Noa Bank in der Kritik: Ein Klärungsversuch

Neue Banken braucht das Land und die Noa Bank ist ein solches Institut. Dass neue Ansätze aber harsche Kritik provozieren können, durfte nicht nur die Bank, sondern auch Carta erfahren. Hier nun ein neuer Blick auf Banking unter dem Vorzeichen der Transparenz und Vorwürfe aus den Medien.

„Die Einlagen sind nicht zurückgegangen“, erklärt Francois Jozic, Gründer der Noa Bank, auf die Frage, wie sich die zuletzt eher negative Presse auf sein Institut auswirkt. Im Gegenteil: Die Anleger lassen sich von solcher Berichterstattung offenbar nicht beirren, so dass die Noa Bank zuletzt sogar die Annahme neuer Einlagen als Tagesgelder bis auf Weiteres ablehnen musste.

Da ist also einerseits eine noch junge Bank, die mit einem neuen Konzept am Markt auftritt und andererseits ein Medium wie Spiegel Online, dessen Reputation und Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, das der Bank gegenüber mit Begriffen wie „dubiose Gründer“ und „Geschäftemacher“ hantiert und mit seinem Artikel wohl noch lange in den Ergebnissen von Suchmaschinen nur knapp unter den Links zur Noa Bank selbst stehen wird.

Das Institut wurde 2009 gegründet und gehört zu den Vertretern des Social Banking, bei dem die Kunden im Kern mehr Einblick und Mitsprache bekommen, was im Einzelfall ganz unterschiedlich ausfallen kann. Bei smava etwa bestimmen die Anleger, an wen ihr Geld verliehen wird. Die Noa Bank geht so weit nicht, sie will mit größtmöglicher Transparenz und dem Verzicht auf den riskanten Eigenhandel punkten. In den Wochen nach ihrer Gründung bekam sie dafür eine sehr gute Presse, mit einem Artikel auf Spiegel Online im April diesen Jahres änderte sich das schlagartig. Plötzlich war von „dubiosen Gründern“ die Rede und es wurde die Frage gestellt, ob die Anleger „auf Geschäftemacher hereingefallen“ sind.

Nur, was ist dran an den Vorwürfen? Meine Artikelreplik hier auf Carta, die das harsche Urteil von Spiegel Online in Frage stellte, führte zu einer erstaunlichen Reaktion. Der Journalist, der den Artikel für Spiegel Online geschrieben hatte, forderte unter Androhung einer gerichtlichen Abmahnung, dass mein Artikel sofort gelöscht werden müsse, weil er Behauptungen aufstelle, die „allesamt fachlich falsch“ und ihm gegenüber „ehrverletzend“ seien.

In der Folge habe ich mich entschlossen, meinen Artikel erst einmal vom Netz zu nehmen und genauer zum Thema zu recherchieren. Denn es muss ja schon was dran sein, wenn ein Journalist seinen Text so vehement verteidigt, dass er es nicht dem Verlag überlässt, gegen falsche Tatsachenbehauptungen anderer Medien vorzugehen, sondern dies selbst in die Hand nimmt.

Allein, ich habe nichts gefunden. Niemand wollte mir gegenüber bestätigen, dass die bei der Noa Bank angelegten Gelder in die falschen Hände gefallen und dort nicht sicher seien. Gewiss: In Bankenkreisen ist man nicht wirklich erfreut über die Neugründung einer Bank, die mit ihren Konditionen den Wettbewerb aufmischt und gibt sich entsprechend zurückhaltend bis skeptisch. Auch die Tatsache, dass sich die Noa Bank mit ihren vier Themenfeldern (Region, Planet, Leben und Kultur) geschickt positioniert hat und damit ein gutes Gespür für Marketing beweist, wird von der etablierten Konkurrenz nicht gern gesehen.

Beim baden-württembergischen Genossenschaftsverband verweist man darauf, dass in Sachen „Region“ die Kompetenz doch wohl bei den Geno-Banken und Sparkassen liegen würde, weil diese Kreditrisiken mit ihrer guten Kenntnis der lokalen Verhältnisse viel besser einschätzen könnten. Zudem zeige sich die Noa Bank mit ihrer Informationsqualität nicht wirklich transparent und habe als GmbH & Co. KG eine die Besitzverhältnisse eher verbergende Rechtsform gewählt, während bei den Volksbanken und Raiffeisenbanken jeder Mitglied der Genossenschaft werden und mit seiner Stimme Einfluss auf die Geschäftspolitik nehmen könne.

Gelassener sehen Bankexperten dagegen den Überhang an Kundeneinlagen gegenüber den Krediten: Die Noa Bank hatte in den ersten Monaten ihrer Geschäftstätigkeit schnell einen dreistelligen Millionenbetrag an Einlagen generiert, womit die Kreditvergabe nicht mithalten konnte. So entstand ein sog. Passivüberhang, weil mehr Geld in Form von Einlagen auf der Passivseite der Bilanz stand, als Kredite auf der Aktivseite.

„Wo aber steckt der große Rest der Kundengelder?“, fragte Spiegel Online so, als würden Aktiv- oder Passivüberhänge nicht zum täglichen Geschäft jeder Bank gehören. Interessant daran ist aber nicht die Bilanzarithmetik, sondern die Tatsache, dass der Noa Bank hier ihr Prinzip der Transparenz Schwierigkeiten macht. Denn wer sich offen gibt, muss damit rechnen, dass sich manche über etwas wundern, woran Experten keinen Anstoß nehmen. In unserer immer mehr von Social Media geprägten Welt kann so etwas leicht zu Kommentarlawinen in Foren oder Blogs führen, die sich nur schwer wieder eindämmen und richtig stellen lassen.

Bei einer klassischen Bankgründung wäre der Passivüberhang zudem gar nicht aufgefallen: Die Bank hätte ihn erst mit der ersten Bilanz offenbaren müssen und aufgefallen wäre er nur demjenigen, der eine Bankbilanz zu lesen versteht. Die Noa Bank jedoch legt ihrer wichtigsten Salden laufend offen und wartet damit nicht, bis ihr erstes volles Geschäftsjahr im Herbst 2010 abläuft.

Meine Frage, ob denn die Noa Bank mit ihrem Passivüberhang nicht in den roten Zahlen stecken bleibe, kontert Francois Jozic mit der Feststellung, dass sein Institut inzwischen eine positive Zinsspanne erwirtschafte und damit den Break Even erreicht habe. Allerdings musste dafür, wie oben schon erwähnt, die Hereinnahme neuer Kundengelder erst einmal gebremst werden.

Es ist eben eine Sache, in Zeiten des Internet als Direktbank Gelder zu attraktiven Konditionen einzuwerben und eine andere, Kredite zu prüfen und zu vergeben. Wo die Noa Bank damit aktuell steht, kann man auf ihrer Webseite genau ablesen: Als vermutlich erste Bank in Deutschland weist sie jeden Kredit mit Angaben zum Kreditnehmer und zur Mittelverwendung einzeln aus. Das Versprechen der Transparenz ist hier voll und ganz eingehalten, wirft aber die Frage auf, ob sich damit ein echter Nutzen für die Kunden verbindet. So vorbildlich der Einzelausweis jedes Kredites sein mag, so lang gerät die Liste schon zu einem Zeitpunkt, zu dem das Kreditgeschäft gerade erst richtig in die Gänge kommt. Wie mag das in einigen Jahren aussehen?

Francois Jozic gibt sich hier optimistisch und setzt darauf, die Noa Bank auf lange Sicht als Synomym für transparentes Banking etablieren zu können. Vielleicht liegt er damit ja richtig und hat den Zeitgeist gut erfasst. Denn worüber konservative Banker den Kopf schütteln, sieht man bei den Pionieren des Social Web ähnlich wie er. Facebook lotet auch gerade neue Grenzen aus, Square will unsere Zahlungsgewohnheiten ändern und Foursquare sichtbar machen, wo wir uns gerade befinden. Ohne Zweifel marschiert unsere Gesellschaft in ein Zeitalter der nie gesehenen Transparenz, wo zwischen all dem Voten, Liken und Sharen auch ganz selbstverständlich werden kann, dass Kreditdaten öffentlich im Netz stehen.

Wogegen sich Francois Jozic aber deutlich wehrt, ist die Etikettierung seines Instituts als „grüne“ Bank. Die Noa Bank will nicht explizit grün sein. Sie hat zwar durchaus eine Ader für grüne, soziale oder ethisch orientierte Projekte, will zugleich aber ihr Kreditgeschäft nicht darauf beschränkt wissen. An diesem Punkt ist er ganz der klassische Banker und pragmatische Geschäftsmann, der weiß, dass zu viel Etiketten und Labels auch schlecht fürs Geschäft sein können.

Allerdings hat Francois Jozic wohl in eben diesem Pragmatismus übersehen, dass die rasche Verschmelzung seines schon mehrere Jahre mit Erfolg betriebenen Factoring-Geschäftes (PDF-Link zu einem Auszug aus dem Bankmagazin) mit der Noa Bank Irritationen auslösen und Angriffsflächen bieten würde. Andererseits hätte er genau diesen Schritt meines Erachtens nicht getan, wenn klar gewesen wäre, dass der Bereich Factoring die weiße Weste der jungen Bank beschmutzen würde. So what?

Ein letzter Punkt: Die Frage der Einlagensicherung. Es ist richtig, dass die Noa Bank ihren Kunden „lediglich“ den in Deutschland gesetzlich vorgeschriebenen Schutz bietet. Dazu ist anzumerken, dass derzeit etwa ein Dutzend Banken es der Noa Bank gleich tun und zudem selbst Vertreter von Banken, die weitergehenden Sicherungslösungen angehören, zugeben müssen, dass der Sicherungfonds der privaten Banken nicht in der Lage war, die Schieflagen der IKB und HRE aufzufangen. Die Bundeskanzlerin versicherte deshalb im Oktober 2008:

„Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein.“

Ich denke insgesamt, dass die Noa Bank ihren Weg finden und dabei aus Fehlern lernen wird. Nicht alles ist seit ihrer Gründung glatt gelaufen und bei einer Bank wird eben strenger geurteilt als bei einem Startup im Social Web. Das muss die junge Bank akzeptieren. Sie sollte deswegen aber nicht von ihrem eingeschlagenen Kurs abweichen, denn neue Ideen und Impulse können dem Kreditgewerbe in Deutschland nur gut tun.

Was meine ursprüngliche Replik zum Artikel auf Spiegel Online betrifft, wundert mich heute das Nachspiel, das dadurch ausgelöst wurde. Mehr noch aber wundert mich, dass seither nicht nachgelegt wurde. Denn wenn sich im April für Spiegel Online Fragen zur Noa Bank stellten, wäre es jetzt an der Zeit, diese zu beantworten.