Monopolisten wird.

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des gleichnamigen Beitrags von Christian Stöcker aus dem Band “2020 – Gedanken zur Zukunft des Internets“, herausgegeben  von Hubert Burda, Mathias Döpfner, Bodo Hombach, Jürgen Rüttgers, 285 Seiten, Hardcover, 19,95 €, ISBN 978-3-8375-0376-0, Klartext, (Bestelllink).

Die Anthologie enthält Beiträge von: Achim Berg, Béa Beste, Hubert Burda, Olaf Coenen, Johannes Daniel Dahm, Toralv Dirro, Mathias Döpfner, Martin Emmer, Hannes Federrath, Karl-Peter Fuchs, Sandro Gaycken, Johannes Gernert, Stefan Groß-Selbeck, Ulrich Hegerl, Dominik Herrmann, Bodo Hombach, Stephan A. Jansen, Sven Gábor Jánszky, Jeff Jarvis, Cherno Jobatey, Odej Kao, Thomas Knüwer, Peter Kruse, Pero Micic, Andreas Neef, Nico Niedermeier, René Obermann, Nils Ole Oermann, Horst W. Opaschowski, Michael Paetsch, Heiner Rindermann, Stephan Russ-Mohl, Jürgen Rüttgers, Philipp Schindler, Gisela Schmalz, Ulrich Johannes Schneider, Kristina Schröder, Jens Seipenbusch, Nicole Simon, Christian Stöcker, Angelika Storrer, Christian Wöhrl.

Thomas Knüwer meint: “Nun also ist das Werk da – und es ist besser als ich gedacht hätte.”

Einige Zitate aus den Beiträgen:

  • “Das Internet entfaltet geradezu revolutionäre Energie bei der Zersplitterung von Wertschöpfungsketten.”  Mathias Döpfner
  • “Das Internet ist ein sich selbst organisierendes System, das aufgrund seiner Eigenschaften nah am Instabilitätspunkt arbeitet und daher eine hohe Bereitschaft besitzt, sich plötzlich apokalyptisch aufzuschaukeln.” Peter Kruse
  • “Wer selber bloggt, sieht Internetsperren mit ganz anderen Augen.” Jens Seipenbusch
  • “Die bei weitem schlechteste Einleitung eines Satzes in einem Google-Meeting lautet: ‘Ich glaube.'” Philipp Schindler
  • “Das neue Medium steigert die Möglichkeiten des Angreifers enorm und vermindert zugleich diejenigen des Opfers; ein asymmetrischer Konflikt, der ganz neue Regeln braucht.” Bodo Hombach