iPadologie I: “Tafel-Computer sind die neue frontier.”

Erkenntnisse aus dem amerikanischen iPad-Diskurs: Der Tafel-PC als nächste Phase der kulturellen Digitalisierung, als Jobs endgültiger Sieg über Wozniak und als fatale Erfahrung, dass einem die Welt nicht mehr zur Verfügung steht.

Jedes zehnte der bislang in den USA verkauften iPads hat seinen Weg nach Asien oder Europa gefunden, meldete Yahoo. Außeramerikanischer Datenverkehr mit iPads wird vor allem aus Taiwan und Hongkong sowie Großbritannien, Frankreich und Deutschland gemessen. Die meisten hier in der alten und notorisch verspäteten Welt freilich müssen noch warten, bis sie Ende des Monats ihre ersten Erfahrungen mit Apples Hightech-Block machen können – während über eine Million Amerikaner ihren iPad schon seit vielen Wochen in den Händen halten. Ein Vorteil derjenigen, die zu spät kommen, besteht allerdings darin, dass sie von den Erfahrungen, die vor ihnen gemacht wurden, relativ kostenfrei profitieren können.

Diese ersten Nutzer des iPad in der Neuen Welt sind den Yahoo-Erhebungen zufolge überproportional männlich – im Verhältnis 2:1, während der reguläre Yahoo-Traffic zu fast gleichen Anteilen auf weibliche und männliche Nutzer entfällt. Sie sind überproportional besser gestellt – was kaum überrascht angesichts des nicht geringen Kaufpreises für ein Gerät, dessen Vorteile oder gar Notwendigkeit sich kaum jemandem erschließen, der es nicht für eine Weile in der Hand gehalten und benutzt hat. Und sie gehören überproportional der Altersgruppe der 30-54jährigen an; jener Generation also, die in den USA die Digitalisierung der letzten drei Jahrzehnte getragen hat – von den Protagonisten der PC-Revolution (Mittfünfzigern wie Bill Gates und Steve Jobs) bis zu den zu Protagonisten der “WWW-Revolution” (Männern und wenigen Frauen um die Vierzig wie Amazons Jeff Bezos oder Googles Larry Page und Sergey Brin).

(Full disclosure: Auch ich zähle zur iPad-Demographie – männlich, nicht gänzlich mittellos, Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts geboren, als amerikanischer Staatsbürger und Kreditkarten-Besitzer seit einem guten Monat iPad-Nutzer in Deutschland.)

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Inhalt:

Hightech-Blockwarterei: Die angesagte Revolution
Eine neue Ära? So oder so … Medienhistorischer Umbruch
1. Epiphanien: Jenseits von Hula Hoop und Lady Gaga
2. Utopien: Die Revolution von Medizin, Erziehung, Medien
3. Dystopien: Warum niemand ein iPad kaufen sollte!
Die neue Grenze

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Hightech-Blockwarterei: Die angesagte Revolution

Ihre Hoffnungen und dann ersten Erfahrungen haben viele der early adopters beschrieben, darunter auch die bekanntesten der Digerati: Hightech-Intellektuelle wie Kevin Kelly und David Gelernter, prominente Publizisten wie Jeff Jarvis und Cory Doctorow, Meinungsmacher wie Wired-Chefredakteur Chris Anderson und Verleger Tim O’Reilly, tonangebende Technikjournalisten der alten Printmedien wie David Pogue (New York Times) und Walter Mossberg (Wall Street Journal), die Kritiker der wichtigsten Web-Zines von BoingBoing bis Slate, die Tester der einflussreichsten Tech-Sites von Engadget bis TechCrunch, Blogger wie Alex Payne oder Craig Mod und last but not least unzählige ganz normale Nutzer, die so mancher Expertenmeinung aus eigener Erfahrung vehement und mit viel Hellsicht widersprachen.

