Google StreetView: Die Angst vor der Öffentlichmachung des öffentlichen Raums

Offenbar gibt es viele Menschen, die durch Google StreetView eine Zwangseingemeindung in Digitalien befürchten. Zwischen Faszination und Kontrollverlust sollte man sich die Mühe machen, zu verstehen, warum das so ist – und sie nicht polemisch als Offliner disqualifizieren. Wenig transparente Unternehmen als Organisatoren der digitalen Öffentlichkeit hinterlassen einfach ein ungutes Gefühl.

Wer glaubt, dass man das Thema Google Streetview mit den Instrumenten der Panoramafreiheit in den Griff bekommt, der irrt. Denn dass bei Google Streetview Straßenzüge aufgenommen werden, ist nur ein kleiner Teil eines viel komplexeren Themas. Viel wichtiger ist die Art der Veröffentlichung, die anschließende Nutzung und die Form der wirtschaftlichen Verwertung. Und es ist für mich ein Widerspruch in sich, wenn die Befürworter ausgerechnet mit diesen, aus der analogen Welt stammenden Begriffen, ein neues digitales Phänomen rechtfertigen wollen.

Das Thema: Wir fotografieren den kompletten öffentlichen Raum zu einem Zeitpunkt x und stellen diese digitalen Bilder dann ins Netz, verlangt eine komplett neue Begrifflichkeit, ein neues Denken. Es wiederholt sich, was wir beim Thema Urheberrecht schon seit Längerem diskutieren: Der Rechtsrahmen passt nicht mehr auf die Realität und was hier nicht taugt, kann da nicht als Begründung herangezogen werden.

Wer die Karte beherrscht, regiert die Welt (Foto: Norman B. Leventhal Map Center, CC BY)

Mit vorschnellen Urteilen (von Kritikern oder Befürwortern) ist es daher nicht getan. Und ebenso wenig hilft es, flux das Konzept einer digitalen Öffentlichkeit zu postulieren, in der dann jeder offenbar automatisch Mitglied ist und dann damit Gegner und Kritiker oder Menschen, die ihr Haus nicht in Streetview sehen wollen, als Offliner aus einer vergangen Zeit zu disqualifizieren. So funktioniert keine Argumentation, sondern allenfalls Polemik.

Angst vor der Öffentlichmachung des öffentlichen Raums

Offenbar gibt es viele Menschen, die eine (von ihnen nicht näher begründbare) Angst vor der Öffentlichmachung des öffentlichen Raums durch ein Unternehmen haben. Die eine Zwangseingemeindung in Digitalien befürchten. Vielleicht sollte man sich die Mühe machen, zu verstehen, warum das so ist.Ich denke, es handelt sich hier um die Angst vor einem (erweiterten) Kontrollverlust. Die Angst vor der Enteignung der Privatheit ist so alt wie die Fotografie und die Massenmedien. So erschien schon im Dezember 1890 der mittlerweile berühmte Aufsatz von Samuel D. Warren und  Louis D. Brandeis, der sich, wenn man nur wenige Wörter durch eine aktuelle Terminologie austauscht, liest wie eine aktuelle Brandrede zum Schutz der Persönlichkeitsrechte und des Urheberrechts:

“Instantaneous photographs and newspaper enterprise have invaded the sacred precincts of private and domestic life”

Dabei ist es geblieben. Denn während sich die Technik in den letzten 120 Jahren seit Erscheinen dieses Textes dramatisch weiterentwickelt hat, ist im Bereich des Rechts und der gesellschaftlichen Konventionen nur wenig bis nichts geschehen. Eigentlich arbeiten wir heute noch immer in vielen Bereichen mit Begriffen aus der Zeit vor der Erfindung der Fotografie. Nur deshalb lässt sich dieser Text lesen, als wäre er gerade eben geschrieben.

War es jedoch bis zu Beginn des digitalen Zeitalters so, dass der (gegen seinen Willen) abfotografierte Mensch in der Regel in irgendeinem privaten Fotoalbum landete, maximal für einen Tag in der Zeitung, so wird er heute (unfreiwillig) zum Bestandteil eben jener digitalen Öffentlichkeit. Auffindbar für jeden und für alle Zeit. Und nicht nur das: Niemand weiß, in welchem Mashup sein Bild, in welcher Werbeform sein Straßenzug oder sein Haus verarbeitet wird. Die Erscheinung in dieser digitalen Öffentlichkeit ist von ihm nicht mehr von keinem ihrer Mitglieder mehr zu kontrollieren. Nur der Organisator dieser Öffentlichkeit hat dazu alle Möglichkeiten, wenn es sich dabei auch noch um ein wenig transparentes Unternehmen handelt, steigt das ungute Gefühl, wie aktuell zu beobachten.

Die digitale Öffentlichkeit ist gar nicht so öffentlich

Anders als Sascha Lobo vermutet, ist die digitale Öffentlichkeit also gar nicht so öffentlich, sie befindet sich in Privatbesitz einer Firma. Wenn es eine echte Öffentlichkeit wäre, müssten die Bilder unter einer CC-Lizenz stehen, aber das nur nebenbei.

Das digitale, auf immer gespeicherte und beliebig veränderbare Abbild widerspricht außerdem in gewisser Weise der Natur unserer Wahrnehmung. Wie Julius von Bismarck in einer sehr eindrucksvollen Installation auf künstlerische Weise nachgewiesen hat, beginnt unser Gehirn mit dem Vergessen bereits im Augenblick der Beobachtung. Ein Foto hält jedoch immer einen Augenblick fest. Deshalb heißt es auch im Englischen sehr zuteffend “to capture”, was für (ein Bild) aufnehmen aber auch für erobern und gefangen nehmen steht.

Zunehmend wollen sich die Menschen nicht mehr von den mittlerweile allgegenwärtigen Digitalkameras “capturen” lassen, sie kommen zurück zu dem Reflex der Urvölker, die glauben, dass ihnen jemand ein Stück der Seele stiehlt, wenn ein Foto von ihnen geschossen wird. Es ist meistens ein Bauchgefühl, vermutlich verstärkt durch die eigenen Nutzungsgewohnheiten im Netz. Gleiches trifft auf den Sachverhalt Streetview zu. Dass Streetview von den Menschen, die sich oder ihr Haus nicht fotografieren lassen wollen, sogar begeistert genutzt wird, wenn es um die Erkundung ihres eigenen Urlaubsziels geht, ist dabei kein Gegenargument sondern ein zusätzlicher Beweis, wie mächtig – weil faszinierend – das Thema ist.

Google Streetview, Google Maps und Google Earth sind alles Formen der Katografie, der Abbildung unserer Welt in noch nie gekanntem Ausmaß. Wer die Karte beherrscht, regiert die Welt (oder so ähnlich) lautet ein Spruch aus den Zeiten der Eroberer, und da ist auch heute noch was dran.

Ich denke auch, dass es eine neue, digitale Öffentlichkeit gibt. Die Umgangsformen in ihr müssen wir erst entwickeln, die Erscheinungsformen diskutieren. Über Bedenken von zwangsweisen Teilnehmern einfach hinwegzugehen, hilft uns aber bei der Erfindung neuer Verhaltensweisen jedenfalls nicht weiter.

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