Die Social-Media-Blase: Nennen wir es Beziehungsinflation

| 02.05.2010 | 54 Kommentare

Zahlenmäßig haben wir heute dank sozialer Netzwerke deutlich mehr Kontakte als früher. Doch wertvoll sind in Wahrheit - wenn überhaupt - nur sehr wenige von ihnen.

Hypothese: Trotz aller Begeisterung um die sozialen Medien verbindet uns das Internet heute nicht in dem Maße, wie wir glauben. Das Netz ist zum größten Teil ein Ort schwacher und künstlicher oder – wie ich sie nenne – dünner Beziehungen.

Während der Immobilienblase verkauften Banken und Händler sich gegenseitig faule Kredite – Schulden die letztendlich nichts einbrachten. Die „sozialen“ Netzwerke handeln heute mit minderwertigen Kontakten – Verbindungen, die kaum bedeutungsvolle oder bleibende Beziehungen hervorbringen.

Nennen wir es Beziehungsinflation. Zahlenmäßig haben wir heute zwar deutlich mehr Kontakte als früher. Doch wertvoll sind in Wahrheit – wenn überhaupt – nur sehr wenige von ihnen. Ähnlich wie eine Währungsinflation unser Geld entwertet, vermindert die soziale Inflation den Wert unserer Beziehungen. Schon das Wort „Beziehung“ wird dabei verwässert. Es gab Zeiten, da stand es für jemanden, auf den man bauen konnte. Heute sind es Leute, mit denen wir Informationsbits über das Netz austauschen können.

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"Die Jugend wird hierdurch nicht spürbar besser gestellt – höchstens die Werbeagenturen."

Dünne Beziehungen schaffen die Illusion echter Beziehungen. Letztere bestehen aus Strukturen gegenseitiger Investitionen. Ich investiere in dich, du investierst in mich. Eltern, Kinder, Ehepartner – sie alle verlangen mehrstellige Investitionen von Zeit, Geld, Wissen und Aufmerksamkeit. Die „Beziehungen“ im Innersten der sozialen Blase sind nicht echt, da sie gerade nicht von gegenseitigen Investitionen geprägt sind. Sie sind höchstens gekennzeichnet durch einen gelegentlichen Austausch von Informations- und Aufmerksamkeitshäppchen.

Hier einige Punkte, die meine Hypothese unterstützen.

Vertrauen. Wenn wir die sozialen Medien für bare Münze nehmen, dann ist die Zahl der Freundschaften weltweit um das Hundertfache angestiegen. Doch ist dabei auch das gegenseitige Vertrauen gewachsen? Ich würde sagen nein. Gut möglich, dass es seine Zeit braucht, bis ein solcher Vertrauenszuwachs zu bemerken ist. Doch scheint die Gesellschaft auch ein halbes Jahrzehnt nach dem Aufkommen der sozialen Netzwerke nicht wirklich besser dran zu sein als davor.

Entmachtung. Wenn die sozialen Netzwerke echte wirtschaftliche Gewinne abwerfen würden, so müsste ein Substitutionseffekt zu erkennen sein. Es wäre zu erwarten, dass sie die Türsteher von einst ersetzten. Doch ganz im Gegenteil, sie geben diesen immer mehr Macht. Die beliebtesten sozialen Netzwerke schalten die PR-Agenturen, die Anwerber und Makler als Zwischenstufen nicht etwa aus. Sie schaffen Legionen von neuen. Ebenso wenig entmachtet das Internet die Regierungen indem es den zuvor Stimmlosen hilft, sich Gehör zu verschaffen. Vielmehr stärkt es sogar die Fähigkeit autoritärer Staaten, die Freiheitsbeschränkung voranzutreiben, indem es die Überwachungs- und Vollstreckungskosten radikal senkt. So viel zum Thema direkte und unmittelbare Beziehungen.

Hass. Es gibt den alten Spruch: Das Internet wird von Liebe genährt. Doch gleichzeitig ist das Netz auch voll von Gehässigkeiten: irrationales Einprügeln auf den nächstbesten Menschen, Ort und generell auf alles was ein wenig anders erscheint. Haben Sie in letzter Zeit mal die Leserkommentare in der Online-Ausgabe einer beliebigen Tageszeitung durchstöbert? Vorwiegend wird darin Gift und Galle gespuckt. Hierzu lohnt sich ein kurzer Blick in diese Emails an Floyd Norris. Anstatt gehaltvolle Konversationen anzuregen, besteht die Welt des „sozialen“ Netzes aus dem sprachlichen Äquivalent eines drive-by-shooting.

Ausgrenzung. Hass speist sich – zumindest teilweise – aus Homophilie. Gleich und Gleich gesellt sich nun mal gerne. Und Menschen unterteilen sich daher ganz von selbst in Gruppen von Gleichgesinnten. Nur selten wird dabei die Kluft zwischen diesen Gruppen überwunden. Doch eigentlich entstehen genau hieraus die wertvollsten Beziehungen. Mit 1000 Leuten allein wegen eines gemeinsamen Faibles für Brillen aus den sechziger Jahren „befreundet“ zu sein, ist keine Freundschaft – sondern nur ein einziges geteiltes Interesse.

Wertschätzung. Schlussendlich wird es die Praxis zeigen. Sollten die durch das Internet entstandenen „Beziehungen“ tatsächlich von Wert sein, so wären die Menschen (oder auch die Werbeagenturen) wahrscheinlich gewillt, einen gewissen Preis dafür zu zahlen, hieran teilhaben zu dürfen. Doch man sucht nach solchen Beispielen meist vergeblich. Ganz im Gegenteil sehen sich Firmen dazu gezwungen, die „wertlosen“ Beziehungen auf ausbeuterische und ethisch fragwürdige Weise zu Geld zu machen. Denn da ist ja eigentlich nichts. Ich kann meine Daten mit Pseudo-Unbekannten auf zig verschiedenen Internetseiten austauschen. Doch solche „Freunde“ sind wie ein Gebrauchsgegenstand – und ganz bestimmt kein wertvolles, einzigartiges Gut.

Was ist der Lohn der Beziehungsinflation? Drei Krebsgeschwüre zehren die Lebenskraft des heutigen Netzes auf. Erstens erlaubt sie keine effiziente Allokation unserer Aufmerksamkeit. Menschen finden immer seltener die Dinge, die sie selber interessieren, und immer öfter das, was alle anderen genau in diesem Moment mögen. Zweitens investieren Menschen in Inhalte von minderwertiger Qualität. Farmville ist beileibe nicht Casablanca. Drittens – und dies ist wohl der schädlichste Effekt – führt sie zu einer permanenten Schwächung des Internets als einer Kraft des Guten.

Farmville ist nicht nur nicht Casablanca, es ist ebenso wenig Kiva, das als eines der wegweisenden Beispiele für die Versprechen der sozialen Medien dabei hilft, Mikrokredite auf eine sinnvollere Weise zu verteilen. Im Gegensatz dazu ist Farmville gesellschaftlich überwiegend nutzlos. Die Jugend wird hierdurch nicht spürbar besser gestellt – höchstens die Werbeagenturen.

Fassen wir zusammen: Auf der Nachfrageseite schafft die Beziehungsinflation Bedingungen wie bei einem Schönheitswettbewerb. Ähnlich wie Juroren für die Kandidatin stimmen, von der sie meinen, dass sie auch bei den anderen am besten ankommt, geben die Menschen nur jene Dinge weiter, von denen sie meinen, dass die anderen sie von ihnen hören wollen. Auf der Angebotsseite schafft die Beziehungsinflation eine Art Beliebtheitswettbewerb, bei dem Menschen (und Künstler) nach sofortiger, inniger Aufmerksamkeitserregung streben – anstatt großartige Dinge zu erschaffen.

Unser Zusammenleben ist jedoch weder ein Schönheits- noch ein Beliebtheitswettbewerb. Diese sind bloß Verzerrungen und Karikaturen des Originals. Das Soziale sollte vielmehr geprägt sein von Vertrauen, Verbindung und Gemeinschaftsgefühl. Genau hiervon gibt es heute jedoch zu wenig in unserer Medienlandschaft. Ungeachtet dem Trara um Web 2.0. Die Verheißung des Internets war es nicht, einzig die Anzahl der Beziehungen in die Höhe zu treiben, ohne Tiefe, Nachhall und Bedeutung hinzuzufügen. Man versprach sich vielmehr, dass die Menschen, die Öffentlichkeit, die Zivilgesellschaft, die Wirtschaft und der Staat über das Internet durch dichtere, stärkere und bedeutsamere Beziehungen umgepolt würden. Hierin liegt die Zukunft der Medien.

Es handelt sich hier nur um eine Hypothese. Fühlt euch frei, mir zu widersprechen, mich herauszufordern – oder auf ihr aufzubauen. Das nächste Mal werde ich darüber schreiben, was wir dagegen tun können.

Umair Haque spricht am 12. Mai auf der next.

Carta dankt Matthias Campe für die Übersetzung.

Dieser Beitrag erschien im englischen Original als “The Social Media Bubble” in Umair Haques Blog bei Harvard Business Review // Translated and republished with permission. © 2010 by Harvard Business Publishing; all rights reserved.