Ein gutes Hundert dieser Artikel und Blogeinträge und sicher mehr als Tausend der Kommentare, die sie hervorriefen, habe ich gesammelt, seit Ende Januar das iPad angekündigt wurde. Dabei las ich viel Überraschendes, spannende Erfahrungsberichte und starke Thesen zur Zukunft der Medien. In der Summe kreist die vom iPad inspirierte Expertenintelligenz – die Weisheit der vergleichsweise Wenigen eben – um drei thematische Schwerpunkte:

  • Gedanken zur medienhistorischen Bedeutung des iPad, also um eine Vielzahl utopischer Hoffnungen wie dystopischer Befürchtungen, die sich an die kulturelle Durchsetzung von Touch-Tafel-PCs binden.
  • Gedanken zur Hardware-Innovation, die das iPad bedeuten könnte; um Überlegungen vor allem, inwieweit Touch-Tafel-PCs – im Sinne von J.C.R. Lickliders Mensch-Maschinen-Symbiose“ – die nächste Stufe des menschlichen Umgangs mit digitaler Technik darstellen.
  • Gedanken zur doppelten Software-Innovation des iPad; um Überlegungen also, inwieweit Touch-Tafel-PCs einerseits auf Seiten der Programme und der Interfaces das gültige Paradigma des Graphical User Interfaces (GUI) in Frage stellen und andererseits auf Seiten der Dateien und der Inhalte (des in Apps geborgenen Contents) einen radikalen Bruch mit den Gewohnheiten des WWW bedeuten.

Mein Versuch, dieses vielstimmige Gedanken-Potpourri zu ordnen, zu kondensieren und zu analysieren, folgt diesen drei Schwerpunkten.

Eine neue Ära? So oder so … Medienhistorischer Umbruch

Eine Ansicht eint Fans wie Feinde des iPad: dass der erste – mit Mängeln, leidlich – funktionierende Touch-Tafel-PC einen radikalen Bruch bedeutet, eine nachhaltige Wende. Das Weblog Engadget etwa beschrieb das iPad als eine „Computer-Revolution“: „Entwickelt das iPad den Personal Computer entscheidend weiter? Ja, in der Tat, das tut es.“ Ebenso verkündete Dan Moren in Macworld: „Das ist die nächste Phase des Umgangs mit Computern.“ Nach einigen Wochen des Testens urteilte Walter Mossberg vom Wall Street Journal ähnlich: Das iPad habe „das Potenzial, den Umgang mit tragbaren Computern nachhaltig zu verändern und so das Primat das Laptops in Frage zu stellen.“ Als Beweis führte Mossberg sein eigenes Verhalten an: „Ich habe meine Laptops vielleicht noch ein Fünftel so oft benutzt wie sonst, fast nur noch, um längere Dokumente zu schreiben …“ Und selbst für einen Apple-kritischen Blogger wie Alex Payne, der das geschlossene App-Store-Öko-System für einen fatalen Fehlstart in die Zukunft hält, beginnt mit der Touch-Tafel nichts weniger als „eine neue Welt, eine neue Ära“: „Seit Jahren habe ich darauf gewartet, was nach dem PC kommt, und nun, das glaube ich wirklich, zeigt Apple uns das.“

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"Das neue Buch, die neue Zeitung, das neue Magazin, der neue TV-Bildschirm und potenziell auch der neue Laptop ...“ (Foto: Tsevis)

Grundsätzlicher und schlagender noch argumentierte – nach der Ankündigung des iPad, aber vor seiner Auslieferung – Steven Levy. Der Autor des Kultbuchs „Hackers: Heroes of the Computer Revolution“ (1984), der vor einem Vierteljahrhundert als einer der ersten Bill Gates und Steve Jobs porträtierte, sieht im Touch-Tafel-PC die Zukunft der Informationstechnologie. Das iPad, schrieb er in Wired unter dem sprechenden Titel „How the Tablet Will Change the World“, „repräsentiert ein ambitioniertes Umdenken im Hinblick auf unseren Gebrauch von Computern. Keine Dateien und Ordner mehr, keine physischen Tastaturen und Mäuse.“ Dieser Paradigmen-Wechsel des Interface sei wichtiger noch als die innovative Hardware selbst: „Tatsache ist es, dass die Art und Weise, wie wir mit Computern umgehen, veraltet ist. Die graphische Benutzeroberfläche, die immer noch Teil unseres Alltagslebens ist, wurde in den 1960er und 1970er Jahren entwickelt. … Die meiste Software, die wir heute benutzen, entstammt der Vor-Internet-Epoche … Mit dem iPad versucht Apple, zum Zentrum der Post-PC-Ära zu werden.“

