Das Pantelouris-Experiment

Ein Reporter betritt Neuland. Er greift einen vermeintlichen Kriminalfall auf und macht daraus eine „Live-Reportage“ im Netz. Die Leser reagieren verhalten. Für den Netzjournalismus könnte das Experiment trotzdem ein Durchbruch sein.

Nur Menschen, die nichts unternehmen, machen keine Fehler. Das sollte man vorausschicken, wenn man ein Experiment bilanzieren will, das im Vorfeld auf viel Zuspruch und Kollegen-Neugier gestoßen ist, in der Nachschau aber eher den Blues auslöst. Denn die Leser der NEON-Community, für die das Experiment gedacht war, haben dem „New Journalism“ im Netz – vorerst – eine Absage erteilt. Warum?

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1. Es war ein mutiges Experiment – und eine Überforderung

Die „Live-Reportage“, die der freie Journalist Michalis Pantelouris zwischen dem 16. Juli und dem 4. August 2010 für die Website neon.de produzierte, war eine Pionierleistung. Ein wichtiges Experiment. Und ein riskanter Selbstversuch dazu – aber das ist bei Pionierleistungen ja die Regel.

Pantelouris hatte sich als Journalist einer neuen Situation ausgesetzt. Er wechselte den Auftraggeber. Nicht die Redaktion, nicht er selbst suchten das Thema aus (wie im Journalismus üblich), nein, eine Leserin, eine Betroffene wählte sich „ihren“ Reporter: Michalis Pantelouris reagierte mit seiner Live-Reportagen-Idee auf den verzweifelten Hilfeschrei einer Mutter, die gegen alle polizeilichen Ermittlungen an der Vorstellung festhält, dass ihre Tochter Susan im Sommer 2006 nicht aus Kummer Selbstmord begangen hat, sondern von ihrem Lebensgefährten absichtlich oder fahrlässig getötet wurde. Einem Menschen in Not – mit einem derart drängenden Anliegen – zu helfen, war der erste Impuls des Reporters (und dieses Motiv begründet bisweilen noch heute die Berufswahl Journalist – auch wenn manche Erfahrung dagegen spricht).

Der moralische Aspekt des Auftrags förderte zugleich die Absicht des Reporters, an diesem Beispiel die von ihm oft beklagte Kluft zwischen Journalisten und Lesern zu überbrücken. Denn für Pantelouris resultiert die Krise des Journalismus vor allem aus dem schwindenden Zutrauen der Menschen zur journalistischen (Dienst-)Leistung – sowie aus dem mangelnden Vertrauen in die Lauterkeit von Journalisten.

Gegen diese Glaubwürdigkeitskrise entwickelte er sein Konzept des gläsernen Journalisten. Um das verlorene Vertrauen der Leser zurückzugewinnen, so Pantelouris, müsse ein Journalist viel öfter die eigenen Skrupel und Schwächen „live“ thematisieren. Er müsse jederzeit bereit sein, im Prozess der Recherche Auskunft darüber zu geben, was er unternimmt oder unterlässt, warum er so und nicht anders verfährt, was er für verzichtbar oder für besonders verfolgenswert hält. Ein solcher ‚new journalist’ müsse sein Recherche-Material und seine Methoden offenlegen, damit die Leser seinen Erkenntnis- und Auswahlprozess nachvollziehen können.

Livereportage bei Neon: Diese unauflösbare Situation erklärt vielleicht die Wut mancher Kommentatoren. Denn die gewünschte Leser-Beteiligung war eine Illusion.

Dieser hohe Anspruch treibt Reporter und Leser natürlich in eine permanente (Selbst-)Reflexion und (Selbst-)Überforderung: Mache ich auch alles richtig? Bin ich auf der richtigen Spur? Habe ich auch nichts vergessen? Müsste dies oder jenes noch berücksichtigt werden? Kann ich als Leser zur Recherche etwas beitragen? Was würde ich noch wissen wollen? Was wurde verdrängt, was nachlässig behandelt? Wie könnten wir die Sache zu einem guten Ende bringen?

Diesen inneren Dialog, den jeder Reporter während seiner Arbeit durchläuft, stülpt Pantelouris nach außen. Er möchte den Leser am allmählichen Erkenntnis-Prozess beteiligen, und er möchte den Leser – den potentiellen Kritiker – vielleicht auch ein wenig besänftigen. Der Reporter zeigt, dass er keine gefühllose Wildsau ist, die im Leben anderer Menschen hemmungslos herumwühlt.

Vielleicht ist diese öffentliche Demutshaltung die Konsequenz aus dem grottenschlechten Image der Journalisten. Doch möglicherweise wird der Journalismus hier auch mit dem Bade ausgeschüttet. Denn manche Leser der Live-Reportage fragten den Reporter verdutzt: Warum soll ich mir deine Arbeit machen?

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2. Die Qualität war gut, die Naivität führte zu nichts

Viele Print-Journalisten beklagen gebetsmühlenartig, der Netzjournalismus lebe parasitär vom Gedruckten. Im Netz werde kommentiert, nicht recherchiert. Die kleine Minderheit moderner Journalisten, die keine Berührungsangst zum Netzjournalismus hat, fordert deshalb seit langem, den professionellen Aufwand im Netz deutlich zu erhöhen: Mehr Zeit für Recherche. Mehr Dialog. Mehr technisches Equipment. Bessere sprachliche Umsetzung. Bessere Dramaturgie. Sinnvollerer Einsatz von Multimedia. Und: Bessere Honorare. Dieser Wandel steckt noch in den Anfängen, denn der deutsche Journalismus und die deutschen Verlage erweisen sich als überraschend träge.

Pantelouris, ein exzellenter Schreiber, wollte über die herrschende Trägheit nicht länger klagen, sondern handeln. Bei seiner „Live-Reportage“ arbeitete er nicht nur mit Block und Bleistift, sondern auch mit Mikrophon und Kamera – allerdings so dezent, dass manches „Videointerview“ noch etwas laienhaft daherkam. Er probierte alles zum ersten Mal, und er war – auch das muss gesagt werden – bei seinem Experiment weitgehend auf sich allein gestellt. Dass er seine Schwierigkeiten mit der ungewohnten Aufgabe von Beginn an offenlegte, machte ihn und sein Experiment sympathisch. Er gab unumwunden zu: Ich koche auch nur mit Wasser. Ich bin nicht klüger als ihr. Helft mir, dann wird „unsere“ Geschichte vielleicht ein Erfolg.

Die klügsten Reportagen des Magazins New Yorker (überhaupt viele amerikanische Reportagen) sind aus diesem lernenden, naiven Blickwinkel geschrieben (andere würden wahrscheinlich sagen: aus dem Blickwinkel einer kultivierten, kalkulierten Schusseligkeit). Bei dieser Methode ist der Reporter am glaubwürdigsten, wenn er ebenso verzweifelt und linkisch nach einer Lösung sucht wie der Leser. Das klappt allerdings nur, wenn am Ende tatsächlich eine Lösung steht.

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3. Ein Nachdenk-Puzzle ist noch keine Fortsetzungsgeschichte

Pantelouris hat seine Reportage in 15 handliche Portionen aufgeteilt. Statt der zunächst angestrebten Tagebuch-Chronologie (auf „Tag 1“ folgte leider kein „Tag 2“ mehr) ordnete er den Fall nach Personen, Orten, Handlungen und Gegenständen. Auf die Einleitungsteile „Der Fall“ und „Die Reportage-Idee“ folgten „Die Mutter“, „Der Vater“, „Der Bruder“ und „Der Anwalt“. Dann kamen der „Kleinkram“, „Das Grab“, „Die Ermittlungen“, „Die Staatsanwaltschaft“ und „Die Tagebücher“. Und zum Schluss „Der Ex“, „Susan“ und die vorläufige „Bilanz“ des Experiments. So ist aus der Live-Reportage keine durchgehend erzählte Geschichte geworden, die den Leser von A nach B führt, vom Rätsel zur Lösung, sondern ein Bruch-Stück, bestehend aus 15 Puzzleteilen, die der Reporter gewissenhaft aneinander legt.

Der Leser erlebte „work in progress“. Weil das Ende der Geschichte aber nicht vorauszusehen war, hatte die Live-Reportage am Ende ein Dramaturgie-Problem. Denn die als Höhepunkt erwartete (und vom Reporter erhoffte) Konfrontation mit dem geheimnisvollen Lebensgefährten kam nicht zustande, der Beweis für seine Schuld wurde nicht erbracht, der Krimi hatte plötzlich keinen Mörder. Statt einer (Er-)Lösung gab es nur die unbefriedigende Bilanz, dass wir nach der Story so schlau sind wie zuvor.

Auch meine Erwartungshaltung als Leser – die sich doch gar nicht hätte aufbauen dürfen, weil der Reporter seinen möglichen Fehlschlag schon vorsorglich zum wahrscheinlichsten Ergebnis erklärt hatte – wurde frustriert. Der selbst gebauten Falle konnte Pantelouris nicht entkommen. Denn die an konventionell erzählte Geschichten gewöhnten Leser verzeihen die naive Haltung eines Reporters nur, wenn er am Ende eine überzeugende Lösung präsentiert. Sie wollen nicht, dass er vabanque spielt und am Ende möglicherweise mit leeren Händen dasteht. Diese Frustration untergrub ein wenig die Sympathie für das Wagnis.

Früher druckten Tageszeitungen, die ihre Leser (unter-)halten wollten, Fortsetzungsromane. Im Fernsehen übernahmen dann Vorabend-Serien diese Rolle. Sie waren nach dem guten alten Cliffhanger-Prinzip konstruiert: Wenn es richtig spannend wurde, hieß es „Fortsetzung folgt“. Durch diesen Kniff blieben die Leser dran.

Eine solche Unterhaltungs-Dramaturgie fehlte der Pantelouris-Geschichte. Und sie fehlte absichtlich. Denn dem Reporter ging es nicht (oder nicht primär) um die Unterhaltung oder die Sensation – es ging ihm um die Entschlüsselung eines rätselhaften Geschehens. Er wollte verstehen. Der Fall, nicht seine Präsentation, stand im Mittelpunkt seines Interesses. Jedes Puzzleteil, das Pantelouris der Geschichte hinzufügte, war geeignet, die Lesart der zuvor gelegten Teile wieder zu verändern. Insofern war das Mitdenken und Mitfühlen der Leser – auch das Überdenken vorschnell gefasster Meinungen – die eigentliche Herausforderung dieser Reportage. Sie verlangte von den Netzlesern eine gewaltige Verhaltensänderung. Sie sollten plötzlich voreilige Schlüsse vermeiden. Sie sollten warten! Das widersprach dem typischen Netzverhalten, und es widersprach auch dem von Pantelouris angekündigten Beteiligungsprinzip.

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4. Nicht jedes Thema eignet sich für Netz-Communities

Als die ersten Kommentare bei neon.de eingingen, fragte ich mich, warum manche Leser so giftig auf das Experiment reagierten. Warum konnten sie sich ihre zynischen und hämischen Bemerkungen nicht einmal bei diesem tragischen und ganz und gar unsensationell dargestellten Thema verkneifen? Gleichzeitig stellte ich fest, dass die heftigsten Kritiker an der Reportage klebten wie die Kletten.

Ich vermute, der hohe emotionale Frust der aktiven Community hatte seine Ursache darin, dass das Schicksal von Susan Waade absolut ungeeignet war für das normale unangestrengte Mit-Machen und Mit-Reden im Netz. Ein privates Schicksal, fast gänzlich umstellt von der eigenen Familie, durchzogen von rechtlichen Auseinandersetzungen, musste abschrecken. Was sollte man dazu sagen? Welche Vorschläge hätte man dem Reporter machen können? Wie hätte man die Experten oder die Familie kritisieren sollen (zumal die angekündigten „Dokumente“ nicht ins Netz gestellt wurden, und weder Namen noch wörtliche Zitate von Experten auftauchten)? Wo in dieser intimen Geschichte hätte man einhaken können?

Die Leserschaft von Neon, die sicher nicht aus Rechtsanwälten, Gerichtsmedizinern und Botschaftsangehörigen besteht, fand sich vor dieser emotional aufgeladenen Geschichte wie der berühmte Ochs vorm Berg roten Tuch. Es war so verdammt schwer, etwas Sinnvolles beizusteuern; es war so unerträglich unmöglich, dass sich selbst die intelligentesten Kritiker in Foren-Trolle verwandelten.

Am problematischsten aber war, dass die mit viel Empathie geschriebene Reportage eine widersprüchliche „doppelte Botschaft“ an die Leser sandte (Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von „double bind“). Die Botschaft lautete: 1. Ihr könnt rein gar nichts zur Aufklärung dieser wahnsinnig komplizierten, im Ausland spielenden, vier Jahre zurück liegenden, sehr intimen, heiklen Familiengeschichte beitragen! Und 2. Ihr könnt mit eurer Beteiligung und eurem Interesse ganz, ganz viel zum Gelingen der Reportage beitragen!

Diese unauflösbare Situation erklärt vielleicht die Wut mancher Kommentatoren. Denn die gewünschte Leser-Beteiligung war eine Illusion. Nicht, weil die Neon-Redaktion oder Michalis Pantelouris die Beteiligung verhindert hätten, nein – das Thema war für eine normale User-Beteiligung viel zu heikel.

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5. Handeln im privaten Auftrag bedeutet: zu viel Rücksichtnahme

Erschwert wurde das Projekt auch durch den moralischen Impuls. Nicht umsonst wird in Journalistenkreisen gern der Satz des Fernsehjournalisten Hans-Joachim Friedrichs zitiert: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.“ Die journalistische Selbstbegrenzung, die aus der Rücksichtnahme auf die Familie Waade erwuchs, behinderte eine „robustere“ Recherche. Über weite Strecken konnte Pantelouris über den Fall und die beteiligten Personen „nur“ räsonieren. Er überlegte, was am fraglichen Abend vorgefallen sein könnte, was in den Personen vorgegangen sein mag, wie sich ihr Verhalten erklären ließe. Der kühle Bericht, die ergebnis-orientierte Konfrontation kamen dabei etwas zu kurz, die notwendige Erforschung der Familienverhältnisse blieb aus Taktgründen weitgehend ausgespart. Da weder Bekannte noch Experten namentlich auftauchten – sie scheuten offenbar davor zurück, im Internet „auszusagen“ und vermieden das verminte Gelände, wo Anwälte schnell zur Stelle sind – drehte sich die Geschichte irgendwann im Kreis.

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6. Der Netz-Journalismus braucht mehr Experimente

Mit seiner ersten Live-Reportage hat Michalis Pantelouris eine Bresche in den Netzjournalismus geschlagen. Er hat andere ermutigt, ebenfalls neue Darstellungsformen auszuprobieren. Er hat scharfe, teils unflätige Kritik an seinem Experiment ertragen und nie arrogant abgebürstet. Seine Absicht, ein tragisches Geschehen aufzuklären oder doch zumindest zu verstehen, war aller journalistischen Ehren wert. Die Prügel, die er bezog, bleiben anderen vielleicht erspart. Aber so ist das mit den Pionieren. Ohne ihre Versuche lebten wir noch in der journalistischen Steinzeit.