Spiegels “Null Blog”-Generation: Kein Grund zur Sorge, sie hören immer noch Musik

Die "Generation Null Blog" ist gar nicht so souverän und erfahren im Umgang mit dem Internet. Aber entschuldigt ihre fehlende Medienkompetenz auch die ihrer Eltern und Lehrer? Eine Replik auf Manfred Dworschak.

Es gibt Wichtigeres im Leben der Jugendlichen als das Internet, „aber wenn es darauf ankommt, können sie noch nicht einmal richtig googeln“. Das ist im Grunde die Kurzform und Quintessenz eines Artikels von Manfred Dworschak im aktuellen Spiegel (Ausgabe 31/2010) zur Frage der Internetkompetenz der heutigen Jugend. So treffend seine Beschreibung der Verhältnisse auch ist, so weltfremd wirken die Schlussfolgerungen, die sein Text nahe legt.

Tatsächlich ist unbestritten, dass die erste mit dem Internet groß werdende Generation von Jugendlichen dieses Medium nur oberflächlich kennt und es sehr selektiv nutzt: Im Vordergrund steht der persönliche Dialog (in Chatrooms, über Skype und in Social Networks), daneben tritt die Unterhaltung in Form von Videos (YouTube in erster Linie) und natürlich Spielen.

Was würde man von 12 bis 17-jährigen auch anderes erwarten? Beim Spiegel lag die Messlatte aber offensichtlich sehr viel höher, denn die Feststellung des Ausbleibens einer „Revolution der Lebensweise“ und das Erstaunen darüber, dass Jugendliche immer noch die Zeit finden, sehr viel Sport zu treiben, wirkt angesichts der betrachteten Altersgruppe doch etwas seltsam. Hatte man ernsthaft erwartet, das Internet würde aus Kindern und Jugendlichen politische Aktivisten machen, die digital-kollaborativ und am besten noch länderübergreifend eine neue Form von Demokratie erfinden und einführen würden?

Natürlich nicht. Eher schon scheint der Text den Eltern und Großeltern dieser Jugend eine Beruhigungspille sein zu wollen: Seht her, Eure Kinder und Enkel können gar nicht richtig googeln und wissen auch nicht, woher das Internet kommt. Also macht es nichts aus, wenn ihr darüber ebenfalls nicht Bescheid wisst und es auch nicht besser könnt.

Diese (unterstellte) Aussage impliziert allerdings einen Irrtum in gleich mehrfacher Hinsicht: Erstens zu glauben, dass es nichts ausmacht, wenn unsere Jugend wenig Internetkompetenz besitzt, zweitens dass auch die fehlende Kompetenz seitens der Elterngeneration keine Rolle spielt und drittens, und das ist der gefährlichste Trugschluss, dass die scheinbar so geringe Internetkompetenz generell keine Auswirkungen haben wird: Die Revolution bleibt aus.

Die Revolution bleibt aber nicht aus. Sie ist in Teilen heute schon wirksam und wird ihre volle, politische Wirkung dann entfalten, wenn aus den Jugendlichen von heute Erwachsene geworden sind, die mitten im Leben stehen und immer noch so hochgradig vernetzt sind, wie sie es heute schon Tag für Tag praktizieren. Dann nämlich, wenn es nicht mehr um Hausaufgaben, coole Songs oder den nächsten Treffpunkt zum „Abhängen“ geht, sondern um Studiengebühren, Kindergartenplätze oder Steuertarife.

Der Spiegel-Artikel und die in ihm zitierten Experten unterschätzen also die Entwicklung, vermutlich weil man hier einem Trugschluss erliegt: Man urteilt über Medienkompetenz anhand der Harmlosigkeit und Oberflächlichkeit medialer Inhalte im Netz, mit denen sich Kinder und Jugendliche befassen, oder die sie selbst hochladen (etwa wackelige Videos vom Besuch am Badesee) und übersieht dabei die technische Kompetenz im Umgang mit den entsprechenden Plattformen und Geräten.

Wer als Jugendlicher auf YouTube nur belanglose Videos anschaut, muss diese Plattform als Erwachsener nicht zwangsläufig in gleicher Weise nutzen: Er wird wissen, dass darüber auch politisch brisantes Material verbreitet werden kann und wie man man dazu auf einem Social Network wie Facebook in kurzer Zeit möglichst viele Menschen aufmerksam macht. Genau das aber verstehen die Bildungsforscher nicht, weil sie diese Medien immer nur von außen betrachten und ihre Relevanz anhand der (heute) vorgefundenen Inhalte einschätzen.

Ebenso unterschätzen sie systematisch die digitalen Netzwerkeffekte, weil diese oft nur in sehr begrenzter Form (oder gar nicht) sichtbar werden. Tatsächlich aber bewegen sich Kinder und Jugendliche in eher engen, persönlichen Beziehungen und noch nicht in Strukturen weitläufigerer Art, wie sie erst für Erwachsene charakteristisch werden. Es ist, als beobachtete man den Vogel im Käfig und käme zum Schluss, er könne gar nicht fliegen.