Die einzig nennenswerte Gegenposition zum allgemeinen Konsens, dass Touch-Tafel-Computern einen technischen wie kulturellen Paradigmenwechsel einleiten, bezog David Gelernter in der New York Times. Das Massenfeuerwerk ums iPad erklärte er zum Irrlicht, das Gerät selbst zu einem Übergangsphänomen wie die Vinyl-Schallplatte, während sich der wirkliche Umbruch, der tiefer gehende Paradigmenwechsel auf dem Gebiet des Cloud Computing und des von ihm mit konzipierten „lifestreaming“ anbahne.

Die überwiegende Mehrheit der professionellen Autoren jedoch war sich mit der ebenso überwiegenden Mehrheit der zu ihren Erfahrungen postenden early adopters darin einig, dass wir gegenwärtig einen Wendepunkt in der Geschichte der Digitalisierung erleben – ob nun zum Guten oder Schlechten. Denn in den Reaktionen lassen sich deutlich drei Phasen erkennen: Auf die emotionale Begeisterung, die der erste Umgang mit dem iPad auch bei Skeptikern fast durchweg auslöste, folgte der Versuch, das eigene Erleben zu reflektieren. Dabei kam es einerseits zur Formulierung einer Vielzahl utopischer Hoffnungen. Andererseits aber weckte der initiierte Wandel bei manchem, der ursprünglich begeistert war, beim zweiten Hinsehen auch dystopische Befürchtungen.

1. Epiphanien: Jenseits von Hula Hoop und Lady Gaga

Messianische Energien treiben Apples Produktvorstellungen seit je. Das iPad allerdings setzte neue Maßstäbe. Als Steve Jobs die digitale Tafel im Januar vorstellte, erschien er – nach schwerer Krankheit und Lebertransplantation wie von den Toten auferstanden und ätherisch agierend – seinem Kultpublikum als Mischung aus Messias und Alien. „Es war“, sagte John Gruber vom Tech-Blog Daring Fireball über die Offenbarung der digitalen Tafel, „als ob jemand, der fünf Jahre in die Zukunft gereist war, nun zurückkam und uns dieses Ding aushändigte.“ Wireds Brian X. Chen erinnerte das iPad – im Verein mit der Mustersoftware The Elements – an das interaktive Lehrbuch aus Neal Stephensons Zukunftsroman The Diamond Age. Und auch Michael DeAgonia beschrieb im Fachmagazin Computerworld seinen ersten Eindruck als nicht von dieser Welt: „Das iPad sieht aus, als stamme es aus der Requisitenkammer eines Science-Fiction-Films, aber es funktioniert perfekt“.

"Als ich das iPad erblickte, erlebte ich so etwas wie eine Epiphanie"

"Als ich das iPad erblickte, erlebte ich so etwas wie eine Epiphanie"

Farhad Manjoo pflichtete ihm im Online-Magazin Slate hinsichtlich der Funktionalität bei: „Du brauchst kein iPad. Aber wenn du es einmal ausprobiert hast, wirst du ihm nicht mehr widerstehen können.“ Die Tech-Nachrichten-Seite Ars Technica schilderte Konversionserlebnisse: „Diejenigen unserer Mitarbeiter, die dem iPad sehr skeptisch gegenüberstanden, bevor sie es zum ersten Mal berührten, kamen zu einer ganz anderen Ansicht, nachdem sie einige Zeit mit dem Gerät verbracht hatten. So wird es vermutlich den meisten Nutzen ergehen.“ Weniger distanziert formulierte John Makinson, Chef der britischen Penguin Group und sonst ein kühl kalkulierender Verleger, sein Erweckungserlebnis: „Ehrlich gesagt, als ich das iPad erblickte, erlebte ich so etwas wie eine Epiphanie“, also laut Lexikon nichts weniger als die „Selbstoffenbarung einer Gottheit vor den Menschen“.

Damit stimmte Makinson deutlich mit der Mehrheit der nicht-professionellen Poster überein. Dieses im April anschwellende Schwärmen der iPad-Nutzer-Schwarmintelligenz resümierte Steven Levy in einem weiteren Wired-Artikel: „Die Nadel des Zeitgeist-Aufregungs-Gradmessers schlägt bei diesem Gerät jenseits der Markierungen von Hula Hoop und Lady Gaga aus und nähert sich den Zonen, die bislang den Beatles und der Anti-Baby-Pille vorbehalten waren.“

Auf die Frage, die Levy daran anschloss – „Kann irgend eine 700-Gramm-Tafel diesen massiven Hype zu Recht verdienen? “ –, gab die deutlichste und auch literarisch gelungenste Antwort der renommierte britische Romanautor, Regisseur und Schauspieler Stephen Fry. Für das Nachrichtenmagazin Time pilgerte er nach Cupertino und hielt dort eines der ersten Wundergeräte in der Hand: „Für mich“ schrieb Fry, ein wenig im Tonfall seines langjährigen Mac-Mitstreiters Douglas Adams, „ist das iPad wie ein Gewehr für einen Lobbyisten der Handfeuerwaffenindustrie: Die einzige Möglichkeit, mir das wegzunehmen, besteht darin, es meinen toten Händen zu entreißen …“ Nie zuvor sei etwas erfunden worden, dass so nahe an das herankomme, was Adams’ Kultroman „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“ bereits 1979 als multimedialen elektronischen Reiseführer imaginierte.

2. Utopien: Die Revolution von Medizin, Erziehung, Medien

Dieser ersten Überwältigung durch die Sinnlichkeit des Objekts folgten sofort Versuche intellektueller Bewältigung. Wie stets bei technischen Neuerungen richteten sich die Hoffnungen zuallererst auf das Gesundheits- und Bildungswesen.

Ärzte berichteten etwa, wie sie das iPad – anstelle von Netbooks oder iPhones – in Krankenhäusern erprobten. „Die EKGs sehen auf dem Bildschirm besser aus als auf Papier“, bloggte Dr. Larry Nathanson, am Beth Israel Deaconess Medical Center in Neuengland für Medizintechnik zuständig. „Es war großartig alle klinischen Informationen am Krankenbett selbst zur Verfügung zu haben, um sie mit den Patienten zu diskutieren … Ich glaube, das ist eine der hoffnungsvollsten Entwicklungen im medizinischen Umgang mit mobilen Computern seit langem.“

Ebenso überlegten Erziehungsexperten, wie die neue Touch-Tafel-Technik den Unterricht an Schulen und Universitäten verbessern könnte. Wired meldete: „Colleges träumen von einer papierlosen, um das iPad-zentrierten Ausbildung.“ Patrick Lynch von der Marymount High School in Los Angeles sah die Rucksäcke der Kinder, die im Durchschnitt über 20 Kilo an analogen Schulbüchern schleppen müssen, dramatisch leichter werden. Greg Smith, CIO der George Fox University, prophezeite: „Das iPad wird das mobile Lerngerät.“ Und Tracy Futhey von der Duke University versprach „eine Mash-up-Revolution von Text, Video, Kursmaterialien und studentischen Beiträgen … Wir finden das sehr spannend.“

Einzelne Bildungsinstitutionen wie die Seton Hill University in Greensburgh, Pennsylvania, 2100 Studenten und 300 Lehrkräfte groß, beschlossen denn auch, das iPad gleich zum nächsten Semester einzuführen. Verlage für Schul- und Wissenschaftsbücher wie CourseSmart oder Blackboard beeilten sich, iPad-Editionen anzukündigen. „Die Leute sprechen seit 25 Jahren davon, wie Technologie das Erziehungswesen verändern werde“, sagte Rik Kranenburg vom Großverlag McGraw-Hill dem Wall Street Journal: „Es scheint so, dass es nun, im Jahr 2010, wirklich zu passieren scheint.“

Solche Erneuerungs-Hoffnungen betrafen freilich nicht nur Schul- und Lehrbücher, sondern generell das von der Digitalisierung betroffene Medium Buch. Der Mediävistik-Professor Bill Rankin von der Abilene Christian University schwärmte davon, dass sich zum ersten Mal in 550 Jahren eine neue Vorstellung davon entwickle, was Bücher sein könnten. Im New Yorker berichtete Ken Auletta, das iPad werde in Verlagskreisen „Jesus-Tafel“ genannt. Denn die seit Jahren von wirtschaftlichen Krisen gebeutelte Branche sei „verzweifelt auf der Suche nach einem Erlöser“. Carolyn Reidy, Präsident und CEO von Simon & Schuster, vertraute Auletta an, das iPad werde dem digitalen Buch mindestens 125 Millionen neue Leser gewinnen. Und Penguin-Chef John Makinson behauptete gar gegenüber Stephen Fry: „Dies muss die Zukunft des Verlagswesens sein.“

"Bücher und Video verschmilzt. Du bekommst ein Fernsehen, das du liest, Bücher, die du anschaust, und Filme, die du anfasst." (Foto: tsevis)

"Bücher und Video verschmilzt. Du bekommst ein Fernsehen, das du liest, Bücher, die du anschaust, und Filme, die du anfasst." (Foto: tsevis)

Ökonomisch bedrohter noch als die Buchbranche sind weltweit die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage – und dementsprechend übergroß ihre Hoffnungen. Unter dem sprechenden Titel „A Savior in the Form of an Apple Tablet“ – also „Ein Heiland in der Gestalt einer Apple-Tafel“ – setzte David Carr nach der iPad-Ankündigung in der New York Times auf eine gerade noch rechtzeitige Erlösung aus dem dank Digitalisierung drohenden Elend. Im April, wenige Tage nach der Auslieferung der ersten iPads, erlebte dann Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner während eines Urlaubs in Florida seine Apple-Store-Epiphanie. In der Charlie-Rose-Show, die zum intellektuellsten gehört, was das Fernsehen – und nicht nur das amerikanische – zu bieten hat, gab er den Gefühlen vieler Medienmanager Ausdruck: „Jeder Verleger auf der Welt sollte sich einmal täglich hinsetzen und beten, um Steve Jobs zu danken, dass er die Verlagsbranche gerettet hat.“

Wired-Chefredakteur Chris Anderson war derselben Meinung: „Tafel-PCs sind die Zukunft der Medien … Für Magazine mit ihren längeren Texten und ihrem ansprechenden, üppigen visuellem Design könnte ein Tafel-PC perfekt sein. Natürlich wird er weiterhin einen Web-Browser haben, aber er wird auch über eine kritische Masse von Inhalten verfügen – Spiele, Bücher, Magazine, Videos –, die nicht mehr Web-basiert sind. All die Wirkung (und noch mehr) von Print mit den bequemen Vorteilen digitaler Auslieferung.“ An anderer Stelle fügte Anderson hinzu: „Tafel-PCs werden es uns ermöglichen, digitale Magazine zu produzieren, die intelligent gestaltet sind, den richtigen Fluss haben und künstlerische Absichten bewahren.“

Indirekt sprach er damit an, was als zentrales Bewegungsgesetz der Adaptation der Magazinbranche an die Digitalisierung gilt: die Transmedialisierung ihrer Produkte. Per definitionem schleift sie die analogen Grenzen der Medien ein, etwa die Distinktion zwischen Print-, Radio- und TV-Magazinen. Trägt das iPad zur Rettung des einen bei, dann zwangsläufig zur Rettung der anderen. Am intelligentesten reflektierte Kevin Kelly diese transmediale Perspektive: Der Tafel-PC werde „beides erneuern, das Verlagswesen wie Hollywood, denn er erschafft ein Transmedium, das Bücher und Video verschmilzt. Du bekommst ein Fernsehen, das du liest, Bücher, die du anschaust, und Filme, die du anfasst.“

Das Grassieren utopischer Veränderungshoffnungen beschränkte sich aber keineswegs auf die überkommenen analogen Medien. Auch digitale Spiele, meinten viele Vordenker und erste Nutzer, verschone der Siegeszug des Tafel-PCs nicht. Tim Wu spekulierte in Slate, dass die Computerspiel-Vorherrschaft von Sony und Microsoft in Frage gestellt sei. Und Michel Guillemot, Gründer der Firma Gameloft, die zu den erfolgreichsten Entwicklern von iPhone-Spielen zählt, diagnostizierte die „vierte Stufe der Games-Evolution“, nach PCs, Konsolen und Smartphones.

Doch wo die meisten Fortschritt sahen, warnten einige auch vor drohendem Rückschritt.

3. Dystopien: Warum niemand ein iPad kaufen sollte!

Wie im Kater nach einem Rausch überdachte mancher iPad-Apologet nach der ersten Begeisterung seine Position. Ein prominentes Beispiel gab der bloggende Journalistik-Professor Jeff Jarvis: „Nachdem ich mit ihr (Ms. iPad) geschlafen habe“, postete er Anfang April, „bin ich heute morgen voller Reue aufgewacht. Sie ist süß und hübsch, aber oberflächlich und fad.“ Die beiden Hauptmängel, die ihn störten: Zum einen ermuntere das iPad zum passiven Konsum, während ein PC (inter-) aktive Kreativität befördere. Zum zweiten setze das iPad der non-proprietären Offenheit des Webs die proprietäre Geschlossenheit der Apps von Apples Gnaden entgegen. „Ich sehe das iPad daher als ein bizarres trojanisches Pferd. Statt Soldaten in das Königreich zu schmuggeln, damit sie die Schutzwälle niederreißen, werden wir, die Staatsbürger, in dieses Pferd gestopft und hinter die alten Schutzwälle transportiert. Die Tore werden verschlossen und wir finden uns wieder im Königreich der kontrollierten Medien, das wir vor bald einer Generation verlassen hatten.“

Zur exakt umgekehrten, aber – aus der Sicht eines Medienunternehmers – nicht minder kritischen Ansicht kam Richard Gingras, CEO des Online-Magazins Salon: „Ich denke, das iPad stellt eine fatale Ablenkung für Verleger dar. Sie glauben, es werde sie retten und helfen, das alte Geschäftsmodell zurückzubringen. Das wird nicht passieren.“ Darin folgte er Urteilen, zu denen schon im Dezember 2009 – als das iPad noch ein Gerücht war – Jack Shafer in seinem Slate-Artikel „The Tablet Hype – They can’t possibly save magazines and newspapers“ gekommen war: „All das große Trara erinnert mich an den Hype, mit dem frühere Technologien des elektronischen Publizierens begrüßt wurden … Verleger gaben Hunderte von Millionen Dollar dafür aus, um gedruckte Inhalte in Videotext, Audiotext, Faxzeitschriften, CD-Roms und proprietäre Online-Dienste wie America Online, Prodigy, CompuServe und Ziff Interchange zu schaufeln …“

Der Transfer analoger Inhalte in andere digitale Formen als das WWW selbst, also etwa in spezielle iPhone- und iPad-Apps, sei aber kostspielig und – so Shafers Grundthese – wie noch stets zum Scheitern verurteilt: „Irgendwann werden die verschiedenen Tafel-Geräte und Smartphone in super-ultraleichten PCs aufgehen, und dann werden die für Tafel-PCs optimierten Publikationen von den Konsumenten schlicht als eine weitere Webseite wahrgenommen werden und deren Besitzer, die dachten, sie hätten eine neue, uneinnehmbare Plattform, die ihre Profite fließen lässt, werden wieder dort angekommen sein, wo sie begonnen haben – auf einer Website, die gegen viele andere kämpft.“

Buchhalterisch nach- und vorrechnend attestierte Rory Maher von TBI Research der Branche noch schlechtere Aussichten: Nicht einmal kurzfristig könne das iPad den kriselnden Verlagen helfen. Denn in den USA schwinden seit Jahren die Einnahmen aus Anzeigenverkäufen. Allein 2009 mussten gedruckte Magazine einen Rückgang von 18 Prozent hinnehmen. Selbst also, wenn die Verkaufszahlen von iPads alle Erwartungen überträfen und sie während der nächsten zwei Jahre allein in den USA sensationelle 16 Millionen Käufer fänden, „werden die Chancen für Einnahmen aus Magazinverkäufen auf dem iPad für die meisten Titel kaum ausreichen, um die in der nahen Zukunft bevorstehen Einnahmeverluste aus dem Printgeschäft auszugleichen“.

Eine heftige Ablehnung des iPad aus wiederum ganz anderen – und vielleicht den besten – Gründen publizierte der kanadische Science-Fiction-Autor, Blogger und Creative-Commons-Aktivist Cory Doctorow. Unter dem Titel „Why I won’t buy an iPad (and think you shouldn’t, either)“ stellte er in BoingBoing – in den achtziger Jahren ein undergroundiges Tech-Zine, heute ein preisgekröntes Online-Gruppen-Blog – der positiven Besprechung der Redaktion seine Warnung entgegen: Als Hardware infantilisiere das iPad seine Nutzer, weil es eine geschlossene Box sei, die sich nicht öffnen lasse. Apples idealer Kunde sei daher der passive Konsument: „Die richtige Art, dein iPad besser zu machen, besteht nicht darin, herauszufinden, wie es funktioniert, um es dann zu verbessern. Die richtige Art, dein iPad zu verbessern, besteht darin, iApps zu erwerben. Wenn du deinen Kindern ein iPad kaufst, beförderst du daher bei ihnen nicht die Erkenntnis, dass einem die Welt zur Verfügung steht, damit man sie auseinander nimmt und neu zusammen setzt. Du bringst vielmehr deinem Nachwuchs bei, dass man sogar das Auswechseln von Batterien noch Fachleuten überlassen sollte.“

Dieses Moment des iPads – seine radikale Geschlossenheit – stellte Tim Wu in einem beeindruckenden Slate-Artikel, dessen Untertitel schlicht festhält: „Das iPad bedeutet Steve Jobs endgültigen Sieg über Apples-Mitbegründer Steve Wozniak“, in den historischen Kontext der Digitalisierung. Der Personal Computer, dessen besten Prototyp Steve Wozniak mit dem Apple I Mitte der siebziger Jahre herbei bastelte, beruhte auf dem Prinzip vollständiger Offenheit – der Möglichkeit, Hardware-Komponenten auszutauschen, wie der Möglichkeit, beliebige Software zu programmieren oder zumindest aufzuspielen. Mit dem Macintosh, für dessen Entwicklung in den frühen achtziger Jahren nicht mehr Wozniak, sondern vor allem Jobs verantwortlich zeichnete, begann die Schließung des PC nach dem Vorbild üblicher Unterhaltungselektronik. „Nun, im Jahre 2010, führt das iPad das selbe Prinzip zu seinem logischen Extrem. Es ist eine schöne und nahezu perfekte Maschine. Es bedeutet auch Jobs finalen Triumph, den letzten Schritt in Apples Evolution fort von Wozniak und hin zu einem geschlossenen Modell.“ Wu selbst scheint verblüfft. „Wie konnte“, fragt er, „irgend jemand vorhersehen, dass Apple, die Firma, die den Personal Computer kreierte, die entscheidende Anstrengung unternehmen würde, ihn zu eliminieren?“

Die neue Grenze

In der Summe, denke ich, ergibt sich dieses Bild:

  • So gut wie jeder, der in den vergangenen sechs Wochen in den USA ein iPad in die Hände bekam (und darüber schrieb), machte auf die eine oder andere Art ganz neue sinnliche Erfahrungen im Umgang mit digitaler Hard- wie Software. Bei der überwältigenden Mehrheit resultierte daraus die Ansicht, den Beginn einer neuen Phase in der Geschichte der technischen wie kulturellen Digitalisierung zu erleben.
  • Diese Zäsur wiederum empfanden die meisten als positiv. Die Entwicklung wurde einerseits als Fortschreiten von unbequemeren zu intuitiveren Formen des Umgangs mit digitalen Daten verstanden (vom GUI zum NUI). Andererseits weckte der Umbruch große Hoffnungen auf einen praktischeren, ästhetisch gelungeneren und wirtschaftlich tragfähigeren Übergang von analoger zu digitaler Speicherung und Distribution etablierter Medienformen (Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, auch Akten, Unterrichtsmaterialien). Darüber hinaus begriffen viele die Durchsetzung von Touch-Tafeln als Steigerung des Potenzials zur Ergänzung tradierter Medienformen durch audiovisuelle und interaktive Elemente beziehungsweise zur weiteren Transmedialisierung von Kunst, Unterhaltung und Wissensvermittlung.
  • Eine Minderheit prognostizierte allerdings auch negative Konsequenzen des Wandels. Befürchtungen richteten sich zum einen auf eine mögliche Rückkehr zu medialen Verhältnissen, wie sie vor der Durchsetzung des WWW herrschten, vor allem auf die Regression (inter-) aktiv ermächtigter Nutzer zu passiven und zahlenden Konsumenten. Zum zweiten wurde aber auch gerade das Gegenteil postuliert: dass eine solche Rückkehr nicht gelingen könne und daher alle Hoffnungen vergeblich seien, mit Hilfe des iPad die aktuelle ökonomische Krise vor allem der Printmedien erfolgreich zu überwinden. Zum dritten sahen einige Kritiker das iPad – auf Grund seiner proprietär-geschlossenen Hard- wie Software-Struktur – als Beginn einer grundsätzlichen Entmündigung der Nutzer digitaler Technologie.

„So sind Revolutionen“, schrieb einmal Clay Shirky über die digitale Medienkrise: „Die alten Sachen gehen schneller kaputt, als die neuen Sachen an ihre Stelle treten können.“ Noch ist der Ausgang der Entwicklung, die mit der Durchsetzung von Touch-Tafel-PCs wie dem iPad angestoßen wurde, weitgehend offen. Sicher scheint nur, was Nicholas Negroponte, Autor des visionären Being Digital (1995), in Wired feststellte: „Tafel-Computer sind die neue frontier. Sie sind das neue Buch, die neue Zeitung, das neue Magazin, der neue TV-Bildschirm und potenziell auch der neue Laptop …“

Die frontier markiert in der amerikanischen Mythologie eine sich ständig verschiebende Grenze zu unbekannten Gebieten, die es zu erobern gilt. Solche Verschiebung, der Versuch, ein Stück weit ins Neue vorzudringen, gelang in den Diskussionen um das iPad durchaus – aber meist dann, wenn es nicht mehr allein und pauschal um seine medien- und kulturhistorische Bedeutung ging; wie ja auch schon bisweilen in der deutschen Presse, etwa bei Frank Schirrmacher, der in der FAZ unter bürokratisch verformter Perspektive die Politik des iPad imaginierte, oder bei Ferdinand von Schirach, der im Spiegel wesentlich die eigenen medialen Verlustängste reflektierte.

Größerer Erkenntnisgewinn stellte sich in der amerikanischen Debatte ein, wenn mit mehr Genauigkeit unter teils medienpraktischer, teils medientheoretischer Perspektive innovative Details der Hard- und Software des iPads diskutiert wurden.

Daher demnächst: