Robin Meyer-Lucht

Steul: “Im Hörfunk versendet sich manches, im Web versendet sich nichts.”

 | 12 Kommentar(e)


“Die Überschrift ‘Horst Lübke’ hätte ich niemals durchgehen lassen.” – Deutschlandradio-Intendant Willi Steul über das für seine Sender geführte Interview mit Horst Köhler und die Folgen: über die zwei Fassungen, die Proteste im Web, grenzwertige Zuspitzung und pawlowsche Reflexe [mit Video].

02.06.2010 | 

Deutschlandradio-Intendant Willi Steul war am Dienstagabend beim “Medienpolitischen Colloquium” des Berliner Instituts für Medienpolitik zu Gast - genau richtig, um die Vorgänge um das Köhler-Interview zu erklären und zu interpretieren.

“Köhlers Verhalten ist geradezu Fahnenflucht – vor dem Thema und der Verantwortung. Ich kann das einfach nicht verstehen.” Foto: Nils Bröer

“Köhlers Verhalten ist geradezu Fahnenflucht – vor dem Thema und der Verantwortung. Ich kann das einfach nicht verstehen.” Foto: Nils Bröer

Steul bestätigte bei seinem – seit langem anberaumten – Auftritt, dass die Netz-Proteste über die zwei Versionen des Interviews maßgeblich zur internen Wahrnehmung der betreffenden Passagen beigetragen hätten. Spiegel Online bescheinigt Steul hingegen eine grenzwertige Zuspitzung und dem Spiegel hält er eine nicht akzeptable Überschrift vor.

Steuls zentrale Aussagen:

  • “Was im Web steht, wird aufmerksam verfolgt. Dass es zwei Versionen des Interviews gab, ist ein Lehrstück auch für uns intern, dass dies so nicht geht. Plötzlich gab es in E-Mails und auf Twitter Aufregung, weil wir den Bundespräsidenten ‘zensiert’ bzw. unstatthaft in Schutz genommen hätten. Das hat sich bei uns ‘hochgedreht’. Es ist zugleich übergeschwappt in andere Communities.”
  • “Horst Köhler hat den in der journalistischen Verkürzung hergestellten Zusammenhang ‘Wir führen Krieg für Handelswege’ nie gesagt. Er hat aber auch nicht sehr präzise formuliert.”
  • “Die Spiegel-Überschrift ‘Horst Lübke’ ist nicht statthaft, weil man da mit der Demenz von Lübke spielt und sie mit dem heutigen Präsidenten in Verbindung bringt. Das hätte ich als Verantwortlicher niemals durchgehen lassen.”
  • “Köhlers Verhalten ist geradezu Fahnenflucht – vor dem Thema und der Verantwortung. Ich kann das einfach nicht verstehen.”
  • “Im Hörfunk versendet sich manches, im Web versendet sich nichts.”

Das Vier-Minuten-Video:


(youtube)

Mehr zu : | | | |

CARTA Kaffeekasse

12 Kommentare

  1. Martin Lindner |  02.06.2010 | 07:51 | permalink  

    “Horst Köhler hat den in der journalistischen Verkürzung hergestellten Zusammenhang ‘Wir führen Krieg für Handelswege’ nie gesagt.” ?
    Er hat gesagt (wörtlich, nur das Gewäsch außenrum reduziert):

    “Militärischer Einsatz ist für ein Land dieser Größe notwendig, um Chancen zu wahren, Arbeitsplätze und Einkommen in Deutschland zu sichern. … zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch negativ auf unsere [Außenhandels-]Chancen zurückschlagen …”

    Da ist keinerlei Interpretationsspielraum. Es ist klar, dass er damit (a) aktiven “militärischen Einsatz” meint (vulgo “Krieg”, d.h. Tanklaster bombardieren etc. und eben nicht Schulen bauen & dann quasi-polizeilich beschützen) und (b) dass mit diesem zweiten Beispiel Afghanistan gemeint ist.

    Das ist unmissverständlich. Das ist natürlich die Wahrheit. Die ist skandalös, weil sie vom GG nicht gedeckt und nirgends in unserer lächerlichen politischen Debatten-Kultur offen ausgesprochen wurde. Niemand hat die Soldaten ausdrücklich dorthin geschickt, um Krieg für Arbeitsplätze zu führen, um deshalb afghanische Bauern, fundamentalistisch oder nicht, zu töten und von ihnen getötet zu werden.

    Der Bundespräsident hat das ausgesprochen und damit ein Tabu verletzt. Dann ist er vor Schreck zurückgetreten, als er gemerkt hat, was er da gesagt hat.

    Und natürlich hat der DLF gemerkt, was Köhler da gesagt hat: Darauf hatte ja gerade die (unbequeme) Frage gezielt, im Flugzeug zurück aus Afghanistan. Dass das “aus Versehen” herausgeschnitten wurde, ist kaum vorstellbar.

  2. noName |  02.06.2010 | 09:06 | permalink  

    Das, was im oben zitierten Spiegel-Artikel thematisiert wurde, hätte auch ganz anders dargestellt werden können.
    - “Den afghanischen Präsidenten … ließ Köhler … links liegen.” Endlich mal ein Staatsoberhaupt, welches bei einem korrupten Wahlfälscher nicht den “protokollarischen Gepflogenheiten” nachgekommen ist.
    - “Es gelte, “ganze regionale Instabilität zu verhindern, …”. Mutig von Köhler, Globalisierungskritik zu äußern und sich für eine Stärkung des Binnenmarktes auszusprechen.
    - Wieso hauen ehemaligen Mitarbeiter von Köhler, ihn in die Pfanne? Loyalität scheint für Beamte ein Fremdwort mitunter zu sein. Wenn er unbequem war, muss das nicht negativ gewesen sein.
    - Schlusssatz: “Sie wird versuchen müssen, die Kontrolle zurückzugewinnen – auch über die Worte dieses Präsidenten.” Ich wusste nicht, dass die Bundesversammlung eine Sprech- und Abnickpuppe gewählt hat. “dieses Präsidenten” ist verächtlich.

    Bei soviel journalistischen Müll – nicht nur auf Seite 24 des Spiegels – kann die Entscheidung des Menschen Köhler durchaus verstanden werden. (Wie schon geschrieben: Köhler ist ein echter Demokrat, beim ‘Volk’ beliebt, der gegen die postdemokratischen Verkrustungen von Politik, Medien, Wirtschaft mit seinen oftmals unbequemen Ansichten einfach nicht ankommen konnte. Er passte nicht in das klassische Schema – wie auch Kirchhof. Eine Gelegenheit für die Medien, draufhauen zu können, Auflage/Quote zu machen.)

    … Dann hoffe ich, dass Frau v. d. L. sich nicht verbiegt, sich u.a. für die sozialen Schwierigkeiten im Land einsetzt – und sachlich-fair über sie berichtet wird.

  3. Tweets that mention Steul: “Die Überschrift ‘Horst Lübke’ hätte ich niemals durchgehen lassen.” — CARTA -- Topsy.com |  02.06.2010 | 09:23 | permalink  

    [...] This post was mentioned on Twitter by Carta and Leon S., Carta. Carta said: Steul: “Die Überschrift ‘Horst Lübke’ hätte ich niemals durchgehen lassen.” http://goo.gl/fb/3EEsi [...]

  4. noName |  02.06.2010 | 09:23 | permalink  

    (“sich u.a. für die sozialen Schwierigkeiten im Land einsetzt” – Lösungsansätze soll sie finden/ansprechen, meinte ich, ob in ihrer jetzigen Funktion oder in der diskutierten neuen…)

  5. Jens Best |  02.06.2010 | 11:56 | permalink  

    Das mit dem Gerolsteiner im Bild – nicht dass da jetzt ‘ne Product Placement Debatte losgeht. ;)

  6. Robin MeyerLucht |  02.06.2010 | 12:19 | permalink  

    neben dem Koehler-Artikel im Spiegel steht uebrigebs auch eine Gerolsteiner-Anzeige…

  7. Wolfgang Michal |  02.06.2010 | 12:56 | permalink  

    Meine These wäre ja: Die Köhler-Äußerungen haben im Netz so viel Aufregung erzeugt, weil die Leute dort jünger sind, sich also nicht an frühere Aussagen (z.B. von Verteidigungsministern) erinnern können und deshalb Köhlers Aussagen als völlig überraschenden politischen “Tabubruch” empfanden.

    Politische Journalisten haben das vermutlich nicht so empfinden können, weil sie wissen, dass das, was Köhler da gesagt hat, schon in den Verteidigungspolitischen Richtlinien vom 26.11.1992 enthalten war. In der Bundeswehr wird ja seit langem in diese Richtung gedacht. Da gab es schon bald nach der Wiedervereinigung gewisse Äußerungen des damaligen Generalinspekteurs Klaus Naumann, aber z.B. auch von einem hohen Offizier im Führungsstab der Marine, der die Sicherung der Seeverbindungen in den “Rang einer Überlebensfrage für unsere Handelsnation” erhoben hatte.

