Warum so ein Wind um die „Tagesschau-App“?

Morgen wird die NDR-Rundfunkratsvorsitzende verkünden, dass die Tagesschau-App ohne gesonderte Prüfung eingeführt werden kann. Hans-Joachim Otto, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, erklärt, dass es hier nicht um eine "kleine App", sondern ums Prinzip geht. Eine Tagesschau-App auf dem iPad sei fast schon eine elektronische Zeitung.

Eine kostenlose Anwendung für kostenlose aktuelle Nachrichten auf Smartphones – das klingt zunächst einmal ganz prima – und vor allem unverdächtig. Wenn dann noch ein seriöser Anbieter dahinter steht, der für die Qualität der Nachrichten bürgt, dann müsste man sich doch eigentlich freuen können. Warum dann also so ein publizistischer Wind um die „Tagesschau-App“?

Verlage appellieren an die Politik, Print- und Mediendiensteanbieter sehen den Wettbewerb verzerrt, und auch einige Politiker – nicht zuletzt der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien – ermahnen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur Mäßigung. Wiederum andere interessierte Beobachter kritisieren die Kritiker – „viel Lärm um nichts“, heißt es. Lasst doch der ARD ihre kleine „App“.

Nun, so einfach und „klein“, wie es auf den ersten Blick scheint, ist es dann leider doch nicht. Denn was so unbedenklich erscheint, könnte Geschäftsmodelle bedrohen. Der Wind bläst also nicht ganz unberechtigt.

Denn hinter der Anwendung, um die es hier geht, steht eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, die sich über Rundfunk- (also Zwangs-) gebühren finanziert. Eine kostenlose „App“ eines solchen Anbieters ist damit also letztlich von den gebührenzahlenden Bürgern finanziert – mitnichten also „kostenlos“. Sie tritt damit in Konkurrenz zu Angeboten privater Medienanbieter, die sich ausschließlich durch den Verkauf ihrer Produkte und Werbeeinnahmen finanzieren müssen. Nur: Wer zahlt schon für etwas, wenn er es auch – scheinbar – unentgeltlich bekommt?

Kurzum: öffentlich-rechtlich finanzierte und für den Nutzer kostenlose Applikationen führen zu Wettbewerbsverzerrungen gegenüber privaten Anbietern. Und sie können dadurch die deutsche Medienlandschaft, vor allem aber die für unsere Demokratie unverzichtbare Medienvielfalt, insgesamt beeinträchtigen. Es geht hier – und auch vielen der oben genannten Kritiker – nicht um diese „kleine App“ an sich, sondern ums Prinzip.

Man stelle sich einmal vor, ein öffentlich-rechtliches Rundfunkunternehmen hätte vor 20 Jahren angefangen, eine „kostenlose“ qualitativ hochwertige Tageszeitung anzubieten. Ob wir dann noch über einen so vielfältigen Zeitungsmarkt wie heute verfügen würden, darf man sicherlich bezweifeln. Denn Zeitungs- und Zeitschriftenverlage verdienten zumindest früher ihr Geld ausschließlich mit dem Verkauf ihrer Druckerzeugnisse und mit Werbung – und wenn es eine kostenlose Zeitung gegeben hätte, wären viele kostenpflichtige Zeitungen schlicht in den Regalen liegen geblieben. Das hätte das Aus für nicht wenige Anbieter bedeutet.

Für die Tagesschau-App gilt, übertragen auf die heutige Zeit, fast das gleiche. Denn im Zeitalter des Internet mit der jederzeitigen Verfügbarkeit hochaktueller Informationen hat sich das Verhalten der Medienkonsumenten erheblich verändert.

Wir befinden uns in einem massiven Umbruch – zunehmend weg von Druckerzeugnissen und hin zu elektronisch verfügbaren und vor allem gegenüber Printmedien viel aktuelleren Informationsdiensten.

Dieser Umbruch erfordert auch von den Medienunternehmen neue Geschäftsmodelle, damit sie sich am Markt behaupten können. Während vor ein paar Jahren die Online-Angebote von Verlegern eher – wenn überhaupt – ein Nebengeschäft waren, entwickelt sich das elektronische Angebot immer stärker in Richtung Hauptgeschäft. Die Verfügbarkeit dieser Angebote nicht nur zu Hause am PC, sondern überall auf mobilen Geräten, verstärkt diese Entwicklung.

Wenn zu den Smartphones nun auch noch elektronische Pads wie etwa das „iPad“ oder das „WePad“ kommen, wird sich dieser Trend und damit der Umbruch auf dem Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt weiter beschleunigen.

Die Medienunternehmen haben die Zeichen der Zeit längst erkannt und stellen sich auf die neuen Rahmenbedingungen ein. Sie bieten ihre Dienste immer häufiger auch gegen Entgelt an, und das zunehmend mit Erfolg. Nur über diese neuen Geschäftsfelder werden sie sich weiterhin erfolgreich am Markt behaupten können.

Dass diese Geschäftsmodelle zukunftsträchtig sind, belegt auch eine aktuelle Studie, die der Branchenverband BITKOM im Frühjahr 2010 veröffentlicht hat. Danach sind immer mehr Internetnutzer bereit, für kulturelle Inhalte im Internet Geld zu zahlen. Insbesondere für Qualitätsjournalismus würden fast 40 Prozent der Online-Nutzer Geld ausgeben, wenn hochwertige Artikel nicht mehr gratis verfügbar wären.

Web-Inhalte, das zeigt diese Studie und das zeigen auch die zunehmenden entgeltlichen Angebote im Netz, dürfen also durchaus etwas kosten. Es gibt hierfür einen Markt, der gerade erst entsteht.

Ein Markt, der zu neuen innovativen Inhalten und neuen Geschäftsmodellen führt; ein Markt, der Arbeitsplätze sichert und schafft und der für den Erhalt der erforderlichen Medienpluralität unabdingbar ist; aber er befindet sich noch in den Kinderschuhen und darf deshalb nicht unnötig gestört werden. Marktverzerrungen müssen deshalb vermieden werden. Und genau eine solche Marktverzerrung bewirken vermeintlich kostenlose Angebote gebührenfinanzierter öffentlich-rechtlicher Anstalten. Deshalb ist der Wind um die Tagesschau-App mehr als verständlich – und gerechtfertigt.

Niemand will dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Verbreitung ihrer Rundfunkangebote über das Internet verbieten. Doch der Blick auf eine freiheitliche und qualitativ wie quantitativ vielfältige Medienlandschaft einerseits und einen auftragsgemäßen und zurückhaltenden Umgang mit unseren Gebührenmilliarden andererseits gebietet, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihren Kernauftrag erfüllen: hochwertige Rundfunkprogramme anzubieten; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Hans-Joachim Otto ist Bundestagsabgeordneter, Vorsitzender der FDP-Kommission für Internet und Medien und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie.

Dieser Text erschien zuerst in der in der Zeitschrift „Print“ des LOBBYVERBANDS Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ).