“Die Macht darf nicht mit Facebook sein.” – Ein persönlicher, romantischer Essay.

Die Macht steckt in uns allen. Oder wollen wir, dass unser Web beaufsichtigt wird von Jedi-Rittern, die unsere Regeln festlegen – ohne dass wir wirklich wissen, wie dunkel die Seite ist, auf der sie stehen? – Der Preis, den wir für Facebook zahlen, ist zu hoch.

Ich bin spät dran mit dem Web. Als die heutigen Webheads in den 80ern mit Atari oder C64 lustige Dinge gecodet haben, habe ich mich für E-Gitarren interessiert – aus Holz! Ich habe davon geträumt, Luke Skywalker zu sein, mit mythologischer Geheimniskrämerei und ausgestattet mit der „Macht“. Langweilig erschien mir dagegen Star Trek, wo man always online dank Datenanalyse und Debatte fiktive Zukunftsprobleme gelöst hat.

Das erste Mal war ich 1994 online, habe ein wenig auf Yahoo rumgeklickt, das Ganze aber nicht wirklich verstanden und drum wieder sein lassen. Meinen ersten eigenen PC bekam ich 1995 – mit 23! Er war zu 99% Offline-Arbeitsgerät für’s Studium. 1998 fing ich erst an, richtig zu emailen. Ende 1998 habe ich mir ein wenig HTML beigebracht und vorsichtig meine erste eigene Domain reserviert, um um die Jahrtausendwende ein wenig mit einer eigenen News-Site zu experimentieren. Richtig zu bloggen begann ich erst 2005. Ich habe noch nie IRC benutzt. Ich kam zu Twitter ein Jahr nach „allen anderen“. RSS habe ich bis heute nicht richtig verstanden. Mit anderen Worten: ich musste das, was unser Web so wunderschön macht, in den letzten Jahren „hinterher entdecken“.

Langsam begriff ich, welches Karma in einem Link steckt. Wie viel Schönheit sich in einem Stück Code verbergen kann. Lawrence Lessigs “Free Culture“-Vortrag habe ich erst im Netz gesehen, als er ihn schon lange nicht mehr gehalten hat. Schritt für Schritt und ganz langsam habe ich erkennen gelernt, wie die gefühlte und oft auch gelebte Anarchie des Internets einen intellektuellen Reichtum schenken kann, der euphorisierend ist. Ich musste erst lachen und dann grübeln, als ich David Weinberger bei der Konferenz EuroBlog in Brüssel vor einigen Jahren sagen hörte: „If I could, I would have children with the Internet.“

Dann kam #zensursula. Und spätestens jetzt habe ich verstehen – besser vielleicht: fühlen – können, dass es viel weiter geht: dass Macht in uns allen steckt. Die Macht der vielen, die entdecken wollen, gegen die anderen, die aus Angst kontrollieren, beengen, kaputtmachen wollen. Ich konnte erleben, wie das, was eine Weile lang ein Biotop vernetzter Geeks war, so viel mehr sein kann – so viel mehr werden wird. Ich habe begriffen, dass wir es wirklich mit einem gesellschaftlichen Wandel zu tun haben, dem man sich nicht entziehen darf.

In den letzten Monaten aber hat sich meine freudige Entdeckerstimmung gewandelt. Eine fast verdeckte kleine Trauer hat sich beigemischt. Weil immer mehr digitale Vielfalt und Buntheit von einem einzigen Unternehmen assimiliert scheint, welches fast die Hälfte der globalen Web-Nutzerschaft zu seinen Mitgliedern zählt. Und dadurch viel Austausch, Diskussion und Kommunikation, die sonst im weiten Netz mittels offener Standards abgelaufen sind, auf seine Server und unter das Dach seiner wirren Regeln zieht. Natürlich hat Facebook unzähligen Menschen die Augen dafür geöffnet, was man im Web so alles machen kann. Aber mir scheint der Preis, den wir dafür zahlen, zu hoch. Nicht allein, weil wir unser Daten einem Unternehmen zur Verfügung stellen, das nach eigenem Bekunden unser aller Privatsphäre als ein Ding der Vergangenheit betrachtet.

Sondern vor allem, weil dieses Unternehmen dann, wenn es so weitergeht wie bisher, eine entscheidende Kontrollinstanz im Netz wird, die ganz ungeniert unseren Email-Austausch zensiert, oder entscheidet, wer was darf und wer nicht. Das aber läuft dem Geist des Webs, so wie ich es kennen, verstehen, lieben gelernt habe, in schärfster Weise zuwider. Es hebelt die Prinzipien aus, die das Web zu dem gemacht haben, was es heute ist – ein offener Marktplatz der Ideen, den niemand ganz allein beherrschen kann, in dem aber fast jede Idee ihre Chance bekommt. Eher still vor mich hin, mehr im Hinterkopf, habe ich den drohenden, schleichenden Verlust einer großen Idee gefürchtet: dass man absolut niemanden um Erlaubnis fragen muss, wenn man im Web eine große oder auch ganz kleine Sache machen will.

Dann kamen die vergangenen zwei Wochen. Der Orkan war nicht mehr zu überhören – laute Stimmen gaben den Gedanken, die bei mir eher still waren, vehementen Ausdruck. Sie machten daraus Zorn. Es scheint immer mehr Kommentatoren zu geben, die der Öffentlichkeit vermitteln wollen, dass das wahre größte Social Network unseres Planeten eben nicht Facebook ist – sondern das Web selbst. Und dieser Sturm macht Spaß! Die Vorstellung begeistert mich, dass wir vielleicht doch nicht gedankenlos unter das blaue Dach ziehen, sondern dass die Macht der Vielen das Web auch künftig bestimmen wird. Dass wir gemeinsam verlinken, vernetzen, probieren, einbetten, hochvoten, coden, konstruieren, ignorieren, entdecken und testen werden – ohne, dass eine Autorität sagt, was erlaubt ist und was nicht.

Was ist das wirklich Störende an den Jedi-Rittern? Dass man keiner werden kann, nur weil man möchte. Man muss dazu geboren sein; man muss die Gene in sich tragen. Selbst wenn Han Solo gewollt hätte – nie hätte er lernen können, ein Lichtschwert schwingend und 20 Meter durch die Luft fliegend fünf Gegner zugleich außer Gefecht zu setzen. Die Macht der Jedi-Ritter ist ungleich verteilt und der Zugang zu ihr hängt von den Ahnen ab. Wollen wir, dass unser Web beaufsichtigt wird von Jedi-Rittern, die unsere Regeln festlegen – ohne dass wir wirklich wissen, wie dunkel die Seite ist, auf der sie stehen?

Das Web soll anders sein. Hier soll jeder Zugang zur Macht haben, sich auf sie einlassen und sie verstärken können. Der Zugang zum Web wird besser, wertvoller, stärker, je mehr Leute an ihm mitwirken und sich beteiligen – nach Regeln, die nicht wenige, sondern wir alle festlegen.

Daher werde ich in den nächsten Wochen mein Profil zwar nicht löschen, meine Aktivität auf Facebook jedoch langsam aber sicher herunterfahren. Ich werde den Leuten, die mich über Facebook kontaktieren, künftig höflich vorschlagen, dass sie doch vielleicht einen anderen Weg wählen. Ich werde mich weiter auf die vielen anderen Kanäle stützen, mit denen ich ebenso gut oder besser Austausch und Bekanntschaften pflegen kann. Ich werde nichts mehr “liken”, stattdessen werde ich furchtbar viel einfach mögen und dann vor allem flattrn. Es kann sehr wohl sein, dass ich in einem Jahr diesen Entschluss revidieren muss. Falls es mich dann zum absoluten Außenseiter macht, wenn ich nicht mehr auf Facebook an den Diskussionen dort teilnehme. Oder falls sich an der gesamten Lage substanziell etwas geändert haben sollte. Aber solange es weder nach dem einen noch nach dem anderen aussieht, nutze ich lieber andere Wege.

Obi-Wan Kenobi und Yoda sind sich einig, wenn sie über Luke Skywalker grübeln: „Die Macht ist stark in ihm.“ Würden sie die vernetzte Webgemeinde diskutieren, dann würden sie hoffentlich sagen:

„Die Macht ist stark in ihnen.“