Die Ursache – nicht der Anlass – für den Rücktritt des Bundespräsidenten.

Horst Köhler wollte gut ankommen und nicht als schmutziger Politiker gesehen werden. Also hat er – obwohl selbst Vollblutpolitiker – Politikerschelte aus Populismus betrieben. Das haben sie ihm irgendwann übel genommen. Aber auch ein Bundespräsident braucht Freunde.

Zu behaupten, Horst Köhler sei ein Seiteneinsteiger in der Politik gewesen, ist Unsinn. Zur Verdeutlichung ein wenig Vita von Horst Köhler:

1981 wurde Horst Köhler Mitglied der CDU und wechselte im gleichen Jahr in die Staatskanzlei der Landesregierung von Schleswig-Holstein unter Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg. Auf dessen Vorschlag hin wurde Köhler 1982 Leiter des Ministerbüros und Leiter der Unterabteilung I A im Bundesministerium der Finanzen. […]
Von 1990 bis 1993 war Köhler Staatssekretär im Bundesfinanzministerium als Nachfolger von Hans Tietmeyer. Er war verantwortlich für finanzielle und monetäre Beziehungen und damit der maßgebliche deutsche Unterhändler bei den Verhandlungen zum Vertrag von Maastricht und teilweise bei jenen für die Deutsche Wiedervereinigung. […]
Im Jahr 2000 wurde Köhler, auf Vorschlag von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), zum Geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) bestellt.

Kein Mensch, der an der Wiedervereinigung mitverhandelt hat, der lange Jahre Staatssekretär gewesen ist, der in diesen Rollen weltweit bekannt und anerkannt war, und der sofort von der internationalen Politikgemeinde – als zweiter Kandidat von Gerhard Schröder – für den hochpolitischen Posten des IWF-Direktors akzeptiert wurde, ist Seiteneinsteiger in der Politik. So ein Mensch ist Vollblutpolitiker. Punkt.

Dann jedoch, als er Präsident geworden war, hat er uns allen gegenüber so getan, als habe er mit dem ganzen Politikbetrieb nichts zu tun. Er hat sich als der Außenseiter präsentiert, der bloß nicht als schmutziger Politiker gesehen und mit den anderen Politikern gleichgestellt werden wollte.

Wenn jemand im Ortsverein anfängt und am Ende als Bundeskanzler endet, dann ist er Politiker. Wer aber als Referent im Ministerium einsteigt, dann einen steilen Aufstieg in den Ministerien bis hin zu einer hochpolitischen internationalen Position als Direktor des IWF macht, um schließlich Bundespräsident zu werden, ist kein Politiker?

Horst Köhler ist niemals Seiteneinsteiger in der Politik gewesen. Er war jahrzehntelang Politiker, hat dann aber als Bundespräsident so getan, als sei er keiner. Das ist per se vielleicht gar nicht verwerflich. Die Leute haben es ihm bis heute abgekauft. Wenn man die positiven Kommentare auf Twitter liest, wird deutlich, dass die Leute ihn als jemanden wahrgenommen haben, der anders tickt als die anderen. Damit hätte er arbeiten, Brücken bauen, für Verständnis werben können. Das wäre eine einmalige Chance gewesen.

Stattdessen aber hat er immer wieder schlecht geredet über die Politiker, von denen er selbst einer war – er hat schlecht geredet über die Leute, mit denen er jahrelang in enger Zusammenarbeit zu tun hatte. Er hat Politikerschelte aus Populismus betrieben, weil er wusste, dass das in der Bevölkerung gut ankommt. Er wollte gemocht werden. Und das ist ihm gelungen.

Aber genau damit entstand ein Problem: die anderen Politiker – die, die sich weiterhin getraut haben, auch wirklich als Politiker aufzutreten – haben ihm das irgendwann übel genommen. Und am Schluss stand er ganz allein da. Die politische Klasse wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben, weil er öffentlich kein gutes Wort mehr für sie übrig hatte.

Horst Köhler ist gegen Ende seiner Karriere sicherlich von Kanzlerin, Außenminister und anderen Weggefährten mehr und mehr geschnitten worden. Aber selbst ein Bundespräsident kommt im Amt nicht weit, wenn er keine Freunde mehr hat.

Gastbeitrag von Dr. Hermann Oetting. Er ist Ingenieur und war von 1971 bis 1976 Mitglied des Bundestages in der SPD-Fraktion.