Die Öffentlichkeit des Internets: Gefährlicher als Kernenergie?

Mathias Greffrath findet in der taz, dass die neuen Öffentlichkeiten des Internets die Gesellschaft wie ein Urknall zersplittern, eine "gemeinsame Erfahrungswelt" und "Zwangskultivierung" jedoch das eigentlich Erstrebenswerte sei. Vom merkwürdigen Verständnis der "bürgerlichen Öffentlichkeit".

Bei Mathias Greffrath (Jahrgang ’45, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac) kann man heute in der taz noch einmal nachlesen, wieso ein strukturkonservativer Teil der Linken ein so großes Problem mit dem Internet hat: Sie wünscht sich ihre alte Öffentlichkeit zurück.

Das alte Mediensystem, in dem es nur wenige (TV-)Sender gegeben habe, sei nämlich, so Greffrath, „demokratietheoretisch ein Segen“ gewesen:

Da alle dasselbe hörten, wenn sie am Radioknopf drehten, synchronisierten sie sich ihre Erfahrungswelten. Jeder, der sich zuschaltete, nahm, ob er wollte oder nicht, an der pluralen Kultur dieses Landes teil: Bertolt Brecht und Willy Millowitsch, Heinz Erhardt und Hans Magnus Enzensberger, die „Welt der Arbeit“ und der Operettenzauber. Die Nachrichten waren für alle dieselben, und in den ersten Fernsehjahren konnte man noch Hamlet zur Primetime im Ersten sehen.

Wenn also alle – ob sie wollen oder nicht – dasselbe schauen müssen, dann ist das laut Greffrath gut für die Demokratie. Wo Helmut Schmidt das Privatfernsehen schon für „gefährlicher als Kernenergie“ hielt, hat sich nach Greffrath durch das Internet alles noch weiter verschlimmert:

Seit wir die mediale Vielfalt haben, sind die Erfahrungswelten getrennter – und einfältiger – geworden. […] Bedenklicher noch als der „Kulturverfall“ ist die Zersplitterung der Diskurse in einer Gesellschaft

Greffrath möchte also am liebsten zurück zur 68er Öffentlichkeit von Bild, FAZ und – später – taz.

Das Ideal der „bürgerlichen Öffentlichkeit“ entlarvt sich in Greffraths Kolumnen-Traktat grandios selbst als Sprechmechanismus für bürgerliche Eliten. „Gute Öffentlichkeit“ herrscht demnach vor, wenn wohlgeordnete Institutionen dafür sorgen, dass wenige Köpfe und Leitmedien den Diskurs bestimmen. Der Diskurs soll damit gerade nicht offen für jeden, jedes Argument und jedes Ergebnis sein, sodern hierarchisch, hermetisch, vorhersehbar.

Auf diese Weise soll „die Fähigkeit zu intelligentem Streit und Konsens“ hergestellt werden. Bürgerliche Öffentlichkeit besteht demnach folglich auf einer Diskursökonomie der Verknappung und der elitär festgelegten Regeln.

Von Greffrath wird eine Öffentlichkeit herbeigesehnt, die von Großjournalisten und anderen Philosophenkönigen dominiert wird. Eine Sprechakthygiene für den öffentlichen Raum zugunsten eines medialen Adels. Ein von paternalistischen Institutionen durchsetztes Diskurshegemoniesystem.

Die Souveränität des Publikums bei der Auswahl seiner Inhalte sowie ein zu großer Wettbewerb der Inhalte wird als öffentlichkeits- und diskurszersetzend wahrgenommen.

Die merkwürdige neue Debatte um Parteiendemokratie vs. Volksabstimmung findet hier ihr mediales Spiegelbild: Greffrath fordert strukturierende, einschränkende Institutionen statt breit gestreuter, nichthierarchischer Öffentlichkeiten. Sei es bei Volksabstimmungen oder im medialen Raum – dem souveränen Subjek wird erheblich misstraut.

Statt sich zu überlegen, wie linksliberale Positionen in einer neuen Öffentlichkeit Legitimität erwerben können, fordert Greffrath die alte Öffentlichkeit zurück, in der sich seine Positionen in einem sicheren Kokon („Gefäß des gemeinsamen Denkens“) durch die Aufmerksamkeitsökonomie bewegen.

Derartige Positionen sind antiaufklärerisch, antimodernistisch und antidemokratisch. Yochai Benkler ist in „The Wealth of Networks“ längst weiter, indem er erklärt, dass das Internet mit seiner dezentralen Publizität das viel bessere Medium für den politischen Diskurs ist – und hier letztlich neue, sehr wertvolle Institutionen entstehen.

So, jetzt bin ich aber mal auf die Diskussion gespannt: