StreetView: Es gibt kein analoges Leben im Digitalen.

Street View ist der Einschlag des digitalen Zeitalters direkt vor die Füße des analogen Menschen. Es symbolisiert das Ende dieses Rückzugsraums, denn Street View ist die greifbarste Verwandlung der analogen Realität in die digitale Öffentlichkeit. Damit wird der Kontrollverlust zum Mainstream.

Nun also Google Street View. Der Kontrollverlust über die Daten, der die Netzöffentlichkeit seit vielen Jahren auf mannigfaltige Weise umtreibt, ist nun im Diskurs der Massenmedien – und damit im Kern der Gesellschaft – angekommen. Es geschah plötzlich und es geschah durch ein Thema, das dazu eigentlich nicht geeignet ist. Die Daten, um die es bei Street View geht, waren nie einer privaten, wirtschaftlichen oder staatlichen Kontrollgewalt zugesprochen. Folglich ist der Verlust ihrer Eingrenzung kein Kontrollverlust im eigentlichen Sinne. Öffentliche Daten werden öffentlich gemacht. So what? – fragt der Eingeweihte und wundert sich.

Aber wenn man die Situation genau besieht, erscheint diese Entwicklung durchaus folgerichtig. Der Kontrollverlust, die tendenzielle Unbeherrschbarkeit der Daten im Netz, ist eine Erfahrung, die jeder Internetbewanderte im Großen oder Kleinen bereits erlebt hat. Aber diese Grenze wurde nun überschritten. Egal, ob man sich mit dem Internet auseinander gesetzt hat oder nicht, ob man bei Facebook, Twitter oder Flickr ist oder nicht, das Street-View-Auto steht plötzlich vor der Tür – und damit das Internet.

Das Unbehagen um Street View rührt eben nicht davon, dass die Daten, die Google sammelt, tatsächlich sensibel wären. Nein, Street View ist der Einschlag des digitalen Zeitalters direkt vor die Füße des analogen Menschen. Es ist das Signal an alle, die sich bis dato in ihrer analogen Sphäre sicher fühlten, dass diese Sicherheit nun ein Ende haben wird.

“Macht ihr mal, ich bin dafür zu alt” habe ich von meinen Eltern oft zu hören bekommen. Gleichaltrige Freunde, die einem ob der eigenen Onlineaktivitäten mitleidig auf die Schulter klopften und das alles bis heute (oder gestern?) für ein Kinderspiel hielten. Rentner, die von diesem schaurigen Internet im Lokalblatt gelesen haben, diesem ungreifbaren Ort voll von Kinderpornographie und Betrügereien. Sie alle dachten, dass sie, so lange sie sich aus dem Internet heraus hielten, sicher seien. Wer nicht mit dem Feuer spielt, der kommt darin auch nicht um, so die einleuchtende Gewissheit.

Damit ist es nun vorbei. Street View symbolisiert das Ende dieses Rückzugsraums, denn Street View ist die greifbarste Verwandlung der analogen Realität in die digitale Öffentlichkeit.

Nach seinem Vortrag “Gestern Volk, morgen Netz” über die Zukunft der Politik auf der Konferenz Atoms & Bits letztes Jahr wurde Christian Heller gefragt, wie er sich denn vorstelle, die nichtdigitalen Bürger in seine wilde Vision einer das Individuum überwindenden Politik abzuholen. Nach kurzer Überlegung entgegnete er, dass er das eher als eine Bringschuld der Analogen ansehe. Ich erschrak angesichts der mangelnden Empathie und der offensichtlichen Arroganz dieser Antwort. Heute weiß ich, dass er recht gehabt hat. Und alle anderen beginnen es derzeit zu spüren.

Die Überlegung ist einfach: Wenn alle Kommunikation über die Welt in das Internet auswandert, dann wird sich früher oder später die ganze Welt im Internet repräsentiert finden. Wir ahnen das schon lange, aber für viele kommt es überraschend. Street View ist genau der Dienst, der dieses Versprechen – bzw. diese Drohung – nun auch dem Letzten vor Augen führt.

Es gibt kein analoges Leben im digitalen. Ist man Teil der Welt, wird man auch Teil des Internets sein. Zwangsläufig und unausweichlich.

Diese Erfahrung, dieser Schock des Digitalen ist es, was sich derzeit in der gesellschaftlichen Debatte entlädt. Und – so albern vielen Interneterfahrenen die Angst vor Street View auch vorkommt – tief im Inneren stellen die Leute die richtigen Fragen.

Exemplarisch dafür ist die heute erscheinende Zeit. Obwohl der Artikel von Heinrich Wefing “Die neue Welt ist nackt” vor sachlichen Fehlern nur so strotzt, schafft es der Autor, Street View richtig einzuordnen. Im Gegensatz zu den oft üblichen “haltet den Dieb”-Rufen, wird der Dienst durchaus treffend in den Gesamtkontext einer sich im digitalen Raum auflösenden Welt eingebettet. Und die Fragen, die sich daraus ergeben, werden gestellt. Sie werden ängstlich gestellt, aber sie werden gestellt.

Die Gesellschaft holt gerade im Hauruckverfahren nach, was sie 15 Jahre versäumt hat. Dass hier die Ängste undifferenzierter sprießen als es angemessen wäre, ist dabei nicht verwunderlich. Dennoch wäre es falsch, jetzt allzu beschwichtigend einzugreifen. Der Sprung ins kalte Wasser wird niemandem erspart bleiben, so oder so.

Den Menschen jetzt die Angst zu nehmen, wäre der falsche Weg. Man darf sie nicht wieder in falscher Sicherheit einlullen. Schon morgen werden es echte Kontrollverluste sein: echte persönliche Daten, echte eigene Profile im Internet, echte Eindrücke aus dem Privatleben. Die Kanäle dazu sind zu vielfältig, die Verbindungen zu komplex, die Verknüpfungen zu unvorhersehbar, als dass sie in naher Zukunft noch zu überblicken wären. Nichts ist gewonnen, wenn das Haus verpixelt ist – und das wissen eigentlich alle.

Deswegen ist die Aktion “Verschollene Häuser” von Jens Best richtig. Sie klärt erstens über die tatsächlichen Risiken und Vorteile des Dienstes auf, indem sie die Leute zwingt, sich damit zu beschäftigen: Mit Street View, dem Internet und seiner Bedeutung für die Gesellschaft und der digitalen Öffentlichkeit, für die jemand wie Best ja anscheinend zu kämpfen bereit ist. Zweitens macht diese Aktion klar, dass es kein Zurück mehr gibt, in die kontrollierte Unberührtheit von “Analogien”. Denn das wäre nicht nur nicht wünschenswert, sondern auch eine glatte Lüge.

Die Diskussion kommt auf vielerlei Ebenen unerwartet. Aber sie ist nun da und sie ist wichtig. Wir leben in einer Achsenzeit, in der die entscheidenden Weichen gestellt werden. Der Streit um Street View – so ermüdend und albern er uns Erfahreneren vorkommt – muss heute geführt werden. Denn dass der Einzug der Welt ins Digitale geschieht, steht nicht zur Debatte. Zur Debatte steht, wer daran partizipieren darf und wer den Zugang dazu kontrolliert. Zur Debatte steht die Notwendigkeit einer digitalen Öffentlichkeit.

Mir ist bewusst, dass der gesellschaftliche Diskurs hier erst am Anfang steht. Aber gestern standen wir noch davor. Der Kontrollverlust ist heute im Mainstream angekommen. Willkommen in unserer Welt.