Das Internet als tote Unterhose

Zwei vernichtende Urteile ‚schockten’ in der vergangenen Woche die User: Das Internet ist out (Prince). Und: Das Internet ist eine Unterhosen-Vorzeige-Einrichtung für Verlierer (Horx). Die wahre Avantgarde sei längst offline.

Es ist Sommer. Es ist sehr heiß. Die Menschen sind im Freibad, am Meer, in der Eisdiele, im Freien. In den Zeitungen steht der ranzige Stehsatz von gestern, beim kleinen Finale spielen die Reservisten von der Ersatzbank, und selbst Carta versucht, die verfrühten Hundstage mit allerlei Crossposts zu überstehen.

Jetzt braucht das virtuelle Sommerloch seine Debatte! Und weil das Netz – wie wir aus dem Feuilleton wissen – am liebsten über sich selbst diskutiert (und nicht etwa über die Frage, ob Roland Koch in der CDU noch gebraucht wird), muss bei knapp 40 Grad im Schatten eine steile These her.

Sommerloch: Wenn du auffallen musst, dann behaupte jetzt irgendeinen bullshit, der das nötige Echo auslöst. (Foto: Kalense Kid, cc by-nc-sa)

Da trifft es sich gut, dass es Trendforscher gibt. Deren Faustregel lautet: Wenn du auffallen musst, weil du ein neues Buch oder ein neues Album auf den Markt werfen willst – dann behaupte irgendeinen bullshit, der das nötige Echo auslöst.

Und so behauptete der Sänger Prince, 52, in der Boulevardzeitung Daily Mirror (die ihrer heutigen Ausgabe die neue Prince-CD beilegt): „The internet’s completely over.“ Das Internet sei so tot wie MTV, und zwar vor allem deshalb, weil ein Musiker wie Prince über iTunes oder YouTube nur die berüchtigten lousy pennies erlösen könne.

Dem Sänger zur Seite sprang der Trendforscher Matthias Horx, 55. Soziale Netzwerke wie Facebook, sagte er, seien „heute schon weit über ihren Hype hinaus“. In den USA könne man „massive Ausstiegswellen“ beobachten. Den Hauptgrund für den neuen „Offline-Trend“ sieht Horx in der „benutzerunfreundlichen Beschaffenheit des Internets“. Es sei „ein großer Irrtum, dass das Internet wahnsinnig schnell ist. In Wirklichkeit ist das Internet wahnsinnig langsam“. Und die Computer (pflichtet der kleine Prince bei) füllen dein Gehirn bloß mit Zahlen, „and that can’t be good for you.“

Flinke, kluge & trendige Menschen gehen deshalb laut Horx „bewusst weg vom Internet und verweigern es.“ Denn – Achtung, jetzt kommt die brutalstmögliche Vertreibungs-Keule!! – „nur soziale Verlierer verbleiben im Sozialen Netzwerk – diejenigen, die nichts Wichtigeres zu tun haben, als sich ständig gegenseitig die Unterhosen zu zeigen.“

Über Horx’ Unterhosenprovokation könnte man einfach nur lachen. Vor zehn Jahren gab es einen ähnlichen Feinripp-Angriff gegen das Handy – pardon – gegen das mobile phone. Wer sich als ständig erreichbar oute, hieß es, gehöre definitiv nicht zu den Wichtigen im Lande. Der sei nichts weiter als ein dienstbarer Knecht. Das hat der Durchsetzung des Handys nicht geschadet. Smartphones sind – wie gesagt – smart.

Trotzdem reagieren viele im Netz auf das neue Internet-Bashing leicht verunsichert. Die Stimmung hat sich etwas gedreht. Die überschäumende Hoffnung, schnell eine ernstzunehmende Medien-, Kommunikations- und Partizipationsalternative im Netz aufbauen zu können, hat sich (vorerst) verflüchtigt, gegenseitige Verlinkung und kommunitärer Austausch gehen zurück oder stagnieren. Der Dialog mit dem Nutzer beschränkt sich vielerorts auf einen harten Kern von Kommentatoren. Bei manchen „digital natives“ sind Desillusionierung und Erschöpfung an die Stelle von Begeisterung und Engagement getreten. Und so könnte die These „Das Internet ist out“ durchaus das Sommerloch füllen. Denn wenn in der kommenden Woche das Tagebuch des angesehenen SZ-Reporters Alex Rühle erscheint – Titel: „Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline“ – wird es hymnische Besprechungen in Analog-Medien hageln (die möglicherweise übersehen, dass Rühles ausgewogenes Für und Wider mit dem klaren Ergebnis endet, dass es ohne Netz nicht mehr geht).

Doch das Internet könnte tatsächlich aus der Mode kommen. Und das wäre ein echter Fortschritt. Denn wie so oft bei der Integration technischer Neuerungen ist das Aus-der-Mode-kommen ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Innovation im Alltag angekommen ist. Und darüber müssen ein paar Trendsetter halt die Nase rümpfen.

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P.S. Als man Orakel-Paul die Wahl zwischen Muschelfleisch in einem Offline- und in einem Online-Behälter ließ, soll sich der Krake sofort über den Online-Behälter hergemacht haben. Kein Wunder, dass uns BILD diese wichtige Information wieder einmal verschweigt.