  8. f.lübberding |  02.06.2010 | 16:14 | permalink  

    Wolfgang Michal

    Das ist ein guter Hinweis. Die Formulierung einer im Kern realistischen Position in der deutschen Außenpolitik kann nun wirklich keinen Außenpolitiker überrascht haben. Ansonsten landeten wir wieder bei den unsäglichen Debatten der frühen 90er Jahre. Ich habe nun am Pfingstwochenende etwas anderes zu tun gehabt, aber wirklich interessant wurde diese Geschichte für mich erst mit einem DLF Interview von Rupert Polenz im DLF am 27. Mai – morgens zur besten Sendezeit um 7:15 Uhr. Dann hören ja viele in Berlin den DLF, weil diese Interviews häufig Einfluss auf die Tangesagenda im Bundesdorf haben. Polenz ist ja ein hoch seriöser und wirklich zurückhaltender Mann. Aber wie sollte Horst Köhler morgens um 7:15 Uhr folgende Sätze verstehen – und Polenz brachte wohl noch auf zurückhaltender Weise die Stimmung Fraktionsübergreifend zum Ausdruck:

    “Armbrüster: Aber Horst Köhler hat das Ganze ja im Zusammenhang mit dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan gesagt!

    Polenz: Ja, und die Reaktion ihrer Zuhörerinnen und Zuhörer zeigt ja, dass das keine besonders glückliche Formulierung war, um es vorsichtig auszudrücken, und deshalb möchte ich hier noch mal die Position deutlich machen, die der Deutsche Bundestag in dieser Frage einnimmt. Das Mandat, was wir auf Antrag der Bundesregierung beschlossen haben, ist ein Mandat zur Stabilisierung Afghanistans, und der Hauptgrund dafür ist regionale und internationale Sicherheit, auch deutsche Sicherheitsinteressen, aber nicht deutsche Handels- und Rohstoffinteressen.”

    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1190941/

    Keine glückliche Formulierung, vorsichtig formuliert, mir war fast die Zigarette in den Kaffee gefallen … . Und dachte zuerst dazu sollte man etwas schreiben, hatte aber leider keine Zeit. Der Spiegel mit seinem Lübke ist nun nicht wirklich relevant für die Gemütsverfassung des Bundespräsidenten. Polenz analysiert dann auf wirklich hervorragende Art und Weise den Hintergrund des Afghanistan Einsatzes. Natürlich geht es um Interessen in Afghanistan – aber die haben mit regionaler Stabilität zu tun (was Köhler erwähnte), und nicht mit Pipelines und ähnlichem pseudo-marxistischen Unsinn (Keine Debatte zum Thema. Man kann das anders sehen). Köhler machte dann unglücklicherweise das, was Martin Lindner zitiert: Einen außenpolitischen Mischmasch, der alles mögliche in einen Topf verrührte. Auf jeden Fall habe ich auch vorher noch nicht gehört, dass wir zur Sicherung unserer Außenhandelschancen Krieg führen müssen. Vielleicht sollte wir den Chinesen ungleiche Verträge aufzwingen … . Das ist schlicht nicht ernstzunehmen. Die Kritik daran war keineswegs ein Ausdruck deutscher Verlogenheit, sondern diskreditierte letztlich die eigene Politik. Darin drückte sich ja die politische Unbeholfenheit des Bundespräsidenten aus. Wenn selbst ein Polenz die Geduld verliert, kann man sich denken, was schlichtere Gemüter als dieser kluge CDU Politiker wohl gesagt haben werden. Er hätte nun keineswegs zurücktreten müssen, sondern sich endlich vernünftige Berater besorgen können, die erklären wie etwas zu sagen wäre.

    Aber Köhler konnte diese Distanz zu sich selbst wohl nicht mehr aufbringen und trat zurück.

  9. f.lübberding |  02.06.2010 | 16:23 | permalink  

    Nur eine Ergänzung:

    Köhler diskreditierte natürlich die deutsche Politik. Sitze wahrscheinlich auch im Hubschrauber.

  10. Deutsche Blogger stürzen Bundespräsidenten « In Zukunft neu denken. |  04.06.2010 | 16:58 | permalink  

    [...] 04.06.: Der Deutschlandradio-Intendant Willy Steul hat auf CARTA Fragen zum umstrittenen Köhler-Interview seines Senders beantwortet. Er bestätigt darin, dass die sogenannte „Blogosphäre“ [...]

  11. Mein Gott, K |  04.06.2010 | 21:57 | permalink  

    [...] [...]

  12. Fahnder99 |  09.06.2010 | 16:29 | permalink  

    Wieso stehen hier eigentlich nicht 11.000 Kommentare?
    In wie fern sind Köhlers Außerungen nicht vom Grundgesetz gedeckt?
    Soll die Unmißverständlichkeit des Präsidenten einklagbar sein?

Sie können Ihren Kommentar mit HTML-Befehlen formatieren.