Google, Verizon und das Netz der Zukunft

Ist die Netzneutralität in Gefahr, weil Google und Verizon Lobbyarbeit betreiben und ihre Wünsche an das Netz der Zukunft anmelden? Natürlich nicht, denn ein Internet der mehrstufigen Zugänge muss nicht als Einschränkung der Netzneutralität gesehen werden.

Eines Tages musste es so kommen: Das Internet fächert sich auf und aus einem weitgehend einheitlichen Netzwerk wachsen Subsysteme mit anderen Geschwindigkeiten der Übertragung, anderen Preisen und anderen Zugangsregeln. Ist das ein Problem? Sollte man diese Entwicklung unter dem Postulat der Netzneutralität stoppen?

Der gemeinsame Vorstoß von Google und Verizon, der an die amerikanische FCC (Zulassungsbehörde für Kommunikationsgeräte) gerichtet war, hat eine breite Debatte darüber ausgelöst, wie das Internet künftig beschaffen sein soll. Die ersten Reaktionen darauf fallen überwiegend kritisch aus: Jeff Jarvis bringt die wenig schmeichelhafte Wortschöpfung “Schminternet” ins Spiel, bei Wired wird bildlich schon mal die weiße Flagge gehisst. In Deutschland gründet man natürlich einen Verein, bzw. die “Initiative Pro Netzneutralität“.

Selbstverständlich steht außer Frage, dass es auch künftig Netzneutralität geben muss. Daran zweifeln nicht einmal Google oder Verizon. Allerdings muss die Frage erlaubt sein, ob dieses Prinzip immer und überall gelten muss, oder ob es auch Teilbereiche im Internet geben kann, die nach anderen Regeln funktionieren. Die Antwort darauf ist einfach: Es gibt sie längst.

Sündenfall mit Apfel

Die erste für alle deutlich sichtbare Bresche in das Konzept der Netzneutraliät schlug Apple mit seinem App Store für das iPhone ab dem Jahr 2008. Denn so weit noch hinnehmbar ist, dass diese Plattform praktisch nur für Besitzer der zugehörigen Geräte zugänglich ist (Bindung an die Hardware), so wenig akzeptabel ist jedoch die Tatsache, dass jede Applikation von Apple genehmigt werden muss. Damit ist ein privates Unternehmen letzte Zensurinstanz und keine Gerichtsbarkeit der Welt kann hier noch etwas ausrichten. Aktuell hat der Präsident des Bundeskartellamts, Andreas Mundt (in einem Interview mit der w&v, zitiert bei Turi2), deutschen Verlagen gegenüber klar gestellt, dass sie gegen Apple auf dem Wege des Kartellrechts nichts werden erreichen können, der Marktanteil des iPhone sei dazu zu klein.

Mit dem plattformgebundenen App Store von Apple, der inzwischen eine ganze Reihe von Nachahmern gefunden hat (Google Android, Nokia, Microsoft…), strebt das mobile Internet in eine völlig andere Richtung als das World Wide Web der 1990er Jahre, das trotz seines Browser-Krieges sich doch Hardware- und Betriebssystem-agnostisch entwickeln konnte. Das mobile Web (einschließlich Geräten wie dem Amazon Kindle) zeigt dagegen eine deutliche Fragmentierung mit erheblichen Inkompatibilitäten bei der Hardware, Betriebssystemen sowie medialen Inhalten.

Dazu kommen noch die Bestrebungen der Mobilfunkprovider, hier künftig stärker eingreifen zu können mit dem Ziel, sich zusätzliche Erlösquellen zu schaffen. Der Pressesprecher der Telekom, Philipp Blank, gegenüber Carta:

“Daher gilt es, innovatives Netzwerkmanagment und unterschiedliche Qualitätsklassen zu ermöglichen. Dabei muss aber ein diskriminierungsfreier Zugang innerhalb von Qualitätsklassen sichergestellt werden: Die Daten aller Anbieter aus einem Segment sind selbstverständlich gleich zu behandeln. Hier darf nicht diskriminiert werden.”

Ins gleiche Horn bläst Fritz Joussen, Deutschland-Chef von Vodafone im Gespräch mit der FAZ:

“Eigentlich finde ich Preise für Anwendungen keine schlechte Idee, da die Kapazität im Netz begrenzt ist. Andere Branchen wie die Luftfahrtindustrie müssen auch ihre Kapazität bestmöglich auslasten. In Spitzenzeiten sind Flüge nun mal teurer. Die Netzneutralität widerspricht dieser wirtschaftlichen Betrachtung. Für eine effiziente Ausnutzung und Gewährung hoher Qualitäten ist diese Differenzierung nötig.”

An dieser Stelle wäre eigentlich eine weitsichtige und technik-kompetente Politik gefordert, die nationale Alleingänge vemeidend, mit einer behutsamen Regulierung ein Mindestmaß an Offenheit (Netzneutralität) aufrechterhalten würde, ohne gleichzeitig innovative Entwicklungen unnötig zu bremsen oder schon im Keim zu ersticken.

Video Killed the Radio Star

Dabei müsste in den Blick genommen werden, dass und wie sich der Datenverkehr im Internet im Zeitablauf ändert. Allgemein bekannt ist, dass der Traffic im Netz immer weiter zunimmt. Weniger offensichtlich ist jedoch, dass immer mehr Traffic von einigen wenigen großen Netz-Pr0vidern vermittelt wird und hier in den letzten drei bis vier Jahren ein regelrechter Konzentrationsprozess eingesetzt hat.

Die Vorstellung vom Internet als einem Netz mit vielen sehr kleinen Knoten ist also überholt. Der Internet Observatory Report 2009 zeigt diese Entwicklung auf. Demnach ist Google im Jahr 2009 erstmals in die “Top 10″ der Provider aufgestiegen und vermittelt bereits rund 6 % des gesamten Internet-Traffics. Damit wird auch klar, woher in jüngster Zeit die Begehrlichkeiten nach Bezahlung für die Durchleitung von großen Traffic-Volumina kommt: Im frühen Internet und seiner atomistischen Struktur war daran gar nicht zu denken, während jetzt große Akteure aufkommen, die sichtbar im Raum stehen.

Eine weitere wichtige Determinante in der Entwicklung des Internets ist die schnell und stark wachsende Bedeutung von Video-Content. Einer Studie von Cisco zufolge machen Videos heute bereits ein Drittel des von Privatpersonen abgerufenen Datenvolumens aus, das bis zum Jahr 2014 auf 57 % steigen könnte. Ein Teil dieser Steigerung wird dabei auf volumenträchtige Formate wie HD oder 3D zurückzuführen sein.

Aber muss man deswegen gleich nach neuen Bezahlmodellen rufen und die Netzneutralität über Bord werfen? Jan Schubert, Netzexperte und Geschäftsführer der doubleSlash Net-Business in Friedrichshafen meint dazu:

“”Provider haben in meinem Augen noch ein erhebliches Optimierungspotenzial in Bezug auf die Bandbreite in Ihrem Backbone. Ebenso gilt dies bei der Anbindung nach außen, also zu anderen Providern bzw. zu Übergabepunkten wie dem DeCIX.”

So gesehen muss also das Prinzip der Netzneutralität nicht vorschnell oder leichtfertig der Gewinnmaximierung großer Netzbetreiber geopfert werden. Das ist ein wichtiger Punkt, der dennoch die Frage offen lässt, ob in einer Zeit, in der zunehmend ganze Spielfilme über das Netz gestreamt werden, hier nicht doch eine Differenzierung möglich sein kann.

Entscheidend wäre demnach, dass das Internet in seinem Kern netzneutral bleibt und das, entgegen den Vorstellungen von Google und Verzion, sowohl im Festnetz als auch im mobilen Bereich. Auf keinen Fall sollten Daten-Priorisierungen gegen Entgelt (zwischen Content-Lieferanten und Providern) möglich gemacht werden, denn dies würde nur zu Intransparenz und Marktverzerrungen führen.

Daneben aber sollten Bereiche für besonders traffic-starke Inhalte (etwa Filme in HD oder 3D) geschaffen werden, die als zubuchbare Datenpaket-Varianten an die Endverbraucher verkauft werden können. Schon heute gibt es Anschlüsse ans Internet in unterschiedlicher Qualität, hier kann weiter differenziert werden. Wer Filme, Sportereignisse oder andere Events über das Netz in sehr hoher Qualität sehen möchte, soll daran nicht gehindert werden. Die dabei zwangläufig entstehenden hohen Datenübertragungsvolumina müssen aber nicht mehr nach dem Prinzip der Netzneutralität auf alle Teilnehmer “umgelegt” werden, sondern sollten als eigenständiger Markt gesehen und entwickelt werden.

Den Providern dürfte diese einseitig in Richtung der Endkunden orientierte Lösung natürlich weniger gefallen: Sie wollen zusätzliche Entgelte lieber aus der anderen, bequemeren Richtung bekommen, nämlich von den Content-Lieferanten. Daran müssen sie von der Politik gehindert werden. Denn das wäre ein zu einfacher Weg, mit dem keine Anreize geschaffen würden, weiter in den Netzausbau (auf der letzten Meile) zu investieren. Wenn das Geld aber nur von dort kommt, wird dort auch investiert – im Festnetz gleichermaßen wie im Mobilfunk.

Aufgabe der Politik wäre es demnach, nicht nur dafür zu sorgen, dass überall eine solide Grundversorgung mit Anschlüssen ans Netz gewährleistet ist (Breitbandinitiative) und möglichst keine Gebietsmonopole seitens bestimmter Anbieter entstehen, sondern auch einen funktionierenden Markt für besonders volumensstarke Anwendungen zu schaffen.

Google sei Dank

In diesem Sinne darf ein Internet der mehrstufigen Zugänge nicht als Einschränkung der Netzneutralität gesehen werden, sondern muss als Chance für Gesellschaft und Netzpolitik aufgefasst werden. Die Herausforderung besteht darin, mehr Vielfalt und neue Märkte zu schaffen, so dass künftig auch mehr kleine Anbieter mit ihren Angeboten am Markt bestehen können. Sich abschottende Märkte mit der Tendenz zur Monopolbildung gibt es im Internet schon genug, man denke da nur an die Rolle von Apple im Handel mit Musik.

So gesehen darf man also dankbar sein, dass Google zusammen mit Verizon eine sehr wichtige Debatte ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gebracht hat, obwohl sich speziell Google damit in netzaffinen Kreisen nicht beliebter gemacht hat. Das aber ist eine andere Geschichte und auch hier könnte man sagen: Eines Tages musste es so kommen.