Es kann demnach auch nicht wirklich überraschen, dass sich Jugendliche kaum für Blogs oder Twitter interessieren. Denn diese beiden Medien-Gattungen richten sich in erster Linie an Menschen, die nicht nur im engeren Bekanntenkreis kommunizieren wollen, sondern sich gerne und bewusst an ein weitläufiges, disperses Publikum wenden.

Insgesamt muss hier also stärker differenziert werden: Jugendlichen oder auch jungen Erwachsenen fehlt es klar an Kompetenz im Umgang mit Inhalten aus dem Netz, während sie mit der zugehörigen Infrastruktur (Hardware) vermutlich weit besser zurecht kommen als ihre Eltern. Zudem ist ihr Verständnis für Reichweiten, dem Alter entsprechend, anders ausgeprägt als bei Erwachsenen.

Seltsamerweise sieht der Spiegel-Text an den Stellen, wo er den Jugendlichen die Internet-Kompetenz korrekt zuschreibt, etwa beim Konsum von Musik oder Filmen, den epochalen Wandel gerade nicht. Dass die Musik nicht mehr aus dem Radio (und von einem Rundfunksender) kommt, sondern über das Internet (und dort von einer Musik- oder Videoplattform), wird eher beiläufig festgestellt: Kein Grund zur Sorge, sie hören immer noch Musik! Rundfunkanstalten, Fernsehsender sowie Musik- und Filmindustrie sehen das allerdings nicht so gelassen, wirft die Jugend von heute damit doch deren jahrzehntealte Geschäftsmodelle einfach mal so über den Haufen.

Überdies entlarven sich hier die Bildungsforscher wie Rolf Schulmeister in ihrer Kompetenz für neue Medien. Er lässt sich sich mit den Worten zitieren: „…sie wissen, wo sie sich Musik und Filme besorgen können. Aber wirklich gut darin ist auch nur eine Minderheit.“ Wen will er damit beruhigen?

Der Text von Manfred Dworschak erreicht damit eine sehr seltsame Logik: Den Jugendlichen fehlt es an Kompetenz im Netz und obwohl sie es lange und intensiv nutzen, hat sich praktisch kaum etwas geändert. Das mag vielleicht für den Bereich der Schulbücher zutreffen. Auch Internet-Manifeste werden noch überwiegend von den Digital Immigrants geschrieben (einer kleinen Minderheit unverbesserlicher Optimisten?).

Ansonsten aber müsste man schon ziemlich blind sein um nicht zu sehen, dass das Internet einen grundlegenden und unumkehrbaren Wandel ausgelöst hat, der bei Weitem nicht nur von der Jugend mehr „Literacy“ in Bezug auf digitale Inhalte fordert.

Genau das sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen oder gar noch damit kokettieren: Deutschland steht im globalen Wettbewerb Ländern gegenüber, die diese Themen sehr viel ernster nehmen und deutlich weiter sind. Oder um es mit den Worten des Lern- und Wissens-Forschers Martin Lindner zu sagen:

„Der gegenwärtige Stand des Bildungssystems und der Netzgesellschaft in Deutschland ist ein Desaster. Die Prognosen für unsere wirtschaftliche und kulturelle Vitalität und Zukunftsfähigkeit sind sehr, sehr schlecht, weil die Welt sich rasend schnell verändert. Die Diskussion wirkt immer so gemütlich, als lebten wir noch in der 1970er-Welt, in der es nur darum geht, geschmäcklerisch zu überlegen, welche subtilen didaktischen Mittel die kompetenten Lehrer einsetzen müssen, um ihren Schülern das Denken beizubringen. Die Lage ist aber sehr viel ernster. Es ist keine Luxusfrage, sondern schlicht Grundausbildung für die ‚Flat World‘, die man den Schülern schuldig bleibt – und sich selbst auch, weil man keine Ahnung hat.“

Der schön gewählte Titel des Spiegel-Textes, „Null Blog“, trifft so gesehen in seinem Kern gar nicht die heutige Schüler-Generation, sondern fällt auf deren Eltern, Lehrer und die Politik zurück: Denn diese Generation ist es, die keinen Bock auf eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Internet hat und die nicht sehen will, dass Deutschland in diesem so wichtigen Zukunftsbereich kaum ein Bein auf den Boden bekommt (außer vielleicht in Fragen der Regulierung des Netzes).

Es ist auch viel bequemer, über Google zu schimpfen, als darüber zu debattieren, warum es bei uns keine vergleichbaren Unternehmen gibt und wie sich das auf die Zukunft des Standorts Deutschland noch auswirken wird. Null Bock auf das Internet hat schließlich auch unsere Presse, für die der Artikel von Manfred Dworschak wie Balsam auf die geschundene Seele sein muss, weil er der Illusion Auftrieb geben mag, dass eine Generation von Jugendlichen, die nicht richtig googeln kann, am Ende wohl wieder zur guten alten Zeitung greifen wird.

Update: Link zum Kommentar von Martin Lindner und auf den Spiegel-Artikel ergänzt.