Unknown Destination? Die Netzpiloten als Langstreckenflieger unterwegs

Die Netzpiloten sind schon mehr als 10 Jahre online und damit ein Stück deutscher digitaler Mediengeschichte. Mit ihrem aktuellen Relaunch rüsten sie sich für die nächste Zeit. Was kann man von ihnen lernen?

Mit dem iPad könne er „absolut nichts anfangen“, meint Jörg Wittkewitz, der seit einigen Monaten bei den Netzpiloten die Redaktionsleitung führt. Damit stellt er sich zwar quer zum Mainstream der Medien, aber irgendwie passt seine Meinung zu den Netzpiloten, die schon vieles haben kommen und gehen sehen.

Als Aktiengesellschaft im Jahr 1998 gegründet und online seit 1999, kam das junge Online-Medium gerade recht zum Höhenrausch der New Economy. Das von Wolfgang Macht und Matthias Dentler gegründete Medien-Startup ging ab wie eine Rakete: Es gab Geld von Investoren, reichlich Mitarbeiter und natürlich Büros im Ausland. Der Absturz ließ nicht lange auf sich warten. Mit dem jähen Ende des Dotcom-Booms 2001 kamen auch die Netzpiloten ins Trudeln, konnten sich jedoch in der Luft halten.

Die beiden Gründer hatten nämlich Weitsicht bewiesen, weil sie neben der Medienmarke auch auf das weitaus unauffälligere Geschäft mit Online-Gewinnspielen gesetzt hatten. Damit kamen sie über die schwierigen Folgejahre und konnten auch die Netzpiloten, wenn auch auf kleiner Flamme, als Online-Medium weiter führen.

Dann kam das Web 2.0 und mit ihm ab 2006 die Blogpiloten, als eine Art Ableger (in Blogform natürlich), der sich schnell einen guten Namen machen konnte und der in den deutschen Blogcharts über lange Zeit weit oben stand. Seit diesem Jahr allerdings sind die Blogpiloten Geschichte, weil vollständig in die Netzpiloten integriert.

„Blogs haben heute nicht mehr die Sonderstellung innerhalb des Netzes, die sie zu Beginn hatten – sie sind heute im Mainstream angekommen“, erklärt Peter Bihr, Projektleiter der Netzpiloten, diesen Schritt: „Die Trennung in Blogs/Web 2.0 einerseits und „das Netz“ andererseits ist somit nicht mehr sinnvoll. Mit der Um- und Rückbenennung in Netzpiloten tragen wir dem Rechnung und kehren so gleichzeitig zu unseren Wurzeln zurück. Wir wollen wieder Orientierung im gesamten Netz geben, Trends beleuchten und Perlen vorstellen.“

Ein konsequenter Schritt also, der auch eine Erweiterung des Themenspektrums um den Bereich „Lifestyle“ einschließt. Wo das Netz selbst alltäglicher wird, wollen die Netzpiloten das reflektieren. Allerdings kann auch ihr sanfter Relaunch vom Frühjahr diesen Jahres nicht verbergen, dass sie, ihrer lange währenden Fliegerei zum Trotz, ein richtiges Geschäftsmodell nie gefunden haben.

Vielleicht aber wird man den Netzpiloten damit nicht gerecht. Denn sie sind im Grunde genommen ihrer Zeit schon wieder ein Stück voraus. Aktuell möchten sie die starre Trennung von professioneller Redaktion einerseits und passiven Lesern andererseits überwinden, in dem letztere zum Mitschreiben (gegen Honorar) eingeladen werden.

Das ist ohne Zweifel ein Wagnis und viel ist davon auch noch nicht zu sehen. Jörg Wittkewitz glaubt dennoch an diesen Weg: „Wir trennen uns gerade von der Idee, dass Konsumenten zu Produzenten werden und versuchen uns denen zu öffnen, die gern selber mitschreiben wollen. Die Gesetze der Produktion, also der Versuch professionell daher zu kommen, können dabei manchmal hindern, manchmal stören. Denn all diese Diskussionen um Blogs versus Massenmedien bedenken nicht die Geschwindigkeit, in der heute das Wissen durch das Netz rauscht. Wir können Teile davon aus dem Fluß fischen, aber wir möchten auch selber Steine und Stöckchen hineinschmeißen. Kommentare ergänzen Artikel. Der Prosumer ist doch allzuoft ein Versuch, billiger zu produzieren. Da wir feste Honorare pro Artikel zahlen, ist diese willkürliche Ebene bei uns ausgeschaltet. Allerdings bleibt der Filter der Redaktion, die Texte zurückweist oder um Überarbeitung bittet.“

Die Netzpiloten versuchen damit eine Symbiose von klassischer Medienarbeit und den Idealen des Social Web, wo der User selbst Inhalte liefert, den User Generated Content. Damit stellen sie sich ein Stück weit gegen den Zeitgeist, der aktuell mit seiner Orientierung hin zu Applikationen (auf dem iPad) und Paid Content eher einen Salto rückwärts schlägt, so als ob das letzte Jahrzehnt mit seinem Web 2.0 nur ein böser Traum gewesen wäre. Freilich: Der Beweis für die eine wie für die andere Seite steht noch aus und es ist gut möglich, dass beides funktionieren kann.

Denkbar ist aber auch, dass die Zeit noch nicht reif genug ist für den neuen Ansatz der Netzpiloten, weil er im Grunde eine aufgeklärte und medienkompetente Community (das Wort „Leserschaft“ wäre hier fehl am Platz) erfordert, die es in dieser Breite vielleicht noch nicht gibt.

Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene erproben zwar gerade auf Plattformen wie Facebook dieses neue, zwischen Konsum und Partizipation oszillierende Medienverständnis und scheinen auch daran Gefallen zu finden. Demgegenüber muss aber auch festgestellt werden, dass es Blogs in Deutschland noch nicht wirklich aus ihrer Nische heraus geschafft haben (und das liegt nicht an der mangelnden Verlinkung untereinander). Blogs und natürlich auch Medien wie die Netzpiloten könnten weitaus mehr leisten, wenn sie nur schon signifikant mehr Publikum hätten, das bestimmte Inhalte einforderte und sich daran diskursiv beteiligte.

Die Masse der Leser im Netz jedoch zieht es noch immer zu den eher konventionell bzw. an klassischen Medien-Strukturen orientierten Angeboten. Damit ist nicht auszuschließen, dass Applikationen wie etwa von brand eins, die ganz im Stil des Printmediums gehalten sind, in naher Zukunft mehr Erfolg verbuchen können.

Jörg Wittkewitz hält dagegen, weil ihm das iPad von seiner ganzen Machart her zu einseitig auf Konsum hin konzipiert ist: „Das iPad ist aktuell schrecklich für die Content Kreation – genau wie der Fernseher. Aber trotzdem schlägt das alte Fernsehgerät das moderne iPad um Längen in punkto Fläzfaktor beim Feierabend. Aber man wird niemanden mit dem Fernseher unterm Arm im Vorortzug sehen. Das Ziel, jede Stunde des Tages vor einem informationsbeherrschenden Monitor zu verbringen ist sicher nicht hilfreich für Disziplinen wie Achtsamkeit, Fokus oder In-der-Welt-sein. Aber es ist ganz klasse für eine Simulation dieser weltlichen Handlungen. Es sind und bleiben time bandits. Das ist für eine gewisse Zeit echt nett, aber wer sich gerne im Grünen bewegt, frisch verliebt ist oder Kinder hat, kann damit nichts anfangen. Es ist ein Übergangsmedium für die Adoleszenz und die Senioren – potente Werbekunden fürwahr.“

Kein Zweifel: Um klare Worte ist der Redaktionsleiter der Netzpiloten überhaupt nicht verlegen. Ihm macht es auch nichts aus, wenn sein Medium derzeit nicht im Brennpunkt des Interesses steht, weil man eben keine iPad-App präsentieren kann und statt dessen auf den aktiven, partizipativ orientierten Leser setzt. Dieser Vision gehört ganz ohne Zweifel die Zukunft, auch wenn die Netzpiloten dafür vielleicht noch eine große Strecke werden fliegen müssen. Ausdauer und Durchhaltevermögen haben sie ja schon bewiesen.