Clash der publizistischen Kulturen: mspr0 und FAZ.net

Irgendwas hat zwischen Michael Seemann und der FAZ nicht ganz geklappt. Jedenfalls ist sein F.A.Z.-Blog "Ctrl-Verlust" jetzt offline.

Nach den Ereignissen des heutigen Tages könnte man sagen: Bloggen ist der technisch-institutionelle Ctrl-Verlust von Zentralredaktionen über das Handeln von Autoren. Und ausgerechnet an Michael Seemanns gleichnamigen FAZ-Blog wurde dies heute deutlich.

Sein Blog ist seit heute offline, komplett aus dem Netz genommen. Und dabei geht es – soviel Interpretation scheint zulässig – nicht um ein paar Bildrechte, sondern um Kontrollverlust und publizistische Kulturen.

Seit Februar bloggte Michael Seemann („mspr0″) bei der F.A.Z. unter dem Titel „Ctrl-Verlust“. Er erklärte in seinem ersten Post: „Dieses Blog erzählt von den diversen Kontrollverlusten im digitalen Raum und warum sich das lohnt.“

Seemann intellektualisierte sehr gewinnbringend, aber nicht eben konservativ über das Internet. Er verband seine Sujets mit viel Theorie und einer eigensinnigen bis erratischen Bilderauswahl. Mit anderen Worten: Seemann betrieb unter dem F.A.Z.-Dach ein außergewöhnliches, mutiges Blog; ein publizistisches Kleinod, das auf die F.A.Z. abstrahlte und sich zugleich auch an ihr rieb.

So schrieb Seemann etwa Anfang Juni, dass ihm die These von der Gehirn verändernden Wirkung des Internets „banal“ und „nicht besonders relevant“ erscheine: „Die Entwicklung des Gehirns ist im Kern ein evolutionärer Prozess. Eine Kontrolle über diese Vorgänge haben wir Menschen nie gehabt, eine Gehirnentwicklungsplanwirtschaft wäre nicht … erstrebenswert.“

Ctrl-Verlust: Es geht um Autorensouveränität vs. Redaktionssouveränität

Heute nun ist es (vorläufig?) zum Bruch zwischen Seemann und der FAZ.net-Redaktion gekommen. Anlass waren die Rechte zu einigen Bildern in seinem jüngsten Text zu Apple und Alan Turing. Seemann hatte den Text selbst inklusive Fotos am Donnerstag um 10:29h veröffentlicht. Als er Stunden später (Seemann wohnt gerade in New York) wieder die Site besuchte, war der Text von der Redaktion gesperrt worden – wegen fehlender Bildrechte, wie ihm erklärt wurde.

Danach kam es zu einem Gerangel, an dessen Ende „Ctrl-Verlust“ komplett aus dem Netz verschwand. Seemanns Darstellung der Dinge: Er habe den Text ohne Bilder republizieren wollen, was die Redaktion jedoch abgelehnt habe. Daraufhin habe er den Text noch einmal gepostet – diesmal ohne Bilder. Danach habe die Redaktion sein Blog „sofort und komplett“ gesperrt.

Die Redaktion von FAZ.net hat sich bislang nicht zu dem Vorgang geäußert, den Seemann in seinem Zweitblog öffentlich gemacht hat. Die Redaktion war in der Nacht nicht zu einer Stellungnahme zu erreichen. Laut Don Alphonso hatte sie vor „ein paar Tagen“ noch einmal darauf hingewiesen, dass bei Fotos streng auf die Abklärung der Rechte zu achten sei.

Es gehört wenig dazu zu erahnen, dass die Bilderrechte nur der Anknüpfungspunkt und der anschließende Streit nur eine gesteigerte Eskalationsstufe eines dahinterliegenden, grundsätzlichen Konflikts darstellen: Es geht um Autorensouveränität vs. Redaktionssouveränität – also um Kontrolle.

Es geht um die Frage, welche Verfügungsgewalt das per publishing rights ermächtigte Autorensubjekt über seinen Subbereich einer Website hat, vorüber am Ende doch die Marke als Ganzes steht.

Es geht um den Konflikt zwischen einer klassisch hierarchisch ausgerichteten Redaktion einer Qualitätstageszeitung und der Autonomie dezentral organisierter Blog-Publizität. Es geht darum, wie viel Freiheiten man sich als Autor herausnehmen darf, bevor die Redaktion beschließt intervenieren zu müssen. Es geht also um Macht, Hierarchie und Tradition.

Hier ist es augenscheinlich zum Clash der publizistischen Kulturen gekommen. Für Michael Seemann waren ein Ermessenspielraum des Autors und ein Recht auf unmittelbares Publizieren selbstverständlich. Die Zentrale sah ihr Vertrauen missbraucht und wähnte Kontrollverlust über Autor und Inhalte. Hier prallten zwei fundamental unterschiedliche Vorstellungen davon aufeinander, was „gute“ Publizität ausmacht.

Hähme in Richtung klassischer Medienorganisationen wäre hier ganz sicher fehl am Platz. Auch bei Carta  rumpelt es immer mal wieder im Verhältnis zwischen Zentrale und Autoren. Publizistische Gemeinschaftsprojekte  sind komplexe Gebilde, manchmal ein Sack Flöhe – egal in welcher Konstellation.

Der Fall Ctrl-Verlust zeigt daher vor allem, dass sich journalistische Kulturen verändern müssen, wenn – was publizistisch wie ökonomisch unerlässlich erscheint – neue Formen dezentraler Publizität erfolgreich eingebunden werden sollen.

Die F.A.Z. hat ein sehr beachtliches Blog-Projekt auf die Beine gestellt. Es ist daher zu hoffen, dass beide Seiten aus der Sache lernen und sich wieder berappeln.

Diesem Kommentar von Holadiho kann ich mich daher nur anschließen:

Die CTRL-Verlust-Texte waren eine exzellente Bereicherung und ein Akt hoher redaktioneller Souveränität dieser großen Zeitung. Oder anders gesagt – es war ziemlich cool, dass die unseren Michi haben werkeln lassen und seine Texte und die theoretische Hinterfütterung fand ich streckenweise wirklich brilliant.
Mensch FAZ, jetzt geb Dir aber mal schleunigst einen Ruck.

Update: Bei der F.A.Z. ist man ueber den Verlauf der Auseinandersetzung mit Seemann offenbar sehr ungluecklich und bedauert insbesondere, dass Seemann nicht mit allen Instanzen intern gesprochen habe, bevor er den Konflikt oeffentlich gemacht hat. Es sei, so ist zu erfahren, tatsaechlich zunaechst um Bildrechte und deren juristische Pruefung gegangen.

Update II: Hier ist die Stellungnahme der F.A.Z.