Ausweitung der Kampfzone: Google investiert in das Startup „Recorded Future“

Deutschland wehrt sich gegen die Digitalisierung seiner Gesellschaft, während Google ungerührt weiter in die Zukunft investiert: Recorded Future, ein Startup das Vorhersagen über die Zukunft trifft, zeugt von einem euphorischen Innovationsbegriff, den wir auch hierzulande dringend brauchen.

Die Digitalisierung der Gesellschaft hat in Deutschland einen schweren Stand. Wo immer sich der Fortschritt zeigt, stellt man sich ihm mit bemerkenswerter Energie in den Weg. In den 1990er Jahren und noch lange Zeit über das Jahr 2000 hinaus galt das Internet weithin als ungefährliches Nischenphänomen. E-Commerce war etwas für unverbesserliche Phantasten und das mobile Internet schien Lichtjahre entfernt.

Jetzt aber, wo sich die Breitenwirksamkeit des Internets immer deutlicher zeigt und sich dessen umwälzende Wirkung auf unsere Gesellschaft erahnen lässt, wächst der Widerstand. Das Verbraucherschutzministerium mobilisiert gegen Google Street View, Verleger kämpfen für ein Leistungsschutzrecht – und Blogger werden abgemahnt: wegen ihrer Artikel, der Kommentare zu ihren Artikeln oder den Artikeln über andere Artikel. Die Liste lässt sich beliebig lang fortsetzen, etwa mit Fragen zum Verbot von „Killerspielen“ oder dem speziell in Frankfurt zu verortenden Unbehagen gegenüber Algorithmen.

Vor diesem Hintergrund mag es wie eine Spinnerei wirken, wenn dieser Tage bekannt wird, dass Google in ein Startup investiert hat, das Ereignisse aus der Zukunft anzeigen bzw. vorhersagen möchte. Wer schon mit Google Street View so seine Mühe hat, wie wird derjenige dann auf diesen Dienst reagieren?

Über das Unternehmen Recorded Future aus Boston ist wenig bekannt. Seine Gründer bemühen sich sichtlich, so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen, führen aber immerhin ein Blog, das Einblicke in ihre Arbeit gibt. Sie befassen sich u. a. mit Fragen des Terrorismus und versuchen dabei, die Eintrittswahrscheinlichkeit von Anschlägen einzuschätzen. Im Bereich der Finanzmärkte werden Ankündigungen aus Pressemitteilungen registriert und aufgelistet, so dass sich etwa geplante Börsengänge übersichtlich und kompakt abrufen lassen.

Wer die Artikel des Firmenblogs auch nur grob überfliegt, sieht schnell, dass hier mit großer Ernsthaftigkeit und Professionalität Data Mining betrieben und mit mathematischen Methoden Prognosen erstellt werden. Im Kern wird hier vermutlich sogar an Methodiken zur Prognoseerstellung geforscht. Dass sich Google über seine Beteiligungsfirma Google Ventures an diesem Startup beteiligt hat, dürfte niemanden wundern.

In Deutschland wird man davon vorläufig kaum Notiz nehmen. Reaktionen wird es wohl erst dann geben, wenn sich Prognosen von Recorded Future in konkrete Handlungsschritte amerikanischer Unternehmen oder Behörden niederschlagen. Dann könnte einmal mehr der Alarmismus ausbrechen und der Ruf nach Regulierung ertönen.

Warum aber ist das so? Warum sieht man in Deutschland immer nur die Gefahren und Risiken der Digitalisierung, kaum aber die wirtschaftlichen Chancen und Potenziale für eine prosperierende Gesellschaft?

Das Internet sowie die mit ihm verbundene Informationstechnologie wird unsere Gesellschaft in diesem Jahrhundert massiv verändern, vermutlich sogar stärker als andere technische, gesellschaftliche oder umweltbedingte Faktoren. Es wird Märkte radikal wandeln, alte Geschäftsmodelle obsolet werden und völlig neue an deren Stelle treten lassen. Das alles wird mit einer Geschwindigkeit und Wucht passieren, die sich nur wenige vorstellen können.

Deutschland ist daran bisher fast nur aus der Perspektive von Endverbrauchern beteiligt: Wir kaufen die Geräte von Apple, wir nutzen Googles Suchmaschine und vernetzen uns auf Facebook oder Twitter. Die Arbeitsplätze dazu und auch das Steueraufkommen entstehen größtenteils in den USA.

Das denkbar Schlechteste, was eine moderne Gesellschaft und führende Industrienation wie Deutschland angesichts dessen tun kann, ist also ständiges Bremsen und Blockieren. Denn das verhindert, dass in unserem Land ein erfolgreicher und zukunftsfähiger Sektor digitaler Unternehmen entsteht, die in der Informationstechnologie nicht nur als „Copy Cats“ ihren amerikanischen Pendants hinterher rennen, sondern selbst in der Lage sind, Standards zu setzen und das Entstehen neuer Märkte zu beeinflussen.

Wenn selbst schon im konservativen European festgestellt wird, dass Deutschland als Technikinnovator hinterher hinkt und die Politik den Fortschritt verhindere, muss wirklich etwas dran sein:

„Innovation bedeutet, herauszufinden, wer wir sind und wer wir sein können. Und hier denkt Deutschland nicht vernetzt genug. Im Gegenteil, virtuelle Vernetzung wie Google sie praktiziert wird mit dem Datenschutzhammer erschlagen und reale Vernetzung durch Bürokratie erstickt. Die Figur des Unternehmers wird aus Angst vor Veränderung kaserniert. Wie kann da ein euphorischer Innovationsbegriff wachsen?“

Was ein euphorischer Innovationsbegriff ist, zeigt uns das Startup Recorded Future. Hier betritt man wirklich Neuland und findet dafür auch noch prominente Unterstützung. Wir sollten uns daran ein Beispiel nehmen und von unserer Politik mehr Fortschrittlichkeit einfordern. Wenn die Politiker nicht selbst darauf kommen, müssen ihnen die Bürger den Weg weisen, denn wir sind das Volk und wir bilden die digitale Gesellschaft.