Julius Endert

Google StreetView: Die Angst vor der Öffentlichmachung des öffentlichen Raums

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Offenbar gibt es viele Menschen, die durch Google StreetView eine Zwangseingemeindung in Digitalien befürchten. Zwischen Faszination und Kontrollverlust sollte man sich die Mühe machen, zu verstehen, warum das so ist – und sie nicht polemisch als Offliner disqualifizieren. Wenig transparente Unternehmen als Organisatoren der digitalen Öffentlichkeit hinterlassen einfach ein ungutes Gefühl.

11.08.2010 | 

Wer glaubt, dass man das Thema Google Streetview mit den Instrumenten der Panoramafreiheit in den Griff bekommt, der irrt. Denn dass bei Google Streetview Straßenzüge aufgenommen werden, ist nur ein kleiner Teil eines viel komplexeren Themas. Viel wichtiger ist die Art der Veröffentlichung, die anschließende Nutzung und die Form der wirtschaftlichen Verwertung. Und es ist für mich ein Widerspruch in sich, wenn die Befürworter ausgerechnet mit diesen, aus der analogen Welt stammenden Begriffen, ein neues digitales Phänomen rechtfertigen wollen.

Das Thema: Wir fotografieren den kompletten öffentlichen Raum zu einem Zeitpunkt x und stellen diese digitalen Bilder dann ins Netz, verlangt eine komplett neue Begrifflichkeit, ein neues Denken. Es wiederholt sich, was wir beim Thema Urheberrecht schon seit Längerem diskutieren: Der Rechtsrahmen passt nicht mehr auf die Realität und was hier nicht taugt, kann da nicht als Begründung herangezogen werden.

Wer die Karte beherrscht, regiert die Welt (Foto: Norman B. Leventhal Map Center, CC BY)

Mit vorschnellen Urteilen (von Kritikern oder Befürwortern) ist es daher nicht getan. Und ebenso wenig hilft es, flux das Konzept einer digitalen Öffentlichkeit zu postulieren, in der dann jeder offenbar automatisch Mitglied ist und dann damit Gegner und Kritiker oder Menschen, die ihr Haus nicht in Streetview sehen wollen, als Offliner aus einer vergangen Zeit zu disqualifizieren. So funktioniert keine Argumentation, sondern allenfalls Polemik.

Angst vor der Öffentlichmachung des öffentlichen Raums

Offenbar gibt es viele Menschen, die eine (von ihnen nicht näher begründbare) Angst vor der Öffentlichmachung des öffentlichen Raums durch ein Unternehmen haben. Die eine Zwangseingemeindung in Digitalien befürchten. Vielleicht sollte man sich die Mühe machen, zu verstehen, warum das so ist.Ich denke, es handelt sich hier um die Angst vor einem (erweiterten) Kontrollverlust. Die Angst vor der Enteignung der Privatheit ist so alt wie die Fotografie und die Massenmedien. So erschien schon im Dezember 1890 der mittlerweile berühmte Aufsatz von Samuel D. Warren und  Louis D. Brandeis, der sich, wenn man nur wenige Wörter durch eine aktuelle Terminologie austauscht, liest wie eine aktuelle Brandrede zum Schutz der Persönlichkeitsrechte und des Urheberrechts:

“Instantaneous photographs and newspaper enterprise have invaded the sacred precincts of private and domestic life”

Dabei ist es geblieben. Denn während sich die Technik in den letzten 120 Jahren seit Erscheinen dieses Textes dramatisch weiterentwickelt hat, ist im Bereich des Rechts und der gesellschaftlichen Konventionen nur wenig bis nichts geschehen. Eigentlich arbeiten wir heute noch immer in vielen Bereichen mit Begriffen aus der Zeit vor der Erfindung der Fotografie. Nur deshalb lässt sich dieser Text lesen, als wäre er gerade eben geschrieben.

War es jedoch bis zu Beginn des digitalen Zeitalters so, dass der (gegen seinen Willen) abfotografierte Mensch in der Regel in irgendeinem privaten Fotoalbum landete, maximal für einen Tag in der Zeitung, so wird er heute (unfreiwillig) zum Bestandteil eben jener digitalen Öffentlichkeit. Auffindbar für jeden und für alle Zeit. Und nicht nur das: Niemand weiß, in welchem Mashup sein Bild, in welcher Werbeform sein Straßenzug oder sein Haus verarbeitet wird. Die Erscheinung in dieser digitalen Öffentlichkeit ist von ihm nicht mehr von keinem ihrer Mitglieder mehr zu kontrollieren. Nur der Organisator dieser Öffentlichkeit hat dazu alle Möglichkeiten, wenn es sich dabei auch noch um ein wenig transparentes Unternehmen handelt, steigt das ungute Gefühl, wie aktuell zu beobachten.

Die digitale Öffentlichkeit ist gar nicht so öffentlich

Anders als Sascha Lobo vermutet, ist die digitale Öffentlichkeit also gar nicht so öffentlich, sie befindet sich in Privatbesitz einer Firma. Wenn es eine echte Öffentlichkeit wäre, müssten die Bilder unter einer CC-Lizenz stehen, aber das nur nebenbei.

Das digitale, auf immer gespeicherte und beliebig veränderbare Abbild widerspricht außerdem in gewisser Weise der Natur unserer Wahrnehmung. Wie Julius von Bismarck in einer sehr eindrucksvollen Installation auf künstlerische Weise nachgewiesen hat, beginnt unser Gehirn mit dem Vergessen bereits im Augenblick der Beobachtung. Ein Foto hält jedoch immer einen Augenblick fest. Deshalb heißt es auch im Englischen sehr zuteffend “to capture”, was für (ein Bild) aufnehmen aber auch für erobern und gefangen nehmen steht.

Zunehmend wollen sich die Menschen nicht mehr von den mittlerweile allgegenwärtigen Digitalkameras “capturen” lassen, sie kommen zurück zu dem Reflex der Urvölker, die glauben, dass ihnen jemand ein Stück der Seele stiehlt, wenn ein Foto von ihnen geschossen wird. Es ist meistens ein Bauchgefühl, vermutlich verstärkt durch die eigenen Nutzungsgewohnheiten im Netz. Gleiches trifft auf den Sachverhalt Streetview zu. Dass Streetview von den Menschen, die sich oder ihr Haus nicht fotografieren lassen wollen, sogar begeistert genutzt wird, wenn es um die Erkundung ihres eigenen Urlaubsziels geht, ist dabei kein Gegenargument sondern ein zusätzlicher Beweis, wie mächtig – weil faszinierend – das Thema ist.

Google Streetview, Google Maps und Google Earth sind alles Formen der Katografie, der Abbildung unserer Welt in noch nie gekanntem Ausmaß. Wer die Karte beherrscht, regiert die Welt (oder so ähnlich) lautet ein Spruch aus den Zeiten der Eroberer, und da ist auch heute noch was dran.

Ich denke auch, dass es eine neue, digitale Öffentlichkeit gibt. Die Umgangsformen in ihr müssen wir erst entwickeln, die Erscheinungsformen diskutieren. Über Bedenken von zwangsweisen Teilnehmern einfach hinwegzugehen, hilft uns aber bei der Erfindung neuer Verhaltensweisen jedenfalls nicht weiter.

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45 Kommentare

  1. noName |  11.08.2010 | 16:00 | permalink  

    Wieder sehr analytisch! Ihre Postings sollten mehr Beachtung finden.

  2. noName |  11.08.2010 | 16:16 | permalink  

    „Wer die Karte beherrscht, regiert die Welt (oder so ähnlich) lautet ein Spruch aus den Zeiten der Eroberer, und da ist auch heute noch was dran.“

    Während der Phase der Aufklärung hieß es: Liberté, égalité, fraternité. Heute geht’s um die Netzneutralität im ‚Internet als Raum‘, die gesetzlich normiert werden muss – ohne Wenn und Aber.

    Solche Postings tragen zur Aufklärung bei.

  3. Johannes |  11.08.2010 | 16:58 | permalink  

    interessant, aber:
    “sehr zuteffend “to caputre”,” –> to capture

  4. Hubertus Gersdorf |  11.08.2010 | 17:45 | permalink  

    Wenn es Google StreetView nicht gäbe, müsste es erfunden werden. Früher hätte man den Dienst zur Daseinsvorsorge erklärt, den der Staat bereitstellen müsse. Genau das macht jetzt Google und für den User sogar kostenlos. Wir sollten nicht den typisch deutschen Fehler begehen, in jeder Innovation ausschließlich Gefahren zu erblicken und die (großen) Vorteile zu übersehen. Die Probleme mit den berechtigten Schutzinteressen der betroffenen Bürgerinnen und Bürger lassen sich lösen. Der (potenzielle) Nutzen des Dienstes ist riesengroß. Dass dahinter kommerzielle Interessen stecken, löst den Dienst nicht aus seiner Gemeinwohlstiftung. Für das Gemeinwohl kommt es nicht auf Motive, sondern nur auf den Effekt an! Auch das muss man in Deutschland leider heute schon hervorheben.

  5. Robin Meyer-Lucht |  11.08.2010 | 17:51 | permalink  

    @ Julius: Schöner Text.

    Ich denke es geht um Souveränität und Souveränitätsverlust. Es gibt Menschen, die nehmen Street View als Verlust ihrer Souveränität über die Öffentlichkeit und die öffentliche Darstellung war. Ich kann das nachvollziehen, weil Street View die Wahrnehumg des Raums ganz erheblich verändert.

    Richtig ist aber auch, dass Google einen sehr hilfreichen Dienst anbietet, auf dem weitere Innovationen aufsetzen werden – damit ein berechtigtes Interesse hat, im Rahmen transparenter Regeln und der datenschutzrechtlichen Bestimmungen, so einen Dienst anzu bieten.

  6. noName |  11.08.2010 | 17:52 | permalink  

    #4: Die Förderung des Gemeinwohls ist Zweck der Rechtsordnung, dazu:
    http://tinyurl.com/33ks4jd

    Google ist ein Konzern mit Gewinnerzielungsabsicht.

  7. Robin Meyer-Lucht |  11.08.2010 | 17:55 | permalink  

    @ Johannes: Danke, ist korrigiert

    @ Hubertus Gersdorf: “Für das Gemeinwohl kommt es nicht auf Motive, sondern nur auf den Effekt an”. – Der Mainstream nimmt das in der Tat häufig anders an.

  8. Robin Meyer-Lucht |  11.08.2010 | 17:59 | permalink  

    @ NoName: Auch Unternehmen tragen in ihrem Tätigsein zum Allgemeinwohl bei – gerade die Gewinnerzielungsabsicht fördert nutzerorientierte, effiziente und innovative Produkte.

    Aber das ist natürlich ein ordnungspolitischer Grundsatzstreit …

  9. Mutter |  11.08.2010 | 18:17 | permalink  

    Was mich die ganze Zeit wundert: Vor Jahren haben doch schon Unternehmen alle Straßenzüge in Deutschland abphotographiert und niemand hat sich darüber aufgeregt. Nur haben diese Unternehmen diese Daten nicht kostenlos öffentlich gemacht, sondern ziemlich viel Geld für Einsichtnahmen verlangt. Das spielt in der jetzigen Diskussion um GSV überhaupt keine Rolle.

  10. Jens Best |  11.08.2010 | 18:20 | permalink  

    Eines der wichtigsten Postings zu der Thematik “Digitaler Öffentlicher Raum” und “streetview” in diesen Tagen. Danke Julius.

    Wie ich bereits bei @Breitenbach, der über die Ursachen der deutschen Ängste und Irritationen nachdenkt und unter dem Interview mit mir bei @Zeitonline kommentiert habe, muss in der ganzen Begeisterung für streetview bedacht werden, dass es bis jetzt keinen Öffentlichen Raum im Web gibt. Diesen vielleicht sogar, würde man alle Attribute des analogen öffentlichen Raums ansetzen, nie geben kann. Vielleicht auch etwas ähnliches, das viel wichtiger für alle wird.

    Auch wenn die Entwicklung durch universitär geförderte Wissenschaftler und später große zivilgesellschaftliche Kreise initiiert wurde, ist seit Auftauchen der ersten kommerziellen Browser und dem Durchlauferhitzer New-Economy-Blase das Web in seiner Breitenwirkung hauptsächlich gewachsen durch kommerziell angetriebene Kräfte.

    Gleichzeitig haben opensource, crowdsourcing, … und andere freie partizipative Strukturen und Werkzeuge das entstehen netz-aktivistischer Kreise gefördert. Diese wenden die Möglichkeiten des (Social) Web an, um in allen möglichen gesellschaftlichen Feldern ein “gerechteres”, offeneres, emphatischeres und innovativeres Handeln, Arbeiten und Leben umzusetzen.

    All das, wirtschaftliche und zivilgesellschafltiche Nutzung definieren neue Regeln des Umgangs miteinander. Es wird Zeit der aufsteigenden Realität des Informationszeitalters in Augen zu sehen.

    Das Bemühen von alten Denkweisen, das Heranziehen von Regeln und Gesetzen für die pre-digitalen Gesellschaft ist menschlich verständlich, aber ungemein bremsend. Dennoch sollte das Kinde nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden. Es gab auch in der alten unfreien pre-digitalen Welt einige gute Erkenntnisse. ;)

    Aber als jemand, der mit der Panoramafreiheit argumentiert, muss ich dich, Julius, doch um eine Unterscheidung bitten. Die Panoramafreiheit ist zu verstehen aus einem rechtpositivistischen Ansatz. Die Abbildbarkeit des als öffentlich definierten Raums war (und ist) eine hart erstrittene gesellschaftliche Übereinkunft. Die populistisch in der Medienöffentlichkeit eingesetzten Gegen-”Argumente” bedienen sich den Ängsten und Irritationen der Bevölkerung und können keinen juristisch glaubhaften Zusammenhang zwischen einer Häuserfassade und dem Persönlichkeitsrecht konstruieren. Dennoch wird es in den Medien ungeprüft kolportiert.

    Dies voraussetzend ist die Frage zu stellen, ob das Verbinden von Informationen, ausgehend von einem aus dem analogen Verständnis von öffentlichem Raum aufgenommen Foto, per se ein Rechtverstoss ist oder es in konstruierten Fällen zu einem Rechtverstoss kommen könnte.

    Und weil das “Unbehagen im Digitalen” spürt, dass es auf diese Frage hinausläuft, werden emotionalisierte Beispiele angeführt, die sich in den Fantasien(!) der Ängstlichen “wie von selbst” ergeben müssen. Böse Banker, Hinterlistige Einbrecher und Finstere Pädophile bilden den Reigen, dem man als vernunfts-orientierter Diskutant entgegentritt.

    Wie deine historischen Verweise aufzeigen, ist dies ein normaler Vorgang in der kulturellen Entwicklung der Spezies Mensch und insofern sollten auch Befürworter von Streetview ein wenig gelassener auftreten. Da gebe ich dir recht.

    Aber zurück zur Frage – Ist das Verknüpfen von Informationen unter Benutzung geo-referenzierter Basisinformationen per se schlecht? Wie groß ist nach Erfahrungen aus mittlerweile 23 Ländern, in denen streetview läuft, sowie nach den ersten Eindrücken, die deutsche Anbieter vergleichbarer Dienste machen konnten, der Missbrauch in den betroffenen Regionen.

    Konkret:
    Wieviele Einbrecher haben sich von öffentlich einsehbaren Fassaden in den letzten Wochen abgeseilt?

    Wieviele Banken und Versicherung haben anstatt auf ihre klassischen klandestinen Geoscoring-Dienstleister zurückzugreifen Google Streetview im Einsatz?

    Wenn es eine(!) Studie gibt, die mir das aufzeigt, bin ich bereit eine Risikofolgenabschätzung neu zu überdenken.

    Kurz gesagt es wird zu Änderungen im menschlichen Miteinander kommen, wenn Information nicht mehr nur zahlungskräftigen Kreisen zur Verfügung stheen, sondern allen. Ich denke, ohne das hier (eh schon zu lang der Kommentar) länger ausführen zu wollen, dass das Diskriminierungs-Potential von Informationen rapide gegen Null sinkt, wenn sie Öffentlich gemacht werden. Allerdings nur dann, wenn es gleichzeitig zu gesellschaftlichen Weiterentwicklung kommt.

    Ein veränderter Umgang mit Information braucht mittelfristig zwingend einen veränderten Umgang mit den Menschen und Dingen, die hinter diesen Informationen stehen.

    Denn darum geht es gerade im digitalen Zeitalter immer mehr – Was macht den Menschen, was macht das menschliche Miteinander aus? Viele Fragen, die wir beantwortet geglaubt hatten, werden (berechtigterweise) neu gestellt.

    Welche Rolle Google in dieser Transition spielen wird, bleibt offen. Nichtzuletzt der Google/Verizon-Deal ermahnt uns nicht zu vergessen, das die notwendige digitale Ebene unser aller Realität im Zusammenspiel von Zivilgesellschaft, Staat und Wirtschaft gerecht entwickelt werden muss.

    Wie? Das ist sicher Thema vieler anderer Artikel auf carta und anderswo.

  11. Fritz |  11.08.2010 | 20:18 | permalink  

    Ach je.
    Ja, es ist schön, dass man sich im Internet alles angucken kann. Nicht wichtig, aber schön.
    Und ja, die Bedenken sind vermutlich um den Faktor Hundert übertrieben.
    Und trotzdem gibt es in allen diesen Pro-Öffentlichkeits-Kampagnen ein gewaltiges Problem: Die Beziehungen sind nicht reziprok.
    Das heißt: Die Beziehungen zwischen z.B. dem Photographierten, dem Photographen als Bildbesitzer und dem Photonutzer sind höchst ungleich. Und der Schwächste im Glied ist der Photographierte. Der Photographierte soll öffentlich sein, der Photonutzer darf privat bleiben.
    Ich halte diese Debatten gegen die Privatleute und für die Interessen der Öffentlichkeit generell für einen Witz, solange die dunkelsten Stellen in der Gesellschaft weiterhin im Dunkeln bleiben, während der Privatmann immer mehr gegenüber diesen dunklen Stellen sich nackig machen soll: Der Staat – vom Bund abwärts bis zu den letzten Dienststellen der Kommunen, das ist der große Geheimbereich. Da wird auf alle möglichen peinlichen Akten immer wieder einfach “vertraulich” draufgestemeplt. Da können die Regierungen wegschließen, was sie wollen. Da kann man dem “brutalsmöglichen Aufklärer” Koch nichts nachweisen, weil die Spuren verwischt werden, wie es einem passt. Da müssen Firmen ihren gesamten E-Mail-Verkehr archivieren und auf Anforderung offenlegen, während in den Regierungen und Ämtern alles versteckt werden kann, was die Staatdsdiener “in höherem Interesse” gerade zu verstecken haben. In den USA ist man da längst weiter, hier geht es munter weiter in die Richtung: Hartz IV-Empfänger müssen alles aufdecken. Die lebenslange Steuernummer wird demnächst auf jeder Tankquittung erscheinen etc etc.
    Das, was hier als die große heilsbringende digitale Öffentlichkeit angepriesen wird, ist doch ein Witz gegen das, was (und wer) auch in der digitalen Öffentlichkeit verborgen bleibt.
    Und überall fördern die Entprivatisierer diese nicht reziproken Beziehungen, wo der Privatmann sich nackig machen soll, und der, der sich das ansieht, immer den Bademantel anbehält.
    In der nicht-digitalen Welt ist das eben etwas anders: Da sehe ich, wer mich anschaut, mir nachstellt oder ums Haus schleicht. In der digitalen Welt wird vor allem einer immer mächtiger: der Staat. Siehe die ganzen Regelungen rund um E-Mails und sonstiges Sichtbarmachen des Privaten für die Augen derer, die im Amt sind.

  12. Christoph Kappes |  11.08.2010 | 20:39 | permalink  

    Mir gefällt der Ansatz richtig gut, statt einer Pro-Contra-Diskussion in Bezug auf eine einzige Produktgattung mal etwas mehr in die Tiefe zu gehen.

    Ich bin ja wahrlich kein StreetView-Gegner, sehe nur Detailprobleme, die im übrigen lösbar sind und keine Aufregung rechtfertigen.

    Was mir aber bei Diskussionen auch immer wieder auffällt, dass wirklich sehr kluge Menschen Bedenken haben, die sie zum Teil zwar nicht richtig artikulieren können, die aber SEHR WOHL Internetnutzer sind und das Produkt kennen. Das ist auch nicht mit dem Schlagwort vom Kontrollverlust erledigt. Es scheint das Bedürfnis nach Selbstbestimmung über den Ausdruck der eigenen Persönlichkeit zu geben, ich formuliere das mal bewusst provokativ. Nun ist es vielleicht für Porschefahrer wie Camper eher die Regel, dass sie ihre Persönlichkeit ausdrücken. Aber das Problem des Digitalen scheint mir ein Verständnis von persönlicher Sphäre zu sein, die sich mit BDSG und Panoramafreiheit nicht recht greifen lässt.

    Ich finde, man sollte die Diskussion genau dort ansetzen. Die Widerstände lassen sich nicht wegdiskutieren. Wahrscheinlich legen sie sich schnell, wenn das Produkt eingeführt ist.

    Aber die Diskussion wird nicht aufhören. Denn was Street View derzeit macht, ist nur der Anfang dessen, was noch kommt. Und zwar unabhängig von Google, das kann ebenso ein Bing oder ein X-Thema werden. Diese Diskussion kann zehn Jahre weiter gehen. Was ist denn, wenn über StreetView und Geotagging (öffentliche) personenbezogene Daten aller Art in StreetView auftauchen und aggregiert werden oder wenn Augmented Reality massenhafte Verbreitung findet? Das wird doch bis heute praktisch nirgendwo kommentiert, von einzelnen Berichten über Panoramio-Bilder mal abgesehen.

  13. BoleB |  11.08.2010 | 22:50 | permalink  

    Danke für diesen guten Artikel. Eigentlich habe ich heute schon viel zu viel gelesen, geschrieben und kommentiert, aber das muss ich noch loswerden. Nachdem ich heute morgen den SaschaLobo-Beitrag gelesen hab, konnte ich nur müde lächeln, jetzt allerdings ringt mir dieses Thema doch einiges mehr an Nachdenkleistung ab….

    Ein paar Gedanken und Anmerkungen: Die Formulierung mit den “Urvölker”…. naja, würde ich mal sagen… Dieser Reflex soll auch heute noch in diversen Kulturen (!) gebräuchlich sein. Dazu zwei persönliche Eindrücke von einer Reise, die nicht allzu lange her ist:

    Ich war bass erstaunt (sagt man das so?), wie exzessiv in allen möglichen Jerusalemer Kirchen fotografiert wird, und habe mich dem dann angeschlossen. Als ich allerdings einige Tage später in einem sehr orthodoxen Vorort von Tel Aviv war, hab ich mich fast schon geschämt, dass ich da heimlich fotografiert und gefilmt habe… Und eben, im zweifelsfall landen diese Aufnahmen heute nicht in Fotoalben, sondern im Netz. Dazu passen dann auch diverse Aussagen von sog. Prominenten, die sich die gute alte Zeit zurückwünschen, in denen man noch bemerkte (und meist vorher gefragt wurde) wenn man fotografiert wurde.

    Viel wichtiger ist aber der Hinweis, dass die digitale Öffentlichkeit gar nicht so öffentlich ist. Um mal ein hinkenden Vergleich zu nehmen, was besseres fällt mir grad nicht ein: auch ein Einkaufszentrum ist im ersten Eindruck ein öffentlicher Raum = öffentlich zugänglich = StreetView (zumal im Herkunftsland, da hab ich letztens einen interessanten Artikel über eine Soziologin gelesen, die das Verhalten/die Sozialisation Jugendlicher in der Mall mit der im Internet verglich) – aber im Zweifelsfall ist es eben doch Privatbesitz, und du kannst dort rausgeschmissen werden. Was dich dann wieder irgendwie vom öffentlichen Leben ausschliesst. Und du hast auch keine Mitsprache über die Gestaltung dieses Raumes = was mit den Aufnahmen/aggregierten Daten bei Street View passiert.

    Die Daten werden eben nicht vom Bund ins Netz gestellt, schlimm genug – die Geheimniskrämerei von dieser Seite wurde ja schon erwähnt. Und hey, schliesslich bezahlen wir doch alle diese Satelliten von der DLR oder wie die auch alle heissen mit, oder nicht? hätte man längst ein google earth draus machen können.

    Generell wäre es eine Herausforderung, mal über die Produktion bzw. die Existenz des öffentlichen digitalen Raums nachzudenken. Das mach ich dann morgen Nacht, für heute erst noch mal: Danke!

  14. Falk D. |  12.08.2010 | 02:43 | permalink  

    Das größte Problem mit Google Street View sehe ich in der dann noch niedrigeren Schwelle für “angereicherte Adressdaten” und damit verbundenem Geo-Scoring. Sicher kann man solche Dienstleistungen hierzulande durch Lizenzpflicht einschränken oder gar verbieten, aber ein Blick in die Paypal-AGB zeigt schnell und deutlich, was deutsche Gesetze bei spanischen Auskunfteien bewirken: nichts.
    Google hingegen geht mit dem Kopf durch die Wand. Der abzusehende “Misbrauch” wird nicht verhindert und Datenschutz wird (wie in den USA) eine exklusive Angelegenheit für Betuchte, deren Häuser in walled communities stehen, zu denen die StreetView-Cars keinen Zugang haben.
    Es hätte genügend Möglichkeiten gegeben, sich zu einigen, z.B. eine automatische Comic-Gestaltung mit Opt-In. Also wer sein Haus in Foto-Qualität ausstellen will, meldet sich bei Google. Von allem anderem wird eine Zeichnung generiert, die keinen Rückschluss auf das genaue Alter, Isolationsgrad und Zustand des Hauses und der Autos davor zulässt, aber den gleichen Nutzwert bietet. Mit der jetzigen Lösung gibt es nur die maximalen Positionen und die entsprechend polarisierte Debatte ohne Kompromissoption.
    Allerdings drängt sich schon die Frage auf, wo die Grenze sein soll, wenn Google millionenfach personenbeziehbare Daten (die Bilder sind Daten) veröffentlicht und man dies nach Ansicht der “webaktivisten” hinnehmen soll.
    Ist Fremdouting von Schwulen und Lesben dann auch ok?

    Disclosure: Ich persönlich wohne nicht nur in einem Street-View-Loch, sondern auch hinter einem hohen Sichtschutz, den ich nun doch weiter wachsen lassen werde.

  15. Jens Best |  12.08.2010 | 03:36 | permalink  

    @Falk D. (14.)

    Yo, wenn man ihre identica-Einträge so liesst, muss man tatsächlich Angst haben. Menschen mit Waffen sind mir definitiv suspekter als solche mit Kameras.

    “Kumpel hat statt “laufenden Keilern” #Street-View-Autos in seiner Schießbahn. Treffer auf die Kamera lässt das Blech umklappen. #Training.”

    Comic-Style fand ich einen netten Ansatz. Wahrscheinlich wäre dann irgendwann von selbst die Forderung auf “richtige Fotos” entstanden – naja, jetzt lief’s halt anders.

    Eine Steigerung der “angereicherten” Adressdaten durch streetview erwarte ich eigentlich nicht. Wenn sie wissen, welche sozio-geografische Auswertungsqualität sie heute (als zahlungskräftiger Kunde) von Dienstleistern erhalten können (Aktualität, Auswertungstiefe, X Korrelationskombinationen etc.), dann kann Streetview dies kaum aus eigener Kraft bieten. Viele der soziogeographischen Informationen sind übrigens bereits heute in den Gemeindeämtern einsehbar, somit fallen diese sowieso unter das Informationsfreiheitsgesetz.

    Aber die Grundsätzliche Frage muss sicher lauten: Bringen mehr freie, all-zugängliche Daten mehr wirkliche Transparenz in einer Gesellschaft und wie geht diese damit um? Es hat sich gezeigt, dass mehr freie Datenzugänglichkeit zu einer Herabsetzung der Diskriminierung durch Wissen über spezielle Daten führen kann, wenn die Gesellschaft sich auch im moralischen Umgang mit dieser Transparenz weiterentwickelt.

    Oftmals geht die Gefahr nicht von Daten aus, sondern von dem, was Menschen mit dieser Information anstellen. Mehr Wissen stellt den Menschen in mehr Verantwortung, erfordert mehr Aufbringen von Empathie und individuellem Handeln, das das Gemeinwohl mit im Auge hat. Alles große Herausforderungen für einem Menschen, dessen Agieren sich größtenteils aus antrainierten Reflexen aus der Steinzeit erklären lässt. Aber hej, irgendwann muss es ja mal einen Schritt weitergehen.

    [Nachname des angesprochenen entfernt, die Redaktion]

  16. Fritz |  12.08.2010 | 08:10 | permalink  

    @ Jens Best
    Jetzt betrittst du aber die heiligen Bezirke des frommen Glaubens:

    “Mehr Wissen stellt den Menschen in mehr Verantwortung, erfordert mehr Aufbringen von Empathie und individuellem Handeln, das das Gemeinwohl mit im Auge hat.”

    Mein lieber Scholli, das Argument kommt als Boomerang zurück. Auf den moralischen Fortschritt des Menschen haben wir zu lange vergeblich gewartet, um darauf irgendeine Hoffnung gründen zu können. Jetzt sagst du: Klar, es gibt eine Gefahr, aber wir Menschen können ja vielleicht an dieser moralischen Aufgabe wachsen? Wenn schon die Befürworter die Gefahren sehen… Das ist so wie mit der “Waffenöffentlichkeit” in den USA: Der weit verbreitete Besitz von Schusswaffen erzeugt mitnichten mehr Verantwortung und Empathie, sondern unterm Strich mehr Schusswaffenopfer.

    Darüber muss man sich schon klar sein: “Öffentlichkeit”, die missbraucht werden kann, wird auch missbraucht. Das wird mit Sicherheit passieren. Die Frage ist lediglich, ob das Ausmaß marginal ist oder ob da eine neue Pest entsteht.

    Und dann: “Oftmals geht die Gefahr nicht von Daten aus, sondern von dem, was Menschen mit dieser Information anstellen.” Das ist IMHO trivial. Die Gefahr geht immer von den Menschen aus. Ferner von den Umständen, in denen sie leben.

    Richtig ist natürlich auch: Die Angst vor Streetview ist auch eine Angst vor der Aufdeckung der Ungleichheit in der Gesellschaft. Die Bilder sind ja nicht nur Daten, es sind auch dokumentarische Photos. Da wird mehr sichtbar, als manche möchten, dass zu sehen ist …

  17. Jens Best |  12.08.2010 | 09:06 | permalink  

    @Fritz

    Durch Warten auf den moralischen Fortschritt der Menschen füllen sich lediglich die Wartehallen mit denen, die lieber Warten statt Handeln. Da hast du recht.

    Wenn es für dich in den Bereich des Irrationalen (aka Glaubens) fällt, dass der Mensch Emphatie fähig ist; wenn du die Möglichkeit des gemeinschaftlichen Handelns in das Reich der Träume verweist und das Verantwortungsbewusstsein eines Einzelnen negierst, dann haben wir sicher keine gemeinsame Grundlage.

    Wenn deine misantrophe, oder wie du dir wahrscheinlich einbilden wirst, realistische Einschätzung stimmt, ist es verwunderlich, wie der Mensch aus seiner Höhle überhaupt rausgekommen ist.

    Eine Informationsgesellschaft, die gerne auch irgendwann eine Wissensgesellschaft werden will, muss sich klarmachen, das Teilen von Information nicht möglich ist, wenn Vertrauen nicht auf die Probe gestellt werden kann.

    Ich rede ja nicht von Familiengeheimnissen, ich rede noch nicht mal von der gottverdammten klassischen Privatssphäre. Wie man die sich gestaltet, offenlegt oder als Geheimnis hütet, ist mir schnuppe.

    Aber es ist doch illusiorisch weiterhin zu akzeptieren, dass es z.B. auf Landratsämtern geo-bezogene Informationen zur Einsicht gibt; die, nachdem digitalisiert, geteilt und kontextualisiert, völlig neue Einsichten der faktischen Realität eines Gemeinschaftskörpers (Strasse, Dorf etc.pp) ergeben können.

    Man tut gerade so, als würde bei der Verknüpfung von offenen rumliegenden Daten irgendeine neue Realität entstehen, die nicht sowieso da wäre. Dass einzige, was sich ändert, ist, dass es jetzt alle sehen können und auf dieser Informationslage realitäts-bezogener entscheiden können, was zu tun ist.
    Das ist die entscheidende Weiterentwicklung. Das ist auch eine Herausforderung. Und moralische Stärke braucht man, um die ersten vielleicht schmerzhaften Erkenntisse aus der neuen “Datenlage” als zoon politikon zu überstehen.
    Soviel dazu.

    Und wenn du jetzt allen Ernstes öffentliche Daten (unter die auch die öffentlichen Ansichten von Häusern fallen) mit Waffen vergleichen willst, muss ich einfach nur konstarnieren, das du anscheinend Angst vor der Herausforderung der Realität hast und das mit billigen Vergleichen kaschierst.

    Und jetzt ein Kaffee. Schönen Tach. ;)

  18. Google und die Digitale Öffentlichkeit at Robin Haseler |  12.08.2010 | 09:08 | permalink  

    [...] kann stimmen, muss es aber nicht. Wie auch auf CARTA festgestellt wird, handelt es sich bei Google Street View eben nicht um eine Digitale Öffentlichkeit. Dann [...]

  19. Fritz |  12.08.2010 | 11:37 | permalink  

    Ausgerechnet ich ein Misantrop?! Wenn du wüsstest, wie ich in jedem Menschen noch das Gute sehe ;)

    Empathie gibt es natürlich. Sogar die selbstsüchtigsten Menschen haben meist einen Winkel im Herzen, wo sie sozial fühlen. Aber es gibt bekanntermaßen auch Mitleidlosigkeit. Die steigt im Allgemeinen steil mit der Entfernung zu dem, dem wir helfen könnten.

    Und dass Menschen gemeinschaftlich handeln, kommt auch immer wieder vor. Bekanntlich im Guten wie im Schlechten.

    Dass Öffentlichkeit die wichtigste zivile Waffe gegen Unrecht, Hunger, Armut ist, unterschreibe ich sofort. Und Öffentlichkeit kann logischerweise nur deshalb eine Waffe sein, weil die Öffentlichkeit empathische Reaktionen freisetzt. Weswegen ja z.B. auch Greuelpropaganda eines der wirksamsten Mittel ist, um in der Bevölkerung Finanzierungsbereitschaft für Kriege zu stimulieren.

    Streetview ist für vieles gut. Das Wichtigste können wir heute noch gar nicht abschätzen, nämlich wie sich das “Sozial-Bewusstsein” erweitert – hin zu immer weniger Borniertheit. Die Welt zu sehen, heißt eigentlich immer auch sie anders zu sehen und neu zu verstehen. Ob ein solches Bewusstseinswerkzeug in die Hand eines einzigen privaten Anbieters gehört, ist allerdings die Frage. Das Wort “Weltherrschaft” bekommt da einen interessanten Beigeschmack …

    Aber das alles beißt von der Maus keinen Faden ab: der alltägliche Missbrauch wird selbstverständlich stattfinden und es ist lediglich eine Frage, mit welchen Quantitäten man da zu tun haben wird.

    Das Internet ist nun einmal alles andere als eine Idylle. Sein primärer Motor sind wirtschaftliche Interessen.

  20. Surfer |  12.08.2010 | 12:48 | permalink  

    Ich wüßte nicht, was es an der Möglichkeit und Freiheit zur privaten digitalen Verwertung öffentlicher Räume grundsätzlich zu diskutieren gibt. Die Freiheit dazu ist schlicht ein Grundpfeiler der freiheitlich-marktwirtschaftlichen Grundordnung.
    Street View ist in seiner Art der totalen fotografischen Ablichtung der Welt sicher ein recht neuartiges Medium – so völlig neu denn aber auch nicht, was die Freiheit zur privatökonomischen Verwertung öffentlicher Räume angeht. Der Unterschied ist nur, dass es jetzt flächendeckend geschieht. Ich finde, man sollte Google dankbar sein, dass es ein solches neues nützliches Medium aus der Hüfte stemmt.

  21. | schonleben mittendrin: subjektiv, subversiv! |  12.08.2010 | 14:21 | permalink  

    [...] carta.info schreibt: “Anders als Sascha Lobo vermutet, ist die digitale Öffentlichkeit also gar nicht [...]

  22. vera |  12.08.2010 | 16:14 | permalink  

    Schöner Artikel. Dennoch: Much ado about nothing. Die wirkliche Schlacht wird gerade ganz woanders geschlagen (Google/Verizon, Telekom; http://pro-netzneutralitaet.de/ ).

  23. Glanzlichter 28 « … Kaffee bei mir? |  13.08.2010 | 01:21 | permalink  

    [...] Endert Google StreetView: Die Angst vor der Öffentlichmachung des öffentlichen Raums „Die digitale Öffentlichkeit ist gar nicht so öffentlich.“ Feine [...]

  24. Die Woche im Rückspiegel – 32. KW « kadekmedien's Blog |  13.08.2010 | 09:28 | permalink  

    [...] CARTA – Google StreetView: Die Angst vor der Öffentlichmachung des öffentlichen Raums [...]

  25. Ralf Moebius |  13.08.2010 | 09:30 | permalink  

    Wer glaubt denn, dass man das Thema Google Streetview mit den Instrumenten der Panoramafreiheit in den Griff bekommen kann? Das gilt allenfalls für Schöpfer von Baukunstwerken:

    http://fachanwalt-fuer-it-recht.blogspot.com/2010/08/google-street-view-massenhafter.html

    Des Normalbürgers Haus dürfte ungeschützt sein:

    http://www.rechtsanwaltmoebius.de/urteile/lg-koeln_28-o-578-09_foto-haus-internet.html

  26. Trend- und Hintergrundwissen zwischen Medien, Technik und Wirtschaft |  13.08.2010 | 10:30 | permalink  

    Street View: Eine Diskussion tief im Gestern…

  27. Torsten |  13.08.2010 | 11:03 | permalink  

    Kleine Korrektur: CC-Lizenzen garantieren keineswegs “echte Öffentlichkeit” – selbst die Radioausstrahlung von CC-Musik ist immer noch eine rechtliche Grauzone.

    Wenn etwas der Öffentlichkeit gehören soll, hilft nur Gemeinfreiheit oder meinetwegen CC-0.

  28. Fritz |  13.08.2010 | 11:28 | permalink  

    @ surfer :”Ich wüßte nicht, was es an der Möglichkeit und Freiheit zur privaten digitalen Verwertung öffentlicher Räume grundsätzlich zu diskutieren gibt.”

    Dass die Straßen und Parks öffentlich sind, ist ja richtig. Es ist auch kein Problem, unverknüpfte Bilder zu veröffentlichen. Probleme entstehen erst durch die Verbindung des Öffentlichen mit allerhand Datenquellen und den Möglichkeiten des Internets.

    Dann hat dieser Fortschritt eben ein Janusgesicht, und zwar je nach dem, wer die Stadt ansieht und mit welchem Blick.

    Offenkundig harmlos ist der touristische Blick. Den haben wir alle und den finden wir alle gut. Mal eine Stunde Florenz anschauen, Rom, Istanbul – was soll daran schrecklich sein, wenn uns Google das ermöglicht? Nichts. Ein großartiger Fortschritt.

    Es gibt aber auch andere Blickinteressen. Und dann trennt sich was: Jeder schaut gerne, aber die meisten möchte bestimmte Blicke nicht erleiden müssen. Daher die Debatte und daher ist es völlig berechtigt, wenn einzelne Leute sagen: Ich verzichte lieber darauf, dass meine Wohnung zum Datenmaterial im Internet wird.

  29. ttm |  13.08.2010 | 14:15 | permalink  

    Die private digitale Verwertung öffentlicher Räume findet schon lange statt und hat bislang auch niemanden gejuckt: http://www.geografitti.de/?p=1615

    Das “schwer fassbare Unbehagen” oder auch die Frage des Missbrauchs öffentlichen Raumes habe ich mal versucht mit einem Konzept des “halböffentlichen Raumes” zu skizzieren (siehe: http://www.geografitti.de/?p=1594). Das ist aber m.E weniger eine Frage der Gesetzgebung, als der zivilgesellschaftlichen Toleranz und hebt ein wenig auf die Sentenz ab, dass eine freiheitliche Gesellschaft immer auch von Werten und Voraussetzungen lebt, die sie selbst nicht schaffen kann. Ich gebe zu: Das ist das schwierige Gelände einer Wertediskussion.

  30. Notizblog » Lösung für das Street-View-Problem |  13.08.2010 | 16:53 | permalink  

    [...] Aber genug mit der Polemik. [...]

  31. Streetview: Es geht doch um viel mehr als den “öffentlichen Raum” « Franz Neumeier's "Ceterum Censeo" Blog |  13.08.2010 | 20:09 | permalink  

    [...] vielleicht sagen: Wäre er doch bei seinem Vorsatz geblieben. Aber der hervorragende Beitrag “Die Angst vor der Öffentlichmachung des öffentlichen Raums” von Julius Endert auf Carta.info treibt mich jetzt doch dazu, einen Aspekt in die Diskussion [...]

  32. Link-Dump zu Google Street View - Stecki's Blog |  13.08.2010 | 23:27 | permalink  

    [...] Google StreetView: Die Angst vor der Öffentlichmachung des öffentlichen Raums [...]

  33. Falk D. |  14.08.2010 | 13:00 | permalink  

    Ich bringe noch mal das Sauna-Beispiel von Jeff Jarvis (http://www.buzzmachine.com/2010/02/11/the-german-privacy-paradox/), in dem er zwar auf das 3m-Brett hochgeklettert ist aber den Sprung nicht vollführt.

    Die Asymmetrie der Öffentlichkeit ist wesentliches Merkmal und Kritik von Streetview, ich als Bewohner kann den, der per Streetview Schmidtview “meine Welt” erkundet nicht sehen, während im realen Leben spätestens der Hund jeden neuen Beobachter anzeigt, wenn es nicht die ältere Nachbarin ist, die ihre Zeit mit der Beobachtung der Straße verbringt.

    @Herr Jens B., wenn Sie Leute, die es vorziehen nicht an dieser Asymmetrie teilzunehmen, in die Öffentlichkeit zerren, müssen Sie damit rechnen, dass Sie irgendwann auch mal Objekt einer kritischen Betrachtung werden.
    So fragt sich der geneigte Google-Nutzer schon, warum Sie seit etwa drei Jahren, im Netz so “aufdrehen”, aber ihre Tauchbasen im Internet spurlos abgesoffen sind
    Dass Sie dann zu allem Überfluss flapsige Bemerkungen aus dem Zusammenhang (wobei identi.ca dafür extra einen Link “Im Zusammenhang” angefügt hatte) reißen, so einen falschen öffentlichen Eindruck erzeugen und ihre Diskutanten der vermeintlichen Lächerlichkeit preisgeben wollen, fügt ein schlüssiges Bild zusammen.
    [Das sollte als billige Retourkutsche und "Gegendarstellung" genügen, im Übrigen haben Sie Sich in meinen Augen als Diskutant derart disqualifiziert, dass Sie nicht mehr Teil meines Internets sind.]

    Ich danke dennoch für die Erkenntnis mit der Öffentlichkeit noch vorsichtiger umzugehen und habe meinen Schluss gezogen und sowohl identi.ca-feed als auch twitter-feed im schwarzen Loch verschwinden lassen.

    Mir wird oft vorgeworfen, dass ich meine Gesprächspartner überfordere, wenn ich ihnen Abkürzungen und Fachbegriffe an den Kopf werfe oder bestimmte Kenntnisse voraussetze.
    Das ist eine Kritik, die man ohne weiteres auf die Streetview-Freunde übertragen kann.

    Gesellschaft funktioniert aufgrund der Erhaltung der Norm für sozialen Kontakt.
    Legt man die letzen Fittkau&Maaß- sowie die ZDF-Studien zur Online-Nutzung zugrunde, ist der Anteil der “Onliner” erheblich geringer als in den Medien aus dem online-Dunstkreis kolportiert und selbst der Aktivitätsgrad der Onliner ist sehr inhomogen. Kurz: Die gesellschaftliche Norm liegt näher am Fernseher, als im Internet. Inhalte verschwinden im Augenblick der Sendung (oder nach 7 Tagen).

    Wenn Google den Leuten die Entscheidung in Streetview nicht zu erscheinen überlässt, dann sollten Sie vielleicht in der Lage sein, diese zu akzeptieren.

    Höhenangst überwindet ein Betroffener nicht, in dem man in von der Klippe schubst und die Tatsache, dass der Herr dem Menschen keine Flügel wachsen ließ, könnte außerdem ein Hinweis sein, dass man auf dem Boden bleiben sollte.

    Es gibt auch in den USA etliche Gemeinden (per suche nach “Streetview banned” zu finden), in denen die Google-Cars Hausverbot haben und von denen bis auf ein quer auf der Straße stehendes Sheriff-car nichts in Streetview zu sehen ist, von den “walled communities” mal ganz abgesehen. In den USA kann der City-Council zur Not auch der Sheriff jeden aus der Stadt werfen (wie im Film “Rambo” zu sehen :) ) und die Einkehr verweigern, analog zu unserer Verwaltungsmaßnahme “Platzverweis” – nur halt lebenslänglich. Dazu braucht es keinen wütenden Mob, wie in Broughton (UK).

    Diese USA-spezifische Einschränkung der Freizügigkeit wird allerdings durch einen Verzicht auf ein Meldewesen mehr als ausgeglichen. Das Medienecho dort war bis auf einige hoity-toity-Seitenhiebe im Wesentlichen Schulterzucken. Denn es gilt: Leben und leben lassen. Bis auf die jüngst eingeführte Zwangs-Krankenversicherung, gibt es in den USA fast immer eine negative Handlungs-_Freiheit_.

    Hierzulande machen die Web-Evangelisten hingegen ein riesiges Fass auf.
    Dabei hat man als vernunftbegabter Mensch schnell die Erkenntnis, dass man selbst durch die Veröffentlichung seiner Wohnsituation eigentlich nur Nachteile hat. Und ihre quellenlose Behauptung “Es hat sich gezeigt, dass mehr freie Datenzugänglichkeit zu einer Herabsetzung der Diskriminierung durch Wissen über spezielle Daten führen kann, wenn die Gesellschaft sich auch im moralischen Umgang mit dieser Transparenz weiterentwickelt.”
    zeigt, dass Sie, wie in Europa üblich, erst die Kugeln aufhängen und dann den Baum aufstellen wollen.
    Unsere “Gesellschaft” hat jede Transparenz bisweilen zum Nachteil des Individuums genutzt. Bei der BAFin-Abfrage der Bankkonten per Mausklick durch die Behörden kann man mit viel gutem Willen noch von Vorteil der Gesellschaft sprechen.
    Wenn aber Unternehmen selbst die weitgehenden Möglichkeiten der SchufA überschreiten, in dem Sie in ihren AGB die Weitergabe aller Daten und Transaktionen an eine für Profilbildung [und Fehler] bekannte spanische Auskunftei (in der Hand eines ostwestfälischen Medienhauses) verstecken, stellt sich die Frage ob ein privater Träger aufgrund der Zieldivergenz überhaupt in der Lage ist, zum Wohl der Gesellschaft zu handeln.
    Ich sehe da eine Fabel von Skorpion und Frosch als Analogie, wobei im indischen Original der Frosch eine Schildkröte ist und der Skorpion erstens an deren Panzer scheitert und zweitens von selbigem abrutscht und ertrinkt.
    Das Problem ist, dass das Risiko durch Streetview individuell zum Teil rech hoch und sehr verschieden gelagert ist. Sei es der Bewerber, dessen aktuelle Wohnsituation ihn von höherwertiger Tätigkeit ausschließt, die Einzelperson, deren Umfeld ohne Risiko auf Entdeckung zur Vorbereitung des Stalkings betrachtet werden kann, oder der Aspirant auf eine Versicherung, der wegen der alten Autos oder der dicken Menschen in seinem Viertel nun höher eingestuft oder gar abgelehnt wird. In sofern kann ich dem angeführten LG-Köln-Urteil in dem Punkt “mindere Eingriffsschwere” nicht folgen.

    Und letztlich noch der soziologische Allgemeinplatz “Beobachtung erhöht den Normierungsdruck” (z.B. Prof. Wilhelm Heitmeyer) – Streetview ist ein weiterer Stein im Fundament einer uniformen Gesellschaft, die unabhängig von der persönlichen Ideologie Abweichen gegenüber Intoleranz erzeugt.

  34. Nofate |  14.08.2010 | 16:46 | permalink  

    @ Falk Sehr gut formuliert! Besonders der letzte Absatz sollte den oft unkritschen Fortschrittsgläubigen zu denken geben. Danke!

  35. Jens Best |  14.08.2010 | 21:37 | permalink  

    @Falk / und natürlich auch alle anderen Kritiker

    Wir haben uns beide gegenseitig bewiesen, dass man mit schnellgesammelten Informationen aus dem Netz wohl nicht ganz oder vielleicht auch gar nicht auf den Charakter und die Lebensrealität einer Person schliessen kann. Schön ;)

    Nun können wir unser gegenseitiges Dissen also zur Seite legen und versuchen unsere Menschenbilder und die daraus abgeleiteten Notwendigkeiten der Regulierung der gemeinsamen Realität größtenteils sachlich auszutauschen. So denn:

    Die Asymmetrie der Öffentlichkeit ist doch ein sehr merkwürdiger Schrei nach Aufmerksamkeitsberechtigung. Ihr Beispiel mit Hund und Nachbars-Omas aufgreifend bewegen wir uns im Globalen Village also nicht ganz so wie im herkömmlichen Dorf, da man uns nicht sehen kann während wir gucken. Fragen wir uns doch für einen Moment, ob diese Asymmetrie schlimm ist und wenn ja, warum.

    Das Hamburger Abendblatt sieht das auch so wie sie und schreibt in seiner heutigen Ausgabe “Selbst in Burkina Faso kann man jetzt in Hamburger Vorgärten schauen.” Was will uns dieses Blatt damit sagen? Ein Boulevard-Blatt, das wohl mehrheitlich von denen gelesen wird, die, wie sie richtig schreiben, noch nicht im Internet angekommen sind (und das vielleicht auch garnicht wollen).

    Erstmal warum nimmt das Hamburger Abendblatt Burkina Faso? In Norwegen, der Ukraine oder auf Mallorca kann man ja jetzt auch auf Fotos von Hamburger Vorgärten gucken (ohne dabei gesehen zu werden). Wikipedia verrät uns nicht den Anteil der dunkelhäutigen Bevölkerung, aber man kann davon ausgehen, es wird die Mehrheit sein. Und sicherlich ist das auch der Gedanke, der dem durchschnittlichen Abendblatt-Leser so in den Kopf schiessen soll: “Der Neger guckt mir auf meinen Gartenzwerg. Das darf der so nicht. Wo kommen wir denn da hin?”

    Sie sehen, nicht überall wird die Debatte über streetview so klar auf die Daten reduziert wie bei uns beiden hier. Deswegen zurück zu ihrer Asymmetrie. Wie ist das eigentlich, wenn wir uns Fotos anschauen. Wenn sie sich zum Beispiel ein Foto von mir anschauen, wie ich da so irgendwo im Taucheranzug stehe. Spüre ich das? Im Nacken vielleicht? Einer meiner Tanten hat immer gesagt, wenn es pfeift im Ohr, dann denkt jemand an dich. Naja wie Tanten halt so sind, aber eine zeitlang fand ich die Vorstellung ganz schön.

    Also, die Fotos, wir schauen uns auf Streetview Fotos an. Viele Fotos, miteinander verknüpft, aber Fotos, so und so alt, aber halt nicht wirklich “realtime”. Sie helfen uns, ein Bild von der Realität an diesem Ort zu bekommen, an dem wir nicht sind.
    So ist das mit Fotos.

    Jetzt schreiben sie zurecht, dass der Mensch nicht nur ein zoon politikon ist, sondern auch ab und an, ihrer Meinung nach wohl meistens, dem anderen Menschen ein Wolf. Dass wir es im analogen Leben überhaupt soweit geschafft haben, einen öffentlichen Raum zu haben, in dem man sich einigermaßen sicher bewegen kann, ist ein langer Weg gewesen.

    Und sie glauben jetzt, dass die Seuche des Bösen wieder Nahrung bekommt, wenn Fotos der Öffentlichkeit online und verknüpft präsentiert werden. Ja, vielleicht wird der ein oder andere Geo-Fotodienste für Schlimmes benutzen, vielleicht benutzt morgen jemand einen Hammer oder ein Auto für Böses. Aber sollte das uns daran hindern, die guten Möglichkeiten einer immer mehr verknüpften Datenwelt zu nutzen?

    Sie sagen “Ja”, oder auch “Langsamer” oder “Warten bis auch der Letzte gelernt hat eine Mail abzuschicken und dann erst machen wir weiter”. Ich stimme mit ihnen überein, dass die Vermittlung der Chancen positiver Realitätsgestaltung durch verbessere Kollaboration sowie Info-Austausch zwischen den Menschen, gestützt auf die Möglichkeiten der daten-basierten Online-Werkzeuge, noch eine riiiesige Aufgabe ist.

    Ich stimme ihnen auch zu, dass große Teile der Bevölkerung sich dieser Option verantwortungsvoller gemeinsamer Lebensweltgestaltung nicht umfänglich bewusst sind. Woher auch? Die einen haben es nicht in der Schule oder Zuhause gelernt, weil es damals noch kein Web gab und die anderen wollen berechtigterweise erstmal ihren Spass haben, denn sie sind jung.

    Ich denke, wir stimmen überein, dass die Verknüpfung von quasi-öffentlichen Datensätzen, die in Tresoren oder Kellern ruhen, eine Chance ist, um durch eine “digitale Ebene” der (Strassen-)Realität bequemer ein besseres genaueres Bild unser Umgebung zu bekommen. Oder sehen sie diesen Punkt anders? (Stichwort: Open Data etc.)

    Ich denke aber auch, dass es äußere Schichten unser Privatheit gibt, die sehr zeitnah auch in die verknüpften Datenströme eingang finden werden bzw. schon gefunden haben. Ich spreche hier nicht von klandestinen Datenbanken von Unternehmen oder dem Staat, ich rede von “der Öffentlichkeit zugänglich”.

    Damit meine ich nicht, dass jeder weiss (außer ich lasse es zu), dass ich trotz allem progressiven Auftreten das spiessigste Wohnzimmer der Welt habe, oder einen Raum für Sexsklaven oder Terrarien mit giftigen Spinnen.
    Damit meine ich meine Teilnahme am öffentlichen Leben, digital wie analog.

    Ich habe da auch keine abschliessende Antwort, wie könnte ich auch. Aber Zivilisation muss auch mal was wagen, damit es voran geht. Fehler werden gemacht, aber der größte Fehler für mich wäre, wenn eine Gesellschaft aus überzogener Angst das Gute im Fortschritt negiert.

    Das angedachte Verbot von Fotografie im öffentlichen Raum ist für mich ein Signal, dass eine Gesellschaft in ihrer Gesamtheit nicht bereit ist für eine Weiterentwicklung. Was sollte ich jetzt ihrer Meinung nach tun, wenn ich gleichzeitig auf diesen sozialen Fortschritt nicht verzichten will?

    Nun, ich könnte sagen, dann machen halt nicht alle mit, auch gut.
    Aber die Hetze der letzten Monate, die eine Innovationsfeindlichkeit offenbart hat, die im Kern getragen wird von überkommenen Ressentiments und Ängsten (siehe oben Abendblatt) wird von mir nicht mehr geduldet. Meine Rücksicht auf die, die nicht wollen; mein Verständnis dafür, dass Wandel seine Zeit braucht, ist an einer Stelle angelangt, an der ich es nicht akzeptieren werde, dass hinter diese Linie zurückgetreten wird. Was öffentlich ist, wird öffentlich bleiben, auch im Digitalen.

    Wir beide mögen uns um die bestmögliche Abwägung von Privatheit und Öffentlichkeit streiten, en gros geht es in der Debatte aber um die Pflege von Vorurteilen, von “last mir meine Ruhe”, von “was interessiert mich die Zukunft” und was weiss ich noch für larifari-Ausreden des, man verzeihe mir die plakative Wiederholung, des Deutschen Michels.

    Und bitte, Falk, was machen denn ich und die anderen, die an der Aktion “Verschollene Häuser” teilnehmen werden großartig? Wir fotografieren im öffentlichen Raum, wir fotografieren Öffentlichkeit. nicht dein Wohnzimmer, nicht deine Toilette, nicht dein Schlafzimmer, nicht deinen Hinterhof, nichts was du als Privat deklarieren kannst, wird fotografiert. Es wird der öffentliche Raum durch ein Foto in der digitalen Ebene der Strasse ergänzt. So fucking what?

  36. Falk D. |  15.08.2010 | 01:04 | permalink  

    Nur kurz um Ihren Denkfehler aufzuzeigen: Sie zeichnen ein Bild eines Abendblatt-lesenden Gartenzwerg-Besitzers, nicht ohne ihm eine rassistische Gesinnung zu unterstellen.

    Ihr Schluss war “liest Abendblatt*” -> “ist Rassist” -> “hat Gartenzwerg(e)”.
    Durch Streetview wird jetzt dann der Umkehrschluss hergestellt, ohne dass die betroffene Person sich dazu äußern könnte: “hat Gartenzwerge” -> “ist Rassist”.

    Ich werde jetzt nicht den Gartenzwerg oder Motiv-Kokosmatten zur deutschen Hochkultur erklären, aber niemand hat etwas davon, den Vorgarten anderer an eine globale Öffentlichkeit zu zerren.

    Bei touristischen Zentren oder Innenstädten mit starken kommerziellen Anteil, könnte ich noch von nicht-vorhandenem Interesse an der Nicht-Veröffentlichung ausgehen.

    Aber bei Kleingärten in der Vorstadt oder gar auf dem Lande muss ich davon ausgehen, dass der Wunsch nach der Nichtveröffentlichung überwiegt. Vor allem muss dieser Wunsch, wenn nicht schon priorisiert wenigstens respektiert werden. Erst recht, wenn sich das in der Gartenzwergaufzucht wiederspiegelnde Harmoniebedürfnis, demnächst mit der Rassismus-Unterstellung der durch Transparenz offeneren Gesellschaft konfrontiert sehen muss, die Sie da predigen.
    Eine höhere Transparenz (Beobachtung) erzeugt Normierungsdruck. Das gleichbedeutend mit Intoleranz gegenüber Abweichlern.

    Ob Sie Farbige aus Burkina-Faso oder Gartenzwergbesitzer ausgrenzen und diffamieren, bleibt im Wert und Effekt nahezu gleich. Nur letzteres erhält durch Streetview eine neue Plattform.

    Eine vermehrte Toleranz durch mehr Öffentlichkeit oder höhere Vernetzung ist ein mehrfach widerlegtes Phantom (bzw. ein promovierter Soziologe nannte es eben gerade “Geblubber”). Es gibt keinen positiven Effekt für das Gemeinleben durch Streetview und der mögliche Nutzen ist durch Sightwalk, das sich auf kommerzielle und touristische Sondergebiete beschränkt, schon abgebildet.

    Google gibt den Leuten die Entscheidung nicht als Rassist diffamiert zu werden und Sie wollen sie ihnen wieder nehmen. Mein Verständnis für ihren Standpunkt und Ihre nach [metaphorischer] Prügel schreiende Nachfotografier-Aktion konvergiert mit hoher Geschwindigkeit gegen Null.

    Ich halte das Opt-Out bereits für zu schwach, da es die Aufnahme selbst nicht verhindert und meine Erfahrungen mit Google schlecht genug sind, dem Laden nicht weiter zu trauen als ich Waschtrockner werfen kann

    Genau wie das ZAR-Gutachten zu Streetview, halte ich es für extrem zweifelhaft, dass die Bilder als Originaldaten erst in die USA übermittelt werden.
    Weiterhin halte ich die Höhe der Kamera nicht wg. der Panoramafreiheit für kritisch – ich bin ja nicht der Architekt des Hauses – sondern unterstelle Google hier die billigende Inkaufnahme des Eindringens in den höchstpersönlichen Bereich, wie das ZAR-Gutachten auch.

    Dann ist da noch die Problematik mit dem Geo-Scoring und sonstigem Misbrauch durch Arbeitgeber und sonstige Verwerter, die nach meinem Empfinden nur durch ein Opt-In-Modell zu lösen wäre. Google, dessen CEO, Eric Emerson Schmidt, 2005 CNET aus dem Index schmeißen ließ, weil sie die Ergebnisse einer Google-Recherche (Gehalt, Ex-Freundinnen, Spenden für George Bush, Spenden für George Walker Bush) über ihn zusammenfassten ohne ihn um Genehmigung zu bitten, sieht das bei nicht-CEOs offenbar anders.

    *In Hamburg ist das Abendblatt die seriöse(re) Tageszeitung. Das Boulevardblatt heißt hier Bild oder MoPo.

  37. Jens Best |  15.08.2010 | 01:35 | permalink  

    @Falk

    Tendenziell nichts gegen Gartenzwerge. Im Garten meiner Großeltern steht eine wunderbare Sammlung davon.

    Aber warum meinen sie hat das Abendblatt Burkina Faso gewählt, warum nicht Norwegen? Ich unterstelle dem Schreiber dieser Zeilen, dass er (aus Erfahrung?) mit der Wahl dieses Landes bei dem erwarteten Leserkreis eine Wirkung erzielen will. Der ganze Artikel hatte Bildzeitungs-Niveau, auch wenn das vielleicht nicht für das ganze Blatt gelten mag.

    Was in der Bildzeitung zu dem Thema steht, will ich schon garnicht mehr kommentieren. Der bildblog hat es aber getan: http://www.bildblog.de/21374/die-schlechtesten-gruende-gegen-street-view/

    Ich werde, damit sie beruhigt sind, den ersten “Wer hat die schönsten Gartenzwerge im Vorgarten?”-Wettbewerb auf Streetview ausrufen. Vielleicht bekommt man ja irgendein Gartencenter dazu ein paar Preise zu sponsoren. Hmm, anderseits zeigen die Bilder ja nur irgendeinen Moment in der Vergangenheit, das ist dann vielleicht nicht fair, weil keiner nochmal “nachbessern” könnte.

    Die Höhe der Kameras (2,50? 2,90?) halte ich tatsächlich auch für einen bedenklichen Punkt. Bei http://www.sightwalk.de sind es nach meinen Informationen 1,80m. Ich werde auf menschlich normaler Höhe fotografieren und dies auch allen anderen Teilnehmern an der Aktion “Verschollene Häuser” vorschlagen.

    Über die Punkte Konformität und insbesondere Toleranzsteigerung/minderung durch Datentransparenz im öffentlichen/halböffentlichen/privaten Bereich werde ich mich nochmal genauer informieren und nachdenken. Ich habe einiges dazu gelesen, die Bewertung sind tatsächlich ambivalent. Vielen Dank für den Anstoß. Die ganze Kiste mit der Konformität ist sicherlich nicht monokausal auf “übertriebene” Öffentlichkeit zurückzuführen, sondern auch durch wichtigere soziokulturelle Faktoren lokaler, bezugsgruppen-bezogener und nationaler Art geprägt.

    Für die Personalentscheidungen will ich ihnen folgendes sagen: Wenn ein Personalentscheider eine gute Bewerbungsmappe liest und dann aufgrund eines “Ghetto-Fotos” auf streetview den Bewerber nicht einlädt, ist dies für mich ein Entlassungsgrund – des Personalentscheiders.

    Wer so wenig soziales Gespür hat, zu wissen, dass das Potential eines Menschen nicht hauptsächlich durch seine Wohnumgebung geprägt wird, sondern vom Willen und Können des einzelnen, der ist entweder nicht geeignet für eine Job im Personalbereich oder er arbeitet in einer Unternehmen, das sich diesem oberflächlichen Glauben hingibt und dann kann man froh sein, nicht in einer solchen “Alles schöner Schein”-Firma zu landen.

    Dass der Bilderberger und Kapitalist Eric Schmidt der Untergang des einstigen “don’t be evil”-Konzerns Google ist, sollte spätestens seit ein paar Tagen (-> Netzneutralität) allen klar sein. Da stimme ich mit ihnen 100% überein.

  38. Fritz |  15.08.2010 | 08:49 | permalink  

    @ Falk
    “Beobachtung erhöht den Normierungsdruck” ist ein interessanter Gedanke. Genauer gesagt natürlich: Beobachtet werden veranlasst uns, uns anzupassen. Man hat Angst vor Kritik, Angst dass hinter dem Rücken über einen gesprochen werden könnte etc. Wenn man so will, ist dies ein zentrales Grundmotiv der Mode.

    Es gibt allerdings auch einen gegenteiligen Effekt, den ich den “New York Effekt” nennen würde. Wenn sich das Beobachtetwerden massenhaft verdichtet und multipliziert, beginnt es schließlich allen schnuppe zu werden, ob sie einer anglotzt oder nicht. Mit dem paradoxen Effekt: Nirgendwo gibt es mehr Sonderlinge und persönliche Gestaltungsfreiheit als in den Metropolen: “Stadtluft macht frei”. An Groß-Flughäfen ist es ähnlich. Dort kann man eine geradezu utopische Menschenvielfalt beobachten, die den Effekt hat: Soll doch jeder nach seiner Fasson …

    Wer Dörfer kennt, weiß, dass der Normierungsdruck dort von außen gar nicht mehr zu steigern ist. Wenn Sie heute in ein deutsches Dorf ziehen, irgendwo 30, 40 km entfernt zur nächsten nennenswerten Stadt, dann können Sie sich anpassen wie Sie wollen: Sie bleiben dort eine Generation lang der Zugezogene – “der gehhört nicht zu uns”.

    Ich sagte schon oben: Wenn wir mehr von der Welt sehen, verändert dies unser Bewusstsein. Der tolerante “Mann von Welt” unterscheidet sich vom klassischen Dörfler vor allem dadurch, dass er mehr von der Welt gesehen hat. “Reisen erweitert das Bewusstsein”, sagt man immer so schön platt. Tatsächlich ist die ganze abendländische Geistesgeschichte und mithin die Aufklärung von der Erweiterung des Horizonts angetrieben: Die alten Griechen begannen erst mit dem Überseehandel, danach mit der Philosophie ;)

    Und wenn wir sehen, dass es nicht überall so aussehen muss, wie es “bei uns” in der Straße aussieht, dann kann das gegenüber “Abweichlern” durchaus zu mehr Toleranz führen und am Ende überhaupt – siehe New York – zu einem Aufblühen des Individuellen und zu einem Absterben der aufgezwungenen Gleichförmigkeit, die für deutsche Dörfer so typisch ist …

    Also gibt es da zwei Sätze, und man muss da wieder aktiv und passiv unterscheiden:
    “Beobachtet werden erhöht den Normierungsdruck.”
    “Beobachten erweitert das Bewusstsein.”

    So weit Streeview eine massenhafte anonyme Beobachtungssituation erzeugt, wächst allen schließlich ein dickes Fell und jeder bezieht seine Anpassungen nur noch auf die Nah-Gruppen, die ihm persönlich wichtig sind, der Rest ist ihm piepegal.

    Kurzum: Ich glaube nicht, dass Streetview einen negativen sozialen Effekt haben könnte, eher im Gegenteil.

    Die negativen Effekte liegen eher im Bereich des ordinären Missbrauchs. Nicht jeder schaut sich nur aus Spaß am Interesse an, wie jemand anders eigentlich so wohnt. Ich sehe keinen Grund, diese Gefahr zu hysterisieren, aber für epochal naiv halte ich den frommen Fortschrittsglauben, es würde schon nichts Schlimmes passieren, weil die Menschen moralisch auf dem aufsteigenden Ast wären.
    Und Google denkt natürlich über ganz andere Dinge nach als wir. Nämlich über Geschäftsmodelle und Integration von Werbung und weiteren Informationen. Die Bilder werden natürlich “gelabelt” und nicht alle Label müssen öffentlich einsehbar sein. Insofern sollte man eben nicht den Dritten in diesem Dreieck von Photoobjekt, Photograph und Betrachter vergessen – den Photographen namens Google, der behauptet, dies alles gehöre nun ihm und er könne damit machen, was er wolle.

  39. Nofate |  15.08.2010 | 09:28 | permalink  

    @Fritz
    Paradox ist an dem Effekt, dass in Großstädten und auf Flughäfen sich die Leute an den Blicken anderer nicht oder kaum stören, rein gar nichts.
    Der Druck in einem Raum, in dem einen niemand kennt und in dem per se Vielfalt herrscht, ist vergleichsweise gering gegenüber einem Raum, in dem ich den anderen in mehrfacher Hinsicht ausgeliefert bin, wenn ich abweiche. Das soziale Leben und der soziale Druck in einem Dorf ist erheblich größer und er entsteht aus weit mehr, als nur dem Beobachtetwerden.
    Es geht außerdem nicht um das Beobachten, sondern um das Beobachtetwerden und das erhöht mitnichten irgendein Bewusstsein.
    Mag sein, dass Beobachten den Horizont erweitert – dann müssten alle fleißigen Surfer einen sehr breiten Horizont haben, ist das so? – aber das ausgerechnet auf streetview beziehen zu wollen, mutet schon bizarr an.

    Streetview alleine muss man nicht überbewerten und die Gefahren zunächst nicht hysterieren, das ist richtig. Aber google ist nicht irgendwer und google hat viele weitere Projekte und Absichten. “Don’t be evil?”
    http://bit.ly/abL69w (besonders der letzte Absatz)

  40. Jette |  19.08.2010 | 10:24 | permalink  

    Danke für den Beitrag.
    Nur eins noch: flux wird flugs geschrieben….

  41. CARTA |  19.08.2010 | 14:17 | permalink  

    StreetView: Es gibt kein analoges Leben im Digitalen….

    Street View ist der Einschlag des digitalen Zeitalters direkt vor die Füße des analogen Menschen. Es symbolisiert das Ende dieses Rückzugsraums, denn Street View ist die greifbarste Verwandlung der analogen Realität in die digitale …

  42. VonFernSeher |  26.08.2010 | 18:52 | permalink  

    #19 trifft schon einige Punkte ganz gut.

    Es geht doch gar nicht darum, dass man sich nicht über Straßenzüge und Viertel im Allgemeinen informieren kann. Viel des Unmutes hat meines Erachtens mit der absichtlich erhöhten Kameraposition zu tun, die eben in Bereiche schielt, die nach (nicht nur deutscher) allgemeiner Auffassung privat sind.

    Viele Befürworter erzählen immer einen von Imnetzurlaubmachen und umweltfreundlichen Städtetouren, aber es ist doch so: Wenn eine natürliche Person sich einen derartigen Einblick in meinen Vorgarten verschaffen wollte, wie es Street View tut, müsste er sich in einer Weise meinem Grundstück nähern, die zurecht Aufsehen und Unbehagen erregen würde und gesellschaftlich als unangemessen gilt. Er müsste über meinen Zaun gucken, meine Hecke zur Seite ziehen, etc. pp.

    Was würde man wohl über einen Menschen denken, der sich so vor dem eigenen Haus verhält? Würde man sich nicht nach draußen begeben und ihn mal ganz freundlich fragen, was das soll? Und ist das tatsächlich die Hauptfreizeitbeschäftigung von denen, die vom Imnetzurlaubmachen schwadronieren?

    Ich bin kein fortschrittsfeindlicher Rentner mit Gartenzwergsammlung (ich habe keine Hecke, keine Mauer, keinen Vorgarten), aber wer wie ich die Fragen mit “Nichts gutes – Ja – Hoffentlich nicht, arme Kreaturen” beantwortet, sollte sich vielleicht nochmal Gedanken darüber machen, ob der persönliche Nutzen von Street View u.ä. tatsächlich nicht zu teuer erkauft ist. Panoramaansichten von den Dingen, die man sich im Urlaub wirklich anschauen möchte, finden sich jedenfalls auch woanders.

  43. Hallo, kann ich Ihnen weiterhelfen? Suchen Sie was bestimmtes? - VonFernSeher |  26.08.2010 | 19:14 | permalink  

    [...] Mein Kommentar zum Artikel “Google StreetView: Die Angst vor der Öffentlichmachung des öffentlichen Raums” und den Reaktionen auf Carta: [...]

  44. Alejandra Diaz |  28.08.2011 | 12:04 | permalink  

    Politik und Recht koennen sich gegen die Macht der beherrschenden Konzerne im Netz nicht durchsetzen. Frueher wurden oeffentliche Verkehrsmittel zu Gunsten der Autokonzerne abgeschafft, heute die Freiheit zu Gunsten der Netzkonzerne.

  45. Google Street View: Eine Zusammenfassung - GWB |  09.03.2013 | 12:48 | permalink  

    [...] ist eine nahezu panische Angst. Eines Tages wachen verstörte Rentner auf und finden ihr Haus im Internet abgebildet. [...]

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